E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Rees Klassenspiel
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-646-92168-7
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Jugendroman zum Thema Mobbing
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-646-92168-7
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Celia Rees lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in England. Ihren Beruf als Englischlehrerin gab sie auf, als sie merkte, dass es ihr mehr Spaß machen würde, selbst zu schreiben, vor allem für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie selbst liest am liebsten Krimis.
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Erstes Kapitel »Hast du das gesehn?«
Josie Campbells Frage riss Alex aus ihren Gedanken. Mit einem ziemlich unangenehmen Ruck kehrte sie auf den Boden der Tatsachen zurück, auf den Schulhof in der Mittagspause.
»Was denn? Was soll ich denn gesehn haben?«
Sie sprach so eindringlich, dass Josie verwundert zu ihr aufschaute.
»Was ist denn los, Alex? Du machst ein Gesicht, als wär dir ein Gespenst begegnet oder so.«
Alexandra Lewis glaubte nicht an Gespenster. Bevor sie an etwas glaubte, brauchte sie schon einen handfesten Beweis dafür. Aber einen Augenblick lang bildete sie sich ein ihn zu sehen, wie er ganz still und allein inmitten des chaotischen Getöses auf dem Schulhof stand. Michael Bailey. Er hatte seinen glänzenden blauen Parka an. Der Pelzbesatz an der Kapuze warf dunkle Schatten über sein Gesicht. Man konnte nur die hohe, weiße Stirn erkennen, in die ihm ein paar Strähnen seiner leuchtend roten Haare hingen und dort Streifen bildeten. An seiner grauen Hose haftete an beiden Knien grober Sand und seine schwarzen Schuhe erstrahlten in der hellen Aprilsonne in einem stumpfen Glanz. Dann, in der kurzen Zeitspanne, die man braucht, um zu zwinkern und die Stirn zu runzeln, war er wieder verschwunden.
Wenn Josie ihn auch gesehen hatte ...
Aber das war nicht der Fall. Sie zeigte in die entgegengesetzte Richtung und zerrte Alex jetzt am Ärmel, um ihre Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was sie ihr zeigen wollte. »Dort drüben! Sieh doch nur! Sandi Mitchell. Sie macht Greg Simpson an!«
War das alles? Alex lehnte sich erleichtert an die Mauer.
»Na und?«, sagte sie und schaute zur Mitte des Schulhofs.
Dort stand Sandi. Sie war mitten in ein Footballspiel hineingeplatzt, hatte sich zwischen den Spielern hindurchgeschlängelt und Greg sehr viel geschickter geblockt als der gegnerische Center. Greg hielt den Ball in der Hand, ließ ihn auf der Fingerspitze kreisen und warf ihn immer mal wieder in die Luft, während er Sandi zuhörte. Weder er noch Sandi achteten auch nur im Geringsten auf die anderen Spieler, die hilflos und genervt um sie herumstanden.
»Bestimmt fragt sie ihn, ob er mit ihr gehen will!« Josies Stimme wurde vor lauter Aufregung zu einem hohen Quieken.
»Warum auch nicht?« Alex zuckte mit den Schultern. »Wir leben schließlich in einem freien Land.«
»Aber sie geht doch eigentlich mit David Morris!« Josie kicherte entzückt. »Schau ihn dir an. Dort drüben am Tor. Er hat die beiden gesehen – er wird schon ganz rot!« Sie packte Alex fest am Arm und hüpfte aufgeregt auf und ab. »Vielleicht gibt’s gleich eine Schlägerei! Für dich läuft das alles jedenfalls sehr gut. Jetzt ist er frei und kann mit dir gehen, Alex. Wenn du willst, frag ich ihn.«
David Morris blieb einen Augenblick lang unentschlossen stehen, dann marschierte er davon. Im Gehen fetzte er sich die Torschützer-Handschuhe herunter und schmiss sie auf die Mäntel und Jacken, mit denen die Torpfosten markiert waren.
