E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Rai Ascona
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99919-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-492-99919-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 war er Dozent für Kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 ist er Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie »Die Gottespartitur« (2014), »Halbschwergewicht« (2018), »Im Licht der Zeit« (2019) und zuletzt »Ascona« (2021). Als Autorenduo zusammen mit Hans Rath entwickelte er die Kriminalromanreihe »Bullenbrüder«, zu denen die beiden auch die Drehbücher verfasst haben. Außerdem legte Edgar Rai unter dem Pseudonym Leon Morell den Bestseller »Der sixtinische Himmel« vor. Er lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Amelie Thoma, und den gemeinsamen Kindern in Berlin.
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Rosenmontag in Ascona. Eine Handvoll junger Männer war nach Locarno hinübergefahren, das als Kurort etwas mehr Zerstreuung bot, und hatte dort Ausgelassenheit demonstriert. Im Dorf jedoch war es wie immer ruhig geblieben.
In München und Köln waren derweil wilde Feste im Gange, Kehrausstimmung, ehe am Aschermittwoch der Alltag wieder Einzug hielt. Menschen in aufwendigen Kostümen drehten sich auf den Tanzflächen, Champagner, Bier, Frauen, Männer. In Berlin hatte die Feuerwehr unterdessen fünfzehn Löschzüge im Einsatz, um den Brand im Reichstag unter Kontrolle zu bringen.
Brandstiftung. Wer immer dafür die Verantwortung trug, musste sehr genau gewusst haben, was er tat. Das Feuer war an mehreren Stellen zugleich ausgebrochen, und bis der erste Löschzug in Stellung gebracht war, schlugen die Flammen bereits aus der Kuppel. Den Brand zu löschen, nahm Stunden in Anspruch. Genügend Zeit für Tausende von Schaulustigen, das Spektakel persönlich in Augenschein zu nehmen. Selbst in Steglitz und Pankow war der Widerschein des Feuers am Berliner Nachthimmel zu sehen.
Als die Flammen am höchsten schlugen, erschienen Goebbels und Göring am Unglücksort, um sich effektvoll vor der einmaligen Kulisse in Szene zu setzen. Informationen über den oder die Brandstifter lagen noch nicht vor, Göring allerdings wollte bereits von einem kommunistischen Aufstand erfahren haben.
Ein junger Maurer aus Holland wurde festgenommen – Marinus van der Lubbe –, der einen ziemlich verwirrten Eindruck machte und bei der Vernehmung nicht nur behauptete, den Brand gelegt zu haben, sondern darauf bestand, es allein getan zu haben. Hitler, Goebbels und Göring waren sich sofort einig: unmöglich. Einer allein konnte den Brand nicht zu verantworten haben. Van der Lubbe musste Unterstützung von den Kommunisten gehabt haben, die Kommunisten, wer sonst?
Es gab noch eine andere Theorie, die offen auszusprechen allerdings kaum jemand wagte. Von Görings Amtspalais führte ein unterirdischer Rohrleitungsgang in die Heizungszentrale des Reichstags, groß genug, um aufrecht hindurchzugehen. Sollten die Nazis selbst den Reichstag in Brand gesteckt haben, um sich einen Vorwand zu liefern? Aber wofür?
Wer sich diese Frage stellte, musste nicht lange auf Antwort warten. Bereits am Aschermittwoch war sie auf den Titelseiten sämtlicher Zeitungen abgedruckt: Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat.
Die nach nur einem Tag erlassene Notverordnung umfasste sechs Paragrafen, aber weiter als bis zum ersten musste man nicht lesen. Dieser erklärte, dass die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reiches bis auf Weiteres außer Kraft gesetzt waren. Mit anderen Worten:
Es sind Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegrafen- und Fernsprechgeheimnis, Unordnungen von Haussuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig.
Nur vier Wochen nach Hitlers Machtübernahme hatten sich die Nazis sämtlicher gesetzlicher Fesseln entledigt.
