E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Reese Hörig - Die wahre Geschichte der Marie K.
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-82674-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-82674-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon in der Schule habe ich Aufsatzwettbewerbe gewonnen. Doch Schreiben ist ja kein Beruf. So sagte es mein Umfeld und ich wurde Beraterin, Personalleiterin. Geschrieben habe ich dann immer nur beruflich. Doch in dem Moment, als die Kinder aus dem Haus waren hatte ich plötzlich wieder Muse und Zeit. Astrid Lindgreen oder Rosamunde Pilcher sind nur zwei Beispiele, die auch sehr spät begonnen haben. Mein nächster Roman ist schon in Arbeit.
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1
IMPULSE
Es war noch nicht Frühling und doch nicht mehr Winter. Ich trug einen schweren Mantel, als ich das erste Mal seine Wohnung betrat. Er war höflich, nahm ihn mir ab und hatte keine Ähnlichkeit mit den Bildern, die er von sich preisgegeben hatte. Er hatte dunkle Haare, trug einen Vollbart und war klein. Der Bauchansatz ließ sich nicht verbergen ebenso wenig wie die Tatsache, dass er keinen Sport trieb. Kerzen, Jazz- er hatte sich Mühe gegeben.
Sein Gezeter über guten Wein, besonders Rosé, den er zu mögen schien, beeindruckte mich gar nicht. Ich war einen Kopf größer als er.
Alles, was kommen sollte, es war längst entschieden in diesem Moment, als mich etwas auf die Knie zwang, bevor ich mein Glas auch nur angerührt hatte. Wie ist so etwas möglich? Ferngesteuert folgte ich einer Energie. Als zöge mich ein Magnet, rutschte ich aus meinem schönen, alten, sesselähnlichen Möbel mit hellblauer Polsterung und kniete auf dem Boden, die Arme legte ich hinter meinen Rücken, die eine Hand leicht in die andere. Wieso tat ich das? Niemand hatte es mir beigebracht, niemand gesagt. Ich senkte den Kopf, schloss die Augen und spürte in mich hinein. Die Stuhlbeine ratschten über das Parkett. Ich dachte daran, dass er unbedingt diese kleinen, selbstklebenden Fließflecken darunterlegen sollte. Er stand vor mir, seine Hand griff unter mein Kinn, hob meinen Kopf.
„Augen auf. Sieh mich an.“ Seine Stimme klang nicht mehr schrill und ich roch den Wein in seinem Atem, als er sich zu mir runterbeugte. Sein Blick war fest, die Augen schön. Ein flüchtiges Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Ich fühlte Geborgenheit, die in meinen Körper floss. Seine Hand griff fest in mein Haar. Ich konnte hören, wie die Metallnoppen auf seinem Gürtel klackerten, als er sie durch die Schnalle zog. Meine Gedanken ergaben sich langsam und hörten auf sich in mein Bewusstsein zu kämpfen. Mit einer ruhigen Bewegung, die eine Hand noch immer in meinem Haar, meinen Kopf nach hinten ziehend, öffnete er mit der anderen seine Hose und schob mir bestimmend seinen harten Schwanz in den Mund. Ich war jetzt fünf Minuten in der Wohnung.
Eine Woche vorher.
MONTAG
„Guten Morgen, Marie, viele Grüße von Nikolas aus Wilmersdorf.“ 6:25 Uhr
„Was machst du jetzt?“ 9:10 Uhr
Seine ersten Tinder-Nachrichten erreichten mich in einem Kundentermin. Die roten Wangen, sein Kinn in die Hand gestützt, auf seinem Profilfoto sah er mit einer jungenhaften Verträumtheit eines 25-Jährigen in die Ferne.
„Komm her!“
„Ich brauche dich hier.“ 9:50 Uhr
„Leg dich zu mir, bis ich gehen muss.“
„Dann bleib noch etwas liegen, genieße den Morgen!“ 10:20 Uhr
„Antworte!“ 11:05 Uhr
Das zweite Foto zeigte ihn telefonierend, lässig im schwarzen T-Shirt und kurzer Hose. Rosa! Ein goldenes Handy in der linken Hand, weiblich gehalten mit Daumen und Mittelfinger. Der Blick abwesend auf seine rechte Hand gerichtet, als sei er weder empfangender noch sendender Teil dieses Telefonats.
„Willst du Sex?“
„Los.“
„Antworte!“ 13:20 Uhr
Ich sah nicht den 43-jährigen Arzt, den Vater, sah nicht den Sadisten, den Manipulator, den krankhaften Lügner, die Sau, den genialen Ficker, der er war, auch nicht den Bedürftigen, sich nach dem Normalen sehnenden Mann. Er wirkte blond und jung im Gegenlicht. So erspürte ich aus diesen Bildern etwas, von dem mir erst viel später klar wurde, was es war.
„Ich muss dich ficken, Liebes.“
„Deinen wunderbaren Körper berühren.“
„Melde dich!“
„Jetzt!“ 15:45 Uhr
Zwei neue Projekte fraßen meine Aufmerksamkeit und Konzentration, halfen weitere Stunden der Anziehung zu widerstehen, die diese wenigen Worte bewirkten. Noch schaute ich sie nur an. Las sie immer und immer wieder.
„Was machst du jetzt?“
„Komm her!“ 20:00 Uhr
„Ich muss dich berühren!“ 20:50 Uhr
Er hatte mich zuerst er-wischt. Wie absolut und berechnend seine dahinterliegende „Trial and Error“-Tinder-Taktik war, verletzte mich erst mit achtmonatiger Verzögerung, als ich zu Katharina wurde.
