E-Book, Deutsch, Band 6360, 606 Seiten
Reihe: Beck Paperback
Rader Friedrich II.
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-406-73925-5
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: PDF
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Sizilianer auf dem Kaiserthron
E-Book, Deutsch, Band 6360, 606 Seiten
Reihe: Beck Paperback
ISBN: 978-3-406-73925-5
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: PDF
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Olaf B.Rader ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er gehört zu den besten Kennern der Quellen zu Friedrich II.
© Foto: Heinz-Hubert Menne
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Deutsche Geschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaft Allgemein Biographien & Autobiographien: Historisch, Politisch, Militärisch
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politische Systeme Politische Führung
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politikwissenschaft Allgemein Politische Geschichte
Weitere Infos & Material
1;Cover;1
2;Titel;3
3;Zum Buch;2
4;Über den Autor;2
5;Impressum;4
6;Inhalt;5
7;Prolog: Der Verschleierte;9
7.1;Deutsche Heimholungen und das «Staunen der Welt»;9
7.2;Mainardino, Salimbene und Giovanni weben Schleier der Erinnerungen;15
7.3;Friedrich der Sizilianer im Krieg gegen die Zeit;27
8;Erster Teil: Herrschaften;33
8.1;1 Der Erbe;35
8.1.1;Die Goldene Muschel mit der Perle: Palermo;35
8.1.2;Die Geburt des Herrschers 1194;39
8.1.3;Wie Normannen zu Königen von Sizilien wurden;51
8.1.4;Die salisch-staufischen Vorfahren;54
8.2;2 Der Jüngling;60
8.2.1;Erste Worte, erste Würden;60
8.2.2;Der Kindkönig als Faustpfand;65
8.2.3;Eisiger Nordwind: Kaiser Otto;72
8.2.4;Nasse Hosen und die Reise nach Konstanz 1212;76
8.2.5;Der « Knabe aus Apulien » und die Sizilischen Goldbullen;80
8.2.6;Wes Brot ich ess, des Lied ich sing: Walther von der Vogelweide;84
8.3;3 Der «Staufer»;88
8.3.1;Blei für Onkel Philipp: Friedrichs Verwandlung zum Staufer;88
8.3.2;Der Blutsonntag von Bouvines 1214;98
8.3.3;Der junge König greift zum Hammer;106
8.3.4;Der Triumphator auf dem Weg nach Rom;110
8.4;4 Der Kaiser;116
8.4.1;Die Kaiserkrönung in Rom 1220;116
8.4.2;Imperiale Herrschaft;125
8.4.3;Die Kronen des Herrschers;133
8.4.4;Das goldene Bild des Kaisers überall;139
8.4.5;Die Hochschulgründung in Neapel 1224;146
8.5;5 Der Gesetzgeber;152
8.5.1;Die Konstitutionen von Melfi 1231;152
8.5.2;Urkunden als Träger kaiserlichen Willens;161
8.5.3;Der Mainzer Hoftag 1235;176
8.5.4;Judenschutz und Ketzerkampf als Politik;183
8.6;6 Der Bauherr;195
8.6.1;Herrschaft zeigen: Das Castel del Monte;195
8.6.2;Herrschaft sichern: Das Netz der Kastelle;203
8.6.3;Herrschaft genießen: Die Residenz in Foggia;214
8.6.4;Herrschaft herleiten: Das Brückentor von Capua;218
9;Zweiter Teil: Leidenschaften;225
9.1;7 Der Liebhaber;227
9.1.1;Friedrich und die Frauen;227
9.1.2;Die einzige Kaiserin: Konstanze von Aragón;233
9.1.3;Die Kindkönigin: Isabella von Jerusalem;237
9.1.4;Die Ankunft der neuen Braut: Isabella von England;240
9.1.5;Der schöne Heiratsplan: Gertrud von Österreich;251
9.1.6;Die wahre Liebe: Bianca;254
9.2;8 Der Dichter;258
9.2.1;«Amore donna mia»: Der sizilianische Dichterkreis;258
9.2.2;Der Kaiser sammelt alte Manuskripte und nimmt ein Bad;266
9.2.3;Schirmherr der Wissenschaften und Künste?;273
9.2.4;Ein Sternbild ohne Sterne und viele Kaninchen;276
