E-Book, Deutsch, Band 25, 432 Seiten
Reihe: Ein Inspector-Rebus-Roman
Rankin Die dunkelste Stunde der Nacht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-30874-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 25, 432 Seiten
Reihe: Ein Inspector-Rebus-Roman
ISBN: 978-3-641-30874-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sein gesamtes Berufsleben hat Detective John Rebus damit verbracht, Edinburghs Kriminelle hinter Gitter zu bringen. Jetzt sitzt er selbst im Gefängnis - für einen Detective ein hochgefährliches Szenario. Denn seine alten Feinde lauern nur auf einen kleinen Moment der Schwäche, und es fällt dem legendären schottischen Kommissar schwer, die Oberhand zu behalten. Zumindest bis der rätselhafte Mord an einem Mitgefangenen Rebus' Jagdinstinkt weckt: Die Tat geschah um Mitternacht in einer verschlossenen Zelle. Ohne offiziellen Auftrag, ohne jegliche Autorität und ohne Sicherheitsnetz muss Rebus jeden seiner Schritte vorsichtig abwägen, damit er nicht selbst das nächste Opfer wird ...
Ian Rankin, geboren 1960, ist Großbritanniens führender Krimiautor, seine Romane sind aus den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Ian Rankin wurde unter anderem mit dem Gold Dagger für »Das Souvenir des Mörders«, dem Edgar Allan Poe Award für »Tore der Finsternis« und dem Deutschen Krimipreis für »Die Kinder des Todes ausgezeichnet. »So soll er sterben« und »Im Namen der Toten« erhielten jeweils als bester Spannungsroman des Jahres den renommierten British Book Award. Für seine Verdienste um die Literatur wurde Ian Rankin mit dem »Order of the British Empire« ausgezeichnet.Mit »Ein Rest von Schuld« hatte Ian Rankin seinen Ermittler John Rebus nach 17 Fällen in den Ruhestand geschickt und ließ Inspector Malcolm Fox die Bühne betreten. Doch mit »Mädchengrab« kehrte Rebus wieder zurück.Ian Rankin lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh.
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1
Noch bevor die Sirene losging, spürte Rebus, dass etwas nicht stimmte. Er stand in der Schlange fürs Frühstück und hörte den Wizard, der sich mal wieder die Lunge aus dem Leib hustete. Über die hierarchischen Verhältnisse wurde hier nie gesprochen, sie ergaben sich von ganz allein. Wer den starken Mann markierte oder einfach losbrüllte, kam schneller an sein Essen, alle anderen stellten sich in einer ungeordneten Reihe hinter ihm an. Der Wizard hustete zwei Mann vor Rebus, was völlig okay war. Wahrscheinlich war er gar nicht viel älter, sah aber so aus. Er war länger im Gefängnis als alle anderen hier im Trakt. Sein richtiger Name war Gareth Wallace. Seinen Spitznamen hatte er wegen seiner langen grauen Locken und des noch längeren Barts bekommen. Er krümmte sich beim Husten, hielt dabei aber nicht mal eine Hand vor den Mund. Neuankömmlinge rissen Corona-Witze, bis sie kapierten, dass keiner davon hier zum ersten Mal erzählt wurde. Als Rebus sich umdrehte und hinter sich blickte, stand dort Ratty. Anscheinend schrumpfte er von Tag zu Tag ein Stückchen mehr. Rattys Augen waren schmaler als sonst und ausnahmsweise mal nicht auf den Fortgang der Schlange konzentriert. Er deutete ein Nicken an, als er merkte, dass Rebus ihn ansah.
Dann schlug einer der weiß behemdeten Beamten Alarm, und sofort ging es drunter und drüber. Die Sirene ertönte unvermittelt und war ohrenbetäubend, sie wurde begleitet von der Ankunft weiterer Beamter, die aufgeregt umhereilten und sich berieten. Dann kam der Befehl – alle Mann zurück in die Zellen –, gefolgt von allgemeinem Gemurre und Fragen.
»Heute gibt’s Zimmerservice«, verkündete ein Beamter namens Eddie Graves und trieb die widerwillige Meute aus dem Raum.
»So gut möchte ich’s auch mal haben.« Graves hatte immer was zu meckern, als wäre das Glück grundsätzlich auf der Seite der Insassen.
»Aber wie lange müssen wir darauf warten?«, fragte jemand.
