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Rasper | »No Sports« hat Churchill nie gesagt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Rasper »No Sports« hat Churchill nie gesagt

Das Buch der falschen Zitate
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7110-5205-6
Verlag: ecoWing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Buch der falschen Zitate

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7110-5205-6
Verlag: ecoWing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer kennt sie nicht, Churchills berühmte Ablehnung der körperlichen Ertüchtigung? Oder Einsteins düstere Prophezeiung: »Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.« Oder Galileis letzten Satz: »Und sie bewegt sich doch!« Was all diese Sätze gemeinsam haben: Sie sind komplett erfunden. Martin Rasper folgt den Spuren der berühmtesten falschen Zitate. Er deckt auf, was wirklich gesagt wurde - oder eben nicht -, folgt der Entstehungsgeschichte dieser berühmten Aussagen und erklärt, wie sie zustande gekommen sind. Ein Buch voller Aha- und Ach-so-Effekte, zum Nachschlagen, Querlesen, Mitdenken und Wundern. Mit einem Vorwort von Goethe

Martin Rasper kennt sich mit komplexen Fakten aus: Er ist studierter Geologe, aber hauptberuflicher Journalist, hatte einen aus Schlesien stammenden Vater und eine von Kaukasus-Schwaben abstammende Mutter, ist in Brüssel geboren und im Taunus aufgewachsen, hat in München und Berlin studiert, in der Oberpfalz und der Türkei gearbeitet und zeitweise in Costa Rica gelebt. Seine wahre Heimat aber war immer die Sprache. Ursprünglich für ihn vor allem ein Mittel, die Welt zu begreifen und sie sich schreibend anzueignen, hat sie sich über die Jahre zu einer Vertrauten und schließlich zu einer Art Landschaft gewandelt, in der er immer wieder auf die Erkenntnis stößt, dass auch Fakten nur halb so interessant sind ohne die dazugehörigen Geschichten. Er schreibt Bücher und Artikel für Zeitungen und Magazine; ob Porträt, Reportage, Interview, Essay oder Feature - er hat alle journalistischen Formen praktiziert. Für sein Buch über die falschen Zitate hat er jahrelang Material gesammelt und Spuren verfolgt, hat mit Experten gesprochen und in Bibliotheken gewühlt.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


»Es wird wohl falsch zitiert sein;
die meisten Zitate sind falsch.«

Theodor Fontane,

Einleitung


Richtige Gedanken
und falsche Zitate


In einem früheren Leben, bevor ich Journalist wurde, studierte ich Geologie. Und da gab es in einer schriftlichen Prüfung mal eine fiese Frage zu Conodonten. Conodonten, soviel zur Erläuterung, sind bizarre Fossilien, die die Evolution vor allem erfunden hat, um Geologiestudenten zu quälen: Sie sehen aus wie Zahnreihen, sind winzig klein, verdammt schwer auseinanderzuhalten und existierten das gesamte Erdaltertum hindurch, 300 Millionen Jahre lang. Man nimmt an, dass es tatsächlich Zähne von aalförmigen Lebewesen sind, die im Meer lebten – nur ist der Rest des Körpers fast nie erhalten. Jedenfalls wusste ich zu wenig über Conodonten und schrieb stattdessen ein -Zitat hin: »Geheimnisvoll am lichten Tag, lässt sich Natur den Schleier nicht entreißen.« Goethe war ja auch Naturforscher, dachte ich, das passt doch. Der Professor reagierte extrem souverän: Er gab mir einen Punkt für Originalität, zog aber einen halben Punkt gleich wieder ab, weil ich, wie er mir bei der Rückgabe der Arbeit erklärte, »ein Schlamper« sei. Korrekt laute der Vers nämlich folgendermaßen, dozierte er dann, während er den erhobenen Zeigefinger tanzen ließ und sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte: »Geheimnisvoll am lichten Tag / lässt sich Natur / und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag / das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben«. 1 : 0 für die Erfahrung des Alters gegen den Leichtsinn der Jugend.

