E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Regenauer wortsport und schrift-verkehr
3. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-6628-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichte und Philosophie einer Band zwischen Wut und Ohnmacht
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-7534-6628-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom-Oliver Regenauer wurde in Süddeutschland geboren und wuchs in der Nähe von Baden-Baden auf. Schon in jungen Jahren interessierte er sich für Musik, Kunst und Literatur. Animiert von der Schallplatten- und Bücher-Sammlung des Elternhauses begann er bereits im Kindergarten, sich für Songs und Texte zu begeistern. Im Alter von achtzehn Jahren gründete er in seiner Heimatstadt ein Tonstudio und Plattenlabel mit angeschlossener Event-Agentur. In den vergangenen 20 Jahren nahm er unter verschiedenen Pseudonymen über 1000 Songs auf, bei denen er sowohl für Songwriting und Produktion als auch für Arrangement, Mix und Management verantwortlich zeichnete. Parallel zu seinen Tätigkeiten im Bereich Musik ist er seit dem Jahr 2003 als internationaler Projekt- und Programm-Manager sowie als gefragter Berater für Management, Strategie und Kommunikation tätig. Im Jahr 2009 verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt von Deutschland in die Schweiz und gründete eine Agentur für Management- und Kommunikations-Beratung sowie ein neues Plattenlabel. Derzeit lebt der Autor abwechselnd in Zürich und Baden-Baden und arbeitet sowohl an neuer Musik als auch weiteren literarischen Projekten.
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Von der Subkultur zum globalen Mainstream
Eine vergleichbare Situation fand man vor etwa 50 Jahren in den Vereinigten Staaten vor. Hip-Hop hat seinen Ursprung in den Ghettos von New York City in den 1970er Jahren. Kurz nach seiner Entstehung in den Armenvierteln, fand er aber ebenso in den schicken Discos von »Downtown Manhattan« statt und wurde massentauglich. Weiße Mittelstands-Kids tanzten plötzlich in der Disco zu der Musik, die zuvor nur in der »Hood«, dem Ghetto gespielt wurde. Die Hip-Hop Bewegung hat sich binnen weniger Jahre von einer in Nischen entwickelten, illegal und spontan zelebrierten Subkultur zu »der« dominanten Mainstream-Kultur des Planeten entwickelt. Hip-Hop ist omnipräsent, auch wenn es dem Leser dieses Buches vielleicht nicht bewusst ist. Egal ob Mode, Musik, Sprache, Werbung, Tanz, Innenarchitektur, oder Grafikdesign, und egal an welchem Ort auf der Welt, so ziemlich alles und jeder um uns herum ist heute von der Hip-Hop Kultur beeinflusst. Sie hat den, nach der Beat-Ära der 1960er Jahre übermächtigen Rock ‘n’ Roll, spätestens Mitte der 90er von seinem Thron der kommerziell dominierenden Populärkultur gestoßen.
Aufgrund seines Ursprungs verstand sich Hip-Hop stets als Rebellion, Straßenkultur und Untergrundbewegung, aufgegliedert in die so genannten vier Elemente: Rap, DJing, Breakdance und Graffiti. Im Verlauf der 1960er und 1970er Jahre war die Bronx, ein zu dieser Zeit verarmter, primär von Afroamerikanern und Einwanderern bewohnter Stadtteil von New York City, Brutstätte und Epizentrum der neu entstehenden Kultur. Inmitten von urbaner Verwahrlosung, Gang-Kriminalität, Nachwirkungen der Rassentrennung und massiver Arbeitslosigkeit, suchten Jugendliche neue Wege sich auszudrücken und ihre Wut über die herrschenden Zustände und gesellschaftliche Separierung zu artikulieren. Von der übrigen, nordamerikanischen Gesellschaft, Mehrheits- und Konsumkultur durch Armut und städtebauliche Fehlentwicklungen derart isoliert, begannen sich neue, endemische Formen der kulturellen Organisation in der Bronx und anderen Teilen der Stadt zu entwickeln. Es entstanden die legendären »Block Partys«.
