Reichart Die Voest-Kinder
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7013-6187-8
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 301 Seiten
ISBN: 978-3-7013-6187-8
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth Reichart, geboren 1953 in Steyregg in Oberösterreich, studierte Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien. Dissertation im Fach Geschichte zum Thema 'Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Salzkammergut'. Nach längeren Aufenthalten in Japan und den USA, lebt Elisabeth Reichart heute als freie Schriftstellerin in Wien. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, den Anton-Wildgans-Preis und den Oberösterreichischen Landeskulturpreis.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I.
Sonntags verwandelte sich der Ort: Bereits am Vormittag waren die Gasthäuser offen, gingen die Voestler hinein und kamen heraus, vor der Kirche, nach der Kirche, konnten die Kinder es kaum fassen, dass es sie jeden Sonntag wieder gab, ihre Väter – die Kinder umkreisten sie aufgeregt, staunend, zwickten sie, um glauben zu können, was sie sahen.
Nur die Väter hatten einen Namen: Voestler, Eisenbahner, Wirt, Arzt, Pfarrer, Trafikant, Bürgermeister, Briefträger, Fleischhauer, Schuster, Schneider, Polizist und Pensionist. Früher gab es eine Hebamme, aber die hat der Friedhof verschluckt, erzählte die Großmutter ihrer Enkelin.
In der Kirche war der Pfarrer der Besitzer der Worte. Er redete allein in einer Sprache, die niemand außer ihm und Gott verstand: Latein. Nicht einmal die Großmutter des Kindes verstand jedes Wort, obwohl sie täglich in die Kirche ging. Nur die Sonntagspredigt, für die der Pfarrer den Altar verließ und auf die Kanzel hinaufstieg, hielt er auf deutsch. Alle schwiegen, obwohl er bei jeder Predigt mehrmals schrie, was verboten war, wie das Kind wusste. Die Predigten mochte das Kind nicht: Es herrschte eine gedrückte Stimmung in der Kirche, solange der Pfarrer auf der Kanzel Deutsch redete. Manche Worte hüpften gegen die Säulen und taten ihr in den Ohren weh, von anderen bekam sie eine Gänsehaut, die sie zappeln ließ. Halt still, wurde sie von der Mutter ermahnt, aber manchmal hielt sie die Worte des Pfarrers nicht aus und rannte ins Freie, sah die Grabkreuze tanzen, die Blumen in die Luft fliegen oder die Gräber und Blumen unter sich, eingehüllt in den Voest-Rauch, bis die Großmutter sie umarmte und mit ihr nach Hause ging.
Latein werde in all den unzähligen Kirchen auf der ganzen Welt gesprochen, erzählte die Großmutter ihrer Enkelin, die nur darauf wartete, dass der Pfarrer endlich die Kanzel verließ. Sobald er wieder vor dem Altar stand, forderte er seine Schäfchen auf, sich zu erheben und zu singen. Das waren die schönsten Momente während der Messe: Das Kind sang und sang, sang auch, wenn nur der Kirchenchor singen sollte, kümmerte sich nicht um die Blicke, das Zupfen an ihrem Ärmel. Selbst wenn sie auf die Kirchenbank gezogen wurde, sang sie weiter. Auch beten fand sie schön, sie kniete gerne vor Gott, faltete die Hände wie die Erwachsenen. Aber gesungene Gebete waren schöner als schön, sie ließen sie jubilieren. Am liebsten sang sie ,Großer Gott, wir loben dich‘ und das ,Ave Maria‘. Bei diesen Liedern lächelte die Jungfrau Maria, und manchmal nickte sie sanft mit dem Kopf, so sanft, dass nur die erwartungsvollen Augen des Kindes es bemerkten.
