E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reed Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen.
Ungekürzte Ausgabe
ISBN: 978-3-7641-9232-7
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7641-9232-7
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ava Reed wird schon immer von Büchern begleitet. Das Haus ohne etwas zu lesen verlassen? Unvorstellbar. Schließlich entdeckte sie auch das Schreiben und Bloggen (www.avareed.de) für sich und kann sich nicht vorstellen, je wieder damit aufzuhören. Wenn sie nicht gerade wild in die Tasten tippt, geht sie ihrer Arbeit in einem Verlag nach. Ava Reed lebt mit ihrem Freund in Frankfurt am Main.
Autoren/Hrsg.
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August
.
1
Das matte dunkelbraune Leder fühlt sich kühl und weich an in meinen Händen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht fahre ich wieder und wieder über den Einband, sehe mir die kleinen Unebenheiten an, die es so machen.
»Du kannst dich schon seit Jahren nicht entscheiden. Das war kaum auszuhalten.« Emma schnaubt laut. »Das hat jetzt ein Ende. Ich hab es gesehen und konnte nicht daran vorbeigehen. Es hat förmlich deinen Namen geschrien.« Sie plappert weiter und auch wenn es für manche so klingen mag, als wäre sie genervt oder gar unbeteiligt, weiß ich, sie freut sich mit mir und ist aufgeregt, schließlich hat sie es mir einfach so mitgebracht. Ja, sie ist sogar nervös. Das merke ich an der Art, wie sie ihr Geschenk in meinen Händen ansieht, wie sie mich und meine Reaktion darauf genau studiert.
Es ist ein Tagebuch.
Schon ewig trage ich den Wunsch, meine Gedanken und Erlebnisse aufzuschreiben, mit mir herum, aber ich entschied mich stets um. Meine Meinung und Entschlossenheit flogen regelmäßig von Ja zu Nein wie ein Jo-Jo von oben nach unten. Es hat mich beinahe selbst ein wenig genervt und auch geärgert, das gebe ich zu. Bis ich mich gefragt habe, ob es wirklich an mir liegt oder an anderen, die stets versucht haben, es mir auszureden, weil Tagebücher schließlich albern seien, nur etwas für Kinder oder für Menschen, die sonst keine Hobbies oder Freunde haben.
Das ist der Moment gewesen, in dem ich erkannt habe, dass es mir egal sein sollte, was andere denken und was sie davon halten. Wieso sollte ich mich davon abbringen lassen, wo ich es mir doch so sehr wünschte? Wahrscheinlich, weil es einfach ist, die Meinungen und Stimmen anderer ignorieren zu wollen, aber schwer, es auch tatsächlich zu tun. Deshalb habe ich bisher wohl nicht den Schritt gewagt, mir wirklich eines zu kaufen.
Das hat Emma mir nun abgenommen.
Ich denke kurz nach, gehe in mich, doch auch in diesem Moment, hier in meinem Zimmer stehend, mit dem Büchlein in der Hand, empfinde ich es nicht als uncool oder kindisch. Für mich fühlt sich das Tagebuch schon jetzt an wie ein weiterer Freund. Es ist ein Geheimnis-Hüter. Ein Gedanken-Bewahrer. Ich wollte eines, das zu mir passt und es wert war, ihm meine Geheimnisse zu verraten, es an meiner kleinen Welt teilhaben zu lassen. Und es fühlt sich an, als wäre das in meiner Hand genau das richtige dafür. Als wäre es nur für mich gemacht worden.
»Verrate es mir!«, entschlüpft es Emma, in einer Mischung aus Ungeduld und Genervtheit, weil ich immer noch nichts gesagt habe. Damit reißt sie mich aus meinen Gedanken, lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Es gehört jetzt dir und es hat bestimmt keine drei Sekunden gedauert, bis du ihm einen Namen verpasst hast.« Emma zieht ihre Nase kraus und deutet auf ihr Geschenk, was meine Freude darüber nur größer werden lässt.
Wie gut sie mich kennt.
Es stimmt, ich gebe Dingen Namen. Vielen sogar. Eigentlich allen, die zu meinem Leben gehören. Warum? Ich denke, genau das ist der Grund: Sie gehören zu meinem Leben. Damit sind sie wichtig. Und ich finde, wichtige Dinge verdienen einen Namen. Nicht nur irgendeine Bezeichnung.
»Emma«, antworte ich fröhlich. »Es ist eindeutig eine Emma.« Der Mund meiner Freundin kann sich nicht entscheiden, was er genau tun will. Er ploppt auf und zu wie der eines Fisches, bevor ihr linker Mundwinkel anfängt, komisch zu zucken. Ich lache auf und umarme sie überschwänglich, schließe sie in die Arme und danke ihr für das schöne Geschenk.
»Es ist perfekt, das weißt du, oder?«
»Ja, das war es. Bis du ihm Namen verpasst hast.« Ihre Stimme klingt gedämpft durch meine Locken, die sie nun vermutlich überall im Gesicht hat.
