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E-Book, Deutsch, 164 Seiten

Rathgeber Augenblicke

Erzählungen und Lyrik
3. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-9144-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen und Lyrik

E-Book, Deutsch, 164 Seiten

ISBN: 978-3-7597-9144-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Augenblicke (ver)führen zur Welt. Erzählungen Verlorene Mützen; ein Zollbetrug; ein Brief ohne Absender. In Spannung stehen Ökologie und das Duschen. Ein Spesenbetrug hat ungeahnte Folgen. Metallkugeln werden gefunden. Begegnungen im blauen Abteil. Ein Tanz in einer Kirche; eine Butterfahrt. Warten auf einer Klippe. Ein Unfall in einem Labor. Fallschirmsprünge auf einem Betriebsausflug. Entscheidungen einer KI. Grünliche Lippen und eine rote Tasche. Die Suche nach dem Namen. Eine Liebe wird realisiert. Weihnachtsglanz. Lyrik Wörter entschlüpfen dem Mund; Punkte begrenzen. Menschen reichen sich Kirschen; eine karge Nähe umhüllt sie. Sterne irritieren die Natur. Sind sie Hehler unserer Illusionen? Algorithmen gestalten transhumane Reflexionen. Die Vernunft schwebt nur leise. Uhren schweigen; Züge verharren auf rostigen Gleisen. Eine Barke fährt zu ewigen Gründen; in der Tiefe ist unbekanntes Leben. Heimat im Garten. Angesichts des Todes neigen sich Tapeten. Ein roter Milan fliegt. Die Lage ist verdichtet. "gegebenes sucht eigenes sucht gründe"

Geboren in Flensburg. Studium der Pädagogik, Philosophie und Elektrotechnik (Nachrichtentechnik). Tätig im Lehrbereich. Vielfältige Veröffentlichungen zu mathematischen, informationstechnischen und philosophischen Aspekten. Veröffentlichungen von Gedichten seit einigen Jahren.
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Das Mützenwunder


Unsere alte Stadt hatte keinen hellen Himmel. Dunst, Nebel, Wolken und das Diffuse erzeugten ein gelbliches Licht. Die Linien der Gebäude erschienen verschwommen. Schwefel- und Ölgerüche lagen in der Luft. Metallstangen, Eisenund Autobahnen, Zechen, Gasometer und Raffinerien prägten das Bild. Die Bäume standen oft nur für sich, beinah einsam am Straßenrand. Die Natur rang um ihre Würde.

Diese alte Stadt war für mich eine fremde Welt. Sie war ohne Zentrum und gab uns Menschen keinen Halt. Das menschliche Leben lebte in den Winkeln der Häuser und Fabriken und in den Schatten der Straßen und Gassen. Wir fanden Wärme und Beziehungen oft nur in verborgenen Ecken. Diese Stadt zerriss die Menschen. Ihren Namen möchte ich vergessen.

Unsere alte Stadt: Das stimmt, denn wir wohnen nicht mehr in ihr. Im Sommer – in diesem heißen Hochsommer – dachte ich noch, hier bleiben wir für immer und ewig. Es gibt für uns keine andere Welt. Ich hatte mir Mut zugesprochen und Überlebensideen gesammelt: Stelle dich auf eine lange Suche ein, entwickle einen Plan. Versuche, andere Menschen zu finden. In jenen Tagen spielte ich die Rolle des einsamen Welteneroberers: Als Geometer in der Wüste; als Astronaut; als Soldat.

Auch besorgte ich mir ein Fahrtenmesser. In den Schmuckläden hatte ich schöne, aber unbezahlbare Messer gesehen. Hinter dem Bahnhof traf ich einen mir fremden Jungen, den ich auf unserem Schulhof kennen gelernt hatte. Er bot mir ein Messer an. Eine seltsame Atmosphäre von Angst und Mut umwehte unsere Begegnungen. Die Treffen waren kurz und schienen mir nicht ungefährlich zu sein. Wir verhandelten und sprachen doch kaum. Unsere Augen redeten in ihrer eigenen Art. In der letzten Begegnung forderte er fünfzehn DM. Ich bot: „Zwölf“. Wir schauten beide ernst. Es kam zu keiner Einigung und ein jeder ging seinen Weg.

