E-Book, Deutsch, 349 Seiten
Reihe: Lübbe
Rauter Wir zwei auf Wolke sieben
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6120-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 349 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-6120-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lea hatte noch nie Glück mit Männern, und jetzt ist auch noch ihr Beinahe-Verlobter Sebastian in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit ihren Ersparnissen geflohen. London - Paris - Wien - kein Weg ist Lea zu weit, um ihren entlaufenen Ex zu finden. Dabei vergisst sie, sich zu fragen, ob sie Sebastian überhaupt noch liebt. Zu spät merkt sie, dass der eigene Schatten manchmal das größte Problem ist und dass man auch auf der Jagd nach dem Glück den Richtigen leicht übersehen kann. Aber dann erhält sie ein unwiderstehliches Angebot ...
Anja Rauter, geboren 1972, lebt mit ihrem Mann, ihrer Stieftochter und einem dicken roten Kater in den Weinbergen südlich von Wien. WIR ZWEI AUF WOLKE SIEBEN ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
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GIN TONIC IM STURM
»Wir durchfliegen gerade eine Gewitterzone. Bitte kehren Sie auf Ihre Sitzplätze zurück und bleiben Sie so lange sitzen, bis die Anschnallzeichen erloschen sind!«
Ich bin in meinem persönlichen Albtraum. Nach einer durchweinten Nacht, ohne eine einzige Nachricht von Sebastian, erlebe ich nun auch noch den schlimmsten Flug meines Lebens.
»Der Herr da im roten Pullover! Bitte nehmen Sie sofort wieder Ihren Sitzplatz ein!«
Armin als seelische Unterstützung nach London mitzunehmen und dafür mein Business-Class-Ticket gegen zwei Economy-Tickets zu tauschen, war im Nachhinein betrachtet sicher nicht eine meiner besten Ideen. Mein bester Freund leidet nämlich noch heftiger unter Flugangst als ich.
»Armin, tu, was die Stewardess sagt, und setz dich verdammt noch mal endlich wieder hin!« Wütend springe ich auf und zerre ihn auf seinen Sitzplatz beim Fenster zurück.
»Nur wenn ich auf und ab gehe, beruhigt sich mein Puls!« Nervös fummelt er an seinem Sicherheitsgurt herum.
Eine weitere Sturmbö schüttelt das kleine Flugzeug durch, und Armin krallt sich mit voller Kraft in meinen Oberarm. »Mausezahn, ich bin zu jung zum Ste-erben!«
Armin und ich haben uns vor über zehn Jahren in der Mensa der Uni kennengelernt. Er fiel in der Masse der Studenten sofort auf, weil er der Einzige war, der an diesem 30 Grad warmen Spätsommertag einen pinken Schweinchenanzug aus Plüsch mit rosa Schlappohren trug und Flyer mit der Aufschrift »Wir protestieren! Das kann keine Sau essen!« an die anderen Studenten verteilte, was mich damals mächtig beeindruckte. Endlich hatte mal jemand den Mut, gegen das schlechte Essen und die Abzocke etwas zu unternehmen, und keine Scheu, sich dabei lächerlich zu machen.
Seit diesem Tag begleitet mich Armin meist unerschrocken durch die Höhen und Tiefen meines Lebens und steht mir zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einer starken Schulter zum Anlehnen und fundamentalen Lebensweisheiten wie »Dein Körper ist ein Tempel, Mausezahn – nur Auserwählte sollten ihm huldigen dürfen« – zur Seite.
Nur leider zeichnet sich mein bester Freund in echten Krisensituationen wie steckenbleibenden Aufzügen (einmal) und unruhigen Flügen (zweimal) nur durch völlig hysterisches Verhalten aus:
»Ich werde aus dieser Welt gehen, ohne den perfekten Mann gefunden zu haben«, keucht Armin und starrt mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Gerade zuckt wieder ein Blitz vorbei. »Das hier überleben wir garantiert nicht, Mausezahn!« Mein Arm fühlt sich mittlerweile an, als würde er in einem Schraubstock stecken.
