E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Rapp Die Gehilfin des Buchdruckers
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7751-7272-1
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-7751-7272-1
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jahrgang 1973, war mehrere Jahre in der Leitung von 'Studenten für Christus' in Freiburg tätig. Inzwischen arbeteitet sie als Lektorin und Autorin. Ihre Leidenschaft sind Geschichten voller Spannung und Information. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
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Kapitel 2
Laubenheim
Lisbeth deckte den Sack, in den sie ihre Kleider gestopft hatte, mit Laub zu und schlich sich durch das Waldgestrüpp zurück zum Weg. Auf dem Weg war niemand zu sehen. Sie zog die Männerhose zurecht, sprang aus den Büschen und ging den Weg weiter bergauf. Vor ihr lag die letzte Biegung. Dahinter ragte die Burg in den Himmel. Ihr Blick wanderte unsicher nach oben zu den bedrohlichen Türmen. Jetzt war die letzte Möglichkeit umzukehren. Doch das ging nicht. Dieses Theaterstück musste sie jetzt zu Ende spielen. Der neue Burgvogt würde schon keinen Verdacht schöpfen. Lisbeth wusste, dass die Buchführung des alten Vogtes chaotisch gewesen war. Der Ritter Gerold von Laubenstein hatte gründlich auf der Burg aufgeräumt, als er sein Erbe vor ein paar Monaten angetreten hatte. Er hatte auch nicht davor zurückgeschreckt, außer dem alten Burgvogt auch den Koch, den Stallmeister und drei der fünf Knechte zu entlassen. Dabei hatten sie schon jahrelang auf der Burg gedient. Vor diesem Gerold von Laubenstein musste man sich in Acht nehmen. Dummerweise war er der Grundherr der meisten Einwohner des Dorfes; manche Dörfler waren sogar seine Leibeigenen, auch Lisbeth und ihr Vater. Und nun forderte der Leibherr den Frondienst ein.
Dabei hatte sie eigentlich gar keine Zeit, wertvolle Arbeitstage auf der Burg zu vergeuden. Nachdem sie tagelang immer wieder die Arbeit unterbrochen hatte, um nach Bruder Remigius Ausschau zu halten, waren die Felder noch nicht für die Wintersaat vorbereitet. Der Pflug lehnte schon vor dem Haus. Zum Glück lebte die einzige Kuh, die sie besaßen, noch – und gehörte immer noch ihnen. Ohne das Vieh würde sie das Feld nicht pflügen können. Selbst mit dem Vieh würde sie es kaum schaffen, denn sie war ganz allein. Ihr Vater siechte in der Hütte, ihr einziger Bruder war im Frühling gestorben. Und Lisbeth hatte das Undenkbare gewagt: Sie hatte den Tod ihres Bruders nicht an die Vogtei gemeldet. Das war riskant, das wusste sie. Aber die Umstände waren günstig gewesen: Der Dorfschultheiß hatte sich das Bein gebrochen und ihr ausrichten lassen, dass sie selbst zur Burg gehen solle, um den Todesfall zu melden. Der alte Ritter war gerade verschieden, die Burg in Aufruhr und der neue Erbe, Gerold, hatte sich direkt nach seiner Ankunft angeschickt, den alten Burgvogt zu entlassen. Lisbeth hatte ihre Chance gewittert und den Todesfall verschwiegen. Hätte sie ihn gemeldet, hätte sie ihre Kuh hergeben müssen – als Todfallabgabe, so schrieb es das Gesetz für Leibeigene vor. Der Betrug war ein Spiel mit dem Feuer. Nicht nur, weil es ein Vergehen gegen den Leibherrn darstellte und, noch schlimmer, ein Vergehen gegen Gott, sondern weil ihr Bruder nun immer noch auf der Liste der Fronarbeiter stand. Deshalb stand sie vor dem Burgtor. Sie würde ihr Bruder sein. Erneut zog sie Johanns Hose zurecht.