„Ich will dich kennenlernen.“ 22:09 Uhr
„Wann haben wir Sex?“ 23:37 Uhr
Einen einzigen Tag und die darauf folgende Nacht schaffte ich es, nicht darauf zu reagieren. Im Zehn-Minuten-Abstand öffnete ich die App, die ich erst seit Kurzem überhaupt benutzte. Das Handy von nun an immer vor mir liegend, sollte mein erster Tinderkontakt mich verändern. Warum nur hatte ich meinen richtigen Namen angegeben?
DIENSTAG
„Guten Morgen, Marie.“ 6:10 Uhr
„Ich will Sex mit dir.“
„Komm her“ 6:20 Uhr
„Ich habe jetzt Lust dich zu lecken und dann irgendwann mit der Hand heftig auszumassieren.“ 6:25 Uhr
„Wenn du gut gekommen bist, will ich, dass du nackt liegen bleibst.“
„Z. B. einen Wein trinkst …“
„… und dann irgendwann gehst.“ 6:31 Uhr
Nikolas’ Nachrichten blinkten sich bedrohlich dichter in meinen Kopf, aus dem ich ihn bis heute einfach nicht verbannen kann.
„Wo bist du?“ 9:43 Uhr
Der Sound dieser Tinder-Nachrichten schaltete eine innere Unruhe an, die mich nicht mehr weiterarbeiten ließ. Ich wusste, dass ich antworten würde. Bewusst ließ ich mich einsaugen und trieb gierig dem Neuen zu. Eine Reise, die Alles und mich verändern würde.
„Im Büro.“ 10:50 Uhr
„Wann hast du Feierabend?“ 10:55 Uhr
„Warum?“ 10:56 Uhr
„Frag nicht so dümmlich.“ 10:56 Uhr
„Du wirst heute Abend zu mir kommen.“ 10:57 Uhr
„Deinem Trieb folgen.“ 11:15 Uhr
Er hatte sich schon in mein Gehirn hineinmanipuliert.
Sie strukturierten die Bank um. Es wurden neue Teams gebildet. Wir hießen jetzt „Förderberater“ und sollten mehr raus zu unseren Kunden. Bald würden wir in Großraumbüros sitzen. Viele Kollegen waren verunsichert. Sie nannten das jetzt „Service“ und mir gefiel die Idee, nicht mehr jeden Tag zwangsläufig ins Büro gehen zu müssen, stattdessen direkt zu den antragstellenden Unternehmen zu fahren. Eine Sitzung reihte sich in diesen Tagen an die andere. Langweilige Meetings, geleitet von ebenso langweiligen Unternehmensberatern, die nur in der Theorie wussten, wie ein Produktionsbetrieb funktioniert. Die Berliner Verwaltung war im Sparfieber – zusammenlegen, rationalisieren. Plötzlich tauchten junge Männer in Turnschuhen auf, nannten sich „CEO“ oder „Managing Director“ und ließen sich mit Du anreden. In einer Mischung aus Englisch und Deutsch, übrig geblieben aus irgendeinem pleitegegangenen Start-up, sollten sie nun die Behörden dynamisieren. So auch in unserer Bank, die der Stadt so gut wie gehörte. Endlose PowerPoint-Schlachten, an deren Ende keiner mehr wusste, worum es ging. Die Botschaft war klar. Es würde alles anders werden, ob ich nun die Charts verstand oder nicht. So begann ich mit Nikolas zu schreiben.
„Sag etwas!“ 13:44 Uhr
„Ich weiß nicht, was. Hab viele Fragen.“ 13:46 Uhr
„Frag.“ 13:46 Uhr
„Wer bist du? Ich kenne dich nicht“ 13:47 Uhr
„Was willst du wissen?“ 13:47 Uhr
„Was willst du mir von dir erzählen?“ 13:48 Uhr
„Lass das!“ 14:15 Uhr
„?“ 14:16 Uhr
„Arzt, Single, Vater, 43, Linkshänder.“ 15:20 Uhr
„Verheiratet?“ 15:21 Uhr
„Nein. Ich sagte single. Lies aufmerksam. Jetzt du.“ 15:22 Uhr
„Ich bin verheiratet“ 15:22 Uhr
„Fickt er dich nicht gut?“ 15:23 Uhr
„Was ist gut?“ 15:23 Uhr
„Ich sagte, lass das.“ 15:23 Uhr
„Bist du geil?“ 17:31 Uhr
„Ich weiß nicht. Etwas passiert jedenfalls mit mir.“ 17:31 Uhr
„Dann komm heute Abend zu mir“17:32 Uhr
„Weiß nicht, bin unsicher.“ 17:33 Uhr
„Ich werde dir nur Gutes tun.“ 17:34 Uhr
„Was zum Beispiel?“ 17:35 Uhr
„Ich werde dir deine Lust geben. 17:36 Uhr
„Ok. Versuche es.“ 17:36 Uhr
„Also kommst du?“ 17:37 Uhr
„Nein. Ich kann nicht. Erst Ende der Woche. Eher erst nächsten Montag.“ 17:37 Uhr
„Morgen?“ 17:38 Uhr
„Nein.“ 17:38 Uhr
„Ich will deine Lust.“
„Komplett.“
„Ich will dich bearbeiten.“
„Belasten.“
„Bis dein Blick leer ist …“ 23:54 Uhr
MITTWOCH
„Hast du Lust?“
„Antworte!“...




