E-Book, Deutsch, 423 Seiten
Ray Der Skandal
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-038-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller: Ihre Gier kennt keine Grenzen - wer kann sie jetzt noch stoppen?
E-Book, Deutsch, 423 Seiten
ISBN: 978-3-98952-038-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fran Ray (Pseudonym) wurde 1963 in Deutschland geboren und arbeitete nach dem Studium im Filmgeschäft. Mehrere Jahre lebte sie in München und Australien und schrieb unter dem Namen Manuela Martini mehrere Krimi-Reihen. Viele Jahre stand ihr Schreibtisch in einer Finca in Südspanien. Dort entstanden die Thriller »Die Saat« und »Das Syndikat«, sowie Jugendthriller und Kinderbücher. Inzwischen lebt sie mit ihrer Frau und zwei Hunden am Ammersee in der Nähe von München. Heute befasst sich weiter mit Menschen, ihren Schicksalen und Lebensläufen, indem sie hauptberuflich als Trauerrednerin tätig ist. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Thriller »Die Saat«, »Der Skandal« und »Das Syndikat«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Christina Andersson lacht.
Ed erzählt den Witz nun schon zum dritten Mal: »Und dann, müsst ihr euch vorstellen, kommt Rob und sagt zu diesem Wichser: Du Arschloch, warum hast du den Penner nicht zwei Stunden früher erledigt, jetzt hast du mir meine Kaffeepause vermiest!«
Er kriegt sich kaum ein vor Lachen, Rob haut auf den Tresen, und Gary krümmt sich, als hätte er Bauchweh. Mit so viel Bier und Whisky intus, denkt Christina, wird selbst der schlechteste Witz zum Knaller. Nur Aaron Zelman ist noch nüchtern. Schon den ganzen Abend hält er sich an Perrier. Trotzdem lacht er mit.
Christina kann immer noch nicht fassen, dass es vorbei sein soll. Sie hat tatsächlich das C auf das Factsheet an der Wand gemalt. C für Closed – Fall abgeschlossen.
Wenn sie die Augen schließt, sieht sie selbst jetzt, in der Bar, sofort wieder das tote Mädchen neben den Mülltonnen im Hinterhof liegen. Das Kleid zerrissen, die Beine verdreht. Ratten, die angefangen haben, sich über sie herzumachen, huschen weg, als sie mit Aaron zum Fundort kommt.
Seit zehn Jahren ist sie bei der Polizei, und sie hat schon mehrere tote Kinder gesehen, aber keines hat sie so berührt wie Charlene. Vielleicht lag es daran, dass sie so alt war wie Jay. Sie wirkte so dünn, so zart in dem hellen Kleid. Christina lässt sich normalerweise nicht zu Sentimentalitäten hinreißen, und an Gott kann sie auch nicht glauben, aber sie hat an einen Engel denken müssen, an einen kleinen Engel, der vom Himmel gefallen war.
»Chris, hast du das mitgekriegt?«
»Was, Ed?«, fragt sie, herausgerissen aus ihren Gedanken. Ed, Rob und Gary lachen wieder, diesmal grinst sogar Aaron. Ihre Augen sind tränennass, ihre Gesichter gerötet.
»Ich hab wieder einen eurer geistreichen Witze verpasst, oder?«
Daraufhin grölen sie wieder. Es ist das Adrenalin, das raus muss. So ist es immer, wenn sie einen großen Fall gelöst haben. Heute trinkt sie zum ersten Mal so lange mit. Und seit heute nehmen die harten Kerle von der Mordkommission sie zum ersten Mal für voll. Sie, die junge blonde, angeblich nicht unattraktive Kollegin. Sie hat ihnen gezeigt, dass sie genauso clever, hartnäckig und taff ist wie sie. Und heute demonstriert sie ihnen, dass sie auch genauso viel verträgt wie sie. Plötzlich tun sie, als hätten sie nie ein Problem gehabt mit einem weiblichen Detective, denkt sie.
