E-Book, Deutsch, 330 Seiten
Rathjen Von Get Back zu Let It Be
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86287-113-1
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Anfang vom Ende der Beatles
E-Book, Deutsch, 330 Seiten
ISBN: 978-3-86287-113-1
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Friedhelm Rathjen, geboren 1958 in Westerholz bei Scheeßel, kaufte sich 1973 als seine erste Schallplatte das 'Blaue Album' der Beatles. Beruflich beschäftigte er sich (als Literaturkritiker, Biograph und Übersetzer) mehr mit Texten als mit Tonträgern; zu seinen über 900 Veröffentlichungen gehören etliche Bücher und viele Aufsätze über Arno Schmidt, James Joyce und Samuel Beckett, aber auch Gedichte, Kurzprosa, Reiseberichte sowie satirische Studien zu den Rockfestivals von Woodstock und Scheeßel, zu Arno Schmidt als Lennon-Übersetzer und zum Leben mit Jimi Hendrix. Übersetzt hat Rathjen sowohl Klassiker der englischen und amerikanischen Literatur (Robert Louis Stevenson, Mark Twain, James Joyce, Gertrude Stein, Charles Olson, Edward Thomas, Richard Jefferies, Henry James) als auch ganz unklassische Gegenwartsautoren (Christopher Buckley, Tom Murphy, Jonathan Ames und andere); sowie seine vielgerühmte Neuübersetzung des Moby-Dick von Hermann Melville und die Expeditionstagebücher 1804-1806 der Entdeckungsreisenden Lewis und Clark. Rathjen, der 2013 für seine Neuübersetzung des Romans 'Ein Porträt des Künstlers als junger Mann' mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet wurde, lebt heute in Südwesthörn an der nordfriesischen Nordseeküste.
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Anfänge
1960-1968
Am frühen Nachmittag des 10. Januar 1969 sitzen vier junge Männer samt Gefolge in der Kantine der Filmstudios von Twickenham im Westen Londons, und die Dinge zwischen ihnen stehen gar nicht gut. Die vier heißen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr; es sind die Beatles, und zwischen zweien von ihnen knallt es mächtig – zwischen John und George. Wutschnaubend verlässt George am Ende den Schauplatz, und nicht nur den, sondern die Gruppe; er steigt bei den Beatles aus. Eine Woche lang sieht es so aus, als sei dies das definitive Ende der Beatles, dann geht es aber doch noch weiter, und zwar nicht etwa, weil Johns spontane Idee umgesetzt würde, man könne als Ersatz für George ja einfach Eric Clapton verpflichten „oder Jimi“, sondern es geht weiter, weil George sich bereit erklärt, unter bestimmten Bedingungen wieder einzusteigen. Eine dieser Bedingungen ist, dass sie aus Twickenham verschwinden.
Dass sie überhaupt in Twickenham sind, schon seit einer Woche, hat paradoxerweise gerade damit zu tun, dass Paul die Beatles wiederbeleben wollte, und zwar durch eine Rückkehr zu den Wurzeln, zum gemeinsamen Livespiel. Dieses Ansinnen geht gründlich in die Hose, das weiß jeder, der das Beatles-Album Let It Be und den gleichnamigen Film kennt, also die Dokumente dieser Sessions – oder vielmehr die angeblichen Dokumente, denn es sind in Wahrheit eher Verfälschungen. Der Streit zwischen John und George kommt im Film nicht vor, dafür aber eine Auseinandersetzung zwischen George und Paul über Details der Instrumentierung eines Songs, und folglich gilt seit dem Erscheinen von Platte und Film Paul als der Buhmann, dessen diktatorisches Gehabe die Beatles ruiniert habe.