Zitate können also durchaus hilfreich sein, lernte ich daraus – wenn man sie beherrscht. Auch das wusste schon Goethe: »Eine Sammlung von Anekdoten und Maximen ist für den Weltmann der größte Schatz, wenn er die ersten an schicklichen Orten ins Gespräch einzustreuen, der letzten im treffenden Falle sich zu erinnern weiß.«

Und so geht es uns ja allen. Wir lieben zugespitzte Bemerkungen, geflügelte Worte, geschliffene Dialoge. Wir lassen sie im Gespräch fallen, verwenden sie in Reden, Grußworten, Widmungen oder Traueranzeigen. Und natürlich nutzen wir am liebsten Zitate von Menschen, die jeder kennt. Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass berühmte Leute besonders kluge Gedanken äußern, dass sie zu allen Themen, die uns beschäftigen, das Letztgültige bereits gesagt haben, und dass sie schlagfertig sind wie aus dem Drehbuch. Wir wollen Geschichten glauben wie die, dass dem whiskysaufenden, zigarrequalmenden, sprücheklopfenden Winston Churchill eine alte Lady einmal wütend zuzischte: »Wenn ich mit Ihnen verheiratet wäre, würde ich Ihnen Gift in den Tee tun!« – und Churchill ungerührt antwortete: »Wenn ich mit Ihnen verheiratet wäre, würde ich ihn trinken!«

Solche Geschichten sind unausrottbar, auch wenn sie nicht stimmen – sie sind einfach zu gut. Viele der in diesem Buch versammelten Sätze haben diese Art von Qualität. Sie sind prägnant und erhellend; viele sind so griffig, dass Werbeprofis sie nicht besser hinkriegen würden; und manche sind richtig genial. Deshalb sind sie so bekannt. Und deshalb haben sie so ein zähes Leben.

Heutzutage kursieren mehr falsche Zitate als je zuvor. Die Zitatensammlungen im Internet kopieren eine von der andern ab, und selbst ernsthafte Autoren tun sich oft schwer, bis zu den Quellen vorzudringen. Besonders krasse Blüten treibt der Handel mit falschen Zitaten in Todesanzeigen, in der Coaching- und Beraterszene und der Ratgeberliteratur. Und wer sich in jenen Bereichen des Berufslebens tummelt, wo man ständig Meetings und Powerpoint-Präsentationen über sich ergehen lassen muss, der hat mit Sicherheit schon mal ein Impulsreferat gehört, das mit einem Zitat von Henry Ford begann. Von Henry Ford kursieren derart viele Zitate, dass der Mann eigentlich im Hauptberuf hätte Schriftsteller sein müssen.

Die meisten Zitate sind also falsch – hat ja Fontane schon gesagt. Kommt gut, wenn man das so lässig dahinsagt. Aber stimmt es auch? Es ist ja eigentlich nicht Fontane, der hier spricht, sondern eine seiner Figuren: Leo Poggenpuhl, der in Westpommern beim Militär stationiert ist, schreibt den Satz an seine Schwester Manon in Berlin, er fällt also im Kontext einer erfundenen Familiengeschichte. Und er sagt zunächst mal nichts darüber aus, ob der Mensch Fontane dieser Aussage, für sich genommen, überhaupt zustimmen würde. Allerdings – aber so was muss man dann wissen – liebte gerade Fontane es, mit Zitaten zu spielen, etwas bewusst verkehrt zu zitieren oder seinen Figuren schiefe Zitate in den Mund zu legen, um sie dadurch bloßzustellen. Und insofern darf man durchaus sagen: Die meisten Zitate sind falsch, sagt Fontane.

