E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reed Wenn ich die Augen schließe
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7320-1449-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emotionales Jugendbuch über verlorene Gefühle und einen Neuanfang ab 14 Jahren
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7320-1449-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ava Reed wird schon immer von Büchern begleitet. Das Haus ohne etwas zum Lesen verlassen? Nicht möglich. Schließlich entdeckte sie auch das Schreiben und Bloggen für sich und kann sich nicht vorstellen, je wieder damit aufzuhören. Wenn sie nicht gerade wild in die Tasten tippt, verbringt sie Zeit mit der Familie und ihren Tieren. Ava lebt mit ihrem Verlobten im schönen Frankfurt am Main.
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2
Norah
Sasha Sloan – Dancing With Your Ghost
Es ist bitterkalt. Und es ist dunkel… so unsagbar dunkel.
Mitten in einem unbekannten Raum blicke ich mich um und versuche verzweifelt zu entkommen. Schreiend klopfe ich gegen die glanzlosen Fliesen, die sich eine nach der anderen in ihrem Schwarz aneinanderreihen und zu einem Meer werden. Weinend flehe ich das Nichts an, mir zu helfen, und höre dabei nur immer wieder mein eigenes Echo, das mich verhöhnt. Ich sacke auf den Boden in einem weißen Nachthemd, das ich nicht kenne. Es ist nicht das meine. Das Weiß strahlt, kein Fleck ist darauf zu erkennen und es wirkt wie ein Licht, wie eine Flamme in dieser Dunkelheit.
Wie eine Kerze in der Nacht.
Ich ziehe meine Beine an, bette meinen Kopf darauf. Meine nackten Füße sind eisig. Ich klammere mich an dem Nachthemd fest, denn es ist mein einziger Halt.
Und während ich nach einer Idee oder Möglichkeit suche, der klirrenden Kälte und diesem Ort entfliehen oder ihn wenigstens vergessen zu können, bilden sich in der Leere meines Kopfes plötzlich Bilder. Ich kann jemanden reden hören. Meine Lider werden schwer, mit geschlossenen Augen werden die Gedanken klarer, die Stimme lauter.
Unter mir spüre ich Sand, ein großes Handtuch liegt neben mir und leuchtet in der Sonne in bunten Farben. Die Kälte ist verschwunden, hat einer sengenden, fast schwülen Hitze Platz gemacht. Es ist hell. Ich bin nicht länger allein. Vor mir sitzt ein schmächtiger Junge mit hellbraunem Haar und graublauen Augen. Neben ihm lehnt eine schöne Gitarre.
Er ist vielleicht neun oder zehn Jahre alt und blickt mich trotzig an. Aus meinem Mund erklingen Worte, sie sind laut und klar, bestimmt und dennoch kindlich.
»Du musst es mir versprechen. Und du darfst nicht lügen, Sam.« Während ich den Sand durch meine Finger rieseln lasse, verschränkt er die Hände vor der Brust und verzieht das Gesicht.
»Du wirst nur traurig sein, wenn es anders kommen sollte. Ich will nicht, dass du traurig bist.«
»Du glaubst also nicht daran?«, frage ich schockiert.
»Ich weiß es nicht«, gibt er zerknirscht zu. »Ich will nicht, dass du weinst. Ich will, dass du glücklich bist.«
Ich antworte etwas, aber kann mich selbst nicht mehr hören, weil eine Melodie erklingt und sich über alle anderen Geräusche erhebt – wie ein Gott.
Ruckartig schlage ich die Augen auf. Die Bilder verblassen, trotzdem kann ich die Melodie weiterhin wahrnehmen. Sie wärmt mich von innen. Sie ist ein Teil von mir, auf irgendeine Art und Weise. Da ist etwas, das ich nicht greifen kann, etwas, an das ich mich nicht erinnere, aber von dem ich spüren kann, dass es da ist.
