Reichart | Das vergessene Lächeln der Amaterasu | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 327 Seiten

Reichart Das vergessene Lächeln der Amaterasu


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7013-6218-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 327 Seiten

ISBN: 978-3-7013-6218-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alwina, eine Wiener Malerin, folgt ihrem Geliebten Ichir? in dessen Heimat Japan. Für sie ist es das Sehnsuchtsland, von dem sie seit ihrer Kindheit träumt. Doch in der fernen Stadt, der fremden Familie und der patriarchalen Gesellschaft angekommen, muss Alwina feststellen, dass ihre Träume wenig mit der Realität zu tun haben. Sie scheitert an den fremden Traditionen und Riten ebenso wie an der Sprache: 'Während sich Ichir? geborgen fühlte in den Lauten des Mutterleibs, hatte sie ihre Mutter verloren in der Lautfremdheit. Ihre Mutter hatte ihr eine Kunstsprache beigebracht, die niemand sprach. Es war sinnlos, Rücksicht zu erwarten für eine Lautlose, das hatte sie verstanden.' Bald erkennt sie Ichir? nicht mehr als jenen Mann, den sie in Wien geliebt hat. Sie wird zur Außenseiterin, die den Gesprächen nicht folgen kann, die im falschen Moment lacht und die Familienmitglieder unwissend beleidigt. Als ihr auch noch die eigenen Farben in dem ungewohnten Licht fremd werden, will sie zurück nach Wien, doch all ihr Geld steckt in einem zerfallenden Haus. Ausgerechnet für Alwina, die nur Augen für die Schönheit Japans hatte, wird das hässliche Japan nun zum einzigen Ausweg, um das Land irgendwann verlassen zu können. Sprachkritisch, spannend und kenntnisreich führt Elisabeth Reichart uns in diesem Roman in eine fremde Welt.

Elisabeth Reichart, geboren 1953 in Steyregg/OÖ., Studium der Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien, länger Auslandsaufenthalte in Japan und USA, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österreichischer Würdigungspreis für Literatur und Anton-Wildgans-Preis.
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Teil 2
Die Frau, der Mann

»Wußten Sie, daß Japan versinkt?«

Ein Zwölftatamizimmer, in dem es für die Frau, die aus der schwülen Hitze kam, im ersten Moment angenehm kühl war, bevor sie die Kälte spürte, die aus unsichtbaren Quellen in den Raum drang, sich die Haut eroberte und sich zwischen ihr und der Kleidung als hauchdünne Eisschicht niederließ, die bei jeder Bewegung knisterte. Durch die Papiertüren fiel sanftes Licht. Draußen gischte das Meer gegen die Felsen, manchmal schrie ein Vogel, dazwischen der ruhige Atem der Stille in dem Rhythmus der abbrennenden Räucherstäbchen, die ihren Geruchsschatten zurückließen, der die Zunge pelzig machte, und doch, ihre Nasenflügel bebten, bedeutet dieser Geruch vielleicht mehr als alles andere für die Frau Japan.

Männerfüße, in weißen Socken verborgen, bestrumpfte Frauenfüße, durch die rot lackierte Zehennägel schimmerten. Der Mann stand mit dem Rücken zur Frau, die sich an die lautlos hinter ihr geschlossene Schiebetür lehnte. In diesem weichen Licht glänzte ihr hellbraunes Haar, umrahmte ihr schmales Gesicht, verdeckte es, sobald sie den Kopf senkte. Das Kopfhaar des Mannes war grau.

Sandfarbene Tapeten und Türen. In der Nische ein Blumengesteck mit drei Orchideen: weiß, hellblau und gelb ragten die noch fast geschlossenen Blüten aus einer erdfarbenen Schale. In der Mitte des Zimmers stand ein rechteckiger schwarzer Lacktisch, zwei dunkelrote Seidenpolster lagen an seinen Längsseiten.

Der Mann zog die Schiebetür zur Seite, hielt sich die Hand vor die Stirn. Die Sonne stand tief, färbte das Meer unter ihm silbrig, im Schatten der Inseln schwarz. Das Geräusch, mit dem es gegen die Felsen brandete und wieder in sich zurückflutete, erfüllte nun das Zimmer, die feuchtheiße Luft drängte herein und legte sich schwer über die kalte, ließ das Eis auf der Haut tauen. Die Frau atmete gierig die heiße Luft ein, Luft, die noch nicht in den Lungen anderer herumgeirrt war, Meeresluft, vom Salz geschwängert, das unter ihren Achseln bald weiße Ränder auf ihrem Sommerkleid hinterlassen würde, verschwommene oder zickzackförmige, je nachdem, ob der Körper es langsam oder in einem Schwall ausscheiden würde, das Salz der Lungen. Der Mann kümmerte sich nicht darum, ob die Frau, die immer noch an die Schiebetür gelehnt stand, ihn hören konnte. Er redete zum Meer. Er redete zur Frau.

