E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Radcliffe / Weber Eine sizilianische Romanze
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-0808-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7431-0808-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2 der ersten deutschsprachigen Ann-Radcliffe-Gesamtausgabe, herausgegeben von Maria Weber. Wohlbehütet wachsen Julia und Emilia, die Töchter des hartherzigen Marquis von Mazzini, auf dem väterlichen Schloss auf, während ihr Vater in Neapel weilt. Doch mit der ruhigen Idylle ist es vorbei, als ihr Vater nebst seiner attraktiven Gattin anreist und sich für einen längeren Aufenthalt einrichtet. Fortan werden auf dem Landsitz prunkvolle Feste gefeiert. Indessen scheint es auf Schloss Mazzini zu spuken. Die ersten seltsamen Erscheinungen werden noch als Sinnestäuschungen abgetan, aber bald beginnen die Bediensteten sich vor dem Geist, der im verfallenen Südflügel des Schlosses sein Unwesen treibt, zu fürchten. Doch dann stellt sich heraus, dass mehr hinter dem Seufzen und den Lichterscheinungen steckt, als bloßer Spuk. Bei einem der rauschenden Bälle lernt Julia den charmanten Grafen de Vereza kennen, der scheinbar auch ein Auge auf sie geworfen hat. Doch es gibt noch einen anderen Bewerber, den reichen und einflussreichen Herzog von Luovo, den ihr Vater favorisiert. Und der Marquis von Mazzini ist daran gewöhnt, seinen Willen durchzusetzen... A Sicilian Romance, Ann Radcliffes zweiter Roman, erschien erstmals im Jahre 1790. Diese Neuübertragung aus dem Englischen orientiert sich an der ersten deutschen Übersetzung von Meta Forkel-Liebeskind aus dem Jahre 1792, wurde aber um einige damals gekürzte Stellen erweitert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Fünftes Kapitel.
DIE Nacht wurde stürmisch. Hohl pfiff der Wind über die Berge, und blies Kälte und Frost um sich her; Wolken überzogen schnell das Antlitz des Mondes, und oft hüllte gänzliche Dunkelheit den Herzog und sein Gefolge ein. Schweigend und niedergeschlagen waren sie einige Stunden fortgeritten, und hatten sich in der Wildnis verirrt, als sie die Glocke eines Klosters zum mitternächtlichen Gebete läuten hörten. Ihre Herzen lebten bei dem Schalle auf, dem sie zu folgen versuchten; aber sie waren noch nicht weit gegangen, als der Wind ihn verwehte, und sie der ungewissen Leitung ihrer eigenen Vermutungen überlassen blieben.
Sie hatten eine Weile den Weg verfolgt, der ihrer Meinung nach zum Kloster führte, als das Geläute der Glocken mit dem Winde zurückkehrte, und ihnen zeigte, daß sie den Weg verfehlt hatten. Nach vielem Umherirren und Schwierigkeiten kamen sie, von Müdigkeit überwältigt, vor den Toren eines großen, dunklen Gebäudes an. Die Glocke schwieg, und alles war still. Durch das Mondlicht, das durch aufgebrochene Wolken jetzt auf das Gebäude strahlte, wurden sie überzeugt, daß es das Kloster war, welches sie suchten, und der Herzog klopfte selbst laut an das Tor.
Einige Minuten verstrichen. Niemand erschien, und er wiederholte das Klopfen. Daraufhin hörte man von innen Schritte nahen, das Tor wurde aufgeschlossen, und eine hagere, klapprige Gestalt trat hervor. Der Herzog verlangte die Aufnahme, wurde aber abgelehnt und gerügt, weil er das Kloster zur Gebetsstunde störte. Er gab nun seinen Rang zu erkennen, und bat den Mönch, dem Prior zu sagen, daß er um eine Zuflucht auf die Nacht bäte. Der Mönch, der einen Betrug fürchtete, und dem vor Räubern bange war, weigerte sich standhaft, und wiederholte, daß das Kloster im Gebete begriffen sei; er hatte das Tor beinahe wieder zugemacht, als der Herzog, den Hunger und Ermüdung verzweifeln ließen, neben ihm hineinschlüpfte, und in den Hof drang. Es war seine Absicht, sich dem Prior zu zeigen, und er war noch nicht weit gegangen, als Gelächter und viele Stimmen in lautem, fröhlichem Jubel seine Schritte lenkten. Er folge dem Lärm, und kam durch verschiedene Gänge zu einer Tür, durch deren Spalten er Licht sah. Er stand einen Augenblick stille, und hörte von drinnen ein wildes Durcheinander von Gesang und Freude. Erstaunen ergriff ihn, und kaum konnte er seinen Sinnen trauen.
