Reichart Die unsichtbare Fotografin
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7013-6151-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 294 Seiten
ISBN: 978-3-7013-6151-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth Reichart geboren 1953 in Steyregg/OÖ., Studium der Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien, längere Auslandsaufenthalte in Japan und den USA, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österreichischer Würdigungspreis für Literatur und Anton-Wildgans-Preis.
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Shanghai
Verändertes Shanghai – jedes Mal sah ich eine andere Stadt, soweit etwas von ihr zu sehen war und sie nicht im Smog verschwunden blieb. Ich fotografierte die Veränderungen für ein Architekturmagazin, hatte es aufgegeben, meinen Weiterflug nach Japan im Voraus zu buchen. Auf mehr als diesiges Licht hatte ich nur vor drei Jahren gehofft, als ich staunend nach dem Himmel suchte, der sich nicht zeigen wollte. Mir gefielen die Aufnahmen der Wolkenkratzer, die im Smog verschwanden, besser als die im diesigen Licht, aber das Magazin war anderer Meinung, die Architekten wollten ihre nachgeahmten Gebäude sehen, die ohne sie mitten in die Zukunft hinein wuchsen. Nirgendwo sonst pulsierte das Leben so hektisch himmelwärts stürmend wie in dieser Stadt, die keine Zeit hat, ihre Toten zu begraben. Eine ungewöhnliche Bemerkung von Li bei meinem letzten Besuch, begleitet von einem Lächeln, das ich nicht deuten konnte.
Li erwartete mich am Flughafen, würde wieder für mich übersetzen, wie bei all meinen Aufenthalten zuvor. Ich hatte mir Li nicht ausgesucht, er wurde mir von der Stadtregierung zugeteilt, eine großzügige Geste, die nur wenigen Besuchern gewährt wurde, betonte Li in unserem ersten Gespräch. Eine Fotografin braucht keinen Dolmetscher, hatte ich geantwortet und Li in Verdacht, nicht nur mein Dolmetscher zu sein. Das Lächeln begleitete inzwischen alle seine Sätze, hatte sich im Gesicht festgesetzt, wo zuvor die Überzeugungen die Haut spannten. Li ist so alt wie ich, doch das hatte unsere Unterhaltungen nicht erleichtert. Er hatte sich einfach abgewandt, sobald ich unangenehme Fragen stellte, oder mich scharf zurecht gewiesen, indem er die Weisheit der Partei betonte. Mit schneidender Arroganz hatte er manchmal hinzugefügt, ob ich etwa glaube mehr zu wissen als die Partei, und ich hatte es aufgegeben, ihn etwas zu fragen, wollte nicht vor einer menschlichen Stimme erschrecken, noch dazu vor einer, auf die ich dank großzügiger Entscheidung angewiesen, die meine zweite Stimme in diesem Land war.
Der Smog war dichter als je zuvor. Nichts wies darauf hin, dass ich in Shanghai war, ich könnte ebenso gut in Peking sein oder in einer beliebigen anderen chinesischen Boomtown. Lachend fragte ich Li, ob wir wirklich in Shanghai seien, und war überrascht von seiner Antwort: Nein, keine Spur, alle Sicherheiten seien auf den Mond ausgewandert, aber sie würden bald woanders hinziehen, wenn der Verkehr im Weltraum weiterhin so zunehme.
Ob denn die Beschwerden der Mondfrau nicht gehört würden, fragte ich zurück, und wir kicherten vor uns hin, während Li meinte, die Beschwerdekommission sei kollabiert unter dem Mondgestein, das die Mondfrau geschickt habe.
Wir sprachen Englisch, der Taxifahrer hatte mich zwar mit einer auswendig gelernten Begrüßungsformel willkommen geheißen, aber die wenigen Worte fielen ihm so schwer, dass ich sicher war, er würde uns nicht verstehen. Trotzdem wollte ich Li nicht wieder fragen, warum die Bewohner diesen Smog hinnahmen oder die Regierung das unbedingte Bedürfnis verspürte, alles unter Smog zu begraben. Die Fahrt wurde immer langsamer, bis wir nur noch standen. Neben dem Taxi ging ein Mann vorbei, der zwei Schweine an der Leine führte, die in roten Jacken steckten und Federhüte trugen. Ich hatte selten eine so komische Gruppe auf einer Straße gesehen. Welch ein mutiger Protest, flüsterte ich, um Li die Chance zu geben, mich einfach nicht zu hören. Ich fotografierte sie so, dass das Gesicht des Mannes nicht erkennbar war. Die Vorstellung, jemanden durch meine Fotos zu gefährden, hatte mir während meines ersten Aufenthalts hier schlaflose Nächte verursacht. Immer wieder war ich hochgeschreckt, hatte Fotos am Computer gelöscht, aus Angst, jemand könnte sie während meiner Abwesenheit herunterladen. Damals hatte ich wirklich nur Aufnahmen von Wolkenkratzern, Straßen, Dächern mitgenommen.
Während die Ampel auf Grün schaltete, das Taxi langsam an den Schweinen vorbeifuhr, flüsterte Li, dass immer mehr Bauern verrückt würden, ihnen werde alles zugemutet: Umsiedlungen, unmögliche Erntevorgaben, sogar des Wassers würden sie beraubt für die Boomtowns. Sie verließen das Land, aber nicht wie die Wanderarbeiter, um in der Stadt unter den unmenschlichsten Bedingungen zu arbeiten, sondern um den Wahnsinn sichtbar zu machen, den sie sich nicht länger vom Leib halten konnten. Wie um Lis Worte zu bestätigen, saß an der nächsten Kreuzung eine Gruppe von Bauern auf dem Gehsteig und peitschte einen Yak aus, der unbeweglich stand, als würde ihn das nichts angehen.