Erich saß hinter einem der halbrunden Fenster des Verbano, als die ersten Wellen dieser Erschütterungen Ascona erreichten. Er blickte auf die Via Borgo hinaus und ließ sich von den Gesprächen der anderen forttragen. Es dunkelte bereits. Sein Italienisch bestand aus briciole – Krümeln –, die andere im Vorbeigehen fallen ließen. Meist war ihm das unangenehm, doch es konnte auch von Vorteil sein, eine Sprache nicht zu verstehen, nur Fetzen aufzuschnappen, eine vorbeiziehende Landschaft aus As und Os und Us.
Fede sprach von allem ein bisschen, sogar Ungarisch. Dabei hatte sie Ascona niemals verlassen, war über dem Gastraum des Verbano zur Welt gekommen. Wenn sie mit Gästen kommunizierte, die nicht aus Ascona stammten, konnten sich in nur einem Satz Worte aus drei oder gar vier Sprachen wiederfinden, gelegentlich erfand sie auch welche hinzu. So wie jetzt, da sie auf den Herrn am Ecktisch einredete, der offenbar nicht aus der Gegend stammte und etwas überfordert wirkte angesichts der auf ihn einprasselnden Worte.
Erich richtete seinen Blick wieder aus dem Fenster. Fede war wirklich ein spezielles Geschöpf. Seit Jahren fragte sich das Dorf, wen sie sich wohl zum Mann nehmen würde. Die Verehrer waren zahlreich. Wer immer es war, durfte sich glücklich schätzen. Und würde starke Nerven brauchen.
Vom Straßenpflaster spritzte der Regen hoch. Zwei Frauen, die Kopftücher eng gebunden, teilten sich einen Schirm und überquerten im Laufschritt den schmalen Platz vor der Poststation.
Erich fragte sich, ob Emil dem Wetter trotzen würde. Sie fanden sich regelmäßig zur selben Zeit im Verbano ein. Nicht täglich, aber seit seiner Ankunft zwei-, dreimal die Woche. Einer Verabredung bedurfte es nicht. Emil ließ einen arbeitsreichen Tag für gewöhnlich mit einem Spaziergang ins Dorf, einer herzlichen Begrüßung von Fede, einem Espresso und einer Zigarette ausklingen. Bei Erich verhielt es sich umgekehrt: Der stand gegen Mittag auf, brachte den Nachmittag mit Korrespondenzen, Telefonaten und dem Versuch herum, nicht zu früh mit dem Trinken anzufangen, und ging anschließend ins Verbano, um sich dort auf die Überarbeitung seines Romans einzustimmen, auf eine Nacht bei elektrischem Licht, Kaminfeuer, seinen Bleistiften, Papier, einem Aschenbecher, einer Flasche Wein, dem Blick auf den See. Herrgott, mehr brauchte es doch nicht. Und doch kam er selten über den guten Vorsatz hinaus, aus einem Espresso wurden zwei, Emil spazierte zurück zu Frau und Heim, und Erich ging hinunter zur Piazza, in die Nelly-Bar, und blieb bis in die Morgenstunden.
Der Roman, Pat, etwas stimmte nicht mehr mit ihm. Zwei Jahre lang hatte er Erich so viel abverlangt. Ihn niederzuschreiben war eine Mühsal gewesen. Nein, es war anders: Die Welt um den Roman herum stimmte nicht mehr. Die Geschichte der drei Kriegskameraden, die trotz allem Bemühen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, ihr Leben nicht wieder in den Griff bekamen. Sie sollte die Leser betreffen, etwas angehen, unmittelbar. Doch wen kümmerte noch, was der Krieg aus den Menschen gemacht hatte? Pat spielte in den Jahren 28/29, und da gehörte die Geschichte auch hin, doch lag das vergangene Jahrzehnt nicht längst in Schutt und Asche? Drängte der Roman noch nach vorne? Oder hatten die vergangenen Monate ihn überflüssig gemacht, bevor er in Druck gehen konnte?