Dabei ist es eigentlich gerade kein diktatorischer Ansatz, sondern die Gemeinschaft vier halbwegs gleichberechtigter Kumpel, die Paul mit dem Projekt hatte stärken wollen. Die Männerkumpanei war es, auf deren Basis die Beatles funktioniert haben, solange sie funktionierten; ja, eigentlich ist es nicht mal eine Männerkumpanei, sondern eine Jungsfreundschaft, herübergerettet noch aus gemeinsamen Schul- und Jugendzeiten. Seit 1957, als Paul fünfzehn war und John sechzehn, machen sie zusammen Musik; George ist seit 1958 dabei, als Vierzehnjähriger, und das, was sie machen, ist natürlich Livemusik. Die drei spielen mit verschiedenen anderen Jungs in Gruppen mit wechselnden Namen, am längsten als Quarrymen; zu den Beatles werden sie 1960 bei ihrem ersten Engagement in Hamburg, und diese eigentliche Geburtsstunde der Beatles steht im Zeichen irrwitziger Livearbeit. In Hamburg absolvieren die Beatles zwischen August und November 1960 gut hundert Auftritte im Indra Club und im Kaiserkeller, dann von April bis Juli 1961 nochmals knapp hundert Auftritte im Top Ten Club, schließlich im April und Mai 1962 knapp fünfzig Auftritte im Star-Club – und das sind keineswegs Kurzauftritte, sondern in der Regel sechsstündige Nachtschichten, durchzuhalten nur unter Zuhilfenahme diverser Aufputschmittel, und natürlich brauchen sie außerdem ein riesiges Repertoire an Songs (vor allem ihrer 50er-Jahre-Idole: Elvis Presley, Little Richard, Chuck Berry, Buddy Holly), die sie im Schlaf beherrschen. Seit dem Ausstieg des völlig unmusikalischen Bassisten Stu Sutcliffe Ende 1961 sind sie ein Quartett (noch mit Pete Best am Schlagzeug); John ist zu dieser Zeit der unbestrittene Boss (und zudem, wie sich bei den Get Back-Sessions erweisen wird, ein lausiger Bassist) und George der versierteste Sologitarrist, also übernimmt Paul, ohnehin der begabteste Multiinstrumentalist, den nicht sonderlich beliebten Bass. Zum Quintett werden sie sich erst bei den Get Back-Sessions wieder erweitern, als kurzzeitig Billy Preston zu ihnen stößt, übrigens auch er ein alter Kumpel aus Hamburg, wo er 1962 als blutjunger Pianist parallel zu den Beatles ein Engagement in der Begleitband von Little Richard hat. Ein weiterer Kumpel aus Hamburg ist der Schlagzeuger der Konkurrenzband Rory Storm & the Hurricanes, mit dem die Beatles vertragswidrig einige Sessions absolvieren: Ringo Starr. Auch er ist also schon mit John, Paul und George durchs Hamburger Fegefeuer gegangen, obgleich er erst im Sommer 1962 Mitglied der Band wird, nachdem diese Pete Best anlässlich der ersten Plattenaufnahmen auf Betreiben des Produzenten George Martin gefeuert hat.
„Mach schau!“ lautet die Anweisung, die die Beatles von ihrem ersten Arbeitgeber in Hamburg erhalten; also lernen sie, wirklich eine Schau abzuziehen. Als Liveband erobern sie nach der Rückkehr aus Hamburg ihre Heimat Liverpool; live im Studio treten sie (nach einer Pleite bei Decca) bei der Firma EMI überzeugend genug auf, um einen Plattenvertrag zu ergattern; fast live im Studio spielen sie am 11. Februar 1962 – also innerhalb eines Tages – ihr komplettes erstes Album ein. Aber damit endet fürs erste auch schon die Geschichte der Beatles als Livetruppe; rasch finden sie Gefallen an allen Möglichkeiten der Studiotechnik und nutzen sie weidlich, um ihre Musik in rasantem Tempo weiterzuentwickeln, bis hin zu komplizierten Tönen und komplexen Klangstrukturen, die sich auf der Bühne mit der damaligen technischen Ausrüstung beim besten Willen nicht mehr reproduzieren lassen. Zwar sind die Beatles über Jahre hinweg fast pausenlos auf Tour, um auf der ganzen Welt Konzerte zu geben, aber diese Konzerte haben mit den Sechs-Stunden-Gigs der Hamburger Zeiten nichts mehr zu tun: Meist spielen die Beatles nur zwanzig, dreißig Minuten lang, fertigen das Publikum mit einer Handvoll leicht runterzunudelnder Hits ab – und können sich dabei selbst kaum hören, weil dieses sehr junge Publikum unentwegt kreischt und alle musikalischen Feinheiten übertönt. So verlieren die Beatles paradoxerweise auf ihren Livetourneen die Fertigkeit, live zu spielen; und die Lust dazu ohnehin. Am 29. August 1966 geben sie in San Francisco am Ende einer frustrierenden, teils sogar von Attentatsdrohungen und politischen Verwicklungen überschatteten Welttournee ihr letztes öffentliches Konzert.
