E-Book, Deutsch, 359 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
Rath Das Erbe der Wintersteins
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2929-2
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Familiengeheimnis Roman
E-Book, Deutsch, 359 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
ISBN: 978-3-7325-2929-2
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Frauen, zwei Jahrhunderte und ein geheimnisvolles Tagebuch, das ihre Schicksale miteinander verbindet.
Ende des 19. Jahrhunderts: Claire wurde als Baby aus einer verunglückten Kutsche gerettet. Seitdem wächst sie auf dem Hof der Wintersteins auf. Unter der strengen Obhut der Bäuerin muss sie die körperlich schwersten Arbeiten verrichten. Doch als ein fremder Mann auf dem Hof auftaucht, erfährt Claire die Geschichte ihrer Herkunft, die sie zutiefst erschüttert ...
Im Jahr 2016: Celine Winterstein liebt die alte Villa ihrer Familie in Meylitz. Doch nun soll das wunderschöne Anwesen, das seit vielen Jahren leer steht, verkauft werden. Schweren Herzens kehrt Celine ein letztes Mal an den Ort ihrer glücklichen Kindheit zurück. In einem Versteck findet sie das alte Tagebuch ihrer Urgroßmutter Claire. Celine ist fasziniert von den Aufzeichnungen ihrer Ahnin - bis sie auf ein düsteres Geheimnis stößt, das ihr Leben für immer verändern wird.
Carolin Rath, Jahrgang 1964, studierte Sozialwesen und schreibt seit ihrer Kindheit Geschichten und Romane. Sie sitzt gern in Zeitmaschinen und bereist in ihrer Phantasie die jüngere und weiter zurück liegende Vergangenheit, wobei sie als permanenten Wohnort jedoch die Gegenwart eindeutig vorzieht. Wenn sie nicht gerade schreibt, unterrichtet sie an der Volkshochschule oder geht einem ihrer zahlreichen Hobbys nach. Sie wohnt in einem kleinen, alten Fehnhaus in Ostfriesland, umgeben von Eichen, Wallhecken und Feldern.
Autoren/Hrsg.
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Klara
Es war im Winter des Jahres 1882, kurz vor Weihnachten, als der Wagen des Krämers Wenzlaff Federer auf beschwerlichen Wegen durch die Provinz fuhr.
Drei Tage lang hatte er die Dörfer und Weiler abseits der üblichen Straßen aufgesucht, um seine Waren feilzubieten. Jetzt war er auf dem Rückweg in die Stadt, aber der plötzlich einsetzende Schneefall hatte ihn zu einem Routenwechsel in unbekannte Gefilde gezwungen und machte ihm schwer zu schaffen. Der Boden war noch nicht gefroren. Schneematsch verwandelte die Straße in einen mühsam zu befahrenen Sumpf. Zweimal war er schon stecken geblieben.
Doch Wenzlaff Federer musste an diesem Abend nur noch das nächste Dorf erreichen, eine Wirtschaft finden, in der er die Pferde versorgen konnte, und einen trockenen Schlafplatz für sich selbst bekommen. Und am nächsten Tag, so hoffte er, würde die Verbindung zur Hauptstraße nicht durch Schneeverwehungen blockiert sein. Er wollte doch so gern Weihnachten zu Hause bei seiner Mutter sein. Sie kam gewiss schon fast um vor Sorge.
»Hü!«, rief er verzweifelt und spornte die beiden Braunen vor seinem Wagen an, damit sie noch einmal das letzte bisschen Kraft aus sich herausholten und ihn die Steigung hinaufzogen. Schweiß bedeckte die zitternden Flanken der Pferde. Rasch setzte jetzt die Dämmerung ein. Schneeflocken tanzten vor Wenzlaffs Augen, hingen schwer in seinen Wimpern und erschwerten ihm die Sicht. Seine beiden Wagenlampen waren bereits im auffrischenden Wind erloschen. Ungeduldig schlugen die beiden Braunen mit dem Schweif.
Endlich auf dem höchsten Punkt der Steigung angelangt, ließ er die Zügel einen Moment sinken und versuchte, sich zu orientieren. Links der Straße, in unbestimmter Entfernung, meinte er einen Lichtschimmer auszumachen. Gewiss war das aber nicht schon das Dorf Unterschwarzbach. Vielleicht war es der Hof eines vorgelagerten Weilers oder ein Einödhof. Der Wind heulte. Mit zunehmender Kälte reifte in Wenzlaff die Erkenntnis, dass es unmöglich sein würde, in dieser Nacht noch bis ins Dorf zu gelangen. Er wollte nach einem Fahrweg bis zu diesem Weiler suchen und gleich hier um Schutz bis zum nächsten Morgen bitten.
