Rehn | Tod im Englischen Garten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 475 Seiten

Reihe: Severin Thiel

Rehn Tod im Englischen Garten

Historischer Kriminalroman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-256-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 2, 475 Seiten

Reihe: Severin Thiel

ISBN: 978-3-96148-256-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein Mörder geht um: Der packende historische Kriminalroman 'Tod im Englischen Garten' von Erfolgsautorin Heidi Rehn jetzt als eBook bei dotbooks. München, 1872: Im ersten Morgengrauen wird ein unbekannter Toter im Englischen Garten aufgefunden - hinterrücks erschlagen, und innerhalb weniger Wochen nun schon der dritte Tote! Polizeioffiziant Severin Thiel ist eigentlich einem ganz anderen Fall auf der Spur - er soll Licht in die dubiosen Machenschaften der 'Dachauer Bank' bringen, die mit unseriös hohen Zinsen Anleger in Scharen anlockt. Als jedoch erste Hinweise in den Mordermittlungen auftauchen, keimt in Thiel ein folgenschwerer Verdacht: Ist etwa die gewiefte Adele Spitzeder, Inhaberin dieser Schwindelbank, in die Morde verwickelt? Doch die lässt sich nicht so leicht in die Karten schauen ... Wie schon in ihrem Bestseller 'Das Haus der schönen Dinge' versteht es Heidi Rehn auch in ihren historischen Kriminalromanen, Fakten und spannende Fiktion mitreißend miteinander zu verbinden. Jetzt als eBook kaufen und genießen: 'Tod im Englischen Garten' von Bestsellerautorin Heidi Rehn. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Heidi Rehn, geboren 1966 in Koblenz/Rhein, steht mit ihren mitreißenden historischen Romanen regelmäßig auf den deutschen Bestsellerlisten. Nach einem Studium der Germanistik und Geschichte arbeitete sie als Dozentin und als PR-Beraterin, bevor sie sich als Texterin, Journalistin und Autorin selbständig machte. 2014 erhielt sie den »Goldenen Homer« für den besten historischen Beziehungs- und Gesellschaftsroman. Für Interessierte bietet sie Romanspaziergänge durch die Münchner Innenstadt an, bei denen sich die realen Schauplätze und eindrucksvollen Hintergründe ihrer Romane hautnah miterleben lassen. Die Website der Autorin: www.heidi-rehn.de Die Autorin bei Facebook: www.facebook.com/HeidiRehnAutorin Die Autorin auf Instagram: www.instagram.com/Heidi_Rehn Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die historischen Krimis »Mord am Marienplatz«, »Tod im Englischen Garten« und »Die Tote am Fluss«; die zwei erstgenannten Bücher sind auch in dem Sammelband »Mord in München« erhältlich. Außerdem erscheint bei dotbooks ihre große historische Saga um die Wundärztin Magdalena: »Die Wundärztin«, »Hexengold« und »Bernsteinerbe« sowie ihre Königsberg-Saga »Gold und Stein«. »Die Wundärztin« und »Bernsteinerbe« sind auch bei SAGA Egmont als Hörbuch erhältlich.
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August 1872


Gleich beim Eintreten wusste Christian, dass er richtig war. Erleichtert nahm er die Kappe vom Kopf, fuhr sich mit den Fingern durchs strohblonde Haar und schaute sich um. Im rauchgeschwängerten Licht brauchte er eine Weile, bis er etwas erkennen konnte.

Das Wirtshaus unweit des rechten Isarufers war voll besetzt. Die hochsommerlichen Temperaturen trieben ihm den Schweiß aus den Poren. Bierdunst und muffige Küchengerüche ließen die Luft noch dicker werden. Schulter an Schulter, dicht aneinandergedrängt, hockten die Männer vor den Krügen, die Mützen tief in den Nacken geschoben, die Gesichter rot aufgedunsen, die Augen glasig vom Alkohol. Einige gestikulierten und schwatzten wild durcheinander, andere steckten die Köpfe eng zusammen und tuschelten leise, wieder andere hielten die Arme vor der Brust verschränkt und starrten schweigend Löcher in die Luft.

Tabakqualm und Mief legten sich Christian auf die Brust, reizten ihn zum Husten. Er gewöhnte sich an das Stimmengewirr, unterschied bald einzelne Satzfetzen, verstand schließlich einiges aus den Unterhaltungen. In der Stadt ging es auch nicht anders zu als bei ihnen draußen auf dem Land. Die Hände in den Hosentaschen, die Füße locker über Kreuz, lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand und genoss das Gefühl, das stundenlange Herumirren in den fremden Straßen endlich hinter sich zu haben.

