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E-Book, Deutsch, Band 505, 64 Seiten
Rauenstein Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 505
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9789-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
All die Tränen, die ich weinte
E-Book, Deutsch, Band 505, 64 Seiten
Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler
ISBN: 978-3-7325-9789-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tränen stehen in Heidelindes Augen, denn es ist die Stunde des Abschieds von dem Mann, die sie so sehr liebt. Nie mehr werden sie sich wiedersehen, nur mehr die Erinnerungen an Tage voller Glück werden bleiben.
Alles bäumt sich in ihr auf gegen die Endgültigkeit der Trennung. Warum werfe ich mich nicht einfach in seine Arme, flehe ihn an, zu bleiben, mich nicht zu verlassen? Ich liebe ihn doch, ich sehne mich nach seinen Küssen, nach seiner Liebe. Stattdessen schicke ich ihn zu der anderen zurück, und ihr wird er all die Zärtlichkeit geben, nach der ich mich für den Rest meines Lebens krank sehne.
Da wendet sich der Mann ruckartig ab. Er wirft keinen Blick mehr zurück, als er jetzt mit schnellen, zielsicheren Schritten fortgeht ...
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All die Tränen, die ich weinte
Wie ein einsames Herz Geborgenheit fand
Tränen stehen in Heidelindes Augen, denn es ist die Stunde des Abschieds von dem Mann, den sie so sehr liebt. Nie mehr werden sie sich wiedersehen, nur mehr die Erinnerungen an Tage voller Glück werden bleiben.
Alles bäumt sich in ihr auf gegen die Endgültigkeit der Trennung. Warum werfe ich mich nicht einfach in seine Arme, flehe ihn an, zu bleiben, mich nicht zu verlassen? Ich liebe ihn doch, ich sehne mich nach seinen Küssen, nach seiner Liebe. Stattdessen schicke ich ihn zu der anderen zurück, und ihr wird er all die Zärtlichkeit geben, nach der ich mich für den Rest meines Lebens krank sehne.
Da wendet sich der Mann ruckartig ab. Er wirft keinen Blick mehr zurück, als er jetzt mit schnellen, zielsicheren Schritten fortgeht …
Nächtliche Stille lag über der kleinen Talsenke, die vom Wald eingeschlossen wurde. Durch die hohen Baumwipfel fiel das Licht des Mondes und wob einen goldenen Schimmer um das kleine Waldhaus, das verträumt auf der Lichtung stand.
Zwischen den Bäumen wurde eine schlanke Gestalt sichtbar, und leichtfüßige Schritte kamen näher. Vor dem Haus blieb sie stehen, dann klirrten leise Schlüssel, und kurz darauf ertönte eine tiefer Seufzer.
Vergebens versuchte die nächtliche Besucherin, die Tür zu öffnen. Aber keiner ihrer Schlüssel schien zu passen.
Einen Moment dachte sie nach, und dann stemmte sie sich plötzlich gegen die Tür, als wolle sie diese gewaltsam öffnen.
Mitten in der Bewegung erstarrte sie, als eine spöttische, männliche Stimme hinter ihr erklang.
„Mir scheint, Sie haben noch nicht sehr viel Übung darin, in fremde Häuser einzubrechen, mein Fräulein. Vielleicht darf ich Ihnen meine Hilfe anbieten?“
Das junge Mädchen fuhr herum und starrte aus weit geöffneten Augen, in denen deutlich jähe Furcht stand, auf den hochgewachsenen Mann, der jetzt zwischen den Bäumen hervortrat und unweit von ihr stehen blieb.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“, stieß sie hervor und machte eine fluchtartige Bewegung.
„Das Gleiche könnte ich Sie fragen“, erwiderte der Mann. „Vielleicht will ich nur die Einsamkeit des Waldes genießen, oder aber es reizt mich, dieses Haus zu betreten, genau wie Sie.“
„Ich habe wahrscheinlich den falschen Schlüssel eingesteckt“, murmelte das junge Mädchen nervös.