Er öffnete die Tür, und sah in einem großen, hell erleuchteten Zimmer eine Gesellschaft von Mönchen in ihrem Ornate rings um einen Tisch sitzen, der verschwenderisch mit Wein und Früchten besetzt war. Der Prior, den seine Kleidung von seinen übrigen Gefährten auszeichnete, prangte an der Spitze der Tafel; er hob einen großen Pokal an seine Lippen, und rief, gerade als der Herzog ins Zimmer trat: „Überfluß und Getümmel!“
Das Eintreten des Herzogs verursachte eine allgemeine Verstörung. Diejenigen von der Gesellschaft, die noch nicht zu betrunken waren, erhoben sich von ihren Sitzen, und der Prior, der seinen Pokal aus der Hand fallen ließ, bemühte sich, eine finstere Miene anzunehmen, welche sein rosiges Gesicht Lügen strafte. Der Herzog erhielt einen Verweis, der in den lallenden Tönen der Trunkenheit ausgesprochen, und durch öftere Unterbrechungen von Rülpsen verschönert wurde. Er machte seinen Stand, seine Bedrängnis bekannt, und bat um ein Nachtquartier für sich und seine Leute. Als der Prior den hohen Rang seines Gastes vernahm, erschlafften seine Muskeln in ein freundliches Willkommenslächeln; er nahm den Herzog bei der Hand, und setzte ihn neben sich. Der Tisch wurde schnell mit köstlichen Gerichten besetzt, und Befehl gegeben, daß die Leute des Herzogs eingelassen und versorgt würden. Man setzte ihm eine Menge feiner Weine vor, und endlich, gut gelaunt durch die klösterliche Gastlichkeit, zog er sich in sein angewiesenes Zimmer zurück, indem er den Prior in einer Verfassung zurück ließ, die alle Zeremonie ausschloß. Frühmorgens reiste er ab, höchlich erbaut von den bequemen Grundsätzen klösterlicher Religion. Man hatte ihm gesagt, daß der Genuß der Annehmlichkeiten des Lebens der sicherste Beweis unserer Dankbarkeit gegen den Himmel sei, und es schien, daß diese Vorschrift und die Ausübung derselben mit gleicher Stärke in den Mauern eines sizilianischen Klosters regierten. Er wußte jetzt nicht, welchen Weg er nehmen sollte, denn er hatte keine Spur, die ihn zu dem Gegenstande seines Suchens leiten könnte; doch die Hoffnung stärkte ihn noch immer, und trieb ihn zur Beharrlichkeit an. Er war nicht mehr weit von der Küste entfernt, und es fiel ihm ein, daß die Flüchtigen vielleicht, in der Absicht nach Italien zu entkommen, ihren Weg dahin nehmen könnten. Er beschloß also, nach der See zu reisen, und am Ufer entlang zu reiten.
In dem Hause, wo er, um Mittag zu machen, anhielt, hörte er, daß zwei Personen, wie er sie beschrieb, ungefähr eine Stunde vor seiner Ankunft dort gerastet hätten, sich aber bald in großer Eile wieder davongemacht hätten. Sie hatten ihren Weg in Richtung der Küste genommen, woraus der Herzog schloß, daß sie sich einzuschiffen dachten. Er wollte sich nicht aufhalten, die aufgetragene Mahlzeit zu verzehren, sondern stieg sogleich wieder aufs Pferd, um seine Verfolgung fortzusetzen.