»Wir leben durch den Reis. Wir sind Reis, wenn Sie so wollen. Wenn der Reisanbau aufhört, hören wir auf. Darum bebaut der Kaiser sein Reisfeld. Die Amerikaner werden das nie verstehen. Nicht einmal die Deutschen. Ihre Liebe zum Wald, lächerlich. Ich weiß, daß Ihnen die Reisfelder gefallen. Sie sind schön. Ja, von einer unübertrefflichen Schönheit. Und jeder Sturm, der sie vernichten will, zerstört sich selbst. Hier endet Ihr Verständnis. Ihnen macht sowohl die Schönheit wie die Häßlichkeit Angst. Als könnte es eins ohne das andere geben, als würde sich die Schönheit nicht erst im Moment ihrer Zerstörung vollenden. Sie lehnen meine Gedanken ab. Jeder, der nur über ein hierarchisches Denken verfügt, lehnt sie ab. Dabei sind die Katastrophen die wahren Demokraten. Sie treffen unterschiedslos Gute wie Böse. Für Sie hingegen steht die Schönheit ganz oben auf Ihrer Werteskala und die Zerstörung ganz unten. Aber Sie waren nicht dabei, als sich das Meer mein Haus holte, bevor das Feuer gewann. Meer gegen Feuer! Es wäre reine Energieverschwendung gewesen, die beiden aufhalten zu wollen. Während ich den Kampf zwischen Meer und Feuer um mein Haus beobachtete, begriff ich, daß es nur darauf ankommt zu sehen. Hinzusehen. Ganz genau hinzusehen. Und seit langem sehe ich, daß Japan versinkt.«

Der Mann stand da wie vorhin. Nur seine Lippen hatte er bewegt. Die Frau verharrte an ihrem Platz, Handtasche und Skizzenmappe unter die rechte Achsel geklemmt. Seine Sätze haben nichts mit mir zu tun, nichts hat hier etwas mit mir zu tun, dachte sie und spürte die Gewöhnung wie eine zähflüssige Masse in sich herumziehen. Zu jeder Europäerin hätte er diese Sätze gesagt, all diese Sätze über vertikales und horizontales Denken, so einfach ist das nicht, hätte sie einwenden können, Sie können Ihr Haus wieder aufbauen, doch die Gewöhnung und sein Anblick machten sie stumm, nur ein gefährliches Knistern hörte sie in ihrem Kopf, und ihre Nase witterte den penetranten Schweißgeruch der Weißen. Unsicher sah sich die Frau in dem Raum um. Vielleicht irrte sich ihre Nase, vielleicht verwechselte sie inzwischen sogar Gerüche?

Keine Farben waren mehr zu erkennen.

Der Mann mochte die Frau nicht. Selbst wenn sie über seinen Anblick erschrocken war, sie hatte es nicht gezeigt. Von seiner Auserwählten hatte er mehr Unbeherrschtheit erwartet. Seine Auserwählte! – Wie lächerlich. Bis vor drei Jahren, als er zufällig von diesem seltsamen Paar erfahren hatte, das den unwiderstehlichen Wunsch in ihm geweckt hatte, die beiden kennenzulernen, hatte er nicht einmal etwas von ihrer Existenz gewußt. Aber er brauchte sie. Nicht mehr nur für die Fresken, wie er anfangs glaubte. Fresken! – welch ein irrsinniger Luxus für einen, der seinen Selbstmord plant, dachte der Mann und genoß diese Pikanterie. Ich will mich an sie gewöhnen, sagte er sich und wollte sie vergessen, sobald sie weg war. Frauen hatten ihn nie interessiert, genausowenig Männer. Männern gegenüber war er eher noch mißtrauischer. Trotzdem hatte ihn sein hochentwickeltes Mißtrauen nicht davor bewahrt, verraten zu werden. Wie eine Leuchtreklame stand das Wort Verrat vor seinen Augen. Es schwebte über dem Meer, stieg zum Himmel und sank daraus nieder, es spiegelte sich mit der Frau in dem Lacktisch. Er hätte sich gern an dem Verräter gerächt, er würde sich an ihm rächen, vielleicht könnte ihm die Frau dabei helfen oder ihr Mann, dieses Paar, das zu zweit seine Existenzen verkörperte, eine Tatsache, die er fast so wenig ertrug wie die Preisgabe seiner zweiten Haut, unter der seine ursprüngliche um ihr Erstgeborenenrecht kämpfte, nun machte sie ihn erpreßbar, unauffindbarer Ausweg aus dem Treibsand des Zufalls, lächerlicher Zufall, den Anzberg sicher mit viel Geld und Menschen herbeigeführt hatte, der Mensch als Zufallsfund, groteskes Dasein bis zum Schluß.

