E-Book, Deutsch, 88 Seiten
Rasmussen Abi und weg
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8476-1179-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei Monate in England
E-Book, Deutsch, 88 Seiten
ISBN: 978-3-8476-1179-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rebecca Rasmussen ist 20 Jahre alt und studiert Englisch und Französisch auf Lehramt
Autoren/Hrsg.
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Abiball
Die schwierigste Frage rund ums Abitur war die nach dem Kleid, das ich beim Abiball anziehen sollte. Ich trage nämlich Jeans, ausschließlich Jeans. Mit einem Kleid fühle ich mich nackt. Beim Abiball und auch schon bei der Abiverabschiedung tragen aber alle Mädchen Kleider oder Kostüme oder Röcke mit Blusen. Solche Sachen habe ich überhaupt nicht mehr, seit ich zwölf war, und ich dachte nicht daran, mir Klamotten von meiner Mutter anzuziehen. Die meisten Mädchen haben zwar solche Sachen, kaufen sich aber trotzdem vom Geld der Eltern für die Abiverabschiedung, bei der die Eltern auf den Auslöser der Kamera drücken, wenn ihre Blagen vom Schulleiter das Zeugnis überreicht bekommen, ein Kostümchen oder ein Sommerkleid und für den Abiball dazu für 300 Euro ein Abendkleid mit renaissancehafter Üppigkeit in Samt und Seide, dessen Stoff aber nie für die Schultern reicht, sodass das bauschige Gewebe nur vom Busen und ein paar Klebestreifen oben gehalten wird. Sie sehen dann aus wie die Mädchen auf dem Debütantinnenball in der Wiener Staatsoper. Nix für mich. Andererseits wollte ich mich auch nicht zum Gegenstand des öffentlichen Geredes machen: Kann die ihre Beine nicht zeigen oder sind ihre Eltern so knapp bei Kasse, dass sie ihre Tochter in einer Arbeiterhose zum Abiball schicken müssen? Oder muss sie ich wieder als Rebell öffentlich produzieren? So ein Gerede brauche ich nicht. Ich wollte schön Abi feiern. Das habe ich mir schließlich ordentlich erkämpft, um danach von niemand abhängig zu sein.
Ich bin ja vorher schon mal mit einem Kleid aufgetreten, aber da war ich nicht ich, sondern Johanna, die Hausdame von Instetten in „Effi Briest“, und in dieser Rolle musste ich natürlich ein langes, graues Kleid tragen. Vor hundert Jahren wäre es ja undenkbar gewesen, dass eine Bedienstete in Hosen herumläuft. Das Kleid sah übrigens nicht traurig aus, wie man wegen der grauen Farbe vermuten könnte, weil zu dem Kleid ein gerüschter weißer Kragen und weiße Stulpen gehörten. Natürlich war wegen der zeitgemäßen Kleiderlänge von meinen Beinen nichts zu sehen, aber es war immerhin ein Kleid und es sah so edel aus, dass ich mir vorstellen konnte, dass ich früher auch gerne mit so etwas herumgelaufen wäre. Überhaupt ist das ja so: Je dezenter eine Frau gekleidet ist, desto attraktiver ist sie, und die kurzen Miniröcke, die heute Mode sind, geilen zwar die Männer auf, weil sie viel Fleisch sehen, ein langes Kleid weckt aber mehr Sehnsüchte, weil die Männer sich alles ausdenken müssen und die kleinen Mängel, die jede Frau hat, nicht zu sehen sind. Das graue Kleid, das ich als Johanna getragen habe, hat sogar auf Benedikt, der den Instetten gespielt hat, gewirkt. Der