E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Reder Mediterrane Urbanität
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-85476-706-0
Verlag: Mandelbaum Verlag eG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Perioden vitaler Vielfalt als Grundlagen Europas
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-85476-706-0
Verlag: Mandelbaum Verlag eG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Reder, geb. 1944 in Budapest, ist Projektberater und Essayist, emer. Professor für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst Wien. 1980-1994 Leiter des Österreichischen Hilfskomitees für Afghanistan. Bei Mandelbaum erschienen Deformierte Bürgerlichkeit (2016) sowie Noch Jahre der Unruhe ... Ali M. Zahma und Afghanistan (2018).
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EUROPA-ERZÄHLUNGEN?
Als Herodot vor 2.500 Jahren als Erster die Mittelmeerwelt beschrieben hat, fasziniert von deren Vielfalt, meinte er damit trotz aller geografischen Ungewissheit weite Regionen rundum. Unverständlich blieb ihm, »warum man eigentlich den Erdteilen, die doch ein zusammenhängendes Land sind, drei Namen gibt, und zwar Frauennamen«. Selbst die von Zeus missbrauchte Phönizierin, nach der Europa benannt ist, »stammt doch aus Asien und ist nie in das Land gekommen, das man heute in Hellas Europa nennt«, womit anfangs nur der Peloponnes gemeint war. Einbezogen hatte er Gebiete bis zum Atlantik, den Donauraum, eurasische Steppen und den Osten bis Indien (»weitaus das größte Volk, das man kennt«) sowie Ägypten, Äthiopien und die großen Wüsten Arabiens und Nordafrikas, das damals Libyen hieß, wo »die gesündesten Menschen« leben, »von denen wir wissen«. Zur römischen Küstenprovinz Afrika geworden, nach dem Berberstamm der Afri, galt das in Europa dann für den ganzen Kontinent. Ihm Fremdes charakterisierte Herodot detailreich und höchst respektvoll. An ungewöhnlichem Verhalten störte ihn wenig. Beispielhaftes fiel ihm besonders auf, etwa die Vertragstreue der Araber, von denen »ein Bündnis hochheilig gehalten« werde. Obwohl sich Perser »für die allervorzüglichsten Menschen« hielten, seien sie »fremden Sitten so zugänglich« wie kaum ein anderes Volk. »Die äußersten Länder der Erde besitzen die kostbarsten Dinge«, ob Gold, Zinn oder Bernstein, konstatierte er entschieden. »Viele Wissenschaften und Künste« und »die Schriftzeichen« waren durch Phönizier nach Hellas gelangt. Herodot (ca. 490/480–430/420 v. u. Z.), aus dem heute türkischen Bodrum stammend, beeindruckten vor allem die Weisheit der Ägypter und der Reichtum des Landes. Ihrer uralten Kultur wegen seien die Ägypter »die geschichtskundigsten Menschen«, die er kenne, sie hätten die berühmtesten Ärzte und lehrten als Erste »die Unsterblichkeit der Seele«. »Fast alle hellenischen Götternamen« stammten von dort, selbst »die Geometrie«, die »dann nach Hellas gebracht« worden sei.1 Die frühgriechischen Löwen der Prozessionsstraße auf Delos orientierten sich am Amun-Tempel im ägyptischen Karnak.2 Für griechische Skulpturen waren solche Impulse wegweisend.
Auf Homer wiederum, auf den sich Herodot oft bezieht, gehen die frühen Mythen Europas als Vorrat an Menschheitswissen zurück, mit dem um 1200 v. u. Z. zu datierenden Trojanischen Krieg als zentralem Geschehen, in dem Paris und Helena, Agamemnon und Iphigenie, Achill, Hektor oder Odysseus die Hauptrollen spielen. Des listenreichen Helden jahrelange Irrfahrt heim nach Ithaka wurde zur Erkundung des den Griechen noch kaum bekannten westlichen Mittelmeeres. Jason und die Argonauten mit Herakles, Orpheus oder Theseus waren am Schwarzen Meer erstmals bis zum Kaukasus des Prometheus gelangt. Namentlich dürften sie alle immer noch vielen Menschen bekannt sein, obwohl ihre religiöse Verehrung bald komplett vom Christentum verdrängt worden war. Galten in Griechenland die trotz ihrer Übermacht glücklich abgewehrten Perser als fundamentale Bedrohung, reichte das kurzlebige Reich von Alexander dem Großen (356–323 v. u. Z.) dann bis an den Indus, was Europa weit nach Osten geöffnet hätte. Die Mittelmeerwelt selbst erhielt mit Rom als unbestrittenem Zentrum erstmals stabile Reichsstrukturen, die alle Küstenländer sowie Britannien, Westeuropa, große Teile Mitteleuropas, den Balkan, Kleinasien, Armenien, Mesopotamien und selbst Ägypten integrierten, das mit dem Ewigkeitsanspruch der Pyramiden langlebigste Reich überhaupt.