9.3;9 Der Falkner;286
9.3.1;Kriemhilds Falke;286
9.3.2;Des Kaisers Lieblinge;289
9.3.3;Friedrich schreibt über die Beizjagd;293
9.3.4;Ein Geschenk für den Papst;306
10;Dritter Teil: Feindschaften;311
10.1;10 Der Kriegsherr;313
10.1.1;Kriegermönche: Der Deutsche Orden;313
10.1.2;Das Heer des Kaisers;321
10.1.3;«Wunden mit Eisen ausschneiden»: Cortenuova 1237;326
10.1.4;Schöne Verse umschmeicheln die Römer;335
10.1.5;Die Niederlage vor Parma 1248;342
10.2;11 Der Seefahrer;349
10.2.1;Federico il Navigatore;349
10.2.2;Galeeren, «Pfeile» und Lateinertakelung;354
10.2.3;Admiral Heinrich rudert auf dem Nil;361
10.2.4;Die Seeschlacht von Montecristo 1241;362
11;12 Der Kreuzpilger;371
11.1;Der ewige Traum von Jerusalem;371
11.2;Friedrichs Kreuznahme in Aachen 1215;379
11.3;Der Kaiser im Heiligen Land;382
11.4;Die Krone von Jerusalem;396
11.5;Ein Freund der Muslime?;401
12;13 Der Tyrann;406
12.1;Gegen den eigenen Sohn;406
12.2;Die Deportation der Sarazenen;421
12.3;Hob niemand Hand oder Fuß ohne den Willen des Kaisers?;429
12.4;Das tragische Ende des Petrus de Vinea;435
12.5;Ein ungelöster Mordfall und die Assassinen;440
13;14 Der Drache;445
13.1;Die Schlacht der Federn;445
13.2;Kaiser und Papst werden zu Dämonen;452
13.3;Der Drache speit Feuer;456
13.4;Petrus und Paulus schützen 1240 den Papst;462
14;15 Der Antichrist;466
14.1;Der Mongolensturm weht nach Europa;466
14.2;Friedrichs Absetzung in Lyon 1245;473
14.3;Dunkle Wolken und neue Könige im Norden;477
15;16 Der Entseelte;485
15.1;Der Kaiser stirbt auf viele Arten;485
15.2;Die Testamente des Herrschers;491
15.3;Friedrichs Sarkophag in Palermo;495
15.4;Götterdämmerung: Der Untergang der Staufer in Italien;501
16;Epilog: Der Wiedergänger;509
16.1;«Er lebt und er lebt nicht»: Der Enkel verwandelt sich in den Großvater;509
16.2;Prägende Urteile: Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche;516
16.3;Deutungsgeschichte als Selbstvergewisserung: Ernst Kantorowicz;520
16.4;Friedrich II. als geteilter Erinnerungsort;523
17;Nachwort;531
18;Anhang;533
18.1;Karte: Europa zur Zeit Kaiser Friedrichs II.;534
18.2;Stammtafel;535
18.3;Zeittafel;537
18.4;Abkürzungen;540
18.5;Anmerkungen;542
18.6;Bildnachweis;567
18.7;Quellen und Literatur;569
18.8;Personenregister;597
1
Der Erbe
Die Goldene Muschel mit der Perle: Palermo
Meinen Sie wirklich, Chevalley, Sie wären der Erste, der hofft, Sizilien in den Fluss der Weltgeschichte hineinleiten zu können? Wer weiß, wie viele mohammedanische Imame, wie viele Ritter des normannischen Königs Roger, wie viele Gelehrte der Hohenstaufen, wie viele Barone der Anjou, wie viele Gesetzeskundige seiner Katholischen Majestät sich die gleiche schöne Tollheit ausgedacht haben, wie viele spanische Vizekönige, wie viele Reformationen planende Beamte des Neapolitaners Karl III.! Und wer weiß heute noch, wer sie waren?» Diese Sätze legte Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896–1957) in seinem Roman Il Gattopardo dem sizilianischen Fürsten von Salina als Antwort in den Mund, mit der dieser die drängende Bitte eines piemontesischen Abgesandten ablehnte, im nun vereinten Italien mitzuwirken. In dieser Szene umriss der Autor jedoch nicht nur prägnant die Hauptvertreter all der vielen äußeren Mächte, die Sizilien beherrschten und hier ihre Spuren hinterlassen haben. Er bettete zugleich Friedrich, den schillerndsten jener Herrscher der Insel, in eine lange Folge historischer Ereignisse ein.