Inspiriert von den aus Jamaika stammenden wurden diese Partys, meist illegal, in maroden Gebäuden, leerstehenden Fabrikhallen, in Parks, oder auf Hinterhöfen veranstaltet. Die »Block Partys« in der New Yorker Bronx werden heute als Geburtsstätte der Hip-Hop Kultur gewertet. Getanzt wurde auf den Veranstaltungen zu roher Funk- und Soul-Musik, die von DJs wie , oder aufgelegt wurde. Durch wechselndes Abspielen zweier identischer Platten auf zwei separaten, mit einem Mischpult verbundenen Plattenspielern, konnte man die »Breaks« der Lieder, also die instrumentalen Stellen, auch »Bridge« genannt, naht- und endlos ineinander mischen und wiederholen. Über diese verlängerten instrumentalen Parts konnte der »MC«, zunächst eine Art Showmaster und Moderator, das Publikum per Mikrofon zum Feiern animieren. Am Rande der Veranstaltungen wurden die Graffiti-Künstler aktiv und verewigten ihre meist kurzlebigen Bilder an der »Hall of Fame«, in der Regel eine einfache Mauer, oder Hauswand, die binnen weniger Tage von einem neuen Werk verziert wurde. Die DJs, Breakdancer, Graffiti-Künstler und MCs gaben sich fantasie- und kraftvolle Künstlernamen, um sich so über die tatsächliche Situation ihres meist ernüchternden Alltags zu erheben. Mit dem Tragen dieses neuen Titels wurde man zum Superheld. Schlüpfte man in seine Rolle, fühlte man sich überlegen. Alles war möglich. Das Mikrofon wurde zum sinnbildlichen Schwert der Unterprivilegierten. In der Hip-Hop Kultur war es von Beginn an irrelevant, welchen ethnischen, gesellschaftlichen, oder finanziellen Hintergrund man selbst, oder die eigene Familie hatte. Wenn man als DJ, Tänzer, MC, oder Graffiti-Künstler im Kreis der Gleichgesinnten begeistern und etwas Besonders leisten konnte, erlangte man Ansehen und einen Status innerhalb der zunächst noch sehr kleinen und verschlossenen Gemeinschaft. Man erhielt Respekt, den man sonst in der New Yorker Gesellschaft vergeblich suchte, wenn man in der Bronx, oder einem anderen Ghetto der Stadt zu Hause war.
Die sich oftmals spontan reimenden Texteinlagen des MCs auf der Bühne waren zu Beginn lediglich eine Unterstützung für den Discjockey. Der MC machte Ansagen über verlorene Gegenstände, überbrückte die Zeit während des Überganges zwischen zwei Songs, oder er verkündete bei Bedarf Informationen für das Publikum, zum Beispiel über ungünstig abgestellte Fahrzeuge. Immer öfter aber ernteten die aus dem Stehgreif improvisierten, witzigen, flüssig reimenden Einlagen der MCs mehr Beifall als die eigentliche Hauptfigur des Treibens auf der Bühne, der DJ. In kurzen Passagen machten sich die MCs über sich selbst, oder andere lustig, erzählten Geschichten aus der Nachbarschaft, oder machten einfach Witze. Dies im Takt der abgespielten Musik und mit verschiedenen, auf diesen passenden »Flows«, unterschiedlicher Sprachrhythmik also. Wurde die Musik für eine Weile unterbrochen, unterhielt der MC das Publikum oft »a capella«, mit einem an Ort und Stelle erdachten, sich reimenden und möglichst kreativen Text, heute als »Freestyle« bekannt.