Zivilisationen und Erinnerungen an diese bleiben markant von Städten geprägt. Beruhte die griechische auf »der ›bewussten Entscheidung‹ für das « einer größeren Zahl von Freien und Gleichen an einem Ort, hatte sich Rom »trotz seiner immensen Eroberungen nicht als Nation oder Staat, sondern stets im traditionellen Rahmen eines Stadtstaates begriffen«, so der französische Philosoph und Sinologe François Jullien zur Problematik wieder weithin forcierter Debatten über kulturelle Identität. Roms historische Bedeutung basiert vor allem darauf, »immer mehr Menschen das eigene Bürgerrecht verliehen zu haben, bis dieses (ab dem Edikt von Caracalla 212) für alle freien Bewohner des Reiches galt und somit die Stadt und die Welt, und , durch ein gemeinsames rechtliches Band vereinte«. Man war »zugleich Bürger seiner eigenen Stadt und Bürger Roms«. Als Überwindung eines stets zu Separatismus und Militanz tendierenden Nationalismus ist diese Vorstellung nun selbst in der Europäischen Union eine ferne Utopie. Ein integrierendes Selbstverständnis blieb brüchig, denn »was später zu Europa werden sollte«, so François Jullien, entstand aus einer »chaotischen Geschichte« voller Widersprüche, auch was die angeblich essenziellen Grundlagen betrifft, sei es »die philosophische (griechische) Ebene der Konzepte, die juristische (römische) der Bürgerrechte« oder »die religiöse (christliche) des Heils«, bis hin zum behaupteten Universalismus von Demokratie, Republik, Vernunft, Aufklärung.3 Ursprünge der Europa prägenden Geisteswelten entstanden am Mittelmeer, die großen Buchreligionen vorerst in zivilisationsfernen Wüsten, mit Jerusalem als Mitte der Welt für Juden (Tempelberg, Klagemauer) und Christen (Kreuzigung, Auferstehung) und dem Felsendom (Mohammeds Himmelfahrt), dem für Muslime drittwichtigsten Heiligtum nach Mekka und Medina.
Trotz aller von dort importierten Nächstenliebe- und Friedensbotschaften wurde jedoch gerade Europa zum Kontinent permanenter Kriege, die meist als geschichtsrelevanter gelten als ruhigere Zeiten. Hatte die Völkerwanderung zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Nordafrika neue Verhältnisse geschaffen, können Stichworte nur andeutungsweise daran erinnern, welche Feindseligkeiten in der Folge Europa geprägt haben, zwischen Ostrom und Westrom, Lateinern und Griechen, Kaisern und Päpsten, Christen und Muslimen, Katholiken und Protestanten, um Gebiete streitende Imperien. Zu in ihrer Kontinuität und Dichte singulären Leistungen in Kunst und Wissenschaft kam es dennoch, weil sich ein freigeistig forschender Humanismus behaupten konnte. Frauen jedoch blieben von der Kirche gestützter patriarchalischer Dominanz unterworfen. Jüdische und andere Minoritäten wurden immer wieder erbarmungslos verfolgt. Die Kriege der dynastischen Reiche lassen sich sogar als mörderische Familienfehden unter Verwandten begreifen: Österreichs Kaiser Franz I. als Schwiegervater Napoleons, Deutschlands Kaiser Wilhelm II. als Enkel der britischen Königin Victoria, Zar Nikolaus II. als dessen Großneffe etc. Erst Frankreichs neues Selbstbewusstsein als revolutionäre provozierte einen deutschen Nationalismus, was sich mit einer Gegnerschaft zu dessen von Liberalen weithin unterstützten Aufklärungsideen verband. Die vehement propagierte Trennung von Kirche und Staat wurde erst nach Generationen konkreter. Nach dem Europa neu ordnenden Wiener Kongress vertiefte sich die Kluft zum Westen und dessen von der Kolonialmacht England ausgehenden Kapitalismus- und Industriedynamik. Denn die etablierten Monarchien schotteten sich davon ab – als »die damalige Dritte Welt jenseits des Rheins«, so das sarkastische Bild des Philosophen und Anthropologen Ernest Gellner.4 Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts mit ihren Millionen Toten ruinierten vieles von bereits Erreichtem. Weithin anerkannt blieb, dass die Shoah der zivilisatorische Tiefpunkt gewesen ist, mit Hiroshima als in Momenten möglicher Auslöschungsvariante. Auch die vielen weiteren Kriege waren nationalistisch und oft rassistisch, trotz aller Hoffnungen nach Ende des Kalten Krieges – nun mit der neuen Macht- und Militärkonstellation USA–China–Russland.
Europa dominierte die Welt, seit sich nach der Entdeckung Amerikas und den Indienrouten die Gravitationszentren seiner Entwicklung »vom Mittelmeer an den Atlantik verschoben hatten« als maritimer Zugang zu Grenzenlosigkeit, was einen Kolonialismus forcierte, der »den Planeten in viele Provinzen Europas aufteilen konnte«, unter »Verachtung und Beherrschung der Anderen«, wie der Soziologe Franco Cassano zum Verlust »der Vermittlerrolle des Mittelmeerraumes« konstatiert. Deshalb sei es überfällig, dass Europa wieder »den Rhythmus des Südens, dessen Hoffnungen und Träume« als seinen Ursprung anerkenne, war doch sogar »seine Freiheitsliebe in Griechenland entstanden«. Denn dazu brauchte es Erfahrungen mit verschiedenartigen Menschen und ständigem Transit. Diese »Hybridisierung von Kulturen« am Mittelmeer habe aufkommende »Ansprüche auf Exklusivität, Reinheit und Unversehrtheit« immer wieder aufgeweicht, waren doch sogenannte Andere »nie sehr weit entfernt«. Im Sinne Franco Cassanos weltweit »Southern...