Sizilien war schon immer ein heiß ersehntes und begehrtes, aber oft auch ein heiß umkämpftes Land gewesen. Zur Zeit Friedrichs II. blickte die Insel bereits auf eine lange Tradition von fremden Herrschern zurück; und das sollte sich auch in weiteren Jahrhunderten nicht ändern. Der berühmte, in Marokko geborene und auf der maurischen Universität zu Cordova ausgebildete arabische Geograph al-Idrisi (um 1100–1160), der später am Hof König Rogers II. wirkte, nannte Sizilien «das erste Land der Welt an Fruchtbarkeit des Bodens, Volkszahl und Alter der Kulturen». In diesem «ersten Land» öffnet sich an der nordwestlichen Küste eine langgestreckte Bucht, die sogenannte Conca d’Oro – die goldene Muschel. In dieser Muschel liegt die wohl funkelndste Perle aus der Krone des Königreichs Sizilien: Palermo. Schon die Griechen nannten den Ort Pànormo, nämlich Ankerplatz für alle Schiffe bei jedem Wetter. Bei den Arabern hieß die Stadt dann Balarm. In der Zeit der Normannen konnte sich allein, so hieß es, die Kaiserstadt Konstantinopel am Bosporus an Reichtum und Schönheit mit ihr messen.[1]
In Palermo erhebt sich auf dem höchsten Punkt des leicht ansteigenden Geländes ein imposantes Gebäude und begrenzt nach Südwesten die alte Stadt: der Palazzo dei Normanni, der Normannenpalast. Zugleich auch starke Festung, das castrum superius, ruht er auf alten karthagischen Fundamenten, die man heute im Keller stellenweise noch sehen kann. In seinen Mauern birgt er zudem die Reste aus vielen Etappen seiner langen Geschichte. An dieser Stelle befand sich im 9. Jahrhundert die als al-Qasr bezeichnete Sommerresidenz des Emirs von Palermo. Als die Stadt dem Normannen Roger in die Hände fiel, machte er diesen Palast zu seiner Residenz und ließ ihn umbauen. Gewaltige Festungstürme entstanden, darunter die noch heute existierende Torre Pisana.
Orientalisches Palermo: Die Stadt, in der Friedrich seine Jugendjahre verbrachte, weist noch heute eine Reihe von Gebäuden auf, die orientalisch anmuten, wie etwa die Jagdschlösser La Cuba und La Zisa, San Cataldo, Santa Maria dell’Ammiraglio oder wie das hier abgebildete Kloster San Giovanni degli Eremiti. Es wurde unter König Roger II. zwischen 1130 und 1143 unter Verwendung eines arabischen Vorgängerbaus als erstes römisch-katholisches Kloster Siziliens errichtet.
Große Aufmerksamkeit schenkten die neuen Herren der prachtvollen Ausschmückung. Einen Raum mit besonders schönen, byzantinisch anmutenden Mosaiken, der sich an ein Atrium anschloss, nutzte man oft als Speisezimmer. Alte persisch-sassanidische Jagdmotive bilden symmetrisch gespiegelt den kostbaren Dekor. Ebenso prachtvoll war die Palastkapelle San Pietro ausgeschmückt worden. Noch heute beeindruckt diese Capella Palatina durch den überwältigenden Bilderreichtum. Durch diesen geradezu märchenhaft anmutenden Palast streifte um das Jahr 1200 nach der Geburt Christi ein wissbegieriger Knabe und betrachtete die kostbar gearbeiteten Mosaiken. Vielleicht beeindruckten den späteren leidenschaftlichen Jäger besonders die Tierszenen im Speisezimmer neben dem Atrium. Vielleicht hat der Junge aber auch immer wieder voll Staunen in der Palastkapelle gestanden, die nun schon seit einem Menschenalter den prachtvollsten Raum des Palastes darstellte. Hier sah er in der Formen- und Farbwelt des alten Byzanz Christus Pantokrator, der die Worte verkündete: «Die Welt ist der Schemel meiner Füße.» Vielleicht regten ihn hier aber auch die verwegenen Abenteuer des Apostels Paulus an, der nach seiner Erleuchtung aus Damaskus floh und sich dabei in einem Weidenkorb von der Mauer abseilen ließ.