Deutlich sah sie sein spöttisches Gesicht, das im silbrigen Licht des Mondes sehr hart und kantig aussah. Ihr war es, als ginge etwas Drohendes von diesem Mann aus, und die Furcht presste ihr das Herz zusammen.
„So, Sie haben also den richtigen Schlüssel vergessen. Dann sind Sie wohl die Besitzerin dieses Hauses?“, wollte er wissen.
„Und wenn es so wäre, was geht es Sie an?“, gab sie wütend zurück.
„Sie haben recht. Es geht mich nichts an. Ein Kavalier stellt einer Dame auch keine peinlichen Fragen. Ich bin aber galant genug, eine Dame nicht hilflos ihrem Schicksal zu überlassen. Darf ich Ihnen also meine Hilfe anbieten?“
Er war dicht neben sie getreten, holte nun zu ihrer Verwunderung einen Bund Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss die Tür auf.
Mit einer Verbeugung trat er zurück, nachdem er sie geöffnet hatte.
„Darf ich Sie bitten einzutreten?“, fragte er betont höflich.
Sie starrte ihn fassungslos an. Misstrauen erwachte in ihr. Wer war dieser Fremde? Und wie kam er an den richtigen Schlüssel für das Haus?
Ehe sie noch einen Entschluss fassen konnte, entfernte der Mann sich und verschwand zwischen den Bäumen.
Unschlüssig blieb sie noch einen Moment stehen, bevor sie das Haus zögernd betrat. Sorgsam riegelte sie die Tür hinter sich ab.
Minuten später leuchtete das Licht hinter den Fenstern auf. Hastig zog sie die Vorhänge dicht zu, und erst jetzt schien das junge Mädchen sich hier sicher zu fühlen.
Sie blieb stehen und sah um. Ein breiter Flur lag vor ihr, von dem aus verschiedene Türen in die einzelnen Räume führten.
Iris hatte ihr wirklich nicht zu viel versprochen, als sie ihr versichert hatte, dass sie sich hier bestimmt wohlfühlen würde. Es war genau das, was sie sich ersehnt hatte, nämlich völlige Ruhe und Abgeschiedenheit.
Gewaltsam versuchte Heidelinde – so hieß das junge Mädchen –, jeden Gedanken an den Fremden zu verbannen. Doch ein leichtes Gefühl von Unsicherheit blieb zurück.
Sie wollte sich ihren Urlaub aber nicht durch dumme Gedanken vermiesen. Morgen, wenn erst die Sonne vom Himmel lachte, würde alles ganz anders aussehen. Jetzt war sie nach der langen Reise müde und hungrig. Hoffentlich hatte der Krämer im Dorf die Bestellung auch ausgeführt, die Iris aufgegeben hatte.
„Du brauchst nur hinter dem Haus nachzusehen“, hatte Iris gesagt. „Dort steht ein kleiner Verschlag. Und da stellt der Krämer den Korb mit den Lebensmitteln ab. Die Rechnung kannst du ihm später bezahlen. Du wirst sehen, es ist eine sehr praktische Vereinbarung. Mein geschiedener Mann und ich, wir haben es immer so gehalten und sind ganz gut dabei gefahren.“
Seufzend strich sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie musste wohl oder übel nach draußen gehen, um den Korb hereinzuholen, wenn sie etwas essen wollte.
Ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken. Wieder fiel ihr der Fremde ein, und mit diesem Gedanken kroch auch wieder die Furcht in ihr hoch, obwohl sie sonst nicht sonderlich ängstlich war.
Dennoch brachte Heidelinde es nicht über sich, noch einmal die Tür zu öffnen und das schützende Haus zu verlassen, um draußen den Lebensmittelkorb hereinzuholen.
