E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Radcliffe / Weber Die Waldromanze
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-5720-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'The Romance of the Forest'
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7448-5720-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 3 der ersten deutschsprachigen Ann-Radcliffe-Gesamtausgabe, herausgegeben von Maria Weber. Die junge Waise Adeline gelangt auf mysteriösen Wegen in die Obhut Pierre de la Mottes, eines verarmten Adligen, der sich mit seiner Familie auf der Flucht vor dem langen Arm des Gesetzes befindet. In einer abgelegenen, verfallenen Abtei inmitten eines düsteren Waldes finden die Flüchtenden eine provisorische Unterkunft. Doch die Ruhe währt nicht lange: Der Marquis de Montalt, der Besitzer der Abtei, erscheint mit seinem Gefolge auf der Bildfläche. Während Adeline bald ahnt, dass in den Mauern der Abtei einst ein schreckliches Verbrechen verübt wurde, verstrickt sich ihr vermeintlicher Wohltäter immer mehr in die perfiden Pläne des grausamen Marquis ... Ann Radcliffes Meisterwerk "The Romance of the Forest", erstmals im Jahre 1791 erschienen und später von ihrer zeitgenössischen Kollegin Jane Austen in "Northanger Abbey" satirisiert, ist der Inbegriff der Gothic Romance und etablierte ihren Ruf als Schriftstellerin. Erste vollständige deutsche Ausgabe.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
4. Kapitel.
Shakespeare, Macbeth
Wharton. Der Selbstmord, eine Ode
LA MOTTE hatte nun über einen Monat in dieser Abgeschiedenheit zugebracht, und seine Frau hatte das Vergnügen, ihn Ruhe, ja sogar Heiterkeit wiedergewinnen zu sehen. Adeline nahm an dieser Freude warmen Anteil, und sie hätte zurecht gratulieren können, eine Ursache seiner Wiederherstellung zu sein, da ihre Heiterkeit und zarte Aufmerksamkeit bewirkt hatten, was Madame de la Mottes größere Ängstlichkeit nicht hatte vollbringen können. La Motte schien ihren liebenswürdigen Charakter nicht zu verkennen, und dankte ihr gelegentlich wärmer, als es sonst seine Art war. Sie wiederum betrachtete ihn als ihren einzigen Beschützer, und empfand nun ihm gegenüber die Liebe einer Tochter.
Die Zeit, die sie in dieser friedlichen Einsamkeit zugebracht hatte, hatte die Erinnerung an vergangene Ereignisse gemildert, und die natürliche Harmonie ihrer Seele wiederhergestellt. Und als das Gedächtnis ihre kurzen und romantischen Erwartungen zurückbrachte, beklagte sie, obgleich sie bei der verzückten Täuschung seufzte, weniger die Enttäuschung, als sie sich an ihrer jetzigen Sicherheit und Behaglichkeit erfreute.
Aber die Zufriedenheit, welche La Mottes heitere Stimmung verbreitete, war nur von kurzer Dauer; er wurde plötzlich trübselig und verschlossen. Die Gesellschaft seiner Familie war ihm nicht länger angenehm, und er brachte ganze Stunden in den entlegensten Gegenden des Waldes zu, der Schwermut und geheimem Kummer hingegeben. Er ließ nicht mehr, wie sonst, seinen Unmut ungezwungen in der Gegenwart anderer aus, sondern bemühte sich nun offenbar, ihn zu verbergen, und erzwang eine Heiterkeit, die zu gekünstelt war, um überzeugend zu wirken.
Sein Diener Peter, der entweder aus Neugier, oder aus Freundlichkeit angetrieben wurde, folgte ihm oftmals ungesehen in den Wald. Er bemerkte, daß er sich häufig nach einer gewissen entlegenen Gegend begab, wo er immer verschwand, bevor Peter, der ihm gezwungenermaßen nur aus der Ferne folgen konnte, sehen konnte, wohin. Alle seine Bemühungen, durch Verwunderung und vereitelte Erwartung verdoppelt, blieben fruchtlos, und er mußte die Qualen unbefriedigter Neugier ertragen.