»Geht los, sobald ihr alle verschwunden seid«, erwiderte Graves.
Obwohl Ratty gute sechzehn Zentimeter kleiner war als Rebus, sah und wusste er immer alles. »Geht um Jackie«, erklärte er Rebus. Tatsächlich standen zwei Beamte – Novak und Watts – vor Jackie Simpsons offener Tür, steckten die Köpfe zusammen und besprachen sich mit gedämpften Stimmen. Obwohl weitere Beamte die Zelle abschirmten so gut es ging, mussten Rebus und mehrere andere daran vorbei, um zu ihren eigenen zu gelangen.
»Weiter geht’s«, kam der Befehl, fuchtelnde Hände, ausgestreckte Arme. Aber wie bei einem Unfall auf der Autobahn verlangsamten die vielen Gaffer unweigerlich den Verkehr. In der Zelle standen zwei weitere Beamte. Rebus erkannte eine blutverschmierte, liegende Gestalt auf dem unteren Stockbett. Darüber lag ein anderer Mann in scheinbar besserem Zustand, insofern als ihn die Beamten zu wecken versuchten, während sie seinen Zellengenossen ignorierten. Rebus fiel der Name des Mannes im oberen Bett wieder ein – Mark Jamieson. Draußen hatte er ihn flüchtig gekannt. Allerdings ließ er diesen Umstand hier drin lieber unerwähnt, alles andere hätte Jamieson ihm wohl kaum gedankt.
»Komm schon, John«, sagte Graves und presste ihm eine Hand auf die Schulter. »Mach’s nicht kompliziert.« Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. Graves’ Kinnpartie wirkte angespannt, und die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
»Ist nicht meine Art, Dinge kompliziert zu machen«, versicherte ihm Rebus. »Im Gegensatz zu anderen.« Er zeigte über Graves’ Schulter zu Darryl Christie, der an einem der runden Tische in der Nähe der Essensausgabe saß. Zwei Beamte flankierten ihn, während er fertig frühstückte, sich Zeit ließ, jeden einzelnen Bissen genoss. Keiner der Beamten schien ihn dabei stören zu wollen.
»Darryl!«, rief Graves. »Los, zurück in deine Zelle, bitte!«
Christie drehte langsam den Kopf, betrachtete Graves und Rebus. »Na klar, Michelle«, rief er. Michelle wegen Michelle Mone. Graves war auch bekannt als Serial Moaner, weil er ununterbrochen was zu mosern hatte. Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihn der Spitzname wurmte. Rebus hatte das Gefühl, dass das Grinsen, das Christie jetzt in Graves’ Richtung sandte, weniger für den Beamten bestimmt war als für ihn.
John Rebus hatte eine Zelle mit einem schmalen Bett, einer Toilette und einem Waschbecken für sich allein. Die Toilette hatte keine Tür, befand sich aber in einer Art offener Kabine, die eine gewisse Ungestörtheit erlaubte. Außerdem gab es einen kleinen Schreibtisch und etwas Stauraum sowie ein kleines Regal für persönliche Gegenstände. Darin hatte er alle Bücher gestapelt, die er sich zu lesen vorgenommen hatte. In einem bewahrte er außerdem Fotos von seiner Tochter und Enkeltochter auf. Er wusste nicht so genau, warum er sie versteckt hielt, aber so war’s. Der an der Wand befestigte Flachbildfernseher war seitlich mit einem integrierten DVD-Player versehen, und es gab sogar einen Festnetzanschluss. Anrufe mussten allerdings vorher angemeldet und bezahlt werden und wurden selbstverständlich abgehört, vorausgesetzt, das notwendige Personal stand zur Verfügung. Unter dem Bett befand sich ein kleiner Safe für Wertgegenstände, den Rebus aber nie abschloss.
Hier war er jetzt zu Hause, und das schon seit sechs Monaten. Bei seiner Ankunft im HMP Edinburgh hatte man ihm zunächst provisorisch eine Ausnüchterungszelle zugewiesen. Anschließend entschied man, ihn als ehemaligen Polizeimitarbeiter nicht in den allgemeinen Strafvollzug zu stecken, sondern in den Isolations- und Reintegrationstrakt, die sogenannte SRU. Hier landeten die Gefangenen, die entweder durch andere gefährdet wurden oder eine Gefahr für sich selbst darstellten. Einige von ihnen bekam Rebus nie zu Gesicht. Sie blieben in ihren Zellen, beschwerten sich gelegentlich laut brüllend, hielten größtenteils aber die Klappe. Es gab einen Innenhof, wo Sport getrieben wurde, die Wände waren über und über mit Namen beschmiert, teilweise mit Beiwörtern wie »Pädo« oder »pervers« versehen.
