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E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Rauenstein Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 611
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3617-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schuld einer Nacht
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-3617-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claire Anderson ist mit einem Mann verheiratet, der es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt und der oft auf Abwege gerät. Sie will Philipp aber nicht verlieren und lässt ihm seine Freiheiten, solange er ihr nur immer wieder seine Liebe beteuert. Doch dann verliebt er sich in ein blutjunges Bauernmädchen, und das scheint mehr zu sein als ein flüchtiges Liebesabenteuer. Immer wieder treffen die beiden sich nachts heimlich zu einem Schäferstündchen im Wald - bis eines Tages der Vater des Mädchens die beiden erwischt.
In letzter Sekunde kann Philipp fliehen, doch der Bauer verfolgt ihn mit seiner schussbereiten Waffe, fest entschlossen, den Kerl, der seine Tochter geschändet hat, zu vernichten ...
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Schuld einer Nacht
Ist ihre Liebe groß genug, alles zu verzeihen?
Claire Anderson ist mit einem Mann verheiratet, der es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt und der oft auf Abwege gerät. Sie will Philipp aber nicht verlieren und lässt ihm seine Freiheiten, solange er ihr nur immer wieder seine Liebe beteuert. Doch dann verliebt er sich in ein blutjunges Bauernmädchen, und das scheint mehr zu sein als ein flüchtiges Liebesabenteuer. Immer wieder treffen die beiden sich nachts heimlich zu einem Schäferstündchen im Wald – bis eines Tages der Vater des Mädchens die beiden in flagranti erwischt.
In letzter Sekunde kann Philipp fliehen, doch der Bauer verfolgt ihn mit seiner schussbereiten Waffe, fest dazu entschlossen, den Kerl, der seine Tochter geschändet hat, zu vernichten ...
Geisterhaft still lag das Land in seiner frostigen Erstarrung. Tief liegende Nebelschwaden krochen über den Boden der kleinen Flussniederung unterhalb der alten Dorfkirche.
Der Mann, der in der Morgendämmerung seinen Wagen über die leise stöhnende Holzbrücke fuhr, lehnte sich etwas tiefer in das Polster zurück. Wie trunken glitt sein Blick umher, und sein Herz weitete sich vor Glück, endlich wieder zu Hause zu sein.
Nun schoss der Wagen den Hügel hinauf, auf dem sie als Kinder immer herumgeklettert waren. Er führte direkt zu dem Gutshaus, in dem er aufgewachsen war.
Neben ihm saß ein mächtiger Bernhardiner, der sehr interessiert aus dem Fenster sah, als wollte er sich seine neue Heimat genau einprägen.
Zuerst hatte der Mann Bedenken gehabt, ihn mitzunehmen, da Arco nicht gerade ein großer Freund vom Autofahren war. Aber wider Erwarten benahm sich der Hund recht manierlich, und seine neue Heimat schien auch ihm zu gefallen. Diese weiten Felder, diese grünen Wiesen und der breite Bach, der sich quer durch die Wiese zog, der dunkle Wald mit seinen wundervollen Bäumen, das alles versprach eine herrliche Kurzweil.
»Na, habe ich dir zu viel versprochen, Alter?«, sagte der Mann. »Ist es hier nicht wundervoll? Hier wirst du so richtig herumtollen können. Das wird dir guttun, denn du hast in letzter Zeit etwas zu viel Speck angesetzt.«
Jochen Anderson hatte es sich angewöhnt, mit seinem Hund zu sprechen, als wäre er ein Mensch. Arco schien auch jedes Wort zu verstehen, denn er blaffte jetzt ein paarmal kurz, als wollte er seinem Herrn zustimmen.
Lachend hielt der Mann seinen Wagen an und öffnete die Tür.
»Dann lauf schon! Schau dich einmal gründlich um.«
Arco ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit einem gewaltigen Satz sprang er aus dem Wagen und jagte davon.
Die Sonne glitt über einen fernen Hügelkamm und ließ die bereiften Sträucher glitzern und funkeln, als wären sie mit Diamanten besät. Rotgoldene Strahlenbüschel brachen sich an dem Berg vor ihm und tauchten die belaubten Hänge in ein leuchtendes Meer von Farben.
Der Mann stieg auch aus, dehnte weit seine Arme und reckte sich wohlig.
Endlich wieder daheim. Zwei Jahre war er weg gewesen. Jetzt beim Anblick der vertrauten Heimat begriff er sich selbst nicht mehr, dass er es so lange in der Stadt ausgehalten hatte.
Arco hatte einen Schwarm Wildenten aufgestöbert. Laut schnatternd und empört über die unliebsame Störung verschwanden sie im Wasser, während Arco aufgeregt am Ufer hin und her lief.
Ein Pfiff rief ihn zurück. Gehorsam, wenn auch widerwillig, jagte er zu seinem Herrchen zurück, blieb dicht vor ihm sitzen und sah ihn vertrauensvoll an.
»Wir müssen weiter, Arco. Wir sind gleich daheim. Komm schon, Alter, spring rein«, forderte er den Hund auf, und dann fuhr er weiter.
Es war ein Morgen, wie er schöner nicht sein konnte. Es war, als ob die Natur sich besonders festlich geschmückt hätte, um den heimkehrenden Sohn gebührend zu empfangen.
Jochen dachte an seinen Bruder, und er freute sich auf das Wiedersehen mit Philipp. Sie hatten sich immer gut verstanden, wenn auch der um zwei Jahre ältere Bruder genau das Gegenteil von ihm war.
Seine Gedanken umkreisten die junge Schwägerin. Er musste leise vor sich hin lächeln, als er sich daran erinnerte, dass es eine Zeit gegeben hatte, wo er sich eingebildet hatte, sie zu lieben.