Zu gern hätte ich meine Antwort gehört, zu gern hätte ich mich in dem Gespräch mit dem Jungen verloren und weiter den Sand zwischen meinen Zehen gespürt, die Sonne auf meinem Gesicht. Zu gern wüsste ich, welche Melodie das war. Doch das Bild verblasst weiter und mit ihm die Musik. Ich selbst tue das.
Zurück bleiben nur Kälte und Dunkelheit.
Zurück bleibt ein Teil von mir.
Krampfhaft versuche ich, nur einen einzigen sinnvollen Gedanken zu fassen, nur wirbeln sie dafür zu aufgebracht umher. Es ist, als liefen sie davon. Weg von mir.
Dieser Moment fühlt sich an, als wäre er der erste von allen. Ein Anfang.
Zu deutlich nehme ich meinen Körper wahr, meine Atmung, das gleichmäßige und angestrengte Klopfen meines Herzens. Dann überrollen mich die Schmerzen wie eine gigantische Welle, die über mir bricht und mich begräbt. Mein Körper verkrampft sich und ich rieche das Desinfektionsmittel nun mehr als deutlich. Es setzt sich in meiner Nase fest, die wie mein Hals zu brennen beginnt. Mein Oberkörper schmerzt am meisten, meine Brust droht bei jedem Atemzug zu bersten und ein Stechen zieht von meiner linken Hand den Arm hinauf. Am schlimmsten sind die Kopfschmerzen, die mich beinahe zum Schreien bringen und mir das Gefühl geben, ihnen kaum standhalten zu können.
Mühsam hebe ich meine bleiernen Lider. Sie sind verklebt und meine Augen geschwollen. Alles ist anders, fühlt sich verzerrt an, fremd und schwer. Genau wie mein Kopf, den ich nur wenige Zentimeter heben kann und in dem es nicht aufhört zu hämmern.
Eine Ewigkeit scheint zu vergehen, bis ich die Bilder, die ich sehe, mit den Dingen, die ich sonst noch wahrnehme, zu einer Geschichte formen kann. Zu einer Erzählung, die einen Sinn ergibt.
Weiße Wände, weiße Vorhänge, ein hohes Bett, ein karger Raum. Kombiniert mit dem Piepen, mit dem Geruch, der in der Luft hängt, und den Schläuchen in meinem Arm dämmert es mir, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.
Ein Krankenhaus.
Langsam und stöhnend stütze ich mich mit zusammengebissenen Zähnen auf den Ellenbogen ab. Drei Anläufe braucht es, bevor meine Arme nicht mehr wegknicken und ich mich etwas aufsetzen kann. Hinter meiner Stirn pocht es unablässig, sodass mir Tränen in die Augen schießen.
Der Kopf meiner Mutter ruht auf ihren Armen am Rand meines Bettes auf der rechten Seite. Ihre Haare haben sich aus dem Zopf befreit und über ihre Hände und die Decke ausgebreitet. Sie sehen zugleich strohig und fettig aus, sind chaotisch, voller Knoten. Ihr Körper hebt und senkt sich gleichmäßig, sie schläft. Dass mein linkes Bein beinahe taub ist, verdanke ich Lu, die sich am Fußende des Bettes zu einer Kugel zusammengerollt hat. Meine Schwester liegt halb auf meinem Bein, in den Armen ihr Lieblingskuscheltier. Sie schnarcht leise und ich erkenne Puddingreste an ihrem Mund. Ich weiß nicht, warum, aber ich muss lächeln. Dabei reißen meine Lippen, halten dem Druck nicht stand und ich zucke zusammen.
Eine Träne rinnt aus meinem Auge und ich schlucke schwer, was nicht so einfach ist. Mein Mund fühlt sich ganz trocken und pappig an. Ich greife zitternd nach dem Becher mit Wasser neben mir, nehme ein, zwei Züge, doch mir wird schlecht, deshalb stelle ich ihn sofort wieder zur Seite.