Rebus fühlte sich eingeengt, nicht nur durch die Mauern, sondern auch die täglich immer wieder gleichen Gesichter. Er hatte das Gefängnis in seiner Zeit als Detective unzählige Male besucht – er erinnerte sich sogar noch, wie man ihm den Hinrichtungsraum gezeigt hatte, der inzwischen längst abgerissen war –, aber sich jetzt hier als Sträfling aufzuhalten, war etwas ganz anderes. Die verschiedenen Gerüche ließen sich nicht einfach abduschen. Testosteron und Argwohn lagen in der Luft, sofern es überhaupt welche gab. Der Drogenmissbrauch war kaum zu übersehen. Früher hatte man immer nur von Saughton gesprochen, auf den Hemden der Beamten stand heutzutage aber HMP Edinburgh. Gefängnis, Knast, Bunker, Loch – Bezeichnungen gab es genug, aber alle liefen auf dasselbe hinaus: Es ging ums Einsperren.
Es gab vier große Trakte oder Halls – Gyle, Swanston, Trinity und Whitecraig. Gyle war für die weiblichen Gefangenen vorgesehen, während in Whitecraig vorwiegend Sexualstraftäter untergebracht waren. In Trinity und Swanston saßen diejenigen, die in Untersuchungshaft auf ihre Verhandlung warteten, aber auch bereits Verurteilte. Ungefähr drei Monate, nachdem Rebus zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, hatte der Gefängnisdirektor Howard Tennent ihn in sein Büro zitiert. Es war groß und modern, ausgestattet mit einem Tisch und Stühlen für Besprechungen. Man bot ihm Tee an, und es gab sogar Shortbread.
»Was halten Sie davon, sich in Trinity Hall ein bisschen unters Volk zu mischen?«, hatte Tennent gefragt, während Rebus in einen Keks biss.
»Wieso? Was hat sich geändert?«, hatte Rebus zurückgefragt.
»Zwei Dinge. Erstens gehen uns in der SRU die Zellen aus, wir könnten Ihr Bett also gut gebrauchen.«
»Und?«
Der Direktor rutschte verlegen auf seinem Stuhl herum. »Darryl Christie ist bereit, die Hand über Sie zu halten. Das heißt, Sie stünden unter seinem Schutz. Anscheinend ist er der Ansicht, Sie hätten ihm einen Gefallen getan.«
»Er denkt, ich habe seinen Konkurrenten ausgeschaltet – was ich aber nicht getan habe. Meine Anwälte bereiten das Berufungsverfahren vor.«
»Aber Sie waren dabei, als Cafferty starb.«
»Auch das ist nicht richtig. Den Herzinfarkt hatte er erst, als ich schon wieder weg war.« Rebus hielt inne. »Ist Trinity Hall Christies Revier?«
Tennent wischte ein paar Krümel vom Tisch. »Er garantiert Ihnen Sicherheit, John. Außerdem ist dort gerade eine Einzelzelle frei geworden. Sie sind schon seit einigen Jahren nicht mehr im aktiven Dienst. Ich glaube kaum, dass Sie hier allzu vielen Männern begegnen werden, die ihren Aufenthalt hier Ihnen zu verdanken haben. Tatsächlich habe ich schon mal nachgesehen. Nur ein paar Gewohnheitsverbrecher, von denen sich keiner auch nur im Traum einfallen lassen würde, sich mit Darryl und seinen Leuten anzulegen.« Er sah Rebus eindringlich in die Augen. »Also, was sagen Sie?«
»Ich sage, wenn mich zum Schluss doch einer um die Ecke bringt, will ich Sie an meinem Grab weinen sehen.«
Tennent lächelte angestrengt und erhob sich. Rebus schnappte sich noch einen letzten Keks, bevor er abgeführt wurde.
, dachte er sich, wobei ihm durchaus bewusst war, dass ehemalige Polizisten unter Sträflingen allgemein eher nicht mit offenen Armen empfangen wurden. Außerdem war ihm bewusst, dass Darryl Christie seine Meinung jederzeit ändern konnte, was...




