E-Book, Deutsch, 556 Seiten
Rack Curse of Dream Worlds
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8190-7421-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 556 Seiten
ISBN: 978-3-8190-7421-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Claudia Rack wurde in Sachsen-Anhalt geboren und wohnt heute in Hessen. Die Autorin schreibt in den Genres Fantasy, Romantasy und Dystopie. Aus ihrer Feder sind bisher die Buchreihen 'Martyrium der Vampire' und 'Rebellen des Himmels' erschienen.
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1
Glasgow, East End
Der hartnäckige Wind umspielte meine langen Haare und einzelne Strähnen versperrten mir die Sicht auf mein Ziel. Jedes Mal kniff ich die Augen kurz zusammen, sobald eine Haarsträhne sich darin verstecken wollte. Es war ein Reflex. Ich ließ mich nicht davon abbringen, das vertraute grüne Dach der gotischen Kathedrale vor mir zu betrachten. Das letzte Mal als ich davor stand, war vor zwei Jahren gewesen. Ich hoffte, mir blieb eine längere Zeitspanne, bis ich hierher kommen musste. Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, mir Mut zuzureden. Ich muss einfach nur durch den Eingang gehen und mich den sechs Gesichtern stellen, die mich herbeigerufen hatten. Die Nachricht, die ich von ihnen erhielt, erreichte mich gestern. Die Dringlichkeit war nicht zu überlesen. Kurz angebunden stand nur ein Satz auf dem Zettel. Einberufung – brich deinen Einsatz ab. Das ungute Gefühl, dass mich seitdem beschlich, konnte ich beim besten Willen nicht abstellen. Nun stand ich hier und rang mit mir. Ich war eine Einzelgängerin und ich hasste nichts so sehr, wie den Umstand, dass man mir befahl, was ich wie zu tun hatte. Doch wenn das Gremium rief, war Gehorsam unabdingbar. Kein Wunder, dass ich übel gelaunt war. Ich nahm einen tiefen Atemzug und straffte meinen Oberkörper, bevor ich meine Füße vorwärts bewegte. Sobald ich vor dem Eingang stand, griff ich zum antiken Türgriff, bestehend aus Gusseisen. Als ich ihn herunterdrückte, ließ sich die schwere Tür öffnen und ich trat ins Innere des Gebäudes ein. Auf dem ersten Blick sah der erste Raum der Kathedrale normal aus. Es gab links und rechts Holzbänke, die in einer Reihe standen und sich bis zum vorderen Teil erstreckten, wo in der Regel ein Priester seinen Gottesdienst abhielt. Meine Schritte führten mich vorwärts, bis ich am Altar ankam und nach rechts abbog. In der hinteren Ecke befand sich eine Tür, die ich ansteuerte. Für die Menschen, die hier zum Gottesdienst einkehrten, fiel sie nicht auf. Oder sie nahmen mit Sicherheit an, dass diese Tür zu den hinteren Räumen des Pfarrers und seiner Mitarbeiter gehörte. Ich wusste es besser. Sobald ich den nächsten Raum betrat, wurde ich von der darin herrschenden Dunkelheit erdrückt. Wandfackeln an der Mauerwand spendeten ein wenig Licht, genauso wie eines der Oberfenster auf der rechten Seite. Doch der Raum war so weitläufig, sodass es eindeutig mehr Licht benötigte, um alles genau erkennen zu können. Ich überquerte den langen dunklen Gang und sah mich nicht um. Den Blick starr nach vorn gerichtet, donnerte