Und dann zogen wir um. Der Umzug kam wie ein unerwarteter Sommerregen, der über das Land geht. Für uns Kinder zumindest. Mein Vater veränderte sich beruflich und wir zogen in eine kleine Stadt.

Sehr gut kann ich mich an den Tag des Umzugs erinnern. Es kam ein weißer Transporter mit zwei Hecktüren. Er wurde auf dem Fabrikgelände, auf dem wir wohnten, beladen. Es war ein warmer und staubiger Spätsommertag. Der Asphalt glühte zwar nicht mehr, aber die Luft schwirrte und die Vögel schwiegen. Drei oder vier Möbelpacker packten an. Wir Kinder trugen Blumen, Tüten und Kartons mit Kleidung, Gardinen und Tüchern zum Transporter. Meine Mutter putzte noch in den leeren Räumen und reichte kalten Tee. Zur Mittagszeit war der LKW beladen. Die Ladetüren wurden geschlossen. Doch mein Fahrrad stand noch seitlich am Zaun. Die Packer hatten es übersehen. Eine Hecktür wurde wieder geöffnet und mit einem Hin und Her wurde es wie eine metallische Spinne auf die bereits eingepackten Sachen gelegt. Dann schlossen sich die Türen. Das große Abenteuer begann.

Die Gefühle bei meinen Eltern waren mir aber nicht klar. Bei meiner Mutter meinte ich eine Freude spüren zu können: „Wir sind dann wieder mehr im Norden“, sagte sie einmal nebenbei. Aber es war keine reine Freude, die in ihrer Stimme mitschwang. Ich meinte, einen resignativen Ton hören zu können; vielleicht sogar einen Klang der Niederlage. Bei meinem Vater blieb mir die Gefühlslage noch stärker verborgen. Die Versuche, seine Gefühlswelt ergründen zu wollen, blieben meistens ergebnislos. Eindeutigkeit fühlt sich anders an. Für meine Schwestern war es wohl eine Abwechslung in ihrem Alltagsleben. Ein Beieinandersein, in dem sie sich gegenseitig genug waren.

Die Umzugsfahrt dauert bis zum Nachmittag. Meine Eltern hatten am neuen Wohnort ein kleines Haus gemietet, in dem jeder von uns ein eigenes Zimmer erhielt. Ich erhielt mein erstes eigenes Zimmer. Es war zwar nur vier qm groß und hatte keine Heizung. Aber immerhin. Zum Haus gehörte auch ein Garten, den wir gemeinsam mit den Vermietern und noch einer anderen Mieterin, die ein kleines Appartement bewohnte, nutzen konnten.

Und in den ersten frühen Herbsttagen arbeitete meine Mutter an einem Nachmittag auch im Garten zusammen mit den Nachbarn. Sie trug wie so oft eine Küchenschürze und ein Kopftuch. Es wurde gegraben, gejätet und gezupft. Reste von Karotten und Kohlrabi, Kohl, Kartoffeln und Steckrüben wurden eingesammelt. Auch wurden noch einige Früchte geerntet. Stachelbeeren und Rhabarber gab es reichhaltig. Auch fanden sich noch vereinzelt Himbeeren. Die braunen, gelben und roten Blätter überlagerten aber bereits all die verschiedenen Grüntöne. Kleine Beete wurden gegraben und Abgrenzungen wurden angelegt. Zweige wurden geschnitten. Auch ein Zaunstück wurde ausgebessert. Fette Regenwürmer quälten sich durch die Erde. Käfer und kleinere Tiere liefen herum. Solches Getier und diese Spinnen hatte ich noch nie gesehen.

Meine Schwestern spielten an dem Nachmittag mit Maren, einer Nachbarstochter, Gummitwist. Maren war das Enkelkind unserer Vermieter. Ich selbst spielte nicht mit den Mädchen. Gegenüber Maren brachte ich gerade mal ein „Hallo“ über die Lippen. Es waren sehr schüchterne und spröde Begegnungen. An dem Nachmittag fuhr ich selbst Fahrrad auf den Seitenwegen zum Garten. Ich lernte so die Gegend kennen.