»Hü!«, rief er den Pferden noch einmal zu. »Die werden uns schon nicht abweisen. Bald ist es geschafft.«
Eigentlich wusste er gar nicht, ob er mit diesen Worten eher seine Pferde oder sich selbst beruhigen wollte.
Er knallte mit der Peitsche, jedoch ohne die beiden Braunen auch nur zu berühren. Gott wusste, sie hatten alles an Kraft für ihn gegeben. Sie waren die besten Kameraden, die Wenzlaff sich denken konnte.
Noch einmal zogen die Pferde an. Doch jetzt ging es bergab. Wenzlaff hing mit seinem ganzen Gewicht – und das war nicht eben viel, denn er war eher ein dünner, zäher, denn ein kräftiger Mann – in der Bremse. Der Wagen rutschte das steile Gefälle hinunter. Es war so anstrengend, das Fuhrwerk festzuhalten, und kostete ihn so viel Kraft, dass er nicht merkte, wie seine Finger aufrissen und die Handschuhe mit Blut tränkten. Die Haare hingen ihm nass ins Gesicht. Alles in ihm kämpfte, betete gleichzeitig zu Gott und bereute zutiefst den Entschluss, so spät im Jahr noch die Nebenstrecke durch das Gebirge genommen zu haben. Und was hatte er schon verkauft? Ein paar Pfannen und Töpfe und ein winziges Stück echte Seide. Eine läppische Einnahme, und nun drohte er obendrein Pferde und Fuhrwerk zu verlieren. Für einige fürchterliche Minuten sah es schlecht für ihn aus, aber letztlich gewann Wenzlaff den Kampf doch. Endlich hatte der Wagen den Abhang überwunden und stand bald auf ebenem Weg. Auf die Äste der Tannen links und rechts von ihm drückte schwer der Schnee, und obwohl die vom Wind getriebenen Flocken wie spitze Eiskristalle im Gesicht und auf den Augenlidern schmerzten und es Wenzlaff mittlerweile fast unmöglich war, sich ein genaues Bild zu verschaffen, entdeckte er etwa fünfzig Meter vor sich ein weiteres Fuhrwerk, einen hohen Wagen mit einem Aufbau, wie ihn Zirkuswagen hatten. Dieser versperrte die Straße und stand mit dem Rücken zu ihm. Wenzlaff beschloss, den Pferden eine Pause zu gönnen, sprang vom Bock und stapfte zu Fuß weiter.
»Heda!«, rief er schon von Weitem in Richtung des Wagens und beschleunigte seine Schritte. Warum, hätte er nicht genau zu sagen gewusst. Aber eine innere Stimme drängte ihn zur Eile.
Kurz glaubte er, eine Bewegung seitlich des Weges im Unterholz auszumachen, doch er kümmerte sich nicht darum.
Zunächst trat er näher an die Rückseite des Wagens heran. Zwei hölzerne Trittstufen erleichterten das Hinaufklettern. Er öffnete die unverschlossene, schmale Tür und nahm eine am Außenholm festgemachte kleine Lampe vom Haken, um in das Innere des Gefährts zu leuchten.
»Ist hier jemand?«, fragte er zunehmend beunruhigt. »Seid ihr in Not? Benötigt ihr Hilfe?«
Doch niemand antwortete. In einer Ecke des Wagens lag ein regloses Fellbündel auf dem Boden, halb bedeckt von ein paar bunten, zerrissenen Lumpen, an denen noch Spuren von Flitter hafteten. Wenzlaff legte keinen Wert auf eine Begegnung mit Hunden. Meistens schnappten sie nach ihm. Dieser dort war vermutlich tot, weil er sich nicht rührte. Wenzlaff hielt sich trotzdem von seinen Umrissen fern und leuchtete vorsichtig die anderen Ecken aus.
In diesem Wagen wohnte jemand, das sah er. Kochgeräte hingen in einem Winkel, benutzte Teller lagen auf dem Boden. Holzlöffel und allerlei Küchenutensilien hingen über einem kleinen eisernen Ofen. In der anderen Ecke befand sich eine schmale hölzerne Liege. Dieser Wagen gehörte Schaustellern, glaubte Wenzel. Grellbunt gemalte Plakate und kleine Zettel mit den reißerischen Botschaften des Tingeltangels klebten an den Holzlatten. Vielleicht hatten die Leute sich im Schneematsch festgefahren und holten nun Hilfe im Weiler.
Er wollte gerade aussteigen, um den Wagen herum nach vorn gehen und nach dem Pferd sehen, als er von dort schon einen Ruf hörte und unmittelbar darauf dumpfe Galopptritte im Schnee.