»Wenn du ihm auch nur ein Wort sagst«, fauchte Alex, »dann bring ich dich eigenhändig um. Ist das klar?«
Gekränkt und beleidigt runzelte Josie die Stirn.
»Ich dachte, du magst David. Ich dachte, du möchtest mit ihm gehen. Du hast doch selbst gesagt, dass du auf ihn stehst.«
»So hab ich das jedenfalls nicht gesagt«, gab Alex zurück und musste sich große Mühe geben, nicht die Beherrschung zu verlieren.
»Doch! Das hast du mir letzte Woche erzählt, als wir im Park waren. Ich weiß das noch so genau, weil ...«
Jetzt fiel Alex das Gespräch wieder ein. Sie hatte irgendetwas sagen müssen, damit Josie die Klappe hielt und nicht immer weiter auf diesem Thema herumhackte. Alex redete nicht gern auf diese Weise über Jungs, schon gar nicht über David. Ihr wurde dabei immer ganz unbehaglich zu Mute.
»Wie gesagt«, verkündete sie, verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihr Gegenüber böse an. »Ein Wort – und du bist tot.«
»Okay, okay.« Josie wich vor ihr zurück. »Ich geh jetzt sowieso zu Sandi. Mal nachsehen, was sich so tut.«
Inzwischen war Sandi Mitchell zu der Clique gegangen, die auf der anderen Seite des Schulhofs beisammenstand. Sofort kamen fast alle Mädchen aus Alex’ Klasse an und scharten sich um sie.
Andrea Bowman stopfte ihr Springseil in die Tasche, weil sich eine interessantere Beschäftigung bot. Jungs. Zurzeit war das offenbar das Einzige, worüber die Mädchen sprechen wollten.
Alex blieb, wo sie war. Sie hatte kein Bedürfnis, dabei mitzumachen. Urplötzlich war es unmöglich geworden, mit einem Jungen einfach nur befreundet zu sein, so wie sie es mit David war. Schon ein Lächeln in seine Richtung löste gleich Getuschel aus, dass sie mit ihm gehen wollte. Das war alles so dumm. Mit jemandem zu gehen bedeutete etwas ganz anderes, als die Mädchen in ihrer Klasse sich einbildeten. Helen, Alex’ ältere Schwester, war fünfzehn und schwieg sich ziemlich darüber aus, was sie und ihre Freundinnen trieben, wenn sie mit einem Jungen gingen. Aber Alex hatte sie schwer im Verdacht, dass es dabei um mehr ging, als nur herumzuhängen und den Jungs beim Football zuzusehen oder sie dazu zu bringen, mit ihnen Spiele zu spielen, bei denen geküsst wurde.
Sie wandte den Blick von Sandi und ihrem Fanklub ab und schaute wieder zu der Stelle hin, an der sie diese eine, seltsame Sekunde lang geglaubt hatte Michael Bailey zu sehen. War es ein Gespenst gewesen? Nein. Das konnte sie nicht akzeptieren. Vielleicht gab es auch noch eine andere Erklärung dafür. Es musste eine andere Erklärung geben.
Jede x-beliebige Idee konnte einem plötzlich in den Sinn kommen. Warum dann nicht auch ein Mensch?
Vielleicht waren Gespenster genau das. Vorstellungen von Menschen, die einem durch den Kopf schossen und ohne jeden Grund auftauchten und wieder verschwanden. Das musste es sein. Das machte Sinn.
Alex schüttelte den Kopf und grinste vor sich hin. Ihre Fantasie hatte ihr einen Augenblick lang einen ganz schönen Streich gespielt.
Sie stemmte einen Fuß gegen die Mauer und verschränkte die Arme vor der Brust. Vor ihr liefen Schülerinnen und Schüler hin und her. Für die meisten von ihnen war Michael Bailey ein Gespenst, und zwar ein echtes. Es war für sie genauso real wie die Ziegelsteine der Mauer oder Alex selbst. Sie wussten alles von ihm. Was er aß, was er machte. Sie konnten einem sogar zeigen, wo er wohnte.