Die Frau dachte an Ichiro, der als Kind mit seiner Mutter die Reisfelder bepflanzt hatte. Barfuß durch die nassen Felder gehen, die Pflanzen in die überschwemmte Erde stecken, eine Reihe nach der anderen, und sie hatte ihre Schwägerin und später ihre Schwiegermutter beobachtet, wie sie jeden Abend den Reis für den nächsten Tag wuschen, und sich vorgestellt, was das für ein Leben ist, in dem jeder Abend mit dem Reiswaschen endet, jeder Abend.

So wenig, wie es die Frauen eilig hatten beim Reiswaschen, hatte es der Mann eilig, die Entwürfe der Frau anzusehen.

Die Frau bewegte sich lautlos, legte ihre Skizzenmappe auf den Lacktisch, ging zurück zur Schiebetür. Sie hatte in den zwei Jahren hier gelernt, daß ihre Ungeduld ein Zeichen ihrer eigenen Schwäche war. Die Ungeduld war davon nicht kleiner geworden, nur erkennbar in ihren ersten Anzeichen, einer flatternden Stimme zumeist, unruhigen Bewegungen, sie tendierte dann dazu, alles fallen zu lassen. Doch entgegen ihren Erwartungen war in diesem Raum ihre Stimme nicht gefragt, und außer ihrer Handtasche gab es nichts, was sie loslassen könnte.

»Wußten Sie, daß Japan versinkt?«

Die Frau schob die Tür zur Seite, verließ das Haus, ohne sich umzusehen. Nur die Steine nahm sie wahr, die ihr den Weg durch das Wasser zeigten. Der letzte Stein war der größte. Beide Füße hatten auf ihm Platz. Sie blieb stehen, lauschte in den Garten, in dem unzählige Grillen zirpten. Vereinzelt standen Steinlaternen auf dem Grundstück, ihre toten Gesichter holten das Licht des fast greifbar nahen Sternenhimmels in den Garten. Daß Sterne Abend für Abend blenden können wie zu Hause nur manchmal der Vollmond, welch helle Nächte. Kopfschüttelnd ging sie weiter. In dem Haus hinter ihr wurde es in allen Zimmern gleichzeitig hell. Behutsam öffnete sie das mit Bambus verkleidete Eisentor.

Kaum war sie auf der Straße, begann sie zu laufen, lief, bis sie das Stadtzentrum von Sasebo erreicht hatte. In der überdachten Einkaufspassage setzte sie sich auf eine freie Bank und überließ sich den krampfhaften Zuckungen ihres Oberkörpers, die bald den Hals einbezogen, das Gesicht. Frauen blieben vor ihr stehen, kicherten. Alwina starrte sie böse an, soweit ihr zuckender Körper einen derart zielgerichteten Blick zuließ. Man hat mir meine Zunge herausgeschnitten, dachte sie, doch die Zunge zuckte in ihrer Einsamkeit, dieses Zucken haben die Zungendiebe nicht ausgehalten, deshalb haben sie noch einmal in mir herumgeschnitten, tiefer, viel tiefer, und mir den Kehlkopf und die Stimmbänder entfernt, ein sauberer Schnitt, alle Achtung, nicht einmal eine Kleinstnarbe ist zurückgeblieben, makelloser Hals, den kein Schal verdecken muß. Lieber wäre es mir gewesen, sie hätten mir die Augen geraubt, meine geliebten Augen, an denen ich nicht...


Elisabeth Reichart, geboren 1953 in Steyregg/OÖ., Studium der Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien, länger Auslandsaufenthalte in Japan und USA, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österreichischer Würdigungspreis für Literatur und Anton-Wildgans-Preis.



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