»Halt! Halte doch an! Warte, du …«, schimpfte Wenzlaff, sprang hinten aus dem Wagen und strich dicht an den Ästen der Tannen und Fichten entlang, um so rasch wie möglich nach vorn zur Deichsel zu gelangen. Doch er kam zu spät. Wer auch immer sonst noch in diesem Wagen gewesen war, er war fort. In die Nacht hinaus verschwunden, einfach fortgeritten. Wenzlaff glaubte, dass das eine höchst leichtsinnige Entscheidung war. Und eine lästige, denn nun musste er selbst zunächst umschirren, mit seinen eigenen Pferden den fremden Wagen aus dem Weg räumen und ihn an einer geräumigeren Wegstelle abstellen, um anschließend wiederum die Pferde an seinem Fuhrwerk anzuschirren und weiterzukommen.
Wenn er kein frommer Mann gewesen wäre, hätte er sicher geflucht, so aber nahm er es als eine Art Gottesprüfung und wollte gerade zurück zu seinem eigenen Fuhrwerk stapfen, als ein leises Wimmern aus dem Wagen ihn davon abhielt.
Noch einmal stieg er durch den hinteren Eingang und ging den Geräuschen nach. In der Nähe des Ofens stand ein Weidenkorb. Er öffnete ihn und traute seinen Augen nicht.
»Herrgott, steh mir bei!«, sagte er beim Anblick des Säuglings. »Wo ist nur deine Mutter, du kleines Ding?«, flüsterte Wenzlaff, der ein großes Herz besaß und sich keinen Reim auf all das machen konnte. Er hatte auch niemals einen Säugling auf dem Arm gehabt. Er war nicht verheiratet, er lebte mit seiner Mutter zusammen, die ihm den Haushalt führte. Die hätte jetzt sicherlich gewusst, worauf es ankam. Etwas unsicher blickte er sich um.
»Nun, ich glaube, ich bringe dich zunächst einmal ins Warme«, beschloss Wenzlaff und kletterte mit dem Kind aus dem Wagen. Der Säugling begann sofort zu schreien, als der eisige Wind ihm ins Gesicht fuhr. Wenzlaff breitete seinen Mantel über das Kind und drückte es an sich, während er mit der anderen Hand die Wagenlaterne vor sich hielt. Er orientierte sich zunächst an den Lichtern, die er durch die Tannen hatte leuchten sehen. Die Lichter des Weilers. Und tatsächlich hatte er erst wenige Schritte mit seinem kleinen Schützling auf dem Arm zurückgelegt, als er neben einem großen, weißen Findling auf einen verwitterten hölzernen Wegweiser stieß, der in Richtung der wenigen Häuser zeigte.
Wenzlaff wischte den Schnee beiseite und hielt die Lampe vor das Schild.
»Win-ter-stein«, entzifferte er mühsam die kaum noch lesbare Aufschrift. »Nun gut, bringen wir dich also nach Winterstein!«
Das Bauernhaus war von mittlerer Größe, die Wirtschaftsgebäude und der Stallanbau erheblich kleiner. Hinter winzigen Fenstern leuchteten zwei Kerzen. Die Schwelle knarrte, als Wenzlaff mit dem Kind auf dem Arm in den langen Flur trat. Sie hatten ihn schon gesehen und kamen ihm aus der Stube entgegen. Die Frau hielt eine Petroleumlampe in der Hand. Erst als sie näher kam, konnte er ihre Gesichtszüge erkennen. Kantig, schmal, mit hohen, hohlen Wangen, aber einem entschlossenen Zug in den Mundwinkeln. Beide, auch der Mann, wirkten ausgesprochen ärmlich. Das Kind auf Wenzlaffs Arm begann, laut zu weinen.
»Ein schönes Wetter habt ihr euch ausgesucht, um durch die Gegend zu ziehen«, stellte die Frau fest.
»Ich wünsche euch einen guten Abend«, erwiderte Wenzlaff.
»Ein Hausierer, mitsamt seiner Brut«, fuhr die Frau misstrauisch fort.
Wenzlaff schluckte und setzte sein schönstes Krämerlächeln auf. »Bitt schön, kein Hausierer, ein Krämer auf dem Heimweg. Ich bitte für die späte Störung um Entschuldigung. Ich komme mit meinem Fuhrwerk nicht weiter. Ein anderer Wagen versperrt den Weg und …«, er zögerte kurz, »und darin habe ich dieses Kind gefunden.«
Die Frau trat einen Schritt vor und zog Wenzlaffs Mantel vom Gesicht des...




