E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Lübbe
Rai Wenn dein Blick mich trifft - FORBIDDEN HEARTS
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0398-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-0398-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Einmal im Jahr treffen sich Nicholas Chandler und Olivia Kane irgendwo auf der Welt für eine einzige leidenschaftliche Nacht - aber nicht für mehr. So lautet ihr unausgesprochenes Arrangement, denn nach einem schrecklichen Unfall sind die Familien Chandler und Kane verfeindet. Bis Olivia eines Tages nicht auftaucht und Nicholas sich fragen muss, ob seine Gefühle für sie nicht doch viel größer sind, als er dachte ...
Alisha Rai ist eine erfolgreiche Autorin von Liebesromanen. Ihre Bücher standen auf den Bestenlisten der Washington Post, Entertainment Weekly, New York Public Library, Amazon, Kirkus, "O" the Oprah Magazine und dem Cosmopolitan Magazine. Eine beeindruckende Liste, die noch länger sein könnte, doch das würde den Rahmen sprengen. Wer mehr wissen will, schaut nach auf www.alisharai.com
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Kapitel 1
NICHOLAS
Eine Nacht. Keiner wird es erfahren.
So lauteten die Regeln.
Keine besonders romantischen Regeln, aber Nicholas Chandler hatte schon lange keiner mehr einen Romantiker genannt. Die Liebe besiegte nur selten alles, die wahren Schurken kamen fast immer ungeschoren davon, und glücklich bis ans Lebensende? Ha. Was ihn betraf, waren ihm lediglich ein paar verstohlene Augenblicke mit einer chaotischen Frau vergönnt. Einer schlechten Frau.
Nicholas schaltete den Motor seiner Limousine aus. Er bevorzugte eine klare Sprache, weshalb er normalerweise vor Adjektiven wie schlecht zurückschreckte. Schlecht konnte – gerade in Bezug auf eine Frau – alles Mögliche heißen.
In diesem Fall jedoch bedeutete es, dass sie schlecht für ihn war.
Im Fenster des Tattoo-Studios leuchtete das Open-Schild. Es dämmerte bereits, und die anderen Läden im Einkaufszentrum waren schon geschlossen. Außer seinem eigenen Wagen stand nur noch ein einziges weiteres Fahrzeug auf dem Parkplatz. Es war ein vierzehn Jahre alter, verrosteter Sportwagen. Dass der gelbe Mustang immer noch lief, erschien Nicholas einem Wunder gleich. Wenn er bedachte, wie weit seine Besitzerin von allem davongelaufen war, musste er die höchstmögliche Kilometerleistung längst überschritten haben.
Er umfasste den Schlüssel. Wenn er jetzt wieder wegfuhr, hätte er noch genug Zeit, um seinen allabendlichen Lauf zu absolvieren, bevor er sich mit einer ernährungsphysiologisch ausgewogenen Einzelportion zum Essen an seinen Küchentisch setzte. Außerdem liefe er keine Gefahr, dass ihm jemand hinterherschnüffelte und womöglich Gerüchte über seinen verdächtigen Aufenthalt in einer Gegend von Rockville verbreitete, die normalerweise fest in Arbeiterhand war.
Ein Schatten bewegte sich hinter dem hell erleuchteten Ladenfenster. Jeder Muskel seines Körpers spannte sich an. Insgeheim hatte er gehofft, dass der Klatsch, den man sich erzählte, Unsinn war. Sogar nachdem er ihr Auto erkannt hatte, hatte sich diese Hoffnung nicht verflüchtigen wollen. Aber so leicht hatte es ihm das Leben schließlich noch nie gemacht.
Livvy Kane war nach Hause zurückgekehrt.
Er beugte sich vor, aber sie war zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können. Es spielte keine Rolle. Die ruhelose Energie, die ihr Körper bei jeder Bewegung ausstrahlte, der Schwung ihrer Hüften, die Art, wie sie ihr dunkles Haar in den Nacken warf. Das alles hatte sich ein für alle Mal in sein Gedächtnis eingebrannt.