Fortan können sie sich noch mehr auf die Möglichkeiten des Studios konzentrieren, fummeln und feilen ewig an Johns fast avantgardistisch klingender Single Strawberry Fields Forever und dem ultimativen Rock-Kunst-Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, das auf Pauls Betreiben als Konzeptalbum mit Überleitungen zwischen den Songs (teilweise unter Zuhilfenahme künstlich hinzugemischter Liveeffekte) angelegt ist. Von nun an werden sie versuchen, jedes ihrer Alben nicht als bloße Sammlung von Einzelsongs, sondern als Gesamtkunstwerk zu konzipieren, bei dem zumindest einige der Songs ineinander übergehen. Mit solchen konzeptuellen Tricks, die vor allem von Paul verfolgt werden, gelingt es immer wieder, auf ihren Alben eine künstlerische Kontinuität und Einheit zu suggerieren, die so allerdings gar nicht mehr besteht. Am deutlichsten wird das auf dem Doppelalbum The Beatles von 1968 (gemeinhin als „Weißes Album“ bezeichnet), dem eigentlichen Nachfolger von Sgt. Pepper, auf dem die vier Beatles zum Teil völlig entgegengesetzte musikalische Ziele verfolgen und zudem in die große Wundertüte etliche Tracks hineinpacken, an denen nur ein oder zwei Beatles (teilweise zusammen mit Gastmusikern) mitgewirkt haben – als Gesamtalbum geht es (wenn überhaupt) nur durch geschickte Überleitungen und die richtige Verpackung auf.
So sehr aber der Abschied von den anstrengenden Livetouren die Beatles musikalisch auch beflügelt hat, eines fehlt ihnen nun doch: der alte Zusammenhalt von Kumpeln, die stets beisammen sind und alles gemeinsam tun. In den Jahren bis 1966 haben sie fast ihre gesamt Zeit miteinander verbracht, selbst Ehefrauen und Freundinnen müssen zurückstecken. Das Beatles-Prinzip war ein Rahmen, der alles aushielt, auch gelegentliche Krisen, vor allem bei John, rasche Interessens- und Geschmackswechsel bei allen vieren vertrug und aus der Summe der divergierenden Teile ein immer noch homogenes und voranstrebendes Ganzes entstehen ließ. Dieser Rahmen fehlt nun, und schlimmer noch: die Reste des Rahmens werden im Zweifel nicht mehr als Rückhalt begriffen, sondern als Zwangskorsett, das die eigene Freiheit behindert. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die vier pubertierenden Jungspunde von einst nun erwachsen geworden sind und plötzlich Interessen entwickeln, bei denen die Männerkumpanei nicht mehr unangefochten im Vordergrund steht. George, seinen Freunden einst als unbeschwerter nächtlicher Pistengänger bekannt, beschäftigt sich so nachhaltig mit östlicher Musik, Philosophie und Spiritualität, dass ihm sein Dasein als Beatle zweitrangig wird. Ringo findet Gefallen an der Schauspielerei. Paul beginnt, beeinflusst durch die Intellektuellenfamilie seiner langjährigen Freundin Jane Asher, sich für avantgardistische Kunst zu begeistern, und überredet den bisher eher an Fernsehkomikern als an künstlerischen Happenings interessierten John, sich die Aussellung einer japanisch-amerikanischen Avantgarde-Künstlerin anzuschauen. So gerät John am 9. November 1966 an Yoko Ono und findet auf diese Weise ein neues Betätigungsfeld jenseits der Beatles, und zwar sowohl in künstlerischer als auch in privater Hinsicht.
Während der langwierigen Arbeit am „Weißen Album“, die sich von Mai bis Oktober 1968 hinzieht, ist Yoko fast ständig bei John im Studio, hockt meist schweigend an seiner Seite oder nervt die anderen Beatles mit langen Monologen. Als Ringo es nicht mehr aushält, fragt er John, was das denn solle, und John erklärt ihm, Yoko und er wollten nun mal ein Leben führen, das wirklich ein gemeinsames sei, wo jeder wisse, was der andere tue. Ringo schluckt das, es hat immerhin seine Logik. Paul muss dann...