Von den Fenstern des Palastes aus konnte der Knabe in nordöstlicher Richtung die quirlige Stadt mit ihren vielen Häusern, den halbrunden Steinkuppeln der Kirchen und Moscheen sowie den dazwischen wachsenden Palmen betrachten. Am Ende des städtischen Gewimmels erstreckte sich das azurblaue Mittelmeer und begrenzte die goldene Muschel. In südwestlicher Richtung, etwas außerhalb der Stadt, auf dem Weg in die Berge nach Monreale zu, konnte er vom Palast aus zwischen den Palmen kleine Sommerschlösser in Form von Steinwürfeln ausmachen. Seine Vorfahren hatten sie in einer Zeit errichten lassen, die man heute als fatimidisch-normannisch bezeichnet, weil sich arabisches Bauwissen mit christlichen Gestaltungselementen zu mischen begann. Eines der Schlösser heißt bis heute La Zisa, von arabisch aziz – glanzvoll. Der Auftrag zur Errichtung erging im Jahr 1165 von König Wilhelm I. Ein anderes, als La Cuba bezeichnetes Gebäude wurde 1180 im Auftrag von König Wilhelm II. geschaffen. Der im 18. Jahrhundert als Kaserne völlig ruinierte Bau stand früher auf einer Insel inmitten eines künstlichen Sees, in dem es Süßwasserfische gegeben haben soll. Am oberen Gesims befand sich eine heute nicht mehr lesbare Inschrift in kufischen Lettern. Im 14. Jahrhundert haben die Geschichten über die prächtigen Gartenschlösser von Palermo den Dichter Giovanni Boccaccio (1313–1375) so sehr beeindruckt, dass er in seinem Hauptwerk, dem Decamerone, in der sechsten Novelle des fünften Tages das Schloss La Cuba zum Handlungsort einer Friedrich-Geschichte wählte. Neben diesen Gebäuden gab es eine Reihe anderer charmanter Verweilorte, die in eine geradezu paradiesisch anmutende Landschaft eingestreut waren. Verglichen mit den kalten Burgen des Nordens war das eine völlig andere Welt.
In Palermo gab es schon zu Friedrichs Jugendzeit eine Reihe von Bauten, deren Stil und Pracht mit ihrer Mischung aus arabischen, griechischen und normannischen Elementen noch heute tief beeindrucken. Aus ihnen ragen Kirchen hervor, deren Kuppeln an Bagdad erinnern und die doch voll von byzantinischem Gold waren, wie San Giovanni degli Eremiti, San Cataldo oder Santa Maria dell’Ammiraglio, die man auch La Martorana nennt. Am Ende der Stadt zum Meer hin existierte neben dem Palazzo Reale noch eine weitere bewohnbare Burg. Diese Befestigung namens Castello a Mare – zusammengezogen Castellammare – war ein für viele Seestädte typisches Wachkastell, das die Einfahrt in das Hafenbecken und damit den Zugang zur Stadt von See her sicherte. Davon ist heute allerdings nicht mehr viel zu sehen, weil man in den Jahren 1922 bis 1924 einen Großteil der Anlage abgerissen hat. Zusammen mit dem Normannenpalast war das Castello a Mare der Garant der Herrschaft über Palermo. Wer die Festung besaß, kontrollierte die Stadt. Diese architektonischen Meisterwerke verschiedener Kulturen, diese wie eine Märchenwelt des Orients anmutende Ansammlung von Bauten in ihrer west-östlichen Formenvielfalt bildeten die Lebenswelt des jungen Kaisersohns, von dessen Geburt nun die Rede sein soll.
Die Geburt des Herrschers 1194
Friedrich erblickte am 26. Dezember 1194 in einer kleinen Stadt namens Jesi in der Mark Ancona das Licht der Welt. Dass der spätere Kaiser hier geboren wurde, ist ein Zufall. Später wird der Herrscher, von der Idee des Messianischen angeweht, das Städtchen in einem...