Livvy blieb stehen, sodass sich ihr Profil im Neonlicht des Studios wie ein Schattenriss abzeichnete. Sie streckte sich, um ihre üppige Mähne zu einem hohen Haarknoten zusammenzufassen, wobei ihre vollen Brüste sich hoben. Er wusste genau, wie fest sie sich in seinen Händen anfühlten, dachte an die Stellen ihres Körpers, an der die hellbraune Haut in einen blasseren Ton überging, und den Geschmack ihrer kleinen, festen Brustwarzen in seinem Mund. Er hatte an ihnen gesaugt, hineingebissen, sie zwischen Daumen und Zeigefinger gedreht. Er wusste, wie viel Druck es brauchte, um ihr ein Seufzen zu entlocken, und wie er seinen Mund einsetzen musste, damit sie aufschrie.
Langsam ließ Livvy die Arme sinken. Sie wandte sich ab und ging außer Sichtweite.
Er holte tief Luft und lehnte sich zurück, der seltsame Bann war gebrochen. Livvy war zu Hause. In seiner Heimat, und genau genommen auch der ihren, obwohl sie diese Stadt seit zehn Jahren schon nicht mehr so nannte.
Er ballte die Hände zu Fäusten. Am liebsten wäre er sofort in den Laden gestürmt und hätte Antworten verlangt. Aber das Bedürfnis, einfach heimzufahren und zu vergessen, dass sie überhaupt hier war, war genauso stark. Zwei vollkommen gegensätzliche, unvereinbare Wünsche.
Sein Handy brummte, ruckartig hob er den Kopf und blickte auf das Armaturenbrett, an dem es befestigt war. Er brauchte einen Moment, um die Nachricht zu verstehen, die dort aufleuchtete. Er erkannte zwar die Nummer nicht, wohl aber den Ton.
KANN ICH DIR HELFEN?
Die freudige Erleichterung, die ihn angesichts einer Textnachricht von Livvy überkam, ähnelte der eines Süchtigen, der endlich wieder an seine Droge kam.
Doch der Erregung folgte sogleich Scham. Falls seine Geschäftsführerlaufbahn scheiterte, käme eine Karriere als Privatdetektiv als Alternative wohl kaum infrage.
Sein Handy brummte erneut.
HÖR AUF, MIR HINTERHERZUSPIONIEREN.
Nicholas runzelte die Stirn. Er spionierte ihr nicht hinterher. Er saß lediglich auf einem schlecht beleuchteten Parkplatz und beobachtete eine Frau durchs Fenster … Hitze stieg ihm ins Gesicht. Okay, ein Punkt für sie. Nicholas nahm sein Handy zur Hand. Die Daumen über dem Display, hielt er inne. Er wusste nicht, was er antworten sollte.
Während der letzten Jahre hatte er genau neun Textnachrichten von ihr bekommen, stets pünktlich zur selben Zeit des Jahres. Mit Ausnahme der allerersten waren sie sehr wortkarg gewesen, enthielten nur eine Uhrzeit, eine Zimmernummer sowie Längen- und Breitengrad des Ortes, an dem sie sich gerade aufhielt. Auf keine dieser Nachrichten hatte er antworten müssen.
Sein Handy vibrierte in seinen Fingern – Mahnung und Tadel zugleich.
WENN DU EIN TATTOO WILLST, MUSST DU SCHON HEREINKOMMEN.
Er wollte kein Tattoo. Er wollte sie. Das, was er nicht haben konnte. Sie ist schlecht für dich. Wie seine Schwäche für Süßigkeiten.
Er war sich der Ähnlichkeit zwischen seiner Zuckerabhängigkeit und der Sucht nach Livvy durchaus bewusst. Was das süße Zeug anging, riss er sich erbarmungslos zusammen und schaffte es immer wieder lange Zeit, einen Bogen um die Backwarenabteilung im Chandler’s zu machen. Bis er sich einfach nicht mehr beherrschen konnte und sich unversehens vor den Cannoli im Kühlregal wiederfand.
