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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Englisch, Deutsch, 460 Seiten
Regenbrecht Entstelltes Chaos glänzender Gestalten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-925805-83-7
Verlag: TABU LITU Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Frauen in August Wilhelm Schlegels Leben
E-Book, Englisch, Deutsch, 460 Seiten
ISBN: 978-3-925805-83-7
Verlag: TABU LITU Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jahrgang 1950, Autor von Tabu Litu - ein documentum fragmentum in neun Büchern (1985-1999), sowie einer Reihe von Romanen und Erzählungen. 2017 veröffentlichte er seine Autobiografie Paradise with Black Spots and Bruises (Englisch). 2014 gewann er den ersten Preis beim Landschreiber-Literatur-Wettbewerb. 2019 veröffentlichte er einen bemerkenswerten Essay zur Romantik: Ein Mythos wird vermessen, der Grundlage für den Roman Die selige Verzückung absehbarer Enttäuschung ist. Mit dem Roman über das Leben der Caroline Schlegel-Schelling Göttern und Menschen zum Troz ging es weiter. Mit der nun vorliegenden Biografie über AW Schlegel ist die Romantiktetralogie mit fast 1500 Seiten vollständig.
Zielgruppe
Literaturinteressierte, Literaturwissenschaftler, Historiker
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Bonn d. 30sten Nov 1818
Theuerster Herr Vater!
Auf Ihren Brief vom 22sten Nov., den ich erst gestern erhielt, bedarf es nur einer kurzen Antwort.
Wenige Stunden nach meiner Abreise, am Abend des 1sten Nov. schrieb mir Sophie:
„Liebster bester Wilhelm! Ich sitze jetzt ganz allein, und am nemlichen Tag allein, wo ich dich noch gesehen und gesprochen hatte. Glaube mir, ich war beym Abschied betrübter als ich aussah, denn gerade wenn mir irgend etwas recht schwer fällt, lasse ich mir nichts merken. Dann, wenn ich allein bin, kommt die Betrübniß doppelt, wohl auch Thränen.
Sey von meiner festen Treue und Liebe überzeugt, lebe wohl und schreibe bald deiner Sophie.“
Es geht hieraus unwidersprechlich hervor, daß Sophie sich im Beysammenseyn mit mir glücklich gefühlt hatte, daß ihr der Abschied von mir sehr schmerzlich fiel, und daß sie damals nicht die mindeste Klage gegen mich hatte. Es ist also auch klar, daß alles was Sie in Ihrem Briefe gegen mich sagen, erst seit meiner Entfernung ersonnen worden ist.
Tausend Versicherungen ähnlicher Art hat mir Sophie in Stuttgart und in Heidelberg bis zu dem letzten Tage mündlich gegeben. Was von den seitdem angewandten Bemühungen, uns einander zu entfremden, zu halten sey, überlasse ich Ihrem eignen Ermessen.
Sophie ist nach göttlichen und menschlichen Rechten die meinige. Sie, theuerster Herr Vater, als ein Lehrer der Religion und Sittlichkeit, kennen die Unverletzlichkeit beyder zu gut, als daß sie nicht wissen sollten, man könne einem Manne seine eheliche Gattin unter so nichtigen Vorwänden nicht vorenthalten. Sophie hat feyerlich vor Gottes Angesicht gelobt, die Gefährtin meines Lebens zu seyn. Sie wird diesem Schwur nicht abtrünnig werden wollen. Ich kann es nicht glauben, wofern sie selbst es mir nicht eigenhändig und förmlich erklärt. Ich betheure Ihnen von neuem, daß ich meiner Gattin mit der innigsten und zärtlichsten Liebe zugethan bin.