hatte mich bis dahin so gut wie nicht beachtet, und auf einmal fing er an, mir Komplimente zu machen. Das hat mich ganz schön durcheinander gebracht; denn eigentlich konnte ich den Benedikt nicht leiden, weil er ein fürchterlicher Angeber ist; aber schon wie er den Instetten gespielt hat, zurückhaltend, vornehm und voller Selbstzweifel, hatte ich doch das Gefühl, dass eine ganz empfindsame Seele in ihm steckt, und ich habe mich wirklich ein bisschen in ihn verliebt, wie das auch zu meiner Rolle gehörte. Natürlich durfte ich das nicht zeigen, dass ich heimlich in ihn verliebt war, weil das auch zu meiner Rolle gehörte. Und das kam mir sehr zupass, weil ich mich doch nicht wirklich in Benedikt verlieben wollte. Ich musste ja eine sehr konservative Hausdame verkörpern, die gnadenlos die gesellschaftlichen Normen der Zeit vertrat. Eigentlich war das eine Rolle, die mir persönlich geradezu zuwider war. Um so besser! Die Johanna passte ja zu Instetten besser als seine Frau Effi, die eigentlich ein lebenslustiges Mädchen war, ganz natürlich und ohne das vornehme Getue der Johanna. Ich musste auch der Roswitha, der Bediensteten von Effi, klar machen, dass sie von vornehmen Benehmen keine Ahnung hatte und ein naives Landei war. Ich hatte jedenfalls Spaß daran, wider meine eigene Natur zu handeln und der Roswitha zu verklickern, dass die Frau verstoßen werden muss, wenn sie eine Affäre hat, und dass der Liebhaber abgeknallt werden muss. Es war eine tolle Aufführung. Vier ausverkaufte Vorstellungen haben wir gehabt. Teresa hat sich als Landadelige übrigens gut gemacht. Sie musste sich auch genauso wie ich total verändern und bösartig und giftig über die arme Effi herziehen, was ihrem Naturell ja auch nicht entsprach. Vielleicht hat ihr die Tatsache, dass sie wegen ihrer Schwangerschaft einigen Kummer hatte, dazu verholfen, dass sie richtig Wut und Ärger zeigen konnte. Sie hat überhaupt nicht auf schön gemacht. Sie hat es sich sogar gefallen lassen, zu einer alten Zicke mit faltigem Gesicht und idiotisch aufgetürmten Haaren umgestaltet zu werden. Was ich richtig tapfer fand, war, dass sie dann auch noch nach den Vorstellungen in ihrer hässlichen Kostümierumg unter den Zuschauern herumlief.
Jetzt bin ich aber total vom Thema abgekommen. Ich wollte doch vom Abiball erzählen. Aber wenn man blöderweise mit dem Ende anfängt, kommen einem die Sachen, die davor waren, dauernd dazwischen.
Was ich sagen wollte: Am liebsten hätte ich das Kleid angezogen, das ich als Johanna getragen hatte, und ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht einfach in den Fundus gehen sollte, um es mir für den Abiball auszuleihen. Aber das ging natürlich nicht, weil dann alle noch mehr geguckt hätten, wenn ich mit so einem altmodischen Gewand aufgetreten wäre. Außerdem hat so ein Kleid wie alles, was man auf der Bühne trägt, ein Eigenleben. Das macht einen nicht nur in den Augen der anderen, sondern auch vor einem selbst zu einer anderen Person, und in diesem Fall zu einer Bediensteten, die heimlich von ihrem Boss schwärmt, und das wollte ich ja nun gar nicht sein, weil ich mit dem Abi mein eigener Boss bin.