»Suchst wen?«

Überrascht fuhr er zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass einer an ihn herangetreten war. Noch mehr schreckte er zurück, als er erkannte, wer da vor ihm stand: kein Mann, sondern eine Frau. Die dunkle, rauchige Stimme hatte ihn getäuscht.

»Ja«, antwortete er zögernd und musterte die Frau mindestens genauso ungeniert wie sie ihn. Gerade noch konnte er ihr auf den sauber gescheitelten Kopf schauen.

Das Auffälligste an ihr war allerdings nicht die für eine Frau recht beachtliche Größe, sondern das tiefschwarze Haar, das sie nach hinten gebunden trug, sowie das breite Gesicht mit den markanten Wangenknochen und den tiefblauen Augen. Vom Alter her war sie schlecht einzuschätzen. Auf den ersten Blick mochte sie etwa so alt sein wie seine beiden älteren Brüder und seine Schwägerinnen. Beim längeren Hinschauen schien sie ihm jedoch zusehends älter und ging ihm bald glatt als seine Mutter durch. Sonne und Luft hatten die Haut ledern werden lassen. Um Mund und Augen herum hatten sich zahlreiche Runzeln eingegraben, die erst auf den zweiten Blick erkennbar wurden.

Vom Land musste die Frau stammen, genau wie er selbst, das verriet nicht nur ihr Gesicht. Auch die Kleidung erzählte davon: grobe, staubige Schuhe, mehrere Lagen weiter Röcke übereinander und ein nicht eben feines leinenes Mieder, das so tief blicken ließ, dass Christian vor Scham bis über beide Ohren errötete. Die Frau tat nichts, um ihm den Blick auf die Ansätze ihrer ausgezehrten Brüste zu verwehren. Fast hatte er das Gefühl, sie lade ihn geradezu ein, auf ihren Busen zu starren. Die Ränder des mottenzerfressenen Brusttuchs schienen sich immer weiter zu öffnen. Regelrecht schummrig wurde ihm davon.

Trotz der schamlosen Offenherzigkeit lag eine gewisse Würde in ihrem Auftreten. Vielleicht war es die Art, wie sie ihn anschaute, vielleicht, dass sie ihm schon wieder halb den Rücken zukehrte und in die Gaststube sah, oder aber nur ihre volltönende Stimme.

»Mit dem Schachner Toni aus Miesbach müsst ich reden«, hörte er sich selbst lauter als beabsichtigt sagen.

»Warum?«

»Kennst den?«, gab er statt einer Antwort zurück. Etwas an ihrer knappen Frage störte ihn. Etwas störte ihn überhaupt an dieser Frau, die eigentlich keine richtige Frau war, obwohl sie es gleichzeitig doch so ganz offensichtlich war. Was das war, konnte er sich nicht so recht erklären.

»Hier im Wirtshaus soll er immer zu finden sein«, schob er nach.

»Was willst von dem?« Die Frau verengte ihre Augen zu einem schmalen Schlitz. In den braun gebrannten Falten rundherum sprangen weiße Linien auf Mit den Fingern der linken Hand begann sie, an ihrem Ohrläppchen zu spielen.

Der Argwohn entging ihm nicht. Noch einmal wanderte sein Blick an ihrer Gestalt entlang. Ihr Becken war ausladend, die Stofffülle der vielen Röcke unterstrich das. Schwungvoll stemmte sie ihre ungewöhnlich schmalen Hände in die Hüften. Die entblößten Unterarme waren sehnig und von trockener, schuppiger Haut überzogen. Allzu viel Überfluss schien es auch in ihrem Leben nicht zu geben.

Ruckartig stieß er sich von der Wand ab und erklärte leichthin: »Geht dich nichts an. Also: kennst ihn nun oder nicht?«

Stolz hielt er dem Blick der Frau stand. Sonst neigte er dazu, viel zu schnell viel zu viel von sich zu erzählen. Dieses Mal war es ihm gelungen, rechtzeitig den Mund zu halten. Ein guter Anfang für einen wie ihn in der großen, unbekannten Stadt.

Die Frau wandte sich mit einer abrupten Bewegung von ihm ab, besann sich dann aber wohl eines Besseren und lachte ihn breit an. Dabei wurden im unteren Gebiss eine Reihe gelblichbrauner Zahnstummel sichtbar, der Oberkiefer entpuppte sich als zahnlos. Aus der dunklen Höhle schlug ihm ein fauler Geruch entgegen, dass er sogleich den Atem anhielt und zurückwich.

»Und wie!«, sagte sie plötzlich fast schon übermütig. »Kommst halt mit, ich zeig ihn dir!«

Bevor er sich dagegen wehren konnte, hakte sie sich bei ihm unter, schmiegte die spitzen Hüftknochen fest an seinen Körper und zog ihn mit zur Tür hinaus.

