E-Book, Deutsch, 254 Seiten
Raps Mikrokosmos
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-0489-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bühnentexte aus 20 Jahren
E-Book, Deutsch, 254 Seiten
ISBN: 978-3-6957-0489-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Riccardo Raps, geboren in einer Sommernacht 1989. Schreibt seit der zweiten Klasse mehr als nur das Alphabet. Steht seit 2005 auf der Bühne. Trinkt jeden Tag seinen Kaffee aus einer alten Ramones-Tasse. Wird auch noch weiter schreiben.
Autoren/Hrsg.
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2012
Fäkalthemen
Ich werfe mich wütend auf mein Bettchen.
„Das ist nicht gerecht, das ist nicht gerecht“, proklamiere ich mein Leid.
„Ich habe mir so eine Mühe gegeben und alles, was ich bekomme, ist eine Vier. Eine Vier in Mathe ist heute dagegen für mich wie ein Dreier.“
„Was ist nicht gerecht?“, fragt eine knisternde Stimme vom Fensterbrett.
„Eine Vier in Mathe, obwohl ich die ganzen Nachmittage gelernt habe“, heul, schluchz und Niagarafälle vor den Augen.
„Was ist schon gerecht?“, fragt die Stimme vom Fensterbrett. Kakteen können einen nicht trösten.
„Naja, gerecht wäre, wenn ich eine Zwei oder wenigstens eine Drei bekommen hätte. Und was weißt du schon darüber? Du bist ja nur ein Kaktus“, sage ich zu meinem Kaktus und weiß, dass ihn das sehr pikiert.
„Stimmt, ich bin nur ein Kaktus, aber auch ich fühle mich ungerecht behandelt.“ Unkraut vergeht, wenn man es beleidigt. Kakteen zählen nicht zu Unkraut.
„Wie kann sich bitte ein Kaktus ungerecht behandelt fühlen?“, frage ich und ziehe den Schnodder durch die Nase.
„Allein schon mein Name – Kaktus – klingt wie ein schlechter Fäkalwitz. Ich würde lieber Nadelbaum genannt werden“, postuliert mein Kaktus. Zu viel Wasser und zu viel Sonne und er hält sich für den Größten.
„Aber du bist kein Baum“, erwidere ich. Das Gespräch nervt mich jetzt schon. Ich blättere in einer Kinderzeitschrift, Bussi Bär.
„Und Nadelbäume haben keine Nadeln.“
„Du hast auch keine Nadeln, du hast Stacheln.“
„Ja, Haarspalterei, aber Stachelbaum klingt doof und Nadelbaum klingt groß und mächtig. Aber inzwischen komme ich darüber gut hinweg.“ Therapiestunde für meinen Kaktus mit geringem Selbstbewusstsein. Ich bin der Meinung, gerade weil ein Kaktus so ein geringes Selbstbewusstsein hat, hat er Stacheln.
„Egal – ich bin ein Nadelbaum mit Stacheln, der zufällig Kaktus genannt wird.“
„Und was hat das jetzt mit meiner ungerechtfertigten Vier in Mathe zu tun?“
Mein Kaktus hat keinen Grund zum Seufzen. Er tut es trotzdem. Hätte er einen Kopf, hätte er ihn verzweifelt geschüttelt.
„Wir wollen immer was anderes, als das, was wir haben. Anstatt, dass wir uns damit zufriedengeben und glücklich sind.“
„Mit einer Vier in Mathe habe ich aber keine rosige Zukunft.“ Wieder seufzt mein Kaktus.
„Wo stehen Kakteen? In der Wüste.“
Wenn das Gespräch so weiter geht, denke ich, stelle ich meinen Kaktus auch in die Wüste.
„Und warum stehen sie da?“
Ich denke laut nach: „Weil Kakteen wenig Wasser brauchen, lange Wurzeln haben und Wasser speichern können, also Überlebenskünstler sind.“
Erschlagenes Schweigen von meinem Kaktus. Damit hat er nicht gerechnet, endlich ist wieder Ruhe. Zum Glück habe ich keine Mimose in meinem Zimmer stehen – die hätte sich den ganzen Tag über alles beschwert.
„Aus deiner Sicht mag das gerecht sein“, piekt mein Kaktus in die Stille wie eine Nadel – pardon – Stachel in einen Luftballon.
„Aber hast du mal daran gedacht, dass es eine Notwendigkeit ist, diese Fertigkeiten mit sich zu bringen, wenn man in der Wüste leben muss?“
„Wieso musst du in der Wüste leben?“
„Weil ich Kaktus heiße.“
In meinem Kopf taucht das Bild eines italienischen Schnurrbartträgers auf, der wild mit seinen Händen gestikuliert und laut „Mamma mia“ ruft.
„Und nicht Nadelbaum“, setzt mein Kaktus schmollend hinzu.
„Was hat das damit zu tun?“
Wieder seufzt mein Kaktus. Ob er einen Sturz aus dem dritten Stock überlebt?
„Wärst du gerne mit jemandem befreundet, dessen Namen dich dauernd an Scheiße erinnert?“
„Nein.“
„Siehst du, Nadelbäume auch nicht.“
„Du lebst aber nicht in der Wüste.“ Mein argumentativer Konter trifft ihn.