Er hauste in der Werkstatt des Hausmeisters. Alex konnte den obersten Teil der schmutzigen, verschmierten Fensterscheiben sehen. Sie lugten wie ein trübes Augenpaar über die Mauer zu ihr hin. Das Tor war an einer Ecke völlig vermodert. Der Farbanstrich war abgeblättert und das rohe Holz ragte wie ein fauliger brauner Zahn hervor. Das Ganze sah aus wie ein riesiges Rattenloch.
Durch dieses Loch geht Bailey ein und aus, flüsterte man sich gegenseitig zu. Er kommt nur nach Einbruch der Dunkelheit hervor, aber bei Vollmond kommt er immer. Dann sucht er nach Nahrung, und wenn er ein Lebewesen findet, saugt er ihm das ganze Blut aus. Sonst hält er Ausschau nach Essensresten. Er trinkt die schalen Überreste aus Getränkedosen und ernährt sich von Brotkrusten, zermatschten Keksen und Kartoffelchips aus halb geleerten Tüten.
Das waren die Geschichten, die über Bailey kursierten. Nur die Kühnsten wagten sich nahe an die Werkstatt heran und nur die Allertapfersten der Kühnsten reckten sich zitternd auf die Zehenspitzen und riskierten einen Blick hinein.
Außer kaputten Stühlen und Tischen, die der Hausmeister reparieren sollte, befand sich nichts in der Werkstatt. Das wusste Alex ganz genau. Die Geschichten waren einfach nur Quatsch, aber sie machten dennoch die Runde und gingen immer weiter. Wenn etwas verschwand, wenn sich irgendwas nicht wiederfinden ließ, hatte Bailey es genommen. Die Kleinen aus den ersten Klassen waren sogar dazu übergegangen, ihm Essen hinzulegen. Das machten sie am Fahrradschuppen, näher wagten sie sich nicht an die Werkstatt heran. Sie hofften, dass ihre Gaben ihn davon abhalten würden, hervorzukommen und nach anderer Nahrung zu suchen.
Die älteren Schülerinnen und Schüler sagten, dass sie das alles nicht glaubten. Aber sie kamen außerhalb der Schulzeit niemals hierher, um auf dem Schulhof Football zu spielen oder ein bisschen herumzutoben. Selbst an Elternabenden lag der Schulhof verlassen da, sobald die Dunkelheit sich herabsenkte. Es rankten sich auch noch andere Geschichten um Bailey. Darüber, was mit ihm geschehen war. Manche der Geschichten waren eher komisch, wenn auch auf eine ziemlich widerwärtige Art. Aber die meisten waren so grausig wie eine Horrorgeschichte. Wenn die anderen darüber sprachen, ging Alex weg, weil das alles nur blöd war. Völlig lächerlich. Von denen, die diese Geschichten erzählten, war die Hälfte noch gar nicht an der Schule gewesen, als es passierte. Sie konnten nicht mal wissen, ob er tot war. Jedenfalls wussten sie’s nicht mit Sicherheit.
Trotz der warmen Frühlingssonne, in der schon die Verheißung auf den Sommer lag, durchlief Alex ein Schauder. Fröstelnd ging sie zu einer Bank, die in der Nähe stand. Sie wollte nicht mehr an Bailey denken. Stattdessen lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf Sandi Mitchell.
Sandi spielte an ihrer schicken rosa Sonnenbrille mit den großen Punkten herum und lächelte den Mädchen zu, die sich kichernd und kreischend um sie drängten. Alle waren begierig darauf, von ihrer neuesten Eroberung zu hören, wollten unbedingt alles wissen, bis hin zum kleinsten Detail. Sandi übergab Andrea ihre Sonnenbrille und rückte sich die...