»Du wirst heute nicht sterben«, versuche ich ihn und ein wenig auch mich selbst zu beruhigen. »Und den perfekten Mann hast du doch schon längst gefunden, oder?« Armin lebt in einer dramatischen, für sein näheres Umfeld ziemlich anstrengenden On-off-Beziehung.
»Zwischen mir und Stefan herrscht seit zwei Tagen Funkstille. Ich vermute, dass da was mit seinem knackigen schwedischen Personal Trainer läuft«, presst Armin leicht schnaufend hervor, während das Flugzeug gefühlte 100 Meter absackt. »Wahrscheinlich wird er nicht mal zu meinem Begräbnis kommen!«
»Jetzt beruhig dich, bitte! Das Flugzeug ist das sicherste Reisemittel«, zitiere ich eine Statistik, die ich mal gelesen habe. »Die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes liegt bei eins zu einer Million. Oder war es eins zu zwei Millionen? Egal! Wir werden das hier überleben, versprochen!« Behutsam löse ich seinen Klammergriff von meinem tauben Unterarm. Doch nur für Sekunden. Mehrere Blitze zucken an den Tragflächen vorbei. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das mit der Absturzstatistik wirklich stimmt.
Ich google das mal besser nach.
Hektisch durchwühle ich meine überdimensionale Tasche, die ich immer auf Reisen mit mir herumschleppe, nach meinem Handy. Unter der neuen Ausgabe der SoYou, meinem Notfalltropfen-Fläschchen – das ich an Armin weiterreiche –, einer kleinen Tube Handdesinfektionsmittel, Taschentüchern, meinem Mini-Laptop, einem Schokoriegel mit Minzgeschmack und meinem Schminktäschchen werde ich schließlich fündig.
Nachdenklich lasse ich meine Hand über den Einschaltknopf schweben. Vielleicht hat sich Sebastian in der Zwischenzeit gemeldet? Wir sind jetzt seit zwei Stunden in der Luft – bestimmt hat er gerade vorhin versucht, mich zu erreichen, um mir zu erklären, dass er einen Riesenfehler gemacht hat.
Ich will also kurz meine Mobilbox checken, da schreit Armin voller Panik laut auf.
»Wenn du das machst, stürzen wir ab!«
Aufgeregt drehen sich alle Passagiere in den umliegenden zehn Sitzreihen zu uns herum, und der Steward eilt herbei.
»Gibt es ein Problem, Miss?!« Ich muss weit nach oben schauen, der Flugbegleiter ist bestimmt 1,90 Meter groß.
»Ja! Alle haben hier gleich ein Problem, Herr Steward«, petzt Armin und zeigt anklagend auf das Mobilgerät in meiner Hand.
»Sie will ihr blödes Handy ausgerechnet jetzt einschalten, weil sie glaubt, dass ihr Exfreund, der vor zwei Tagen nach Südfrankreich abgehauen ist, telepathisch ihre sehnsüchtigen Schwingungen empfängt und just im Moment unseres sicheren Todes anruft!« Armin funkelt mich an. »Jeder Grundschüler weiß, dass man im Flieger nicht telefonieren darf!«
Der Steward lässt sich mit einem breiten Lächeln auf den freien Platz neben mir fallen. »Ach so! Na ja, wer kennt das nicht. Verzweifeltes Warten auf Anrufe, die nie kommen.«
Ich schaue in kieselgraue Augen und wundere mich. Dieser fremde Mann kommt mir seltsam vertraut vor, als hätte ich ihn nur eine sehr lange Zeit nicht gesehen …
»Wir landen in rund 30 Minuten, Miss, und haben schon mit dem Sinkflug begonnen, das bedeutet, die Mobiltelefone müssen ausgeschaltet bleiben. Nach der Landung können Sie gern mit Ihrem Freund telefonieren. Aber wenn es Ihnen hilft, erzählen Sie mir doch einfach von ihm. Wo ist er gerade?«
»Äh, nein, nicht nötig … mir geht es sehr, sehr gut! Vielen Dank auch«, wehre ich das fragwürdige Angebot ab. »Er hier ist die hysterische Zicke.« Ich deute auf Armin.