„Du vergisst mich zu gießen, das ist in etwa das Gleiche.“ Sein argumentativer Konter trifft mich härter. Er fährt fort: „Aus deiner Sicht ist es nur gerecht, dass ich in der Wüste lebe, weil ich so gute Überlebensfähigkeiten habe. Aus meiner Sicht ist es ungerecht, weil ich wegen meinem Namen um mein Überleben kämpfen muss – das kennst du doch.“
Ich lege meine Stirn in Falten und verstehe nicht, was er meint.
„Na, mit deinem Nachnamen – Rollte. Und deinem Vornamen – Thilo. T. Rottel.“
Ich öffne das Fenster. Mein Kaktus hat zum Glück keine Augen.
„Ich habe zum Glück keine Augen“, erklärt mir mein Kaktus, „sonst würde ich Höhenangst bekommen, wie du mich so über die Brüstung hältst.“
„Gerecht ist, was man als gerecht empfindet“, doziert mein Kaktus weiter am offenen Fenster, „weil man Gerechtigkeit nicht definieren kann, empfindet sie jeder anders.“
Doktor der Philosophie Karl Kaktus hat gesprochen. Ich stelle ihn wieder auf das Fensterbrett und lege mich zurück aufs Bett.
„Gerecht wäre es, wenn ich nur die Vier in Mathe bekommen hätte und nicht auch noch deine Predigt hören muss.“
„Aus deiner Sicht“, fährt mein Kaktus fort, von meinem genervten Unterton gänzlich unbeeindruckt. „Aber aus der Sicht deines Lehrers ist sie vielleicht gerechtfertigt. Lass mal sehen, was waren denn die Aufgaben?“
Aus meinem Rucksack krame ich die Mathematikklausur hervor und schiebe alles beiseite, was man in einem Grundschülerschulranzen so findet. Brotdose mit zwei Wochen altem Brot, Stifte, Hefte, Bücher, eine zwei Wochen alte Socke, Radierer, Nudeln, Lineal, die andere zwei Wochen alte Socke.
„Du musst mir die Aufgaben vorlesen“, fordert er.
„Warum?“ frage ich.
„Schon vergessen? Ich bin ein Kaktus, ich kann nicht sehen.“
„Helen Keller konnte auch nicht sehen und hat es zu etwas gebracht.“
Wieder seufzt er: „Die war aber auch noch stumm.“
Ich seufze: „Manchmal wünschte ich, sie wäre du.“
Mein Kaktus geht darauf nicht ein – er wäre gern wer anders, aber wie er schon sagte, man wäre immer gern wer anders. Ich wäre zum Beispiel gerne Steffen, und auch wieder nicht.
Steffen hat in Mathe eine Eins. Steffen ist ein Streber, trägt eine komische Brille und Steffen hat keine Freunde. Wenn ich Steffen wäre, wäre ich lieber ich.
„Also, die erste Aufgabe bitte!“ Mein Kaktus spitzt seine nicht vorhandenen Ohren.
Ich lese vor: „Ein ICE braucht für die Strecke Leipzig – Frankfurt vier Stunden. Vor einer Stunde ist er in Leipzig losgefahren, wie lange ist er noch unterwegs?“
Hätte mein Kaktus Augen und darüber Augenbrauen, hätte er eine Augenbraue hochgezogen.
„Das ist doch einfach, was ist deine Antwort?“
„Vier“, sage ich.
„Vier?“, wiederholt mein Kaktus.
„Vier!“, wiederhole ich.
„Vier ist falsch“, erklärt mein Kaktus.
„Nein, vier muss stimmen“, behaupte ich vehement.
„Und wie bist du auf diesen Quatsch gekommen?“
„Ich habe im Zugfahrplan nachgeschaut. Da steht, dass der Zug von Leipzig nach Frankfurt fast fünf Stunden braucht und wenn er schon eine Stunde unterwegs ist, dann braucht er nur noch vier Stunden.“
„Ja, das stimmt“, murmelt mein Kaktus, „aber vielleicht ist dein Lehrer von der ersten Klasse ausgegangen.“
„Die ist im gleichen Zug. Es gibt keinen eigenen Zug für die erste Klasse“, erkläre ich stirnrunzelnd.
„Ich bin nur ein Kaktus, ich bekomme kein Erste-Klasse-Ticket.“
„Weil du ein Kaktus bist?“
„Wahrscheinlich, weil ich Kaktus heiße und nicht Nadelbaum“, pocht er auf seinen fehlgegriffenen Namen.
Ich gehe darauf nicht weiter ein: „Die zweite Aufgabe lautet: zwei Plus zwei. Meine Antwort war sechs.“
„Sechs ist aber definitiv falsch.“
„Nicht, wenn man beide Zweier durch Dreier austauscht.“
Mein Kaktus würde mit den Augen rollen. Mein Kaktus hat keine Augen.
„Wieso sollte man die Zweier durch Dreier austauschen?“
„Na, weil zwei plus zwei nicht sechs ist. Das wäre falsch.“
Ich glaube, dass sich mein Kaktus nachdenklich am Hinterkopf kratzt. Aber er hat keinen Hinterkopf, er hat nicht einmal einen Kopf. Kakteen sind einfach kopflos.
„Wenn man es so sieht, habe ich sogar eine noch schwierigere Aufgabe gelöst. Ich hätte also den Punkt bekommen sollen.“
„Meiner Meinung nach müsste man den Mathematikunterricht weiter ausbauen“, murmelt mein Kaktus vor dem offenen Fenster. Er könnte...