Ich bat den Taxifahrer stehen zu bleiben, hörte erst, als ich nahe bei der Gruppe war, das Pfeifen der Peitschen, das Stöhnen der Bauern. Es klang, als würden sie ausgepeitscht werden und die Peitschen wären in fremden Händen, über die sie nicht verfügten.
Jemand fasste mich am Arm, und während ich noch überlegte, ob ich ein ungeschriebenes Gesetz verletzt haben könnte, hörte ich Li freundlich sagen, keine Angst, die Yaks haben ein dickes Fell, so dick, dass sie nichts spüren. Sieh, wie die Männer die Bewegung abbremsen, kurz bevor die Peitsche trifft.
Das Lächeln machte aus dem strengen Gesicht ein komödiantisches, das mir gefiel, vor dem ich mich nicht länger fürchtete. Li hatte sich verändert, die Überzeugungen waren brüchig geworden. Das Leben in Shanghai hatte offensichtlich Tag für Tag einige Kratzer in der roten Festung hinterlassen.
Ich war im selben Hotel wie immer untergebracht. Kaum war ich in meinem Zimmer, konnte ich es nicht mehr von anderen ähnlichen unterscheiden. Ich schaltete den Fernseher ein, die Gesichter auf dem Bildschirm wirkten vertraut, ich bemerkte erst wieder, dass ich in Asien war, als ich kein Wort verstand, obwohl mir das mit einer eigenartigen Verzögerung auffiel, während der ich mir einbildete, den Nachrichten zuzuhören. Ich fiel angezogen aufs Bett und schlief sofort ein. Im Traum schlich ich durch Nebel, der immer wieder plötzlich aufriss und mir die schönsten Motive bot, doch ich war zu müde, um schnell genug nach der Kamera zu greifen.
Als ich zwanzig war, schenkte mir mein Vater die Fotoausrüstung seines Vaters. Wahrscheinlich war sie ihm im Keller oder in einem Abstellraum in die Hände gefallen, sonst gab es keine Erklärung dafür, warum ich sie nicht spätestens zur Matura bekommen hatte. Sie war wie ein Geschenk des Himmels für mich, ich war sofort besessen von der Möglichkeit, all das Schöne auf dieser herrlichen Erde festhalten zu können und wusste in dem Moment, in dem ich die Kameras in die Hand nahm, dass ich Fotografin werden wollte. Alle Unsicherheit verschwand, es war kein Problem mehr, mich für eine Tätigkeit zu entscheiden, was ich bis dahin als schreckliche Zumutung empfunden hatte, fast als Todesurteil, dem ich mit allen Tricks und Ausreden, vorgetäuschten Interessen und Krankheiten zu entkommen versuchte. Ich hatte noch nie eine eigene Wohnung, lebe lieber in Hotels und reise mit leichtem Gepäck. Seitdem ich die schweren Kameras meines Großvaters, der außer seinen Fischen nichts mit ihnen fotografiert hat, weder seine Frau noch seinen Sohn, nie den Traunsee oder Gmunden, gegen Digitalkameras getauscht habe, wiegt auch mein drittes Auge nicht mehr so schwer.
Der Wecker läutete, am liebsten hätte ich mich umgedreht und weitergeschlafen. Ich konnte mich nicht erinnern, wie sich mein Körper ausgeschlafen anfühlte, dieser erfreuliche Zustand musste Jahre her sein. Ich brauche Urlaub, Schlafurlaub, warum nicht in diesem Hotel, gleich jetzt, doch Li rief an und bestand darauf, dass der Empfang wichtig sei, es dort Informationen für mich geben würde, die ich nirgendwo sonst bekommen könnte.
Welche Informationen, wollte ich wissen und konnte mir keine einzige vorstellen, die wichtiger als mein Schlaf wäre.
Über die Entwicklung von Shanghai, meinte Li vage, und ich hörte ein Zittern in seiner Stimme. Lachte er oder hatte er Angst?
Es ist eine offizielle Einladung, wenn du keine Schwierigkeiten bekommen willst, solltest du sie annehmen.
Das Zittern der Stimme hatte sich verstärkt, und ich konnte seine Angst spüren.
Dress up, dress up, wiederholte Li. Ich stellte mich unter die Dusche, die mich halbwegs wach machte, zog mein einziges, dafür unzerknitterbares langes Kleid an, schlüpfte in mein einziges Paar Stöckelschuhe, legte mir meinen einzigen Seidenschal um und schminkte mir die Lippen. Meine Haare waren noch feucht, aber zum Föhnen blieb keine Zeit. Erst im Lift dämmerte mir, dass es bei diesem offiziellen Empfang sicher Fisch und Schalentiere zu essen geben würde, nichts als Fisch und Schalentiere sogar, denn die reichen Chinesen lieben Fisch und Schalentiere. Fisch in schwarzem Tee gekocht, der aussieht, als wäre er in einem Schlammbad erstickt. Die Vorstellung verursachte mir Gänsehaut. Dabei habe ich so gerne Fisch gegessen, jammerte ich im Taxi, aber seitdem ich vor vier Jahren in Berlin an einer Massenfischvergiftung teilgenommen habe, kann ich Fisch nicht einmal mehr riechen, ohne dass mir übel wird. Außerdem ist Fisch nicht, wie alle behaupten, gesund, triumphierte ich jetzt, die großen, langlebigen Fische sind sogar ausgesprochen ungesund, verseucht von den Schwermetallen, die wir so freundlich sind im Meer abzulagern, und von Flussfischen hier...