»Du hättest ihn sehen sollen, Chris, Brewer ist die Kinnlade runtergefallen«, sagt Ed, genannt Ironman, der einfach nicht aufhören kann zu lachen, sein Gesicht glüht, »als Gary ihm gesagt hat, dass du den Kerl geschnappt hast.« Ed wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Mit seiner rötlichen Haut, den leicht vorstehenden überwachen Augen, dem hastigen Sprechen und dem übermäßigen Schwitzen wirkt der stämmige Ed Keller immer, als bekäme er jeden Moment einen Herzinfarkt. Aber er behauptet, fit zu sein wie Ironman, und das hat ihm seinen Spitznamen eingebracht.
»Brewer kann froh sein. Ist doch gut für seine Erfolgsbilanz«, sagt sie, denn sie weiß, wie ehrgeizig der Lieutenant ist.
»Unser Lieutenant wär aber noch froher, wenn er selbst es gewesen wäre, der ihn gestellt hat«, meint Rob Winehouse in seinem dröhnenden Bariton, und die anderen nicken. »Hätte ihm ein paar Punkte mehr auf seiner Bewerbungsskala zum Captain eingebracht.« Rob lockert seinen längst schon lockeren Schlips und hebt seine mächtige dunkle Pranke. »Terry, noch mal ’ne Runde für alle!«
»Warum sind nur alle so auf eine Beförderung aus?« Gary verzieht das Gesicht zu einem Grinsen.
»Nur unser Gary Weasly nicht, was?« Ed knufft ihm in die Rippen.
»Weil ich’s einfach nicht verantworten kann, euch Dumpfbacken allein rummachen zu lassen, so einfach ist das!«, kontert Gary. »Und überhaupt, ich sag euch jetzt was, also ... «
Christina schaltet für einen Moment ab, kippt den Rest aus ihrem Glas hinunter und beobachtet die anderen. Aaron hält sich tapfer mit Perrier. Eds Schweißflecken unter den Achseln werden immer größer, Robs Augen glänzen glasig, Gary, das Wiesel, redet und redet noch mehr als sonst, und ich, denkt Christina, bin schon halb weggetreten ... Wir würden uns großartig machen auf einem Foto im Sentinel. Und darunter würde stehen: So feiert die Mordkommission von Milwaukee die Festnahme von Charlenes Mörder.
Wer, um Himmels willen, kann so etwas tun?, hat sie sich die letzten sechs Monate gefragt. Die Stadt hat es auf Platz fünf geschafft auf der Liste der kriminellsten Städte des Landes, hundert Morde im Durchschnitt jedes Jahr. Die Frage müsste sie sich also öfter stellen. Aber die Sache ist: Sie hat sich gewöhnt an die Gewalt. Und trotzdem: Diesmal war es anders. Jedes Mal, wenn sie nach Hause kam und ihren Sohn Jay in den Arm nahm, drückte ihr die Wut die Luft ab. Sie kann nicht gut umgehen mit Emotionen, das weiß sie selbst.
Charlene Brickerton, sieben Jahre alt, kein Vater, Mutter Junkie und Prostituierte.
»Es tut uns leid, aber Ihre Tochter ist einem Gewaltverbrechen ... «, hat Christina damals angefangen und dabei gedacht, es hört sich falsch an.
»Was?«, hat Evelyn Brickerton gefragt und die Stirn gerunzelt.
Gewaltverbrechen ... Warum hat sie nicht gleich gesagt: Ihre Tochter Charlene wurde mehrfach vergewaltigt, durch Messerstiche schwer verletzt und dann erschossen? Zwei Schüsse in die Brust. Sie sagt Gewaltverbrechen, weil es nicht so brutal klingt, weil sich nicht gleich Bilder einstellen. Aber Mrs. Brickerton versteht nicht, sie zieht den Gürtel des Morgenmantels enger, als könnte sie sich so besser konzentrieren. Es ist später Nachmittag, und gelblich kränkliches Licht sickert durch die Wolkenschicht. Christina hat noch den Geruch in der Nase, der aus der Wohnung dringt, Zigarettenrauch und billiges Parfüm. Als Mrs. Brickerton dann endlich versteht, was dieser Cop da gerade zu ihr gesagt hat, zerreißt etwas in ihr, das hat Christina ganz deutlich gesehen, etwas, das sie am Leben gehalten hat. Vielleicht ist es ihr Glaube, hat Christina gedacht, oder einfach ihre Hoffnung, dass doch noch so etwas wie Glück auf sie und ihre Tochter warten könnte. Mrs. Brickerton sackt zu Boden, und Christina muss ihr wieder auf die Beine helfen.
