Reichart | Das Haus der sterbenden Männer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 391 Seiten

Reichart Das Haus der sterbenden Männer


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7013-6104-5
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 391 Seiten

ISBN: 978-3-7013-6104-5
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am Anfang steht ein Haus an der Donau mit seiner langen Geschichte, in dem Viktoria mit ihren Gästen lebt - reiche Männer, die sich hier zum Sterben zurückziehen. Trotzdem ein friedlicher und idyllischer Ort, an den Antonia kommt, die Viktoria während ihres Studiums in Wien kennen lernte. Antonia ist eine leidenschaftliche Lügnerin, die sich ihre eigene Realität und Identität erfindet, und Viktoria ist vorerst fasziniert von diesem spielerischen Lebensentwurf, bis sie seine Zerbrechlichkeit wahrnimmt. Ein Roman über eine außergewöhnliche Freundschaft zweier außergewöhnlicher Frauen und über das Sterben.

Elisabeth Reichart, geboren 1953 in Steyregg/ Oberösterreich, studierte Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien. Dissertation im Fach Geschichte zum Thema 'Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Salzkammergut'. Nach längeren Aufenthalten in Japan und den USA, lebt Elisabeth Reichart heute als freie Schriftstellerin in Wien. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, den Anton-Wildgans-Preis und den Oberösterreichischen Landeskulturpreis.
Reichart Das Haus der sterbenden Männer jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


3  Urwald, nichts als Urwald

Ich war die Frau in Weiß. Antonia wollte ebenfalls die Frau in Weiß sein. Zwei Frauen in Weiß beschmutzten sich ihre Kleider in der Donau, erreichten schwimmend den Kahn des Kapitäns, der sich vor Scham in seiner Kajüte einsperrte. Welch eine ruhige Fahrt! Nur einmal kam uns ein Frachtkahn, beladen mit schrottreifen Autos, entgegen, und später überholte uns ein Boot mit einem Wasserskifahrer an der Leine. Als es uns auf dem Frachtkahn zu langweilig wurde, sprangen wir ins Wasser, trockneten unsere Kleider an der Uferböschung, bevor wir uns auf die Suche nach Bahngleisen machten.

Seither wollte ich die Donau nicht mehr verlassen, dachte ich in dem stillstehenden Boot, obwohl ich es damals noch nicht wußte – ihr nördliches Ufer, ihr böhmisches, mährisches, wo schon die Skyten waren und die Römer den Strom in eine Grenze verwandelten.

Der erste Zug, der Richtung Wien fuhr, war mit Kohlen beladen. Wir rannten neben ihm her, und als wir endlich schnell genug waren, um einen Aufsprung riskieren zu können, erreichten wir gerade noch den letzten Waggon. Wie sich später herausstellte, träumten wir den gleichen Traum:

>Es waren Schüsse, die Markus aus seiner Kajüte lockten. Er befahl uns, uns unter Deck zwischen dem Verpackungsmaterial zu verstecken, wollte den Kahn in einen Nebenarm lenken, doch die Verfolger waren schneller als er mit seinem Frachter, beriefen sich auf das Kriegsrecht, das seine Rechte für ungültig erklärte, egal, ob er auf ihnen bestand oder nicht. Das sah Markus, der Kapitän, sofort ein und überließ sein Schiff dem Krieg. Der Gefangene wurde unter Deck gebracht und zu dem Styropor in eine Kiste gesperrt, aus der wir ihn befreiten. Unsere weißen Kleider hatten bereits die Tarnfarbe angenommen, was Markus beruhigte. Langsam setzte sich das Schiff wieder in Bewegung. Wir waren empört, in einen Styroporkrieg verwickelt zu werden. Der Kapitän entschuldigte sich, sein Funkgerät sei seit Wochen unbrauchbar, er hätte nicht gewußt, daß die Donau zum Kriegsgebiet erklärt worden sei. Insgeheim fand er den Schiffsraub aufregend, war er überzeugt, die Donaunixen würden ihn retten, wie sie es seit Jahrhunderten taten, sobald ein Schiffer in Seenot geriet. Er wollte uns nichts von seiner Hoffnung erzählen, doch wir errieten seine Gedanken, sogar, daß er uns dem Verpackungskrieg überlassen wollte, wußten wir, hatten uns auf geheimnisvolle Weise in seinen Kopf geschlichen, war es höchste Zeit für eine Austreibung.