»Wenn wir erst alle tot sind, wirst du schon sehen, wer recht hatte!«, giftet Armin, dreht sich zum Fenster und nimmt beleidigt einen Schluck aus dem Notfalltropfen-Fläschchen.
»Ich bringe Ihnen jetzt erst mal etwas Stärkeres zur Entspannung, bin gleich wieder da!« Der Steward kämpft sich durch die schlingernde Maschine Richtung Bordküche und ist kurz darauf mit zwei XXL-Bechern zurück, die er mir vorsichtig in die Hand drückt.
»Ein Gin Tonic für Sie … und einen für Ihren Freund! Wohl bekomm’s! Geht aufs Haus!« Er nimmt wieder in dem freien Sitz neben mir Platz und schnallt sich an.
Hm, sehr lecker, wirklich genau die richtige Menge Gin, um einen alles vergessen zu lassen. So schlecht ist der Spezialservice in der Economy-Class gar nicht. Den zweiten Gin Tonic drücke ich Armin mit den Worten »Entspann dich und trink das!« in die Hand.
Ich nehme noch einen großen Schluck und noch einen und atme tief in den Bauch. Der Steward bleibt schweigend neben mir sitzen, und ich weiß nicht, ob es an dem Alkohol liegt, den ich um 9.00 Uhr morgens in atemberaubendem Tempo auf nüchternen Magen in mich reinkippe, oder an der Tatsache, dass ich, nachdem das Flugzeug seltsam zu schlingern beginnt, nun auch befürchte, dass mein letztes Stündchen endgültig geschlagen hat, auf jeden Fall erzähle ich dem Steward jetzt doch noch alles.
Wie ich Sebastian vor zwei Jahren im Urlaub bei einem Bootsausflug auf Korfu kennenlernte und er mich gentlemanlike vor dem sicher schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens rettete. Armin hatte nämlich vergessen, nachdem er seinen Luxuskörper im Hotel akribisch mit meiner Sonnencreme eingecremt hatte, diese wieder in die Badetasche zurückzulegen.
Und das vor einer zweistündigen Bootsfahrt …
Ich war damals echt wütend auf Armin, aber nur kurz.
Hätte ich sonst Sebastian kennengelernt?
Wenn ich die Augen schließe, spüre ich wieder die Sonnenstrahlen auf meinem Körper, den Wind auf meiner Haut und Sebastians starke Hände, die meine Schultern gewissenhaft und doch sehr behutsam eincremen, während das Ausflugsboot über die Wellen hüpft.
Ich seufze und streiche nachdenklich mit dem Daumen über das dunkle Display des ausgeschalteten Handys. Wann meldet er sich endlich? Wo ist er? Und was tut er gerade?
Während des Urlaubs kamen wir uns nur wenig näher, was einerseits an Su und Armin lag, die mich die ganze Zeit kreuz und quer über die Insel schleppten, aber auch an Sebastians Freunden, die ständig mit ihm Party machen wollten, schließlich war es der Junggesellenabschied von Thomas, Sebastians bestem Freund.
Aber wir wohnten im selben Hotel und trafen uns zweimal abends vor dem Essen auf einen Cocktail bei der Strandbar. Seufzend unterbreche ich meine Schilderung und schlucke den mächtigen Kloß im Hals runter, als ich an das helle Leuchten in Sebastians blauen Augen denke, während wir feststellten, dass wir nicht nur in der gleichen Stadt, sondern sogar nur zwei Straßenblocks voneinander entfernt wohnten.
Wie wir uns nach meiner Rückkehr bei seinem Lieblingsthailänder in der Innenstadt trafen und er – noch ehe sein Spicy-Curry und meine Kuai-Tiao-Nudelsuppe kamen – mein Gesicht sanft in seine Hände nahm und mich küsste.
Ich nehme noch einen Schluck vom Gin Tonic.
Meine, wie sich herausstellte, völlig unbegründete Eifersuchtsattacke mit einem Tennisschläger auf seine...