Einmal sprach der Pfarrer die Mutter nach der Messe an: Warum sie nicht mehr im Kirchenchor singe, fragte er und fügte streng hinzu: Jeder muss etwas zu Gottes Werk beitragen! Seit der Geburt der Kleinen habe sie keine Zeit mehr, antwortete die Mutter leise, mit gesenktem Kopf. Da bekam die Tochter Angst, wollte keine Zeitdiebin sein. Diebstahl ist eine Sünde, sagte sie so laut, dass die Umstehenden es hören konnten. Einige verließen die Gruppe vor dem Kirchenportal, manche Frauen kicherten, Männer schüttelten den Kopf, husteten laut oder zischten etwas. Die Tochter kümmerte sich nicht darum. Du musst wieder singen, sagte sie zu ihrer Mutter. Und fügte schnell hinzu: Ich will auch singen. Sie konnte das Wort Kirchenchor nicht aussprechen, ihre Zunge verknotete sich, stieß das Wort in den Hals zurück. Das Wort würgte sie, sie hätte es gerne ausgespuckt, aber ein Mädchen spuckt nicht, außer Kirschkerne in die Wiese, wo aus dem Kern ein neuer Baum wachsen kann, flüsterte ihr eine innere Stimme zu. Ohne Kirschkern im Mund, inmitten der Kirchenbesucher, musste sie das Wort hinunterschlucken. Sie rätselte, ob auch die erwachsenen Frauen die langen Worte verschluckten oder heimlich in ihre Taschentücher spuckten, die sie sich ständig vor den Mund hielten. Zu Hause wollte sie ihre Großmutter um ein Riesentaschentuch bitten, in dem sie alle Worte aufheben konnte, die noch zu lang waren für ihre kleine Zunge. Die Tochter spürte, dass es ihrer Mutter peinlich war, durch sie im Mittelpunkt zu stehen. Das Kind drückte sich eng an die Mutter und flüsterte: bitte, bitte! Die Mutter beugte sich zu ihr hinunter, hob ihr Kinn hoch und flüsterte ebenfalls: versprochen. Da flog das Kind an der Hand der Mutter geradewegs in den Himmel, lachte und tanzte mit den Engeln, die sie umkreisten, bis sie ihren Vater entdeckte, der mit gesenktem Kopf abseits stand. Papi, flüsterte sie, lief zu ihm und umklammerte seine Beine. Er befreite sich wortlos aus ihrer Umarmung.
Von diesem Sonntag an gingen Mutter und Tochter jede Woche einmal zur Chorprobe und sangen am Sonntag und an den Feiertagen im Kirchenchor. Das Kind war zufrieden und sang am lautesten. Alle fanden, sie hätte eine viel zu tiefe Stimme für ein Mädchen. Die Mutter schwieg dazu. Das Kind hörte bei solchen Worten weg. Sie mochte die Piepsstimme mancher Chorsängerin nicht, aber da die Stimme von Gott und für Gott war, verschwand sie lieber zu den Engeln, als etwas Böses zu sagen. Ohnedies stand sie immer neben ihrer Mutter, die eine klare Altstimme hatte, mit der ihre mitschwang, als hätte das Kind jedes Kirchenlied stundenlang geübt.