mein Herz immer unruhiger in meiner Brust. Die nächste Doppeltür, die aus massivem dunklen Holz bestand, war die letzte Station, die mich von meinem Ziel trennte. Ich zögerte nicht und öffnete die Tür, sobald ich sie erreichte. Als ich eintrat, stach mir sofort die Empore ins Auge, die einen Halbkreis in diesem Saal bildete. Sechs Stühle standen hinter der Empore und jeder einzelne von ihnen war besetzt. Die Köpfe der drei Frauen und der drei Männer, die auf den Stühlen saßen, schossen in die Höhe. Sechs Augenpaare fixierten mich. Ihre ernsten Mienen wirkten geheimnisvoll und ich konnte bestätigen, dass jede Einzelne dieser Personen genau das war. Ich wusste bis heute kaum etwas über sie. Dennoch hatten sie das letzte Wort. Das Gremium. Die Einberufung sprachen sie aus. Und wenn sie das taten, obwohl man noch in einem Einsatz war, war es definitiv dringend. Ich schritt nach vorn, bis ich meinen Kopf ein wenig anheben musste, um sie ansehen zu können. Das Gremium war äußerlich unterschiedlich, doch eines hatten sie alle gemeinsam. Jeder von ihnen trug eine silberne Kette mit demselben Anhänger. Das Symbol des Gremiums, ein unikursales Hexagramm. Ich trug dieses Symbol ebenfalls an mir, nicht in Form einer Halskette. Mein unikursales Hexagramm versteckte sich in meinem Nacken, in Form eines Brandmales. Jedes Mitglied des Gremiums trug so ein Brandmal. Doch nur die Elitesöldner, so wie ich, trugen zusätzlich noch ein Tattoo in Form einer Halbsichel. Die Söldner durften die Positionen des Brandmales und des Tattoos am Körper bestimmen. Ich hatte für die Halbsichel mein rechtes inneres Handgelenk gewählt. Ich achtete darauf, dass es nicht allzu groß wurde. Ich war nicht sonderlich erpicht darauf, dass Fremde es sofort in Augenschein nahmen und mir dumme Fragen zur Bedeutung stellten. Letztendlich ging es bei der Bedeutung um die Ernte. Für uns Elitesöldner bezog es sich auf die Jagd auf Monster und übernatürliche Wesen. Wer dieses Symbol trug, hatte sich als Elitesöldner einen Namen gemacht. Ich richtete meinen Blick auf den Mann, der in der Mitte thronte, und nickte ihm leicht zu. Die Hände hinter meinem Rücken verschränkt, stand ich breitbeinig da und wartete darauf, was mir die Mitglieder des Gremiums zu sagen hatten. Leander sah mich mit seinen hellblauen Augen an. Seine breiten Schultern stachen deutlich hervor. Er war muskulös und trug ein schwarzes Hemd. Die oberen Knöpfe standen offen, sodass ich einen Blick auf seine gebräunte Haut darunter erhaschen konnte. Sein Alter konnte ich nicht ansatzweise einschätzen. Das ging mir bei den Mitgliedern des Gremiums mit allen so. Hinzu kam, dass ich bis heute nicht wusste, was genau sie darstellten. Es wurde unter den Söldnern viel gemunkelt, ob einiges davon der Wahrheit entsprach, war mir unbekannt.
»Kendra Nox«, hallte seine tiefe Stimme durch die Halle. Er erwiderte mein Nicken nur kurz und ließ meinen Namen absichtlich nachklingen. Ich konnte nicht behaupten, dass ich mich dadurch besser fühlte. Anmerken ließ ich mir das nicht. Ich streckte meinen Kopf in die Höhe und stand weiterhin stolz da.