„Dann eben nicht“, schalt sie sich. „Dann muss ich eben hungrig ins Bett kriechen. Aber vielleicht gibt es doch noch etwas Essbares im Haus. Irgendwo muss doch hier die Küche sein. Vielleicht hat die Aufwartefrau den Korb draußen gefunden und ihn schon ins Haus gebracht.“
Sie lief auf die Küche am Ende des Ganges zu, die sehr sauber und winzig klein war. Als Erstes öffnete sie den Kühlschrank und stieß sofort einen überraschten Laut aus.
Vor ihr stand ein knuspriger Braten, dessen Duft ihr verlockend in die Nase stieg. Daneben stand eine Schüssel mit gemischtem Salat, der mit hart gekochten Eiern und Gürkchen garniert war.
„Mein Gott, das nenne ich aber eine Aufwartung“, murmelte sie. Diese Frau war ja eine richtige Perle.
Die eben noch graue Welt sah auf einmal wieder rosig und hell aus. Mit flinken Griffen begann das Mädchen, den Tisch zu decken. Dann setzte sie den Wasserkessel auf. Zu ihrer großen Freude fand sie ein Glas Kaffee, den sie nur mit heißem Wasser zu überbrühen brauchte, und begann leise und vergnügt vor sich hin zu summen.
An den fremden Mann dachte sie überhaupt nicht mehr. Ihr ganzes Augenmerk war darauf gerichtet, sich ein herrliches Nachtmahl zu bereiten.
Heidelinde eilte ins Wohnzimmer, wo ihre Koffer standen, zog sich hastig ihr Reisekostüm aus und schlüpfte in den leichten Morgenmantel.
Aus der Küche erklang der schrille Ton des Wasserkessels. Hastig eilte sie zurück und wunderte sich, als das schrille Pfeifen plötzlich schlagartig verstummte. Und dann starrte sie aus weit aufgerissenen Augen auf den Mann, der wie selbstverständlich am Herd stand und das kochende Wasser in die Tassen goss, die vor ihm standen.
Der Fremde! Wie ein heißer Schlag durchzuckte es sie.
Sie wollte schreien, wollte etwas sagen, aber etwas schnürte ihr die Kehle zu. Nur ein erstickter Laut entfuhr ihren bleichen Lippen.
Jetzt hatte der Fremde sie wahrgenommen. Er hob den Kopf und sah sie mit hellen, spöttischen Augen sekundenlang an.
„Der Kaffee ist fertig“, sagte er dann gelassen.
Endlich fand Heidelinde ihre Sprache wieder.
„Was fällt Ihnen ein?“, stieß sie wütend hervor. „Mit welchem Recht dringen Sie hier einfach ein! Sofort verlassen Sie das Haus oder…“ Sie stockte. Siedend heiß wurde ihr in diesem Augenblick bewusst, wie hilflos sie war.
„Oder?“, hörte sie den Mann fragen.
Sekundenlang trafen ihre Blicke sich, und das Mädchen erkannte deutlich die Überlegenheit, die dieser Mann ausstrahlte.
„Das Recht, Sie zu fragen, was Sie hier zu suchen haben, steht mir wohl eher zu“, gab er ganz ruhig zurück. „Die Tatsache, dass ich im Besitz des richtigen Schlüssels bin, während Sie gewaltsam versuchten, ins Haus einzudringen, spricht nicht für Sie.“
„Was erlauben Sie sich? Meine Freundin hat mir das Haus für einige Tage zur Verfügung gestellt. Dass ich zufällig den richtigen Schlüssel nicht bei mir habe, gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, so mit mir zu sprechen.“
In seinen hellen Augen zuckte es belustigt auf. Ein Lächeln umspielte seinen schmalen Mund.
„Ich glaube Ihnen ja. Ich fürchte, wir beide sind da ungewollt in eine fatale Situation hineingeschliddert. Auch ich habe das Haus von einem guten Geschäftspartner für ein paar Tage zur Verfügung gestellt...