Mit zunehmender Popularität der »Block Partys« entstand Wettbewerb in der Stadt. Mitschnitte der Veranstaltungen wurden kopiert und zirkulierten in der Szene. Die Stars des eigenen Viertels wurden plötzlich in ganz New York bekannt. Man wollte sich untereinander messen. Wer ist der bessere DJ und hat die ausgefallensten Platten? Wer ist der beste Tänzer, Graffiti-Künstler, wer der beste MC oder Rapper? Aus diesem kompetitiven Ansatz entstand die sogenannte »Battle-Kultur« im Hip-Hop. Man wollte cooler, schneller, kreativer, krasser, intelligenter, oder besser informiert sein als der Gegner aus dem anderen Stadtteil. »Hip« steht im hiesigen Sprachgebrauch nicht umsonst für den Umstand, auf der Höhe der Zeit, oder ihr gar etwas voraus zu sein. »Hip heißt informiert, up to date und relevant zu sein«, wie es ein Rap-Text schön auf den Punkt bringt. Je stärker sich die vier Elemente des Hip-Hop etablierten und spezialisierten, desto mehr Stellenwert bekam der MC, heute meist als Rapper bezeichnet. Er war die Hauptfigur auf der Bühne und dominierte die Show. Der DJ war in der Regel eher im Hintergrund positioniert, und Details seiner Arbeit, aus mehr als ein paar Metern Entfernung schlecht zu erkennen. Der Rapper dagegen interagierte direkt mit dem Publikum, konnte es persönlich ansprechen, animieren und bei Laune halten. MCs begeisterten die Menschen mit ihren »Freestyles« und der damit verbundenen, intellektuellen Leistung. Und natürlich mit dem Unterhaltungswert des Unerwarteten.
In den Anfangstagen noch wenig spektakulär, wurden Wettbewerbe im Freestyle-Rap bald ein echter Publikumsmagnet, und das Niveau steigert sich bis heute, zumindest bei ernstzunehmenden Vertretern der Disziplin. Man schaue sich nur einmal die 2017 aufgezeichnete Performance von Rapper (The Roots) beim New Yorker Radio Sender »Hot97« an (YouTube: »Black Thought Freestyles on Flex«). Der Mann improvisiert, reimt und spricht wie ein Wasserfall, steigert sich über zehn Minuten hinweg gar in seiner Leistung. Er benötigt dabei keinerlei Unterbrechung, mischt in atemberaubendem Tempo komplexe Reimschemata, erzählt obendrein Witze, Tiefgründiges, Anekdoten und Reflektionen aus seinem Leben, und formuliert nebenbei intelligente Gesellschaftskritik. Das alles, ohne sich einmal zu versprechen, unsicher zu wirken, oder etwas Belangloses zu sagen. Das menschliche Gehirn kann wahrscheinlich nicht viel mehr Leistung abrufen als in diesem denkwürdigen Moment demonstriert. Es ist nur folgerichtig, dass »der Rapper« heute, kommerziell betrachtet, den großen Profiteur der Hip-Hop Kultur darstellt. Weltstars wie , , oder verdienen Millionen und haben globale Fangemeinden. Ihre Social-Media-Kanäle erreichen mehr Jugendliche als das klassische Fernsehen. Mit zunehmendem Erfolg des, ab 1980 gewinnbringend vermarkteten Genres Rap verschwanden die anderen drei Elemente, DJing, Graffiti und Breakdance etwas hinter der Übergröße ihrer neuen Galionsfigur. Schon von der ersten Single der aus dem Jahre 1979, »Rapper’s Delight«, wurden weltweit über acht Millionen Exemplare verkauft. Der Song gilt als erster Hit der Hip-Hop Kultur, auch wenn er nicht wirklich organisch aus der Bewegung heraus entstanden ist. Eine erfolgreiche Musikproduzentin namens hatte die Idee, einen Rap-Song aufzunehmen, fand aber niemanden in der Hip-Hop Szene der bereit war, professionelle Aufnahmen in einem Tonstudio zu machen. Man verstand sich als Untergrund-Kultur und verweigerte sich strikt jeglichen kommerziellen Ansätzen. Kurzerhand stellte die Produzentin daher ihr eigenes Trio zusammen, im Prinzip eine Casting-Band, und verdiente sich so eine goldene Nase. Auch wenn dieser Erfolg im harten Kern der Szene negativ...