Erich sah Emil die Via heraufkommen, erkannte den ungleichen Gang. Als er näher kam, erkannte Erich auch das Lächeln in dessen Gesicht. Der Regen schien ihm Spaß zu machen.
Erich hatte die Treffen mit seinem Kollegen schätzen gelernt. Erschien Emil einmal nicht, fehlte etwas. Kaum zwei Monate in Ascona, und schon die ersten Rituale.
»Ludovico!« Lachend nahm Fede Emil Schirm und Mantel ab.
Der nickte ihr zu. »Ciao, mia cara.«
Sie tanzte davon, hinter die Theke, wo die neue, chromglänzende Mailänder Kaffeemaschine stand, eine Sensation. Und ein Monstrum. Manche Gäste hatten anfangs Angst vor ihr gehabt. Da sollte Espresso herauskommen? Marianne von Werefkin, la Nonna, wie sie im Dorf genannt wurde, hatte bei der ersten Begegnung mit »la macchina« die Fäuste in die Hüfte gestemmt und ausgerufen: »Vielleicht wird es doch noch was mit unserem Bahnhof – eine eigene Dampflok haben wir schon!«
»Sauwetter«, bemerkte Erich, nachdem Emil sich zu ihm gesetzt hatte.
»Allerdings! Da spürt man, dass man lebt!«
Wenn er in dieser Stimmung war, das hatte Erich inzwischen gelernt, dann hatte Emil einen erfolgreichen Arbeitstag hinter sich. Und er war nur selten nicht in dieser Stimmung.
Seit er mit Goethe – Geschichte eines Menschen seinen nationalen und internationalen Durchbruch gefeiert hatte, waren seiner Schreibwerkstatt mit angsteinflößender Regelmäßigkeit Romanbiografien entsprungen. Rembrandt, Napoleon, Wilhelm II., Bismarck, Jesus, Michelangelo, Lincoln, Schliemann. Jede von ihnen ein Bestseller. Über ein mögliches Scheitern dachte Emil gar nicht nach. Und gerade, weil er nicht darüber nachdachte, schien es ausgeschlossen zu
sein.
Das war die andere Seite der Medaille. Erich freute sich über die Treffen mit seinem Kollegen, zugleich fielen sie ihm auf die Nerven. In Emils Gegenwart kam er sich wie ein Stümper vor, ein Maulwurf, blind in der Erde wühlend.
»Wie ist es Ihnen heute ergangen?«, fragte Erich. Besser, sie brachten diesen Teil gleich hinter sich.
»Acht Seiten, mein Lieber«, sagte Emil. »Und acht gute Seiten!«
Fede materialisierte sich neben ihm, setzte Emil einen Caffè Corretto nebst einem Biscotto di Prato vor, klopfte ihm auf die Schulter, zwinkerte Erich zu und ging weiter zu dem Mann am Ecktisch.
Acht Seiten. Seit Erich in vierwöchiger Trance Im Westen nichts Neues zu Papier gebracht hatte, hatte er nie wieder acht Seiten an einem Tag geschrieben, schon gar nicht acht gute.
»Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie Sie das bewerkstelligen«, sagte Erich pflichtgemäß. »Bei mir waren es vergangene Nacht zwei Absätze, allerdings werde ich die heute Nacht wieder streichen.«
»Struktur«, Emil biss von seinem Biscotto ab, ein echter Genussmensch, »Sie brauchen etwas, das Ihrem Tag Struktur verleiht.«
Eine Ehe, war Erichs erster Gedanke. »Klingt, als sollte ich mich aus freien Stücken in ein Korsett zwängen.«
»Unsinn. Die Menschen träumen von einem Leben ohne Beschränkungen, aber wenn sie es haben, wissen sie nichts damit anzufangen und lassen...




