Rauch | Zurück in der Fremde | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Rauch Zurück in der Fremde


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7407-9458-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7407-9458-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Amazonas-Regenwald verknüpft sich das Schicksal eines Indiodorfes untrennbar mit dem des jungen deutschen Geologen Martin. Nach dem Bruch mit Vera sieht er in einem beruflichen Südamerikaaufenthalt die Chance, sein Leben neu zu ordnen. Doch dort begegnet er schon bald Menschen, die ihn in den Bann ziehen: die Quimarù, ein indigenes Volk im Regenwald, dessen Existenz auf dem Spiel steht. Yulia, die Tochter des Dorfvorstehers fasziniert ihn ganz besonders. Martin taucht ein in die magische Welt der Indigenen und gewinnt durch sie eine neue Sicht auf das Leben. Yulia und Martin nehmen den Kampf gegen den Staudamm auf, der die Lebensgrundlage der Quimarù bedroht. Doch sie und ihre Mitstreiter haben es mit einem mächtigen Gegner zu tun, der vor Gewalt nicht zurückschreckt ...

Bruno Rauch, geboren 1956 in Lohr am Main. Lebt und arbeitet seit 1976 in München. Nach Studium und Promotion an der TU München langjährig in Managementfunktionen der Wirtschaft tätig. Beendete diese Beschäftigung 2014, um Zeit und Raum zu haben für kreative Dinge. Seitdem Teilnehmer an Schreibworkshops und Literaturwettbewerben, schreibt Kurzprosa und hat seinen ersten Roman fertiggestellt. Mit der Erzählung 'Klangfarben' gewann er den ersten Preis in der Ausschreibung 'Die Farbe Rot' des Literaturpodiums, erschienen in der Anthologie Auf der Halbinsel, Dorante Edition, BoD, 2016
Rauch Zurück in der Fremde jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Südamerika

Ein befreiendes Gefühl breitete sich in mir aus. Und ich zögerte keinen Augenblick, als mir mein Chef das Angebot machte, die nächsten drei Monate in Südamerika zu arbeiten. Erst einmal nur weg von hier! Je weiter, umso besser! Hinter mir lassen, was geschehen war und Neues erfahren. Die letzten Wochen waren voll von Tagen der Trauer, der Wut und der Verzweiflung. Nun sah ich eine Chance, all dem zu entkommen! Mit der räumlichen Distanz würde ich auch emotional Abstand gewinnen.

Nachdem mich Vera verlassen hatte, grub ich mich immer tiefer in die Arbeit ein, um von meinen Gedanken und Gefühlen loszukommen. Doch am Abend, zuhause, spürte ich die Einsamkeit und schlief nur schlecht ein. Dabei war ich meist hundemüde nach Arbeitszeiten von zehn, zwölf Stunden am Tag. Ich versuchte mit Alkohol das Gefühl der Leere zu betäuben. Es half nicht. Zwar schlief ich dann besser ein, doch am nächsten Tag befand ich mich in einem umso erbärmlicheren Zustand.

Um eine neue Beziehung zu beginnen, fehlten mir der Mut und die Energie. Ich versuchte es lieber mit Bekanntem und verabredete mich mit meiner Kollegin Monika zum Abendessen. Schon immer an fand ich sie anziehend, mit ihrem Lachen verbreitete sie gute Stimmung im Büro und sie war immer für einen Spaß zu haben. Meine Laune heiterte sich sofort auf, als ihr dunkelbrauner Lockenschopf aus der Haustür kam und sie mich mit ihrem hübschen Mädchengesicht anstrahlte. Monika war ein Kopf kleiner als ich, nicht superschlank, doch sie hatte eine attraktive Figur. Es wurde der erste Abend seit langem, an dem ich mich richtig gut fühlte. Von da an unternahmen wir häufiger etwas zusammen: ein gemeinsames Abendessen, ein Kinobesuch oder wir verabredeten uns in einer Bar auf einen Drink. Doch sobald ich wieder alleine war, kamen die Traurigkeit und der Schmerz zurück. An zwei oder drei unserer gemeinsamen Abende landeten wir bei mir zuhause im Bett. Es handelte sich um nichts anderes als Sex zwischen zwei einsamen Menschen, die mit sich selbst nicht im Reinen waren und die sich damit nur von ihrer augenblicklichen Misere ablenkten. Zusammenkommen würden sie auf diese Art und Weise niemals. Es stellte sich nämlich heraus, dass Monika in einer ähnlichen Situation war wie ich. Dass sie von ihrem festen Freund, wie sie ihn nannte, vor einigen Wochen verlassen worden war.