Eine Zeitlang erhielt er auf seine Fragen an die Personen, welche der Zufall ihm in den Weg führte, günstige Antworten; schließlich aber wurde er in Ungewißheit verwickelt, und ritt einige Stunden hindurch in eine Richtung, welche mehr der Zufall als das Urteil ihn nehmen hieß.
Der einbrechende Abend machte aufs neue seine Aussichten zunichte, und erschütterte seine Hoffnungen. Die trüben, schweren Wolken, welche den Horizont einhüllten, und der dunkel tönende Wind verkündigten ein Ungewitter. Der Donner rollte in der Ferne, und die aufgetürmten Wolken wurden dunkler. Der Herzog und seine Leute befanden sich auf einer wilden, öden Heide; vergebens blickten sie sich rings nach einer Zuflucht um, die Aussicht endete von allen Seiten in eine traurige Wüste. Sie ritten so schnell, als ihre Pferde sie tragen wollten, und endlich spürte einer aus dem Gefolge am Ende der Wildnis ein großes Gebäude auf, auf welches sie sogleich zu ritten.
Der Sturm überfiel sie, und in eben dem Augenblicke, als sie das Gebäude erreichten, brach ein Donnerschlag, der die Grundpfeiler zu erschüttern schien, über ihren Häuptern los. Sie befanden sich nun in einem großen, alten Gebäude, das ein verödetes Ansehen hatte, und zu verfallen begann. Dieses Gebäude zeichnete sich durch eine Pracht aus, die mit der Gegend umher schlecht harmonierte, und einige Verwunderung beim Herzog erregte, der indessen für den Eigentümer vollstes Verständnis empfand, einen Ort verlassen zu haben, welcher dem Auge nur Aussichten in eine rohe und trostlose Natur darbot.
Der Sturm vermehrte sich mit großer Heftigkeit, und drohte den Herzog die Nacht über in seinem jetzigen Aufenthalte gefangen zu halten. Die Halle, von welcher er und sein Gefolge Besitz genommen hatten, trug überall deutliche Anzeichen von Verfall und Verödung. Das marmorne Pflaster war an manchen Stellen zerbrochen, die Wände zerfallen, und rings um die hohen, durchlöcherten Fenster wehte langes Gras im einsamen Sturm. Neugier trieb ihn an, die Gemächer des Gebäudes zu untersuchen. Er verließ die Halle, und ging in einen Gang, der ihn zu einem entlegenen Teile des Gebäudes führte. In finsterem Nachdenken versunken wanderte er durch die wüsten, geräumigen Zimmer, und blieb oft stehen, um mit Verwunderung die Überreste von Pracht, die er vor sich sah, zu betrachten.
Das Gebäude war gewaltig und unregelmäßig gebaut, und er verwickelte sich in den Irrgängen desselben. In dem Bestreben, den Rückweg zu finden, verirrte er sich nur immer mehr, bis er endlich vor einer Tür ankam, die seiner Meinung nach in die erste Halle führte. Er öffnete sie, und statt der Halle sah er bei dem schwachen Lichte des Mondes einen großen Platz, von dem er nicht wußte, ob er ihn für ein Kloster, für eine Kapelle, oder Halle halten sollte. Er zog sich in langer Aussicht in Torbögen fort, und endete in einem großen, eisernen Tore, das aufs offene Feld stieß. Die Blitze, die blau und hell rings umher flammten, der Donner, der das weite Gewölbe des Himmels zu zerreißen schien, und das traurige Ansehen des Orts flößten dem Herzoge einen solchen Schauder ein, daß er unwillkürlich sein Gefolge herbeirief. Nur das tiefe Echo, das murmelnd durch den Saal lief, und in einiger Entfernung verhallte, antwortete seiner Stimme, und der Mond, der jetzt hinter eine Wolke sank, ließ ihn in finsterer Nacht zurück. Er schrie lauter, und hörte endlich Fußtritte herannahen. Nach einigen Minuten wurde er aus seiner Angst errettet, und seine Leute erschienen. Der Sturm brüllte noch laut, und der schwere, mit Schwefel angefüllte Dunstkreis ließ nicht hoffen, daß er sich bald legen...