Er kaufte stets nur zwei – mehr gestattete er sich nicht. Ein Cannolo verschlang er immer schon gierig mit wenigen Bissen im Auto. Das andere nahm er mit nach Hause und verspeiste es langsam, genoss jedes Stückchen der frittierten, knusprigen Hülle mit der süßen Ricottafüllung, ließ die aromatische Creme auf seiner Zunge tanzen und gab sich dem Genuss ganz und gar hin.
Nicholas schüttelte den Kopf. Er verabscheute derlei blumige Gedanken. Heute ist nicht der Tag für Genuss. Deshalb durfte er auch nicht hineingehen.
Er durfte nicht hineingehen, wiederholte er bei sich, während er sich seine Schlüssel schnappte und aus dem Wagen stieg.
Er durfte nicht hineingehen, sagte er sich, als er die Stufen zum Eingang des Backsteinbaus emporstieg.
Er durfte nicht …
Fröhlich läutete die Klingel über der Tür, als er das Studio betrat. Sogleich schloss er sie leise und fest hinter sich, was die Glocke wieder verstummen ließ.
Seine Schuhe quietschten auf den sauberen Fliesen, als er ein paar Schritte in den verlassenen Empfangsbereich hinein machte. Der Laden war klein, aber ordentlich, warm und hell erleuchtet. Bunt zusammengewürfelte, bequeme Sessel standen gedrängt im Wartebereich. Auf dem Tisch lagen einige Zeitschriften ausgebreitet, angefangen von Better Homes and Gardens bis hin zu Car and Driver.
Der Vorhang, der den Rest des Studios vom vorderen Teil trennte, schwang leicht hin und her, als hätte ihn gerade jemand bewegt. Zweifellos wusste sie, dass er hier war. Aber sie hatte ihn noch nicht gesehen. Er konnte immer noch wieder verschwinden.
Ein Chandler läuft nicht so einfach weg.
Er zupfte die Manschetten seines Hemds zurecht, obwohl sie gar nicht verrutscht waren. Das Team Ich-muss-sie-sehen hatte die Mannschaft Ich-darf-sie-auf-keinen-Fall-sehen vernichtend geschlagen. Er war jetzt wild entschlossen. Es gab kein Zurück mehr.
Es war alles in Ordnung. Er würde sie schon nicht mit Haut und Haar verschlingen. Sondern ihr einfach nur … ein paar Fragen stellen. Als Geschäftsführer der Chandler’s-Ladenkette gehörte es schließlich zu seinen Aufgaben, potenzielle Probleme, die das Unternehmen in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnten, in Augenschein zu nehmen und zu überprüfen.
Kalt. Förmlich. Geschäftsmäßig. Unter keinen Umständen durfte er zulassen, dass die Mauer, die er so sorgsam um seine Gefühle errichtet hatte, um sie auf Distanz zu halten, in sich zusammenfiel.
Er konzentrierte sich also auf dieses klar umrissene Ziel, straffte die Schultern und trat durch den Vorhang. Augenblicklich hatte sein klar umrissenes Ziel nur noch die Konsistenz von Wackelpudding.
Livvy saß auf einem Hocker und wandte ihm das Profil zu, während sie über einen Tisch gebeugt auf einem Blatt Papier herumkritzelte. Sie schien sein Eintreten nicht bemerkt zu haben. Ihr wippender Fuß klopfte im Takt zu seinem pochenden Herzen auf den Betonboden.
Livvys hübscher Körper glich einer bemalten Leinwand, die sie mit winzigen Stofffetzen einrahmte: ein rotes, bauchfreies Top und eine schwarze Lederhose. Bei jeder anderen Frau hätte er sich gefragt, ob sie sich verkleidet hatte. Bei ihr war ihm dieser Aufzug egal. Er hätte ihr die Klamotten ohnehin am liebsten direkt vom Leib gerissen.
Aus Jugendtagen erinnerte er sich noch an ihre natürliche Haarfarbe, ein wunderschönes Mitternachtsschwarz. Sie hatte eine ganze Woche Hausarrest bekommen, nachdem sie es zum ersten Mal mit...