Es war ein noch lauwarmer Herbsttag. Die ersten Blätter der Sühne leuchteten auf: Eine blaue Grundfärbung mit rötlichen Spuren und grün-gelben Resten. Und dieses Blau wandelte sich zu einem Violett. Die Farbränder waren nicht klar. Das Spiel der Natur brachte auch in der Hinsicht eine Unschärfe, eine Mehrdeutigkeit ins Spiel. Etwas, worauf ich mich verstand. Und es wurde nach meinem Empfinden auch schon ein erster Wille der Natur zum neuen Leben spürbar. Vielleicht schon diese Sehnsucht zum Frühling, zu einer neuen Entwicklung. Die Schöpfung würde sich wieder bewähren können. Das Lächeln der Welt, so dachte ich, bleibt wohl leicht charmant. Jedoch würde vorerst der Winter kommen und sich ausleben wollen.

In der folgenden Woche waren meine Eltern verreist und ich musste mich an einem Mittwoch nach der Schule bei unseren Vermietern melden. Ich konnte dort zu Mittag essen und meine Hausaufgaben im Wohnzimmer an einem Tisch machen. Nach Abschluss der Arbeit legte ich meine Arbeiten dem Großvater von Maren, er war unser Vermieter, vor. Er war älter als mein Vater und wirkte sehr ernst und streng. Er, so schien es mir, sah in meine Seele. Er hatte den Blick eines Adlers und war genau bei der Sache. Meine Rechnungen kontrollierte er: Sie waren alle richtig. Und es ging, ich kann mich gut erinnern, bei einem Deutschaufsatz von mir um das Wort „Gans“. Ich war mir nicht sicher, ob ich ein ‚s’ oder ein ‚z’ am Ende zu schreiben hätte. Er fragte mich nach der Mehrzahl. Und ich sagte: „Gänse“. „So“, sagte er, „was hörst du?“ „Ein ‚s’“, meinte ich. „Richtig! Und so schreibst du in der Einzahl auch ein ‚s‘.“ Mir fiel eine Last von der Seele. Endlich hatte ich eine Regel gehört und wohl auch verstanden. Die Laute hängen eng mit der geschriebenen Sprache zusammen. Man kann es hören. Ich kann es hören. Ich hatte noch nie davon gehört! Kennen meine Lehrer diese Regel gar nicht? Ich überlegte, es in der Schule erzählen zu wollen. Es schien mir eine große Entdeckung zu sein. Dieses „Richtig!“, diese Zustimmung war wohl auch ein Lob. Ich war glücklich und beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, geprüft zu werden – und dies in vielerlei Hinsicht. Dieses trockene, knappe und zugleich so klare „Richtig“ war für mich wichtiger als jedes überschwängliche Lob. Ich brauchte kein Kinderlob mehr. Eine nüchterne Bestätigung war ganz in meinem Sinne. Ich wurde als würdig für das ernsthafte Lernen und Leben angesehen. Der Großvater von Maren wusste viel von mir. ‚Er lässt sich nicht täuschen‘, war mein Gedanke. Und ich wollte bestehen. Er war mein Prüfer, mein Prüfstein. Doch ich merkte auch, dass meine Möglichkeiten zur Beeinflussung gering waren. Ich konnte auf keinen Fall ein Schauspiel oder ähnliches aufführen. Sei korrekt, ehrlich und fleißig! Sei nicht dumm; strenge dich an!

Am Samstag darauf arbeitete meine Mutter wieder im Garten. Es war vielleicht schon der goldene Herbst, von dem manchmal bei uns in der Familie gesprochen wurde. Meine Mutter, unsere Vermieter und eine weitere Nachbarin unterhielten sich im Garten. Sie sprachen, ich hörte es nebenbei, über Pflanzen, Gartengestaltungen, Kinder, auch Bücher und Lebensorte. Und erzählt wurde von der Herkunft, den Hoffnungen, den stolzen Gedanken, Bindungen und Erwartungen. Jeder verdeutlichte seine Kräfte und Konflikte und konnte diese so vielleicht auch klären und zum Teil überwinden. Es wurde, so schien es mir, auch gesprochen, um eine neue Heimat zu stiften. Die Sätze bildeten ein Netz, das sich mit dem Garten, den Pflanzen und den anderen Menschen und ihren Gefühlen verband. Ein Netz wurde gewebt, das sich dann über uns legte. Es richtete wie...



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