Langsam löse ich mich von ihr und sie sich von meinen Haaren. Sie grinst mich an, schelmisch und freudig. Emma ist ganz anders als ich, aber es gibt mehr Dinge, die uns verbinden als trennen. Sie hat superglattes blondes Haar und blaue Augen, während ich mit hellbraunem, chaotischem, lockigem und dickem Haar aufwarten kann, das sogar rote Strähnen aufweist, wenn die Sonne im richtigen Winkel darauf scheint. Braune Augen. Ich sehe so stürmisch aus, wie sie ist, und sie so unscheinbar, wie ich bin. Darüber muss ich den Kopf schütteln. Sie ist meine beste Freundin, seit ich im Kindergarten einfach so meine Kekstüte und meinen Saft mit ihr geteilt habe. Und sie am Tag danach einen Jungen mit Sand aus dem großen Sandkasten beworfen, gefüttert und ihn überall in seiner Kleidung verteilt hat, nachdem er mich ausgelacht hat, weil ich es einmal nicht bis zur Toilette geschafft habe. Sie hat mächtig Ärger bekommen.
»Ich dachte, du magst deinen Namen?«
»Das stimmt. Aber du musst zugeben, deine Sachen haben ungewöhnliche Namen.« Sie zieht eine ihrer schön geschwungenen Augenbrauen nach oben. Etwas, das ich bis heute nicht geschafft habe. Bei mir heißt es beide oder keine.
»Beschwer dich nur weiter, ich weiß, du liebst es und bist ein wenig neidisch.«
Sie streckt mir belustigt die Zunge raus, während sich ihre Wangen rot färben. Sie ist nicht der Typ dafür, ihren Laptop zu nennen und ihr Handy . Ihre Lieblingstasse heißt nicht und ihr Lieblingssessel hat auch keinen Namen. Sie hat keine Ticks. Aber ich denke, manchmal hätte sie gerne welche. Und ich denke, sie ist gerührt, dass ich mein Tagebuch nach ihr benannt habe. Aber sie kann es nicht so zeigen wie andere. Deshalb lenkt sie ab.
»Wo sind Steph und Tom? Es ist ziemlich ruhig im Haus.«
Ich seufze, bevor ich mir noch mal über die müden Augen reibe. Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen und ich werde einfach nicht richtig wach. Ich gähne und antworte irgendwie dazwischen.
»Mum ist schon im Büro, sie hat einen wichtigen Kunden an der Angel oder so. Sie darf irgendein tolles Penthouse einrichten, wenn alles gut geht. Dad …« Ich seufze erneut. »Heute hat er , wie er sagt. Er ist gestern über seinen Papieren eingeschlafen«, erwidere ich.
»Das klingt nach viel Stress und den werden wir beide heute definitiv nicht haben. Also, das nehme ich jetzt einfach mal an – es sei denn, du schmeißt deinen Sommerpyjama nicht endlich von dir. Dann kommen wir nämlich zu spät zum Unterricht, und das am ersten Schultag nach den Ferien. Fänd ich echt schade.« Ihr sarkastischer Unterton entgeht mir nicht und ich boxe sie gegen den Arm. »Au! Schon gut, Rambo! Nun pack Emma Junior weg, schmeiß dir ein paar Sachen über, wir müssen los.«
»Wie spät ist es?«
»In dreißig Minuten klingelt es zur ersten Stunde.«
Oh nein! Wir brauchen mit Ves locker fünfzehn Minuten, eher zwanzig. Ich kann mir einen kräftigen Fluch nicht verkneifen, bevor ich zum Kleiderschrank und danach ins Badezimmer hechte. Hinter mir höre ich Emmas belustigte Stimme, die irgendwas von faselt.
Im Bad stecke ich die Haare hoch, die ich zum Glück gestern Abend schon gewaschen habe. Morgens wäre das eine Katastrophe, sie brauchen ewig zum Trocknen.
Ab unter die Dusche! Vorhang zu, Hahn an.
Heilige Scheiße, ist das kalt. Das Wasser hat keine Zeit, warm zu werden, und ich keine, um darauf zu warten. Schnell einseifen, abspülen und auf den Zehenspitzen wie eine Bekloppte hin und her tänzeln.
Ich denke, ich bin jetzt wach …
Wir haben einen alten Boiler, den ich Tag um Tag verfluche, meine Mum ebenso, und ich glaube, wenn Dad nicht bald dafür sorgt, dass er ausgetauscht wird, erlebt er Mum das erste Mal richtig wütend. Okay, nicht das erste Mal, sonst wäre es ja keine Drohung. Aber glaubt mir, das will niemand. Es dauert ziemlich lange, bis ihr der Geduldsfaden reißt, aber wenn es so weit ist … Ich vergleiche sie gerne mit einem Vulkan. Sie sammelt alles in sich – in ihrem Fall Informationen –, Druck baut sich stetig auf und irgendwann explodiert sie einfach. Es wird alles aus ihr herausbrechen und zwar so heftig, dass sich jeder sofort in Sicherheit bringen sollte. Dann wird es nicht mehr nur um den Boiler gehen und warum wir erst warmes Wasser haben, wenn wir schon mit Duschen fertig sind, sondern plötzlich auch um die eine Lampe von vor vier Jahren, die Dad nicht sofort repariert hat, oder den Einkauf von vor drei Jahren, der von irgendwem mal vergessen wurde, oder um den Fleck auf ihrem geliebten Wohnzimmerteppich, der nicht mehr rausgeht und für den keiner verantwortlich gewesen sein will. Aus ihr werden ruckartig all unsere Fehlgriffe herausgepresst werden und niemand, ich wiederhole, will...