Die Veränderung im Verhalten und in den Gewohnheiten ihres Mannes waren zu auffallend, um von Madame de la Motte unbemerkt zu bleiben, die bestrebt war, durch allerlei Listen, welche Zuneigung anregen oder weiblicher Erfindungsgeist eingeben können, sein Vertrauen zu gewinnen. Er schien unempfindlich gegen den Einfluß der ersteren, und hielt den Flüchen des letzteren stand. Da sie alle Bemühungen vergebens fand, den Trübsinn, der ihn drückte, zu zerstreuen, oder seine geheime Ursache zu erforschen, ließ sie von weiteren Versuchen ab und versuchte, diesen geheimnisvollen Kummer zu ertragen.
Woche um Woche verging, und dieselbe unbekannte Ursache versiegelte La Mottes Lippen und nagte an seinem Herzen. Man hatte den Ort, welchen er im Walde besuchte, nicht aufspüren können. Peter hatte oftmals die Gegend, wo sein Herr zu verschwinden pflegte, durchsucht, ohne aber einen Schlupfwinkel, der ihn verbergen könnte, zu entdecken. Das Erstaunen des Dieners wurde schließlich zu einer unerträglichen Höhe erhoben, und er teilte seiner Herrin die Sache mit.
Sie verbarg den Eindruck, den sie auf sie machte, vor Peter, und tadelte ihn wegen der Art und Weise, wie er seine Neugier zu befriedigen suchte. Aber ihre Gedanken kreisten um diesen Umstand, und wenn sie ihn mit der Veränderung, die seit kurzen in ihrem Manne vorgegangen war, verglich, so wurde ihr Unbehagen erneuert, und ihre Verwirrung erheblich erhöht. Nach vielem Hin- und Herdenken begann sie, da sie seinem Verhalten keine andere Ursache zuweisen konnte, es dem Einfluß einer unerlaubten Leidenschaft zuzuschreiben, und ihr Herz, das jetzt über ihre Vernunft siegte, bestärkte sie in diesem Verdacht, und weckte alle Qualen der Eifersucht.
In Vergleich mit diesem hatte sie bisher noch keine Leiden gekannt; sie hatte ihre liebsten Freunde und Verwandten verlassen – alle Vergnügungen, allen Komfort, ja beinahe die notwendigsten Bedürfnisse aufgegeben – sie war mit ihrer Familie ins Exil geflohen, in das trostloseste und unbequemste Exil; hatte die Übel der Wirklichkeit und der Vorstellung erfahren; all dies zusammengenommen hatte sie geduldig ertragen, unterstützt durch die Liebe desjenigen, für den sie litt. Obgleich diese Zärtlichkeit indessen seit einiger Zeit abgenommen zu haben schien, hatte sie ihre Verminderung mit Standhaftigkeit ertragen; doch der letzte Streich des Unglücks, der Schmerz, der bisher zurückgehalten worden war, kam jetzt mit unwiderstehlicher Gewalt – die Liebe, deren Verlust sie beweinte, glaubte sie jetzt auf eine andere übertragen zu sehen.
Die Wirkung starker Leidenschaften verwirrt die Kräfte der Vernunft und verbiegt sie in eine bestimmte Richtung.
Ihr Urteilsvermögen, von keinem Einfluß des Herzens abgelenkt, hätte Madame de la Motte wahrscheinlich auf einige Umstände hingewiesen, die mit ihrem Verdacht nicht übereinstimmten, ja ihm widersprachen. Diese Dinge sah sie nicht und entschied ohne langes Besinnen, daß Adeline der Gegenstand der Liebe ihres Ehemanns sei. Ihre Schönheit stand außer Frage, wer außer ihr konnte es in einem von der Welt so abgeschiedenen Orte sein?