»Du bist der Einberufung gefolgt«, sprach Leander weiter. »Wir dachten, du würdest dich weigern.« Sein tadelnder Blick nahm mich von oben bis unten in Augenschein. Als sein Mundwinkel kurz zuckte, hätte ich schwören können, dass er meinen Aufzug missbilligte. Ich trug einen meiner liebsten Lederanzüge. Pechschwarz, eng anliegend und auf der Brust prangte das Symbol des Gremiums. Hatten sie angenommen, ich würde in einem Kleid vor ihnen erscheinen? Nonsens! Das war nicht mein Stil. Außerdem war der Anzug bestens dafür geeignet, meine Waffen zu transportieren. An meiner rechten Hüfte prangte mein Silberdolch. Auf der linken Seite trug ich meine Waffe. Mein allseits geliebtes Schwert hatte ich in meiner Bleibe belassen. Normalerweise trug ich es im Schwerthalter an meinem Rücken. Meine Füße steckten in schweren schwarzen Boots. Als ich bemerkte, dass seine Musterung von mir abgeschlossen war und seine Augenbraue nach oben schnellte, gestattete ich mir, die anderen näher zu betrachten. An der rechten Seite von Leander saß Racquel. Sie war dunkelhäutig, hatte schwarze lange Haare, die sie überwiegend in Flechtfrisuren zur Schau stellte. Ihre braunen Augen wirkten sanft und beruhigend. Doch ich wusste, dass der Schein trügen konnte. Links von ihm saß Pearl. Sie war eine Schönheit mit ihren langen blonden Haaren und den stechenden blauen Augen. Sie bevorzugte Hochsteckfrisuren, um ihre Haare zu bändigen. Die dritte Frau des Gremiums saß links außen. Yasmin hatte rote lange Locken, die sie meist offen trug. Ihre braunen Augen wirkten wissbegierig. Die anderen beiden Stühle wurden von Cyrus und Navid besetzt. Cyrus war der größte unter den männlichen Mitgliedern. Mit ein Meter zweiundneunzig überragte er die anderen. Seine schlanke Statur hatte er sicher seiner Körpergröße zu verdanken. Ich kannte ihn nur mit dieser strengen Miene, die er gefühlt niemals ablegte. Er hatte dunkle Augen, die einen durchdringend anschauen konnten, bis man den Blick senkte, nur um seinem Blick ausweichen zu können. Seine Haare waren schulterlang und schwarz. Navid war aus meiner Sicht der Sympathischste von ihnen. Er hatte dunkelblonde kurze Haare, braune Augen und eine Narbe zierte seine linke Gesichtshälfte. Die Ausstrahlung dieser sechs Personen war beeindruckend. Ich kannte bei Weitem nicht alle ihre Hintergründe oder Geheimnisse. Aus meiner Sicht war das vielleicht besser so.
»Wir haben dich einberufen, da es Zeit wird, dass wir uns einem Problem stellen.« Leander verschränkte die Hände auf dem Tisch vor sich ineinander und beugte sich weiter vor. »In letzter Zeit kam es vermehrt zu Angriffen, die uns beunruhigen. Es geht um ein Wesen, welches sich ausschließlich auf Träume konzentriert. Wir können unsere Augen nicht mehr davor verschließen, denn die Menschen beginnen in Panik auszubrechen oder nach den Verursachern zu suchen. Bisher sind die Vorkommnisse nicht über Glasgow hinaus aufgetreten. Aber wir sind der Überzeugung, dass dies nur eine Frage der Zeit ist.«
Die anderen Mitglieder nickten zustimmend. Ich hatte aufgehorcht, als es um die Menschen und ihre Träume ging. Das war ein Thema, was wir zwingend vermeiden wollten. Niemand sollte von uns oder unserer Arbeit erfahren. Nur so war gewährleistet, dass das Gleichgewicht zwischen dem Übernatürlichen und den Menschen bestehen blieb. Doch wenn es ein Wesen gab, dass Jagd auf die Menschen machte, war das beunruhigend. Ich überlegte fieberhaft, um welches Wesen es sich handeln könnte. Ich hatte bisher nichts von solchen Übergriffen gehört, doch das musste nichts heißen. Das Gremium war Meister darin, Spuren zu verwischen. Meine Neugier war geweckt. Ob das gut war oder nicht, lasse ich mal so stehen.
»Diese Wesen dringen in die Träume der Menschen ein. Sie nisten sich wie ein Parasit in die Köpfe der Menschen ein und verursachen Chaos. Im Endeffekt infizieren sie das Hirn und hinterlassen eine Spur, die von Wahnsinn geprägt ist. Der Mensch hält dies nicht lange durch und droht durchzudrehen. Im...