Erst nach einiger Zeit mit ihr wurde mir bewusst, dass ich nur ein Ablenkungsmanöver betrieb, das mich nicht weiterbrachte in der Verarbeitung meines Schmerzes. Ich fühlte mich durch Vera verraten und erniedrigt und dieses Gefühl wühlte weiter tief in mir.

So kam das Angebot meines Chefs genau zum richtigen Zeitpunkt. Er sprach mich eines Morgens im Büro an:

„Martin, hast du mal Lust auf was ganz Anderes?“

„Wie? Was meinst du?“

„Ja oder nein?“

„Prinzipiell, ja… Was ist los?“

„Dir sagt doch etwas, oder?“

„Sicher, ich habe daran mitgearbeitet.“

„Und jetzt halte dich fest: Wir haben das Projekt gewonnen. Vier Mitanbieter haben wir aus dem Feld geschlagen!“

„Das ist ja super! Gratulation, Christian.“

„Danke, das Kompliment gebe ich zurück. Ihr habt tolle Arbeit geleistet. Jetzt werden wir sehr bald ein Team von vier Spezialisten auf den Weg schicken. Was hieltest du davon, wenn du einer von den vieren wärst?“

„Ist das dein Ernst? Das würde mich riesig freuen! Und ich sähe es als einen großen Vertrauensbeweis.“

„Das ist es auch. Du hast dir das verdient, beziehungsweise erarbeitet, Martin. Allerdings: In zwei Wochen geht es schon los, das muss dir klar sein.“

„Auf so eine Chance habe ich schon lange gewartet, Christian. Ich bin in zwei Wochen startklar, keine Frage!“

Ich musste nicht erst überlegen, ob ich zusagen sollte. Im gleichen Augenblick, als ich das Angebot bekam, spürte ich große Freude und Erleichterung. Spontan entstand eine Aufbruchsstimmung in mir. Bilder, die ich von Südamerika schon einmal gesehen hatte, flogen an meinem inneren Auge vorbei. Noch nie hatte ich mich so schnell und ohne lange nachzudenken für etwas entschieden wie eben.

In den nächsten Tagen beschäftigte ich mich im Büro mit den Unterlagen zum Projekt. Für zuhause hatte ich mir Literatur und einen Reiseführer besorgt, womit ich mich auf das Land und die Menschen dort vorbereitete. Ein wenig Zeit würde neben der Arbeit hoffentlich für private Unternehmungen bleiben. Und diese Chance wollte ich unbedingt nutzen.

Ich traf alle Vorkehrungen, die für einen längeren Auslandsaufenthalt zu treffen waren. Andreas, meinen Studienfreund bat ich, ab und zu nach meiner Wohnung zu sehen und den Briefkasten zu leeren. So kurzfristig wie die Sache auf mich zukam, hatte ich keinen Untermieter gefunden, der in der Zeit meine Wohnung hätte nutzen und beaufsichtigen können. Und der außerdem mein Budget etwas aufgebessert hätte.

Nach zwei Wochen war ich wie versprochen startbereit und fuhr morgens mit der S-Bahn zum Flughafen. Monika war traurig über meine Abreise, sie hatte sich inzwischen Hoffnungen gemacht, dass aus unserem Verhältnis eine richtige Beziehung werden könnte. Ich tröstete sie, dass ich ja nur ein paar Wochen weg sei und hoffte, sie damit zu beruhigen. Ich sagte ihr nicht, dass ich für mich selbst schon eine andere Entscheidung getroffen hatte. Nach dieser Reise sollte alles anders sein, mir stand ein Neuanfang bevor und ein Paar würden wir keinesfalls werden. Dieser Gedanke hatte sich schon fest in mir verankert.

