E-Book, Deutsch, 302 Seiten
Ranft Zwischen Ruinen und Goldener Zukunft
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-8423-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eindrücke von Russland und seinen Nachbarn
E-Book, Deutsch, 302 Seiten
ISBN: 978-3-7534-8423-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Ranft, Jahrgang 1979, hat in Potsdam Russistik und Germanistik studiert und fünf Jahre lang in der sibirischen Stadt Ulan-Ude die deutsche Sprache und Landeskunde unterrichtet.
Autoren/Hrsg.
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23.12.18: Auf Besuch bei den Fremden
Wohl in jeder Kultur pflegen die Menschen das Eigene und schauen mit kleinerem oder größerem Unverständnis auf das Fremde. Für die Bewohner Sibiriens sind das unheimliche Fremde zum Beispiel die Chinesen, die – allein das Wort hat im Munde vieler einen leicht abfälligen Klang, einen negativen Beigeschmack. , das sind die nicht so richtig Zivilisierten, die in Bussen neuerdings scharenweise an den Baikal gekarrt werden und ihn verdrecken, deren Unternehmer nach und nach die Taiga aufkaufen oder illegal abholzen und deren pestizidverseuchte und geschmacklose Äpfel man besser nicht kauft. Überhaupt, wenn wir nicht gut auf unsere Grenzen aufpassen, geht es in den Gedanken und so manchen Gesprächen weiter, fällt Sibirien und der russische Ferne Osten bald in die Hände von China, die haben keinen Platz mehr da unten für ihre Milliarden und keinen grünen Flecken mehr. Nehmt euch in Acht!
In der Stadt Qingdao am Ufer des Gelben Meeres arbeitet mein Kollege Thorsten. Wir kennen uns aus der Zeit, als er noch in Russland war, in Chabarowsk, wo die Universität im Sommer überraschend seinen Vertrag nicht verlängerte – angeblich, weil Ausländer nicht länger als zwei Jahre dort tätig sein dürften, tatsächlich aber wohl, weil der patriotische Rektor keinen Westeuropäer mehr haben wollte, der seinen Studenten wer weiß was für schädliche Propaganda erzählt. Also unterrichtet mein Kollege jetzt nicht mehr an der russischen, sondern an einer chinesischen Universität.
„Mein Chinabild hat sich seitdem sehr gewandelt“, sagt Thorsten. „Komm vorbei und schau es dir an!“
Zweieinhalb Flugstunden von Ulan-Ude nach Peking: die chinesische Hauptstadt liegt fast dreimal näher als Moskau, ist gefühlt allerdings zehnmal weiter weg. Erinnerungen an meinen erste Chinareise vor sieben Jahren steigen auf, an meinen Kulturschock nach der Ankunft des Zuges in Harbin beim Anblick der Zehntausenden sich durch die Bahnhofshallen wälzenden Menschen, niemand einer Fremdsprache mächtig, ich verloren mit meinen Koffern zwischen den überall herumliegenden und –sitzenden Gestalten, vergeblich auf den Kanadier wartend, der mich abholen sollte und aber schon nicht mehr da war, da mein Zug Verspätung hatte und ich kein Telefon, um ihm bescheidzusagen. Die Einreisebestimmungen haben sich seit 2011 verschärft: beim Beantragen des Touristenvisums muss ich jetzt Rückflugticket und Hotelbuchung vorlegen sowie eine Liste mit allen Ländern, die ich in der letzten Zeit besucht habe. Innerhalb von 24 Stunden nach Ankunft am Zielort hat die behördliche Registrierung zu erfolgen – in Russland hat man dafür wenigstens sieben Tage Zeit.
Den ersten Kulturschock bekomme ich gleich nach der Landung in Peking ob der schieren Dimensionen und des Technisierungsgrades. Eine geschlagene halbe Stunde rollt die Maschine über das endlose Flugbahngelände bis zur Parkposition. Die Passagiere gehen den einen halben Kilometer weiten Gang entlang, aus Lautsprechern erklingt liebliche klassische Musik, dann eine gigantische Halle, in deren Mitte ein Springbrunnen sprudelt, am Rande eine lange Reihe von Automaten, an denen die Reisenden den Reisepass einscannen und ihre Fingerabdrücke abzugeben angehalten sind, vollautomatisch. Vor der Passkontrolle prozessieren die Fluggäste durch einen Körpertemperatur-Detektor, danach steigen wir ein in einen kleinen Zug, der fünf Minuten lang fährt, aus der Halle hinaus ins Freie und in eine weitere Halle hinein, wo das Gepäck in Empfang genommen wird und sich schließlich der Ausgang befindet, vor dem ein Dutzend Buslinien in verschiedene Stadtteile fahren. Fassungsloses Staunen überkommt mich, ein Gefühl, als wäre ich von Ulan-Ude aus fünfzig Jahre in die Zukunft gereist.