Irgendwann saß ich mal wieder bei Henning, um mit ihm Englisch zu machen, als seine schwarz-weiße Katze hereinspaziert kam, sich ein paar Streicheleinheiten abholte und sich dann auf die Fensterbank setzte, um sich zu putzen. Ihre Kleidung war perfekt, schön und warm, und sie hatte keinen Pfennig dafür bezahlt. Sie musste sie noch nicht einmal zur Reinigung bringen oder in die Waschmaschine stecken. Sie reinigte sie selbst mit der Zunge und es gab auch keine Falten, die man wegbügeln musste. Sie hat alles mit der Zunge glattgestrichen. Vielleicht ist die Medizin ja eines Tages so weit, dass sie eine Pille entwickelt, von der einem auch so ein schöner schwarz-weißer Pelz wächst. Das wäre doch ein Fortschritt. Ich stellte mir gerade Henning mit schwarz-weißem Fell vor und musste lachen. „Worüber lachst du?“, fragte Henning. „Ich lache über die Katze“, sagte ich, „die hat es gut. Die braucht kein Abikleid“. „Ja“, meinte Henning, „die hat es gut. Die braucht auch kein Englisch.“
Damit wären wir dann wieder beim Thema; aber ich hatte immer noch kein Abikleid, weil mir ja immer noch kein Fell gewachsen war.
Wenn ihr die Geschichte über meine Vorabizeit gelesen habt, wisst ihr, wo ich mir Hilfe holen konnte: bei Christopher, meinem schwulen Freund aus Göttingen. Also fuhren wir, als er mal wieder zu Hause war, nach Hamburg. Meine Lieblingsoma hatte mir 200 Euro zugesteckt, damit ich mir was Ordentliches leisten konnte. Außerdem hatte ich trotz der Ausgaben für den Führerschein noch einiges auf dem Konto, weil ich normalerweise wenig Geld ausgebe: ab und zu Kino oder eine CD. Ich gehe nicht in Discos, wo die meisten ihr Geld lassen und Jeans halten lange. Also ich hatte genug Geld dabei. Eigentlich wollte mich meine Mutter für den Abiball einkleiden; aber das hätte nur Streit gegeben. Bei Christopher war ich mir sicher: Der wusste, was er mir zumuten konnte. Wir waren uns auch gleich darüber einig, dass diese festlichen roten und purpurfarbenen Rokokokleider, die einen oben nackt ließen, nicht in Frage kamen. Als Erstes hat mich Christopher zu einem dunkelblauen Sommerkleid überredet. Hochgeschlossen war es nicht gerade, aber es bedeckte die Schultern und ging über die Knie. Was den Fummel zu einem Sommerkleid machte, waren die kleinen Blüten auf dem Stoff und die Applikationen am Kragen und an den Ärmeln. Es hatte schon ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Kleid der Johanna, war aber viel fröhlicher. Es stand mir, glaube ich, ganz gut, trotzdem kam ich mir darin so verändert vor, dass ich mich kaum selbst wiedererkannte. Christopher zeigte sich ganz begeistert, als ich aus der Umkleidekabine kam, was mir ein paar Hemmungen nahm. Was mir aber noch mehr half, war sein Vorschlag, in diesem Kleid die Rolle eines Mädchens zu spielen, das stolz darauf ist, das Abitur mit Bravour geschafft zu haben. Das war nun eine Rolle, die gut zu mir passte. Ich war froh, die Sache erledigt zu haben, und wollte schon die 59,95, die das Kleid kostete, hinblättern, als Christopher meinte, so billig käme ich nicht davon. Ich bräuchte noch ein Kleid für den Abiball. Das Sommerkleid sei nur für die Abientlassung. „Scheiße!“, sagte ich, „muss das wirklich sein?“ „Das muss“, erklärte mir Christopher. „Du kannst nicht mit demselben Kleid bei der Entlassung und beim Ball auftreten. Außerdem brauchst du sowieso etwas Schwarzes, oder willst du demnächst bei einer Beerdigung in Jeans am Grab stehen. Du kaufst dir jetzt ein schlichtes Schwarzes und bei Bedarf ziehst du eine dunkle Jacke drüber und dann können die Leute in Ruhe sterben.“ Mit dem schwarzen Kleid hatte ich weniger Probleme als mit dem blauen. Es hatte zwar oben weniger Stoff als das blaue, dafür ging es fast bis auf die Füße. Es machte mich richtig schlank und mindestens zehn Zentimeter größer. Es kostete 139,95. Omas Geld war nun weg bis auf zehn Cent, die ich mir als Andenken aufbewahren wollte.
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