»Ich versichere Ihnen, wir werden den Tod von Charlene nicht so einfach hinnehmen«, sagt sie der Mutter und sieht ihr dabei fest in die Augen. »Wir finden den, der ihr das angetan hat. Glauben Sie mir, Sie haben mein Wort.« Dazu hat sie sich hinreißen lassen, zu solch einer Versprechung. Dabei weiß sie, dass sie das nicht tun darf. Auch sie hat nicht alle Fälle aufgeklärt. Natürlich nicht. Manchmal melden sich die Toten, nachts, wenn sie schläft. Dann sieht sie sich an einer langen Mauer aus schwarzem Granit vorbeigehen, darin eingeritzt jeder einzelne Name mit dem Todesdatum und dem Vermerk: Mörder nicht gefasst.
Jeden Tag, sechs Monate lang, hat sie ihr Versprechen im Ohr.
Und dann heute: »Wir haben ihn«, hat sie am Telefon gesagt, »wir haben Charlenes Mörder.«
Aber Mrs. Brickerton hat geschwiegen. Das lässt Christina nicht los. Wenn schon nicht ein Danke, aber wenigstens so etwas wie ein erleichtertes Ja hat sie erwartet. Doch Mrs. Brickerton hat einfach nur den Hörer aufgelegt ...
»Hey, mach mal lauter, Terry!«, donnert Rob. Er zeigt auf den Fernseher über der Theke, und der Barmann drückt auf die Fernbedienung. Christina sieht auf, die Kollegen werden still. Auch ihnen ist der Fall nahegegangen. Die meisten haben Kinder zu Hause, Ed ist zwar geschieden, aber er sieht seine beiden Kinder einmal im Monat, und er redet schon eine Woche vorher dauernd davon. Oder Rob, auch geschieden, hat einen Sohn. »Nach über sechs Monaten intensiver Ermittlungen konnte die Polizei endlich den Mörder der siebenjährigen Charlene Brickerton festnehmen«, sagt die Sprecherin im Fernsehen. Fotos werden eingeblendet. »Captain Ruth Muller von der Milwaukee Homicide Squad konnte heute mit dieser Nachricht vor die Presse treten, nachdem ... «
»Muller braucht das für ihre Karriere.« Aaron hat sich zu ihr herübergebeugt, er sagt es ihr fast ins Ohr. »Es weiß doch sowieso jeder, dass wir das nur dir zu verdanken haben.«
Christina will sagen, es ist egal, Hauptsache, der Typ ist gefasst, aber sie sagt es nicht, denn es macht ihr doch etwas aus, dass Muller sich mit fremden Lorbeeren schmückt. Ausgerechnet Muller, die nicht einmal mehr an die Aufklärung des Falls geglaubt hat. »Wir haben hier mehr als genug zu tun, Andersson. Dieser Fall ist kalt. Kümmern Sie sich darum, wenn es mal nichts mehr zu tun gibt.«
Monatelang hat sie nicht mehr richtig schlafen können. Hat immer wieder die Kleine vor sich gesehen, wie sie in ihrem Blut lag. Und sie hat die Mülltonnen gesehen und die Ratten. So ein kurzes Leben. Sie hat nicht lockergelassen. Wie oft ist sie zum Tatort gefahren? Zwanzig Mal? Dreißig Mal? Jeden Stein, jedes Stück Müll hat sie umgedreht, obwohl die Spurensicherung nichts gefunden hatte. Und wie viele Typen aus der Drogenszene hat sie vernommen? Wie viele Anwohner? Du reibst dich auf, haben ihre Kollegen gesagt – und sogar ihr Bruder. Du musst mal abschalten! Du trägst nicht die Verantwortung. Für ihre Mutter war es mal wieder ein Beweis dafür, dass die anderen ihr wichtiger sind als ihre eigene Familie. Denn sonst hätte sie ja wohl auch einen anderen Beruf gewählt und wäre nicht Cop geworden. Du musst mal an dein eigenes Kind denken, Christina. Genau deshalb hat sie ja nicht auf gegeben, aber das versteht ihre Mutter nicht.
Als sie ihm heute endlich gegenübergestanden hat, dem fetten Travis Raymond, hätte sie...




