E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Ravendro / Wallace Hüter des Friedens
1. Auflage 2017
ISBN: 978-83-8136-414-0
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-83-8136-414-0
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannendes Abenteuer des englischen Distriktbeamten Sanders. Im belgischen Kongo, dort wo Sanders einen nur wackligen Frieden verwaltet, passieren unglaubliche Dinge. Der Juju-Kult greift um sich und eine Phiole mit einer hoch ansteckenden Krankheit verschwindet. 'Hüter des Friedens' gehört zu den Afrikaromanen des großen Schriftstellers
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Bones, Sanders und noch jemand Nach Isongo, dem Hauptort des gleichnamigen Distriktes, kam eine Frau der Isisi, die ihren Mann verloren hatte. Durch eine Vorsehung des Schicksals war er von einem Baum erschlagen worden. Ich sage »durch eine Vorsehung des Schicksals«, denn es war allgemein bekannt, daß er einen bösen Charakter gehabt hatte. Er war ein Trinker und ein Freund schlechter Menschen gewesen. Auch hatte er Zauberei im Walde ausgeübt, und es ging das Gerücht, daß er ein Vertrauter Baschunbis, des Bruders des großen Teufels M'shimba-M'shamba, gewesen war. Er schlug seine Frauen, und einmal steckte er aus reiner Bosheit seine Hütte in Brand. Als er nun auf einer aus Gras geflochtenen Totenbahre zum Dorf zurückgetragen wurde und die Frauen seines Hauses sich mit grünen Blättern bedeckten und Arm in Arm die Dorfstraße entlang den Totentanz tanzten, klang ihr Gesang nicht sehr traurig, und ihr Schritt war fröhlicher und lustiger, als er bei dieser Gelegenheit hätte sein sollen. D'wiri, ein alter Mann, der alle Tanzschritte genau kannte, sah es von seiner Hütte aus und sagte entrüstet, daß die Frauen schamlos seien. Aber er war alt und fürchtete außerdem, daß bei seinem eigenen Tode die guten Sitten außer acht gelassen werden könnten, wenn man derartigen Ausschreitungen nicht beizeiten entgegenträte. Als M'lama, das Weib des G'mami, sah, daß ihr Herr und Gebieter in einem Boot zu den Inseln in der Mitte des Stromes gerudert wurde, wo er begraben werden sollte, klagte sie noch während der vorgeschriebenen Zeit um ihn, dann wusch sie am Flußufer den Staub von ihrem Körper und ging in ihre Hütte zurück. Und alle Trauer um den Toten war mit dem Staub und der Asche weggewaschen worden. Viele Monde wechselten am Himmel, ehe M'lama ihre außerordentlichen Gaben zeigte. Man sagte, daß ihre Kräfte sich zum ersten Male in einer Nacht nach einem großen Sturm kundtaten, als die Blitze wie Schloßen auf den Strom niederfuhren. Selbst der alte D'wiri konnte sich nicht an ein ähnliches Unwetter erinnern. In dieser Nacht brachte die Frau eines Jägers ihr sterbendes Kind in die Hütte der Witwe. Es hatte eine Fischgräte verschluckt, die ihm im Halse steckengeblieben war, und es war schon beinahe erstickt. M'lama streckte ihre Hand aus, legte sie auf den Kopf des Kindes, und sofort flog die große Gräte heraus. »Dabei erscholl ein Schrei, der so schrecklich und furchtbar war wie das Geschrei eines Leoparden, der in den Wäldern von Geistern verfolgt wird.« (Nach dem Bericht Ahmets.) Eine Woche später fiel ein kleines Kind in Krämpfe. M'lama legte ihre Hand auf seine Stirn, und siehe, die Krämpfe wichen, es wurde ruhig und schlief ein. Ahmet, der Hauptspäher der Regierung, hörte von diesen Dingen und kam während einer dreitägigen Reise auf dem Strom zu dem Orte Isongo. »Was sind das alles für Wundergeschichten?« fragte er. »Capita«, sagte der Häuptling, indem er die ehrende Anrede gebrauchte, die in dem belgischen Kongogebiet üblich ist, »dieses Weib M'lama ist wirklich eine Hexe, sie hat übernatürliche Gaben, denn durch die Berührung ihrer Hand weckt sie die Toten auf. Das habe ich selbst mit meinen eigenen Augen gesehen. Auch sagt man, daß sie Ugomis schwere Wunden heilte, als er beim Holzfällen sich mit der Axt in den Fuß schlug.« »Ich will M'lama sehen«, erwiderte Ahmet ernst. Er fand sie in ihrer Hütte. Sie warf müßig vier Ziegenknochen auf den Boden, und jedesmal fielen sie anders. »O Ahmet«, sagte sie, als er eintrat, »du hast ein krankes Weib, und dein erstgeborener Sohn kann nicht sprechen, obgleich er sechs Jahre alt ist.« Ahmet setzte sich an ihrer Seite nieder. »Weib, sage mir etwas, worüber nicht am ganzen Fluß geredet wird, und ich werde deinen Zauber glauben.« »Morgen wird dein Herr, der große Sandi, dir ein Buch (Brief) senden, worüber du sehr glücklich sein wirst.