Dieselbe Ursache zerstörte fast in demselben Augenblicke ihren einzigen verbliebenen Trost, und als sie darüber weinte, daß sie in La Mottes Liebe kein Glück mehr finden könnte, weinte sie auch darum, daß sie in der Freundschaft zu Adeline keinen Trost mehr suchen konnte. Sie hatte anfangs eine zu große Wertschätzung für sie empfunden, um ihre Redlichkeit in Zweifel zu ziehen, aber ihr Herz konnte sich trotz ihrer Vernunft doch nicht mehr mit der gewohnten Wärme für sie öffnen. Sie vermied ihre Vertraulichkeit, und so wie das geheime Brüten der Eifersucht ihren Verdacht nährte, verminderte sich ihre Freundlichkeit, selbst im äußeren Betragen. Adeline bemerkte die Veränderung und schrieb sie anfangs dem Zufall, und später einer vorübergehenden Unzufriedenheit zu, die sich aus irgendeiner kleinen Unachtsamkeit in ihrem Verhalten ergab. Sie erhöhte daher ihre Sorgsamkeit; da sie aber, entgegen aller Erwartung, wahrnahm, daß ihre Bemühungen, sich gefällig zu machen, ihre gewöhnliche Wirkung verfehlten, und daß Madames Zurückhaltung eher dadurch vermehrt, als vermindert wurde, geriet sie in ernstliche Unruhe und beschloß, eine Erklärung zu suchen. Dies versuchte Madame de la Motte ebenso angelegentlich zu verhindern, und es gelang ihr eine Zeitlang. Doch Adeline lag die Sache zu sehr am Herzen, um sich heiklen Bedenken zu beugen, und sie drängte so inständig darauf, daß Madame, zunächst aufgeregt und verwirrt, endlich aber eine leere Entschuldigung vorschützte, und über die Sache lachte.
Sie sah nun die Notwendigkeit, allen Schein von Zurückhaltung gegenüber Adeline zu unterdrücken, und obgleich ihr Vorsatz die Vorurteile der Leidenschaft nicht überwinden konnte, ließ er sie doch mit leidlichem Erfolg die Miene der Freundlichkeit annehmen. Adeline ließ sich täuschen und war wieder beruhigt. Tatsächlich war ihr Vertrauen in die Güte und Aufrichtigkeit anderer ihre Schwäche. Aber die Qualen der erstickten Eifersucht saßen zu tief im Herzen der Madame de la Motte; und sie nahm sich vor, unter allen Umständen Gewißheit über den Gegenstand ihres Verdachts zu gewinnen.
Sie ließ sich nun zu einer Niederträchtigkeit herab, welche sie zuvor verachtet hatte, und trug Peter auf, die Schritte seines Herrn zu beobachten, um, falls möglich, den Ort, den er besuchte, zu entdecken. So sehr gewann durch Zeit und Erdulden die Leidenschaft den Sieg über ihre Vernunft, daß sie zuweilen sogar Adelines Redlichkeit zu bezweifeln wagte, und schließlich so weit ging zu glauben, daß die Ursache von La Mottes Spaziergängen ein Stelldichein mit ihr sein könnte. Was diese Vermutung nahelegte, war, daß auch Adeline häufig lange Spaziergänge im Walde unternahm, und manchmal für viele Stunden von der Abtei abwesend war. Dieser Umstand, den Madame de la Motte anfangs Adelines Liebe für die malerischen Schönheiten der Natur zugeschrieben hatte, wirkte jetzt mächtig auf ihre Einbildungskraft, und sie konnte es in keinem anderen Lichte sehen, als daß sie sich die Gelegenheit zu einem geheimen Gespräch mit ihrem Manne sichern wollte.
Peter gehorchte den Anweisungen seiner Herrin bereitwillig, denn sie wurden von seiner eigenen Neugier auf das wärmste unterstützt. Alle seine Bemühungen waren jedoch fruchtlos; er getraute sich nie, La Motte nahe genug zu folgen, um seinen Schlupfwinkel herauszufinden....