Tatsächlich lässt sich mit Zitaten allerlei Schindluder treiben. Wie oft werden Zitate ungeprüft weitergetragen, fahrlässig verändert oder gar mutwillig erfunden! Ist das überraschend? Nein. Ist es neu? Auch das nicht, nicht einmal im Zeitalter der Fake News. »Um Gedanken und Anschauungen ist es den Leuten auch gar nicht zu tun«, wusste abermals Goethe; »sie sind zufrieden, wenn sie nur Worte haben, womit sie verkehren.«

Die mit Abstand häufigste Verfälschung besteht darin, dass ein Satz mit einem berühmten Urheber zusammengespannt wird. Aus Sicht der Zitate ist das nur einleuchtend: Mit berühmten Eltern lebt es sich natürlich besser. »Matthäus-Effekt« nennt man das Phänomen, dass geflügelte Worte gern zu Leuten wandern, die eh schon berühmt sind. Der Name verweist übrigens nicht auf den Fußballer, was auch passend wäre, sondern auf den Evangelisten. »Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat«, heißt es im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums. Oder, wie der Volksmund sagt: »Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.«

Es gibt in puncto Matthäus-Effekt ein paar absolute Schwergewichte – Autoritäten, die Zitate regelrecht anzusaugen scheinen, so wie ein schwarzes Loch Materie anzieht und nicht mehr hergibt. Aristoteles gehört dazu, Churchill, Einstein; Mark Twain, wenn’s lustig, und Gandhi, wenn’s erhaben sein soll. Das ist sozusagen die internationale Liga. Und dann gibt es die nationalen Champs: in Deutschland Goethe und Luther, in England und Amerika Oscar Wilde und Harry Truman, in Frankreich Victor Hugo, in Spanien Cervantes, in Italien Dante und Leonardo da Vinci. Wenn man nicht weiß, wer’s war – die gehen immer.

Die Zuschreibung eines Zitats an einen berühmten Urheber ist deshalb so unwiderstehlich, weil sie dreierlei bewirkt: Erstens verleiht die Autorität des berühmten Mannes (fast immer sind es Männer) dem Zitat Kraft und Wucht; es wirkt viel stärker, als wenn ein Unbekannter es gesagt hätte. Zweitens fällt ein Teil dieses Glanzes auf den Sprecher zurück, der dadurch gebildeter erscheint. Und drittens hat es etwas Tröstliches, wenn ein großer Geist sich mit einem Thema, das uns umtreibt, auch schon beschäftigt und etwas Gültiges dazu gesagt hat. Letzteres gilt gerade für wichtige Anlässe, etwa für Reden oder Trauerfälle. Beim Oetinger Verlag läuteten vor einigen Jahren die Alarmglocken, als ein bis dahin unbekanntes Zitat von Astrid Lindgren immer häufiger in Todesanzeigen auftauchte: »Wie schön muss es erst im Himmel sein, wenn er von unten schon so schön aussieht?« Die Experten des Verlags waren sich sicher: Der Satz steht nirgendwo bei Lindgren, das ist ein Fake. Man begann zu recherchieren und bereitete sich schon darauf vor, die Anwälte heißzumachen, als eine Erklärung auftauchte: Der Satz stammte aus einer Theateradaption. Astrid Lindgren hatte ihn also tatsächlich nicht geschrieben, aber die Zuschauer des Stücks hatten ihn richtig vernommen. Und nun ist er also in der Welt, der falsche Lindgren-Satz, und von den Trauerkarten nicht mehr wegzukriegen. Er ist einfach zu gut. Und eine hübsche Pointe liegt natürlich noch in der Tatsache, dass es quasi ein unehelicher Satz ist, auch das passt ja zu Astrid Lindgren.

Manche Zitate tun noch etwas anderes, als sich nur an berühmte Leute anzuhängen: Sie verändern sich innerhalb kurzer Zeit, nehmen eine neue Form an, die besser klingt oder das Gesagte besser auf den Punkt bringt – und die sie dann hartnäckig beibehalten. Dabei ist es nicht nur verblüffend zu sehen, wie schnell das teilweise geschieht; die neue Form ist in der Regel auch deutlich prägnanter als das Original. Manchmal wird ein solcher Satz von seinem Erfinder rückwirkend adoptiert und bekommt sozusagen im zweiten Anlauf die Weihe des Originals. So geschehen mit Gorbatschows »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«; so auch mit Willy Brandts Satz »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört«, den er in seiner Rede am Abend des 10. November 1989 vor dem Rathaus Schöneberg nicht gesagt, aber...



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