« »Mein Herr schickt mir jeden Tag ein Buch«, entgegnete Ahmet zweifelnd, »und jedesmal bin ich glücklich, wenn ich es empfange. Auch weiß man am Fluß, daß um diese Zeit Boten kommen mit Beuteln voll Silber und Säcken voll Salz, um die Leute nach ihrem Verdienst zu bezahlen.« Sie ließ sich nicht verblüffen. »Du hast einen kranken Finger, den niemand gerade machen kann – aber sieh her!« Bei diesen Worten nahm sie seine Hand in die ihre und drückte auf das aus dem Gelenk gesprungene Glied. Ahmet fühlte einen heftigen Schmerz im ganzen Arm und stöhnte. Als er aber seine Hand wieder zurückzog, war sein Finger wieder in Ordnung, denn er konnte ihn biegen. Der Militärarzt an der Küste hatte vergeblich versucht, ihn wieder einzurenken. »Ich sehe, du bist wirklich eine Zauberin«, sagte er bewundernd, denn die Eingeborenen haben eine Abscheu gegen Krankheit und Mißbildung jeder Art. Ahmet sandte einen langen Bericht an Sanders über alles, was er gesehen und gehört hatte. Distriktsgouverneur Sanders saß in der schönen Residenz an der Küste und erhielt auch viele andere Nachrichten. Manche von ihnen erfreuten ihn, andere verursachten ihm Sorge und Kummer. Die überseeische Post war gerade von einem schnellen Dampfboot zur Küste gebracht worden. Captain Hamilton, der die Haussa befehligte, hatte einen dicken Brief bekommen, der von einer Frauenhand geschrieben war, und brachte Sanders, wie er dachte, frohe Nachricht. Der Distriktsgouverneur war allerdings im Zweifel, ob diese Nachricht gut oder böse sei. »Es wird Ihr sicher in diesem Lande gefallen«, meinte er, »besonders in dieser Gegend – aber was wird Bones dazu sagen?« »Bones!« wiederholte Captain Hamilton ein wenig verächtlich. »Kommt es darauf an, was Bones dazu sagt?« Trotzdem ging er zum Ende der Veranda, die dem Meere zu lag und rief mit lauter Stimme, so daß er die Brandung übertönte. »Bones!« Aber es kam keine Antwort, was auch seinen guten Grund hatte. Sanders trat aus dem Hause. Er hatte den Tropenhelm in den Nacken geschoben und rauchte eine große Zigarre. »Wo ist er denn?« Hamilton wandte sich um. »Ich gab ihm den Auftrag – das heißt, er bot sich eigentlich freiwillig dazu an –, einen Schützengraben auszuheben.« »Erwarten Sie denn einen Angriff?« Hamilton grinste. »Bones erwartet ihn. Er ist ganz begeistert von der Idee und hat mir schon erzählt, wie der Schützengraben ausgehoben werden müsse. Er fühlt sich sehr niedergeschlagen... Sie wissen, was ich meine. Sein Regiment war bei Mons dabei.« Sanders nickte. »Ja, das verstehe ich«, sagte er ruhig. »Und Sie... Sie sind auch ein alter Soldat, Hamilton – wie ertragen Sie es denn?« Hamilton zuckte die Schultern. »Man hätte mich beinahe den Truppen in Kamerun zugeteilt, aber jemand muß doch hierbleiben«, erwiderte er resigniert. »Es ist nun einmal mein Los, hier auszuhalten und die Pflicht zu tun, die mir das Schicksal auferlegt hat. Meine Aufgabe... ist hier...« Sanders legte ihm die Hand auf die Schulter. »Das ist recht«, sagte er und sah ihn so sanft und mild wie eine Mutter an. »Hier haben wir keinen Krieg... wir sind hier die Hüter des Friedens.« »Es ist schrecklich schwer...« »Ich weiß es, ich fühle es selbst. Wir haben keinen Teil an dem Ruhm, an den Möglichkeiten... an dem Schicksal. Aber nicht wir allein müssen aushalten. Denken Sie an die Leute in Indien, die sich vor Gram verzehren... die auf Befehl warten, der sie aus einem schönen Leben in Elend und Tod schickt... sie aber auch an dem Glanz und Ruhm des Krieges teilhaben läßt.« Er seufzte und schaute sinnend auf das blaue Meer hinaus. Hamilton winkte einen Haussa-Korporal heran, der gerade durch den Garten der Residenz ging. »Hallo, Mustaf«, sagte er in dem eigentümlichen Küstenarabisch, »wo kann ich meinen Herrn Tibbetti finden?« Der Mann wandte sich um und zeigte auf das Gehölz, das hinter dem Gebäude lag und sich dreihundert Meilen weit ohne Unterbrechung hinzog. »Herr, er ging dorthin und nahm viele seltsame Dinge mit sich – auch sein Diener Ali Abid war bei ihm.« Hamilton reichte mit seinem Spazierstock durch das offene Fenster und angelte seinen Tropenhelm vom Tisch. »Wir werden Bones aufsuchen«, sagte er grimmig. »Er ist schon drei Stunden fort, und er hat Zeit genug gehabt, die ganzen Schützengräben von Verdun auszuheben.« Es dauerte einige Zeit, bis sie die Arbeitskolonne entdeckten. Bones lag in einem bequemen Klappstuhl im Schatten einer großen Isisi-Palme. Er hatte seinen Tropenhelm über das Gesicht gestülpt, so daß der vordere Schirmrand auf der Nasenspitze ruhte. Seine dünnen braunen Arme waren auf der Brust verschränkt, und seine regelmäßigen Atemzüge deuteten an, daß er sanft eingeschlafen war. Nur zwei Pfähle waren in die Erde geschlagen, und...