Sie äugte kurz hinter sich. An Frontagen herrschte normalerweise ein Kommen und Gehen. Sie hatte sich diesen Tag ausgesucht, weil sie wusste, dass heute nur wenige Leute aus ihrem Dorf auf der Burg eingeteilt waren.
Lisbeth holte tief Luft, schob den Gürtel ihres Hemdes etwas höher, sodass sich das Obergewand vor ihrer umwickelten Brust aufbauschte, tastete ihren Nacken ab, um sicherzugehen, dass sich keine Haarsträhne aus ihrer Mütze gelöst hatte, passierte das Tor und wandte sich dann nach rechts, zum Torhaus, das sich an die Burgmauer anschloss. Der neue Burgvogt, ein dünner Mann mit schwarzen Augen, stand im Torhaus am geöffneten Laden, eine Liste vor sich, bereit, ihren Namen zu hören.
»Johann Mergel«, sagte Lisbeth so lässig wie möglich.
Der Vogt blätterte um und notierte sich etwas. Was, wusste Lisbeth nicht – sie konnte nicht lesen.
»Melde dich dort hinten, bei dem rothaarigen Knecht.« Der Vogt zeigte nach rechts.
Lisbeth nickte und entfernte sich ein paar Schritte. Aus den Augenwinkeln blickte sie sich unauffällig um. In jeder Ecke arbeiteten Männer. Natürlich würde irgendjemand unter ihnen sein, der sie erkennen würde. Sie spürte die Schweißperlen zwischen ihren Schulterblättern. Schnell sprach sie ein Gebet an die heilige Anna, die Mutter Marias, dass niemand sie verraten würde, auch wenn sie durchschaut würde. Sie ging weiter, um nicht aufzufallen. Ihre Stiefel gehörten ihrem Vater und waren viel zu groß. Sie hatte ihre Füße mit Tüchern umwickelt. Die Tücher rieben an ihrer verschwitzten Haut.
Die Männer arbeiteten in Gruppen, einige schoben Holzschubkarren voll Erde heran, andere schaufelten die Erde in ein Loch unter dem Saal. Das musste wohl die alte Zisterne sein, die nun zugeschüttet wurde, weil darüber der Saalboden eingebrochen war.
Ganz hinten in einer Ecke arbeitete ein Mann alleine. Er schien die Balken vorzubereiten. Er war groß und kräftig gebaut – wie ein Schmied. Sie schätzte ihn auf Mitte oder Ende zwanzig. Sie hatte ihn noch nie gesehen, also kannte er sie auch nicht. Bei ihm würde sie einigermaßen sicher sein. Während sie wie selbstverständlich auf den Mann zuging und darauf achtete, mit den Stiefeln sicher aufzutreten, versuchte sie den Eindruck zu erwecken, dass man sie geschickt hatte.
Der Mann sägte einen geschälten Baumstamm, der auf zwei Gestellen lag. Sie stellte sich vor ihn, hielt ihren Rücken gerade und sagte: »Ich bin hier, um Euch zur Hand zu gehen.«
Der Mann blickte auf.
Lisbeth hatte noch nie solche Augen gesehen. Sie waren grünlich dunkelblau wie der Himmel vor einem abendlichen Gewitter, der Ausdruck stechend, als warte er auf einen Angriff, bereit zurückzuschlagen. Sein Blick wurde etwas weicher, als er sah, dass er einen halbwüchsigen Jungen vor sich hatte. Er ließ seinen Blick kurz über sie gleiten, von oben nach unten und wieder zurück zu ihrem Gesicht, wo er eine Weile hängen blieb. Sah er jeden so an oder hatte er Verdacht geschöpft? Lisbeth nestelte an ihrem Gürtel herum und zupfte ihr Obergewand zurecht. Das war ein Fehler, denn sie merkte, dass die Bewegung seinem wachen Blick nicht entging.
»Ich bin Johann Mergel«, sagte sie.
Der Hüne nickte und beugte sich wieder über den Stamm, ohne seinen Namen zu nennen. Er war wohl ein Hintersasse aus einer anderen Gegend – oder ein Knecht eines Lehensnehmers, den sein Herr an seiner statt geschickt hatte.