Aber wir haben dich gerettet, riefen wir gleichzeitig.<

Antonia hatte so laut geschrien, daß ich davon aufwachte. Was ich im ersten Moment für Fahrgeräusche hielt, war Regen, der auf den Waggon prasselte, der Zug hingegen stand still. Mit dem Taschentuch rieb ich einen halbwegs sauberen Ausschnitt in den Dreck der Fensterscheibe. Welch eine Anstrengung für einen Blick ins Grüne. Langsam konnte ich in dem Dickicht verschiedenförmige Blätter unterscheiden, auch das Grün zeichnete sich durch vielfältige Farbnuancen aus. Jetzt war ich dort, wo ich damals nie hinwollte: inmitten von naturbelassener Natur. Die Tür klemmte, endlich ein Grund, Antonia zu wecken, die nichts Besseres zu tun hatte, als mir ihren Traum zu erzählen, der mit meinem identisch war, was in diesem Moment beklemmender war als ein stillstehender Zug irgendwo in einem Urwald zwischen Bratislava und Wien, von dem wir beide noch nie etwas gehört hatten, weder diesseits noch jenseits der Grenze. Noch während sie mir von ihrem Traum erzählte, starrte sie die Waggontür an. „Sie ist geschlossen“, meinte sie mit einer jetzt unsicheren Stimme, dann schrie sie mich an, was ich mir einbilde, eine Waggontür zu schließen, solche Türen müßten immer offen sein, geschlossen bedeuteten sie Unglück, aber kein einfaches Unglück, sondern maßloses Unglück, und ob ich etwa die Absicht hätte, das für uns herbeizubeschwören? Sie zerrte inzwischen an der Tür, zu zweit schafften wir es mit größter Anstrengung, die Waggontür einen Spalt zu öffnen, durch den sich das gleiche Bild bot wie durch das Fenster: Urwald, nichts als Urwald. Und ein einzelner Waggon darin, abgekuppelt von dem Zug, ohne Lokomotive.

Antonia bestand wieder darauf zu jammern. Sie vermisse Prag, die gepflasterten Straßen und ihre Großmutter, die eine ausgezeichnete Köchin und Erzählerin gewesen sei, ihre Geschichten würden ihr noch mehr fehlen als ihre Knödel. Obwohl, für einen Fasan, von ihrer Großmutter zubereitet, hätte sie auf eine Geschichte verzichtet. Aber zum Glück hätte das gute Essen ihre Großmutter nie zum Schweigen gebracht.

Wir hingegen starrten schweigend das Grün an, bis es eine schwarze Fläche vor unseren Augen war. In dieser Schwärze war nur Verlorenheit. Ich wollte den Waggon verlassen und lieber in diese Schwärze hineingehen, als sie in mich hineinzulassen, aber Antonia weigerte sich. Nur in dem Waggon, wenn auch mit offenen Türen, seien wir sicher, behauptete sie. Ich könne ja gehen, wenn ich diese Finsternis ertragen würde, aber sie würde bleiben, und das sei ihr letztes Wort zu meiner wahnsinnigen Idee: Da draußen könne alles Mögliche auf uns warten, nur nichts Gutes. Ich wandte ein, daß es in dem Waggon noch finsterer sei als draußen und zusätzlich Stillstand herrsche, aber wir blieben, bis es hell wurde. Nur der Wahnsinn und das Sterben meiner Mutter waren mir so sinnlos erschienen wie das Warten in dem verrußten Waggon.