Was mich einstweilen beruhigt, ist, daß ich die allgemeine Achtung der Welt genieße, und daß der gute Ruf meines sittlichen Charakters sehr fest gegründet ist. Ich bin, theuerster Herr Vater, mit kindlicher Ehrerbietung
Ihr treu ergebner Sohn
A. W. von Schlegel
An Herrn
Geh. Kirchenrath Paulus4
Sophie Karoline Eleutherie Paulus hatte kurz vor ihrem 28. Geburtstag August Wilhelm von Schlegel geheiratet, der schon Fünfzig und Professor in Bonn war und sich nach einem geregelten Professorenhaushalt mit anmutiger Gemahlin und lustiger Kinderschar sehnte. Von Geckerei und Glanzsucht genauso geleitet wie von der Sehnsucht nach großen romantischen Gefühlen, glaubte er sich dem Himmel auf Erden nah.
Sophie war nicht nur bezaubernd jung, sie war von verspielter Schönheit, sie konnte Lateinisch, Französisch und Englisch, spielte Klavier und war ein echtes Kleinod. Sie war fünf Jahre jünger als Auguste, die Tochter der verwitweten Caroline Böhmer, mit der August Wilhelm in erster Ehe verheiratet gewesen war und in Jena gelebt hatte. Dort hatten sie auch die Familie Paulus kennengelernt. Nach dem Niedergang der Jenaer Universität war Professor Paulus, evangelischer Theologe, samt Familie zunächst nach Würzburg und nach Heidelberg gegangen.
Für Heinrich Eberhard Gottlob Paulus und seine Frau Maria Christine, die vertrauten Umgang mit Goethe und Schiller, Fichte5 und Herder6 pflegten, sollte August Wilhelm nicht nur ein respektabler Wissenschaftler sein, sondern auch ein sittlich gefestigter Mann, der zeitlebens mit der Jugend besonders auch als Lehrer und geistiger Führer umzugehen gewusst hatte. Paulus, Prorektor in Jena, hatte das Diplom unterzeichnet, das August Wilhelm zum Doktor der Philosophie und Professor extraordinarius ernannte.
Ende Mai und Anfang Juni hatte August Wilhelm mit seinem Bruder Friedrich zum wiederholten Male eine Rheinreise unternommen. Von Cölln über Bonn und Coblenz durch das wildromantische Rheintal, das bei ihrer ersten Reise noch fest in französischer Hand gewesen war. Das Tal wurde immer enger, die Felsen schroffer, und die Gegend wilder. Sie wirkte wie ein in sich geschlossenes Gemälde und das überlegte Kunstwerk eines bildenden Geistes.
Für Friedrich waren nur die Gegenden schön, welche man gewöhnlich rauh und wild nannte; denn nur diese waren erhaben, nur erhabene Gegenden konnten schön sein, nur diese erregten den Gedanken der Natur. Obwohl Friedrich Legationsrat in österreichischen Diensten war, steckte er, wie schon so oft in seinem Leben zuvor, in finanziellen Schwierigkeiten, aus denen ihm sein Bruder August helfen musste. Friedrichs Frau Dorothea weilte mit ihren Söhnen aus erster Ehe in Italien, während Friedrich in Wiesbaden kurte. Über Frankfurt gelangten sie ins schöne Heidelberg,7 wo sie die aus Jenaer Zeiten bekannte Familie Paulus aufsuchten. Ein paar Jahre zuvor hatte Clemens Brentano8 gedichtet:
Der Neckar rauscht aus grünen Hallen
Und giebt am Fels ein freudig Schallen,
Die Stadt streckt sich den Fluß hinunter,
Mit viel Geräusch und lärmt ganz munter,
Und drüber an grüner Berge Brust,
Ruht groß das Schloß und sieht die Lust,
Und da ich auf zum Himmel schaut‘,
Sah ich ein Gottes Werk gebaut,
Vom Königstuhl zum heil’gen Berges Rücken
Sah ich gesprengt eine goldne Brücken,
Sah ich gewölbt des Friedens Regenbogen
Und sah ihn wieder in Flusses Wogen (…)
In Jena hatten die Brüder August Wilhelm und Friedrich mit Caroline und Dorothea und deren Kindern in einem Haushalt zusammen gelebt, ein intensives gesellschaftliches Leben gepflegt und zahlreiche Kontakte geknüpft. Für die Philister war das Haus in der Leutra Gasse ein Scandalon, für Phantasiebegabte ein magisches Spectaculum, in dem Dinge vor sich gehen sollten, die jenseits des guten Geschmacks und der Sittlichkeit die Sinne reizten. In Braunschweig war damals weder Caroline noch Friedrich, berüchtigt wegen seiner sittenverderblichen Schriften, der Aufenthalt gestattet. Ehemann und Bruder August Wilhelm dagegen traf der Bann des Geheimen Raths der Königlich-Britannischen zur Churfürstlichen Braunschweigisch-Lüneburgschen Regierung nicht.