Am Sonntag hörte sie ihren Vater manchmal Geige spielen. Meist spielte er traurige Melodien, spielte sie so schön, dass die Luft zitterte und Regenbögen hervorzauberte. Sie presste ihr Ohr an die Tür, ihre Puppe an sich und eine Hand auf den Mund. Hin und wieder hörte sie die Musik immer noch, obwohl ihr Vater bereits zu spielen aufgehört hatte. Wenn der Vater sie vor der Tür fand, schickte er sie weg. Kaum spielte er wieder, zog es sie unwiderstehlich zurück zu den Geigenklängen. An den Feiertagen, nach dem Mittagessen, nahm ihre Mutter die Ziehharmonika aus dem Koffer und spielte mit dem Vater. Es erklangen andere Melodien, und alle durften mit den Eltern in der Wohnküche sein. Sie kauerte sich mit ihrer Puppe in die Ecke der Couch oder setzte sich mit ihr auf den Schoß des Großvaters und lauschte diesen so anderen Klängen, die sie zum Lachen brachten oder fremde Landschaften auftauchen ließen, in denen sie sich wie ein Schatten bewegte und ihr alles grau vorkam oder grell schillernd. Manchmal sang die Mutter dazu Frühlingslieder, Weihnachtslieder, fremde Lieder von Polen und Russland. Am liebsten sangen sie alle: ,Lustig ist das Zigeunerleben, varia‘! Einmal legte der Vater seine Geige weg und tanzte mit ihr dazu. Der Tanz hörte nie wieder auf, sie flog durch die Wolken mitten hinein in ihren Glücksstern, der in den Augen des Vaters leuchtete. Als er sie wieder auf den Boden gleiten ließ, flimmerte der Stern durch das Zimmer, erhellte es mit seinem Licht. Auch in den Augen der Mutter und Großeltern leuchtete er, bis der Vater das Zimmer verließ.
Sie wusste bereits, dass es sinnlos war, ihren Vater um etwas zu bitten. Nicht einmal um das Geigenspiel durfte sie ihn bitten. Er hatte ihr diese Bitte nie erfüllt.
Am Sonntagabend trafen sich die Voestler in den Vereinen mit anderen Männern. Der Vater des Kindes war bei der Freiwilligen Feuerwehr und der Musikkapelle, aber vor allem war er Voestler.
Alle Sehnsüchte für den Sonntag aufgespart, alle Sehnsüchte in den Sonntag hineingepresst, bis sie von der Freiwilligen Feuerwehr gelöscht wurden.
Hin und wieder reiste ihre Mutter mit ihr in die große Stadt. Die große Stadt war nicht so schön wie der Himmel, aber fast so aufregend. Die Mutter zog sich dafür eines ihrer Sonntagskleider an, und statt in die bequemen Schuhe schlüpfte sie in Pumps, die sie spätestens im Eissalon erleichtert abstreifte. Meist waren ihre Füße so angeschwollen, dass sie kaum mehr in die wunderschönen Schuhe passten. Auch sie durfte ihr Sonntagskleid anziehen, aber Stöckelschuhe besaß sie keine. Die Mutter steckte ihr zwei Spangerl ins Haar, damit sie ordentlich aussah. Auch die Haare der Mutter waren frisch gewaschen und zu Locken gedreht für die Reise in die große Stadt.
Der Zug fuhr lange über die Eisenbahnbrücke, die ihr Vater von einem Donauufer zum anderen gezaubert hatte. Viele Erwachsene im Zug hatten Angst vor der Donauüberquerung, aber nicht das Kind. Ihr Vater war der beste Zauberer. All die Brücken, die ihr Vater zauberte, hielten tausend Jahre lang. Sie hält, sie hält, flüsterte sie vor sich hin, während der Zug in der Luft schwebte. Sobald alle aufatmeten, nahm sie nur noch die Voest wahr: Dampfende Schlote, riesige Hallen und Hochöfen, ein Funkenmeer, das ihr Vater aufleuchten ließ in seiner Voest, durch die er mit dem Fahrrad fuhr, denn zu Fuß würde er verloren gehen, so groß war seine Voest. Die Stickstoffwerke interessierten sie nicht, nur der gelbe Qualm, der sich manchmal in alle Regenbogenfarben verwandelte, lenkte sie für Momente von der zwischen schwarzen Rauchschwaden hervorglitzernden Voest ab.
Der Großvater arbeitete nicht in der Voest, fand das Kind heraus. Der Großvater war vor unendlich langer Zeit bei der Bahn und seit vielen Jahren in Pension. Die Bahn und der Garten gehörten zusammen. Der Garten, in den sie mit ihrer Großmutter ging – die Hasen füttern, die sich in Ziegen verwandeln konnten oder in Hühner und an den Regenbogentagen in Prinzessinnen –, lag...