Zuerst dachte ich, Antonia wolle mich nur ablenken, als sie erzählte, wie sehr sie den tschechischen Geheimdienst vermisse, der in ihrer Prager Wohnung zahlreiche Wanzen angebracht hatte. Sie hätte sich dadurch geborgen gefühlt, meinte sie wehmütig, nichts hätte ihr passieren können, da alles bemerkt worden wäre. Ohne diese Wanzen könne sie sich nicht sicher fühlen. Doch als sie mit einem wütenden Blick auf mich hinzufügte, daß man uns längst gefunden hätte, wenn wir verwanzt wären, wurde mir bewußt, daß sie ihr Jammern ernst meinte. Ich verstand ihr Sicherheitsbedürfnis, erinnerte sie jedoch an das Attentat in der U-Bahn auf sie und die beiden Autounfälle, denen sie nur knapp entkommen war. Wieder hatte ich nichts begriffen: Sie hätte zwar ermordet werden können, das ja, aber nicht verlorengehen wie hier. Vielleicht hätte ohne Überwachung niemand gewußt, wann sie mit der U-Bahn fährt oder über die Straße geht und geschweige denn wo, widersprach ich, aber derlei Einwände interessierten sie nicht. Als sie von ihren Abhörern zu schwärmen begann, hielt ich sie endgültig für verrückt, wenn auch nicht für verrückter als meine amerikanischen Kunden. Trotzdem beruhigte mich der Gedanke, mit einer Verrückten in diesem Waggon zu sein, keinen Augenblick.

Jede Kommunikation, jammerte Antonia weiter, werde einseitig, wenn sie nicht auf Wanzen gebührend Rücksicht nehmen müsse, sogar die Selbstgespräche würden sie seither langweilen. Wie phantasievoll waren sie hingegen, als sie wußte, irgendwo sitzt so ein armer Abhörer, der wahnsinnig werden würde, wenn sie ihm nichts Aufregendes erzählte. Mit der Zeit hätte sie ein Gefühl dafür entwickelt, wer ihre Selbstgespräche abhöre und was ihren Abhörer besonders interessiere. Am liebsten sei ihr der Montagabhörer gewesen, ein Musikliebhaber, dem sie alles über Bach erzählen konnte. Besonders gern hörte er die Entstehungsgeschichte ihrer Lieblingsfuge, das >Musikalische Opfer<, und ob ich mich nicht hinter dem Gerümpel verbergen könne, quasi die Rolle eines Abhörers übernehmend, damit sie endlich wieder einmal vom Anfang dieser Fuge erzählen könne, so wie früher.

Ich tat ihr den Gefallen, fand ihn der Situation angepaßt und einen friedlichen Wunsch für diese Fremde, die ihre Fremdheit feierte, als wäre sie ein Geschenk. Ich suchte die Ecken ab, um mich zu verbergen: Das Gerümpel bestand aus alten Kohlenschaufeln, dazwischen entdeckte ich eine kleine Sichel – so erstklassig ausgerüstet würden wir uns wohl einen Weg durch das wuchernde Dickicht bahnen können, sobald wir Lust dazu hatten, die Anstrengung auf uns zu nehmen. Noch schützte uns der Regen vor dem Verdursten, endlich ein wahrhaft beruhigender Gedanke.

„Ein Sohn Bachs, Carl Philipp Emanuel, war Kapellmeister am Hof Friedrichs des Großen, der Bach Junior immer wieder zu verstehen gab, wie sehr es ihn freuen würde, wenn sein Vater ihn besuchen käme. Bachs Ruf als Musiker war zu seinen Lebzeiten umstritten, so unglaublich das für uns klingt. Nur seine Fähigkeit, meisterhaft auf der Orgel zu improvisieren, bezweifelte niemand. 1747 erfüllte sich der Wunsch des Königs, der selbst ein leidenschaftlicher Flötenspieler und Komponist war. Kaum hatte Bach in der Wohnung seines Sohnes Platz genommen, wurde er auf das Schloß beordert. Man ließ ihm nicht einmal Zeit, seine schmutzigen Reisekleider zu wechseln, wofür sich Bach auch noch entschuldigen mußte. Bach wurde zuerst gebeten, alle Klaviere des Königs auszuprobieren, dann gab ihm der König ein Fugenthema, das Bach sogleich ausführte. Der König...


Elisabeth Reichart, geboren 1953 in Steyregg/ Oberösterreich, studierte Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien. Dissertation im Fach Geschichte zum Thema "Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Salzkammergut". Nach längeren Aufenthalten in Japan und den USA, lebt Elisabeth Reichart heute als freie Schriftstellerin in Wien. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, den Anton-Wildgans-Preis und den Oberösterreichischen Landeskulturpreis.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.