»Was soll ich tun?«, fragte sie.
»Ich säge Balken zu für einen neuen Hühnerstall. Könnt Ihr mit einer Säge umgehen?«
Reparaturen am Haus und am Pflug hatten immer ihre Brüder übernommen. Lisbeth schickte ein Gebet an den heiligen Dionysios, der einem bei Gewissensbissen half, nickte und setzte ein zuversichtliches Lächeln auf.
Der Mann sagte: »Gut, ich messe währenddessen die Querstreben aus.« Er reichte ihr die Säge. Lisbeth fielen seine großen Hände und kräftigen Unterarme auf, doch sie war sich sicher, dass er weder der Schmied von Molheim noch der von Ottersfeld war.
Er ging hinüber zu den kürzeren Stämmen. Lisbeth setzte wie selbstverständlich die Säge in den Spalt an und schob sie vor und zurück. Das Blatt verkeilte sich und sie musste mit aller Kraft ziehen, um es wieder herauszubekommen. Schnell äugte sie hinüber zu dem Mann. Ihre Blicke trafen sich kurz. Sie konzentrierte sich wieder auf die Säge vor ihr. Der Mann hatte sie beobachtet. Und er musste bemerkt haben, dass sie nicht wusste, wie man mit einer Säge umging. Wortlos wandte er sich wieder dem Maßstock und den Hölzern zu, die vor ihm auf dem Boden lagen, und markierte mit einem Messer die Längen. Lisbeth setzte die Säge erneut an. Vor und zurück. Immer wieder. Doch die Einkerbung im Holz vertiefte sich keinen Deut.
Hoffentlich würde dieser schweigsame Hüne niemandem verraten, dass sie völlig fehl am Platz war. Sie durfte auf keinen Fall Aufsehen erregen.
Der Mann war in der Zwischenzeit mit seinen Markierungen fertig. Er stand auf und kam zu ihr herüber. Offenbar wartete er darauf, dass er die Säge benutzen konnte. Sie sägte weiter. Obwohl er angemessenen Abstand hielt, wurde Lisbeth unter seinem Blick noch nervöser.
Wieder verkeilte sich das Blatt. Ihr Bruder oder ihr Vater hätten jetzt geschimpft und sie ein nichtsnutziges Weib genannt. Frustriert ließ sie los und sagte: »Vielleicht übernehmt Ihr lieber.«
Sie wartete darauf, dass er eine abfällige Bemerkung machte, doch er schien seltsam zurückhaltend, fast kontrolliert. Er streckte seine Hand nach der Säge aus. »In Ordnung. Ihr könnt ja in der Zwischenzeit die Bolzen schnitzen«, hörte sie ihn sagen. Er zeigte auf einen Haufen kleinerer Äste auf dem Boden.
Lisbeth nickte dankbar, wich seinem Blick aus und setzte sich neben den Stöckchen auf den Boden – zunächst auf die Knie, wie es sich für Frauen ziemte, doch dann ließ sie sich schnell auf ihr Hinterteil fallen und verschränkte die Beine wie ein Mann. Sie suchte sich ein Schnitzmesser aus, besah sich den Bolzen, der als Modell diente, griff nach einem der Äste und begann, dicke Späne abzuhobeln.
Die Nachmittagssonne verschwand für einige Zeit hinter dem Wohnturm. Als sie wieder hervorkam, hatte sich an Lisbeths Daumen eine Blase gebildet. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Gestalt auf sich zukommen. Sie blickte kurz auf und schaute dann angestrengt wieder auf ihre Arbeit. Ihr wurde übel. Es war der Burgvogt. Hatte er gemerkt, dass sie sich doch nicht bei dem rothaarigen Knecht gemeldet hatte?
»Johann Mergel?«, rief der Vogt, als er in Hörweite war. Lisbeths Messer rutschte ab und glitt tief in ihren linken Zeigefinger. Schnell zog sie die Klinge heraus. Die Wunde klaffte, helles Fleisch leuchtete zwischen dunkelrotem Blut. Ihr wurde noch übler. Das Blut rann...