Ein junger Mann ist mir beim Finden des passenden Busses behilflich, soeben vom Studium aus London in seine Heimat zurückgekehrt, er muss zum gleichen Bahnhof, wir nehmen nebeneinander Platz und plaudern. Ich sei verheiratet, oh, wie schön, sagt er und gratuliert mir zur eigenen Wohnung. Die hätte ich noch nicht? In China würde keine junge Frau einen Mann ohne Wohnung nehmen, die eigenen vier Wände, Haus und Job, ein unbedingtes Muss vor der Hochzeit. Ich aktiviere das buseigene W-LAN und versuche vergeblich, die genaue Einwohnerzahl von Peking zu googeln. Der Student lacht: gibt es nicht, genauso wenig wie , , und , dafür müsse ich erst installieren, eine Art Programm zum Umgehen der staatlichen Internetzensur, verboten zwar, aber fast jeder habe es. Hier gäbe es genauso einen debilen Diktator wie in Russland, raunt er mir mit leiser Stimme direkt ins Ohr, alle wüssten es, aber niemand dürfe darüber sprechen. Nach einer Weile der Fahrt auf zehnspurigen Schnellstraßen durch weite Hochhäuserfelder kommen wir am Platz des Himmlischen Friedens vorbei, ich erhasche einen Blick auf die festungsartige Mauer zur mit den Ehrenwachen davor und dem großen Mao-Porträt über dem Eingang.
Wenig später sitze ich im Schnellzug nach Quindao. „Bitte stören Sie keine anderen Passagiere mit ihren elektronischen Geräten“, tönt eine sanfte Ansage aus den Lautsprechern auf Chinesisch und Englisch, während wir fast geräuschlos beschleunigen, bis die Geschwindigkeitsanzeige bei dreihundertzwei Stundenkilometern stehenbleibt. „Gehen Sie pfleglich mit der Zugeinrichtung um. Wer die Regeln verletzt, indem er raucht oder ohne Ticket unterwegs ist, muss künftig mit Restriktionen beim Kauf von Zugtickets rechnen, und die Informationen über das Fehlverhalten werden automatisch an das lokale Punktebüro weitergegeben.“ Ich erinnere mich, über diese Einrichtungen gelesen zu haben, in denen Daten aus der digitalen Überwachung der Bürger in verschiedenen Lebensbereichen zusammenlaufen.
Die Atmosphäre an Bord des Zuges ist fast wie in einem deutschen ICE, nur der Service noch ein wenig besser: im Vorraum kann aus einem Hahn jederzeit kostenfrei warmes Wasser in daneben bereitgestellte Pappbecher entnommen werden, eine Zugbegleiterin kontrolliert regelmäßig, ob die Gepäckstücke auf den Ablagen gut verstaut sind, rückt schiefsitzende Koffer gerade und stopft herunterhängende Rucksackbänder nach oben; eine andere Frau geht alle halbe Stunde durch den Gang und sammelt den Müll ein. Wir rauschen durch die Westchinesische Tiefebene vorbei an braunen Feldern und Plantagen mit jetzt im Winter kahlen Bäumchen, hunderte Meter langen Gewächshäusern, grauen Industrieanlagen mit rauchenden Schloten und immer wieder Meeren von Wolkenkratzern, wobei die Landschaft wie in einen weißlichen Schleier gehüllt ist: kein Morgennebel und kein vom nahen Meer herübergewehter Dunst, sondern Industrieabgase.
Eine junge Frau schiebt ein Wägelchen an den Sitzreihen vorbei und verkauft sauber eingeschweißtes frisches Obst. Als ich meine Yuan-Scheine zücke, jeder mit einem Bild von Mao Zedong, schüttelt sie den Kopf und zeigt auf den Barcode ihres Smartphones. Mein Nachbar hält das seine dagegen, ein kurzes Aufblitzen, Bezahlvorgang abgeschlossen. Ich gebe ihm den Schein, bedanke mich und verstehe: Bezahlen mit Bargeld ist schon von gestern und nicht mehr überall möglich.
Nach fünf Stunden Ankunft in Quindao. Der Bahnhof, Baujahr 1906, wirkt in Stil und Proportionen sehr vertraut, ein Werk deutscher Architekten: Quindao war achtzehn Jahre lang deutsche Kolonie, das kaiserliche in Ostasien. Damals hatte das Gebiet etwa 40000 Einwohner, heute ist es eine mittelgroße Stadt mit etwa acht Millionen, eine von ungefähr hundert chinesischen Millionenstädten. Mein Kollege Thorsten wartet am Ausgang, ein Wiedersehen nach über einem Jahr, herzliches Umarmen, ich sei sein erster Besuch hier von außerhalb.
Thorsten wohnt mit seine Freundin Galina auf dem Campus der Universität Quindao im Wohnheim für ausländische Studenten und Gäste, ich bekomme ein Zimmer im gleichen Gang. In der ersten Etage weist mich Thorsten auf einige Zettel am Schwarzen Brett hin. „Öffentliche Denunziation als Erziehungsmaßnahme, lies mal!“ Zuerst chinesische Schriftzeichen, darunter dann die englische Übersetzung: „Romain Nicolas, Geschlecht: männlich, Nationalität: französisch, Sprachstudent, hat im September 2018 mehrfach mit einer Frau Sex auf dem Zimmer gehabt. In Übereinstimmung mit Artikel 14 der Disziplinarverordnung bekommt er eine Disziplinarstrafe.“ Oder: „Pyeon Min, Nationalität: koreanisch, hat am Morgen des 14. November in der 6. Etage des Lehrgebäudes geschrien und Lärm gemacht. Dieses Benehmen hat den normalen Unterrichtsprozess ernsthaft gestört. In Übereinstimmung mit Artikel 12 der Disziplinarverordnung bekommt er eine Verwarnung.“
Abendessen in einem -Restaurant: auf jedem Tisch steht eine Thermoskanne; als wir Platz nehmen, schenkt die Kellnerin sofort heißes Wasser in kleine Tassen. Galina, die jeden Tag Chinesischkurse besucht, versucht die Speisekarte zu...