Mit mir reisten Peter, ein Vermessungstechniker, der dem Büro schon seit vielen Jahren angehörte, Stephan, ein etwas älterer Kollege, auch er Vermessungsingenieur und Hans – genannt Johnny – ein junger Kollege, der für die Kartographie und Dokumentation zuständig war. Unser Flug ging am 15. September 1993 von Frankfurt via Madrid nach Caracas. Am folgenden Tag würden wir nach Colcha weiterfliegen, eine kolumbianische Provinzhauptstadt und unser Einsatzort. Zirka zwanzig Ingenieure und Wissenschaftler nahmen dort in einem Camp ihre Arbeit auf. Ihre Aufgabe war es, die Bauarbeiten an vorzubereiten, einem gewaltigen Wasserkraftwerk, das die zukünftige Stromversorgung mehrerer grenznaher Regionen des Landes absichern sollte. Den Auftrag hatte sich ein britisch-französischdeutsches Konsortium gesichert, das Projekt wurde zu einem Großteil von der Weltbank finanziert. Unser Anteil bestand aus den Vermessungsarbeiten und dem geologischen Gutachten. Zwölf Wochen waren für diesen Einsatz veranschlagt. Zwölf Wochen, die für mich genau zum richtigen Zeitpunkt kamen. Ich wollte Abstand gewinnen, Neues sehen, Altes vergessen um – so hoffte ich – danach mit frischer Energie nach Deutschland zurückzukehren. Zeit genug jedenfalls, um mit mir selbst wieder ins Reine kommen.

Zuletzt hatten die Kollegen häufiger ironische oder zotige Bemerkungen gemacht, mein Verhältnis zu Monika war im Büro nicht verborgen geblieben. Peter rief mir als Begrüßung am Flughafen zu: „Na, Martin, kommst du alleine? Hatte Monika denn keine Zeit?“

„Lass gut sein, Peter. In den nächsten Monaten müssen vor allem wir miteinander klarkommen. Keine Zeit für Frauengeschichten.“

„Schade eigentlich!“, warf Johnny ein. „Es soll tolle Señoritas geben in Kolumbien.“

Wir begaben uns zum Check-in. Mit einer Viertelstunde Verspätung hob das Flugzeug ab und ich ließ Europa für eine Weile hinter mir – so glaubte ich.

Nach sechzehn Stunden Flug landeten wir pünktlich in Caracas und wurden wie vereinbart von einem Boy erwartet. Er hielt eine Tafel hoch, die unsere vier Namen zeigte – beziehungsweise das, was von ihnen übriggeblieben war. Gerade noch genug, um sie zu entziffern.

Zwei Taxen brachten uns in die Stadt: alte, klapprige Ford Thunderbirds, die Polsterung schon stark zerschlissen, es roch darin nach einer Mischung aus Essen, Tabak und Alkohol. Die beiden Wagen schaukelten ihre Passagiere in das Zentrum, als ob sie eine Überfahrt in stürmischer See machten. Sie hielten vor dem Hotel Central Palace, das von außen ein nur mittelprächtiges Bild abgab. Dieser Eindruck bestätigte sich, als wir die Zimmer in Augenschein nahmen. Nach einigem Hin und Her entschieden wir, dass es für eine Nacht o.k. sei.

„Mehr Komfort wird uns die Containersiedlung in Colcha auch nicht bieten“, bemerkte Stephan.

„Gerade deswegen hätten wir ja heute nochmal Luxus verdient“, erwiderte Johnny.

„Dann ist die Enttäuschung umso größer. Besser wir gewöhnen uns schon heute an südamerikanische Verhältnisse.“

Stephan hatte einige Erfahrung mit Reisen in fremde Länder. Er war seit gut zwanzig Jahren in seinem Beruf und viel unterwegs gewesen. Einiges davon erfuhren wir auf dem Flug, auf dem sich Stephan als ein ausgezeichneter Erzähler entpuppte und uns bei ein paar Bieren aus der Dose mit alten Geschichten aus seinem Berufsleben die Zeit verkürzte.

Meine erste Nacht in...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.