Christians Wangen glühten noch mehr. Wie konnte er nur so einfältig sein! Plötzlich war ihm klar, was sie vorhatte. Fieberhaft überlegte er, wie er da wieder herauskam. Sobald er ihr sagen würde, dass er nichts von ihr wollte, würde sie gewiss zu zetern anfangen, dass es ein Aufsehen gab. Hatten ihn seine Kameraden nicht öfter davor gewarnt, dass es in der Stadt Weiber gab, die gar nicht lang fragten, bevor sie einen hinters Gebüsch zerrten? Hinterher verlangten sie ein Vermögen dafür, dass einer nur das mit ihnen gemacht hatte, was sie selbst herausgefordert hatten. Vorsichtig versuchte er, sich ihr zu entziehen. Sogleich presste sie sich nur noch fester an ihn. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Unwillkürlich fasste er sich an die Brust. Das kostbare Bündel steckte noch dort, wo er es am Morgen hingetan hatte.

Draußen vor dem Wirtshaus wehte ihnen' ein lauer Sommernachtswind entgegen. Begierig sog er die Luft ein. Mit einem klaren Kopf ließ sich rascher eine Lösung finden. Für einen Moment schloss er die Augen, dachte nach. Da verspürte er einen kräftigen Tritt gegen die Schienbeine. Er stolperte nach vorn. Im selben Moment landete ein gezielter Schlag mit der Handkante in seinem Nacken. Schon ließ ihn die Frau los und schlug ein weiteres Mal zu. Er knickte ein, sackte kopfüber zu Boden. Blitzschnell stellte sie den Fuß in seinen Rücken und hielt ihn unten.

Am liebsten hätte er sich im Dreck verkrochen. Tränen schossen ihm in die Augen. Wie konnte das nur passieren? Eine Frau, einen halben Kopf kleiner als er, ohne Speck auf den Rippen, ohne Muskeln im Arm – und trotzdem schlug sie ihn mit zwei Schlägen nieder! Wieder einmal war er zu leichtgläubig gewesen. Wann würde er das endlich kapieren?

»Musst noch viel lernen«, sagte die Frau. »Wirst hier in der Stadt sonst nicht weit kommen. Und das«, sacht stieß sie mit der Fußspitze gegen seine Brust, wo sich das kostbare Päckchen befand, »wirst auch schneller los, als dir lieb ist.«

Damit zog sie den Fuß wieder weg. Langsam rappelte er sich auf, klopfte den Staub aus Jacke und Hose, spie mehrmals angewidert aus. Dann erst wagte er, den Kopf zu heben. Die einsetzende Dämmerung ließ das Gesicht der Frau plötzlich fratzenhaft wirken.

»Schau lieber, dass du weiterkommst. Heutzutag kann einer nicht vorsichtig genug sein, vor allem wenn er vom Land kommt wie du. Was glaubst, worauf die hier warten? Gewiss nicht auf solche wie dich. Ihr Burschen vom Land wollt denen hier in der Stadt nur die Arbeit und die Mädels wegnehmen. So was können die hier aber ums Verrecken nicht ausstehen!«

»Ich will niemandem nix wegnehmen. Arbeit und ein Mädchen hab ich selbst.«

Der Trotz war nicht zu überhören. Das ärgerte ihn fast noch mehr als die Tatsache, dass sie meinte, ihm einen Ratschlag erteilen zu müssen. Wer war sie denn überhaupt?

»Das musst aber gleich laut dazusagen. Wennst dich immer so dumm anstellst wie eben, traut's dir sonst keiner nicht zu.« Dabei verzog sie die schmalen Lippen zu einem Grinsen. Und setzte, als er verschämt schniefte, in versöhnlicherem Ton nach: »Wenn ich dich so anschau, glaub ich fast, du bist einer von den drei Gottwald-Buben aus Brannenburg. Der jüngste von denen, hab ich recht? Also sag: Was willst hier in der Stadt?«

»Woher weißt das alles? Kannst vielleicht hellsehen?«

Die Frau wurde ihm immer unheimlicher. Er trat zwei Schritte nach hinten. Verstohlen schätzte er ab, wohin er sich flüchten konnte, falls sie ihn noch einmal angreifen sollte. Sie aber ordnete ihre Röcke, zog das Tuch enger über die Brust und grinste einfach weiter.

»In meinem Metier musst früher aufstehen als die andern, sonst gehst unter.«

Er kämpfte mit sich. Am liebsten hätte er sie einfach stehen lassen und wäre weggegangen. Doch so würde er nicht...



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