Und auf einmal ist sie da – die Erinnerung. Nein, sie alle. Es ist, als würde vor meinem inneren Auge eine Diashow ablaufen. Nur fühlen sich die Bilder und Erinnerungen nicht an wie sonst, sondern beinahe fremd. Ich sehe meine Mutter lachen, während sie ihre Lieblingsserie guckt, oder meinen Vater, wie er Zeitung liest. Dann ist da Lu, die mich grimmig anstarrt, und ich erinnere mich auch, warum.
Aber etwas fehlt! Wieso fehlt da etwas?
Ich runzle die Stirn, kneife die Lippen zusammen, versuche, die bohrenden Kopfschmerzen zur Seite zu schieben. Mein Herzschlag beschleunigt sich, mir wird etwas schwindelig und es ist mir vollkommen egal. Ich muss wissen, was sich so … falsch anfühlt. Mit aller Kraft bemühe ich mich, genau das herauszufinden, konzentriere mich stärker und verdränge die Schmerzen, die sich jetzt immer heftiger durch meinen Körper ziehen.
Bis mein Vater durch die Tür ins Zimmer tritt, zwei Becher Kaffee to go in der Hand, mit zerzaustem Haar, zerknittertem und oben falsch geknöpftem Hemd. Mit dunklen Ringen unter den Augen, die sich weiten, als er mich ansieht.
»Norah«, flüstert er überrascht mit heiserer Stimme und lässt dabei beinahe die Becher auf den Boden fallen. Etwas Kaffee schwappt über, trotz Deckel. Sofort stolpert er zum Bett, um es herum und setzt die Getränke hektisch auf dem Beistelltisch ab, bevor er liebevoll, aber bestimmt an der Schulter meiner Mom rüttelt. Seine Stimme zittert jetzt.
»Sie ist wach, Anna. Unsere Norah ist wach.«
Seine Worte klingen brüchig, ich höre ihn weinen und schließlich knicken meine Arme ein, ich sacke zurück aufs Bett und heiße Tränen rinnen über meine eigenen Wangen. Jeder Schluchzer tut so weh, dass ich denke, einen weiteren ertrage ich nicht. Jeder geht mir durch Mark und Bein. Und jede Träne verbrennt meine Haut auf ihrem Weg nach unten bis auf das Kissen.
Ich habe das Gefühl, nie zuvor gefühlt zu haben. Ich weiß genau, etwas ist nicht so, wie es war. Nicht wie es sein sollte. Das lässt mich nicht los, ich kann nichts dagegen tun. Ich bin zerbrochen und doch ganz. Wie eine Vase, die zersprungen ist und deren Teile man wieder zusammengefügt hat, ohne dass sie richtig aufeinanderpassen.
Mit geschlossenen Augen liege ich da, während mein Herz verzweifelt gegen meine Rippen hämmert wie ein Gefangener, der nichts weiter als ausbrechen will. Ich versuche, mich irgendwie zu beruhigen, nur ist das verdammt schwer. Panik lauert in mir, direkt unter der Oberfläche, doch … ich weiß nicht, wovor.
Das ist vielleicht das Schlimmste daran.
Plötzlich beginnt etwas an meinem Bett zu surren und direkt daraufhin hebt sich das Kopfteil Zentimeter um Zentimeter nach oben, sodass ich aufrecht sitze, ohne mich dabei anstrengen zu müssen. Als das Surren endet, ist es ganz still.
Zaghaft öffne ich die Augen wieder, befeuchte meine spröden Lippen und schaue direkt in das Gesicht meiner Mutter. Ich erkenne Angst, Hoffnung und Liebe darin und ich sehe die Verzweiflung. All das ist greifbar und so lebendig, dass ich fast keine Luft bekomme.
So viele Gefühle.
So viele erste Male.
Zu viel, zu viel, zu viel.
»Norah? Bist du … wirklich wach?«, fragt Mom erstickt und ich bringe nicht mehr als ein Nicken zustande, ein knappes und kaum sichtbares, aber es reicht, um sie glücklich zu machen. Keuchend drückt sie meine Hände. Ihre sind warm und die Berührung fühlt sich beruhigend an. Erst jetzt merke ich, wie kalt meine eigenen Finger sind....