Man kam herum, man arrangierte sich, war verhasst, konnte sich jedoch accomodieren und reformieren. So hatte Paulus auch dafür gesorgt, dass Herder, der sich mit Goethe überworfen hatte, von Weimar über Würzburg nach Heidelberg kam.
Wen konnte es wundern, dass August Wilhelm sich in Sophie verliebte? Während Friedrich sich wieder auf Reisen begab, blieb August Wilhelm in Heidelberg, wo Sophie seinen Avancen nicht abgeneigt zu sein schien. Jean Paul,9 der scharfzüngige Satiriker und Filou, hielt sich auch im schönen Heidelberg auf und scharwenzelte gleichermaßen um Mutter und Tochter herum.
Geistreiche Unterhaltung in den Salons, Empfänge und Dîners, Matinées und Soirées, Spazierfahrten auf dem Neckar, Spaziergänge zum Schloss und Wanderungen zu den Winzern in der Umgebung, wessen Herz wäre da nicht in der warmen Frühsommersonne aufgegangen?
Und wen interessierte der Altersunterschied? Der Naturphilosoph Schelling,10 der die um zwölf Jahre ältere Caroline geheiratet hatte, nachdem sie von August Wilhelm geschieden war, heiratete nach ihrem Tode Pauline Gotter, die Tochter ihrer besten Freundin Luise. Pauline wiederum war elf Jahre jünger als Schelling. Paulus, den August mit „theuerster Herr Vater“ ansprach, war nur sechs Jahre älter.
Viele der Besten, wie Novalis,11 starben jung, viel zu jung. Und alle, die lebten, wussten nicht, wann sie das Schicksal ereilte. Das Alter war nicht das entscheidende Kriterium der Partnerwahl, wo selbst Standesunterschiede Liaisons und Alliancen jeglicher Art nur notdürftig camouflierten und Begehrlichkeiten so schnell entfacht und nicht mehr zu kontrollieren waren. Grenzen wurden ständig verschoben und waren durchlässig geworden. Warum also sollten sich August Wilhelm und Sophie im freundlichen Bonn nicht wohlfühlen? In seinem prächtigen Haus in der Sandkaule 529, von Maria Löbel, seiner Haushälterin, liebevoll gepflegt. Diese konnte auch mit Schlegels Disposition zur extravaganten Lebensführung bestens umgehen.
Hier am lieblichen Rhein gab es akademisches Leben, angenehmes Klima und eine herrliche Landschaft ringsherum. Das churfürstliche Hoftheater hatten die Truppen Napoleons zwar zerstört, aber es gab Bestrebungen, ein neues Schauspiel zu errichten, und das Cöllner neue privilegierte Comödienhaus war von der Zerstörungswut der Franzosen verschont geblieben. Seiner zukünftigen Frau zuliebe hatte August Wilhelm das Angebot der preußischen Regierung, in das kalte, unfreundliche Berlin zugehen, abschlägig beschieden. Bonn war näher an Heidelberg und in wenigen Tagen mit der Kutsche bequem zu erreichen.
Die Verlobung fand Ende Juni und die Heirat am 30. August in der evangelischen Providenzkirche statt. Das Heidelberger Kirchenbuch registrierte die Vermählung des Freiherrn August Wilhelm von...