Heute wusste er, dass es keine Liebe, sondern nur eine liebe Gewohnheit gewesen war, die ihn glauben ließ, ohne Claire nicht leben zu können. Sie hatten schon als Kinder zusammen gespielt. Aber Claire hatte ihn nicht darüber im Zweifel gelassen, dass sie für seinen Bruder mehr empfand und ihn förmlich anbetete.
Heute missgönnte Jochen dem Bruder sein Glück nicht mehr. Claire war für seinen Bruder Leichtfuß die einzig richtige Frau. Sie hielt die Zügel nicht zu straff, ließ ihm das Gefühl der Freiheit und wusste, dass er immer wieder zu ihr zurückkam, auch wenn sein leicht entflammtes Herz wieder einmal für eine andere schlug.
Claire war der ruhende Pol im unruhigen Leben seines Bruders. Und wenn er sie in seine Arme nahm und ihr seine Liebe gestand, dann wusste sie, dass er die Wahrheit sagte.
???
Das Haus lag noch still und verschlafen da. Jochen stieg aus und ging langsam den kiesbestreuten Weg entlang, der direkt zum Haus führte, das von hohen Eichen umstanden war.
Kurz blieb er stehen und tat einen tiefen gepressten Atemzug. Sekundenlang hatte er das warnende Gefühl einer drohenden Gefahr, die hinter der verschlossenen Tür auf ihn lauerte. Jochen spürte das jähe Verlangen, sich wieder abzuwenden und davonzufahren.
Aber im gleichen Augenblick schalt er sich wegen dieser Anwandlung. Er setzte den Messingknopf in Bewegung und wartete, dass ihm geöffnet wurde.
Eine Weile verging, dann wurden schlurfende Schritte laut. Zögernd wurde die Tür geöffnet. Ein junges schwarzhäutiges Mädchen sah den Mann aus kugelrunden schwarzen Augen fragend an.
Jochen war keineswegs überrascht, eine Schwarze vor sich zu sehen. Es war schon immer eine Marotte seines Vaters gewesen, schwarze Dienerschaft einzustellen. Sein Bruder Philipp schien es offenbar genauso zu halten.
»Der Herr wünschen?«, fragte das junge Mädchen in bestem Deutsch.
Einen Moment berührte es ihn seltsam, in seinem Vaterhaus wie ein völlig Fremder behandelt zu werden. Aber dann sagte er sich, dass das junge Mädchen ihn ja nicht kannte.
»Was gibt es, Melitta?«, klang in diesem Augenblick eine dunkle Stimme auf. Ein schneller Schritt, dann stand Bob, der weißhaarige schwarze Diener, der Jochen schon als Kind auf seinen Knien geschaukelt hatte, vor dem jungen Mann.
Bobs dunkle Augen leuchteten vor Freude auf.
»Junger Herr! Ist das eine Freude. Endlich haben Sie wieder heimgefunden!«
Auch Jochen freute sich. Er ergriff die Hände des alten Mannes und drückte sie.
»Bob, altes Haus, lass dich anschauen«, sagte er lachend und sah den Vertrauten seiner Kinderzeit mit warmem Blick an. »Du hast dich gar nicht verändert«, fügte Jochen hinzu, worauf das Mädchen überrascht die Augen aufriss.
»Der junge Herr war schon immer ein Schmeichler«, wehrte der alte Diener ab. Aber das Leuchten in seinen Augen verriet, wie stolz er über die Worte seines jungen Herrn war.
»Oh Bob! Ich bin so glücklich, wieder daheim zu sein.« Jochen betrat die Diele und sah sich prüfend um.
Nein, hier hatte sich kaum etwas verändert. Es war, als wäre die Zeit vor den Mauern stehen geblieben.
Dort an der Wand hing noch der kostbare alte Spiegel, den sein Vater einmal aus Italien mitgebracht hatte.
»Das hätten der gnädige Herr schon lange haben können«, erwiderte Bob vorwurfsvoll. »Bob hatte schon befürchtet, der junge Herr Jochen habe seine alte Heimat da draußen vergessen.«
»Ich habe sie nicht vergessen, Bob. Aber es war besser so, für uns alle«, gab Jochen hart zurück.
Bob nickte nur traurig mit dem weißen Kopf. Er wusste, was den jungen Herrn aus dem Haus getrieben hatte, und er war seinem alten Herrn deshalb bitter gram gewesen. Er hatte nie verstanden, warum sein alter Herr dem Ältesten, diesem Bruder Leichtfuß, all seine Liebe geschenkt hatte, während er für seinen Zweitgeborenen niemals auch nur das geringste Verständnis gezeigt und ihm jede kleine Dummheit hoch angekreidet hatte.
Na ja, der junge Philipp war eben der hübschere der beiden Brüder. Ein Junge, der schon als Kind alle Augen auf sich gezogen und es verstanden hatte, seinen Charme spielen zu lassen. Der temperamentvolle Junge war wie ein Sieger durchs Leben geschritten.
Neben ihm hatte Jochen stets ein wenig unbeholfen und schwerfällig gewirkt und immer im Schatten seines Bruders gestanden, ohne ihm das zu neiden.
Als Jochen vor zwei Jahren nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater das Haus verlassen hatte, da hatte er sich geschworen, es niemals mehr zu betreten, es sei denn, sein Vater selbst riefe ihn zurück.
Nun war dieses Wunder geschehen.
Sein Vater war schwer krank, und nun hatte er sich darauf besonnen, dass es außer Philipp noch einen Sohn gab, an dem er viel versäumt hatte.
Es war Jochen nicht leichtgefallen, diesem Ruf zu...




