Reichart | Komm über den See | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 210 mm

Reichart Komm über den See


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7013-6329-2
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 200 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 210 mm

ISBN: 978-3-7013-6329-2
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ruth Berger war zwar als Dolmetscherin in fremden Sprachen zu Hause, doch eine eigene Sprache findet sie nicht. Schon als Kind wurde sie zum Schweigen verdammt, und als erwachsene Frau verstummt sie immer wieder vor der Macht der Männer um sie herum. Nach gescheiterten Beziehungen und einer abgebrochenen Karriere ist sie allein mit ihrer Angst vor Nähe und Freundschaft, allein mit dem Verdacht, dass mit dem Verschwinden der weiblichen Stimmen die Ohnmacht der Frauen zementiert werden soll. Ruth, nunmehr Lehrerin, übersiedelt für ein Jahr von Wien nach Gmunden. Dort ist sie ganz nah am Thema ihrer Recherchen, die sie seit Jahren nebenbei führt: Sie sammelt Akten über NS-Widerstandskämpferinnen im Salzkammergut, zu denen auch Anna Zach gehörte. Nach einem Gespräch mit dieser mutigen, inzwischen alten, aber ungebrochenen Frau versteht Ruth plötzlich ihre innere Fremde, versteht die Bedeutung von Schweigen und Verrat. 'Komm über den See' verbindet Themenkreise, die seit Beginn an Elisabeth Reicharts Werk formen: Generationsübergreifendes Schweigen, Sprachlosigkeit und Verdrängen, aber auch weiblicher Widerstand gegen eine - immer noch - von Männern beherrschte Welt. Aufwühlend und zeitlos aktuell.

Elisabeth Reichart, aufgewachsen in Oberösterreich, studierte Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien, längere Auslandsaufenthalte in Japan und den USA, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Veza-Canetti-Preis, Österreichischer Würdigungspreis für Literatur und Anton-Wildgans-Preis.
Reichart Komm über den See jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


SIE


Vor jeder Erinnerung das Wissen: Alle Sätze in dieses Gestern können nur Brücken zu Inseln sein, was sie verbinden …

In diesem Raum war es, beim Morgengrauen war es, dass wir uns verabschiedeten. Er sagte, ich halte dieses Leben nicht mehr aus, was immer wir tun, es ist zu wenig, auch wenn es weiterhin getan werden muss, von dir getan werden muss, jemand muss es doch tun, ich aber muss zu den Partisanen gehen. Du wirst es schaffen, du kennst die Treffpunkte, kennst die Menschen, denen du vertrauen kannst, kennst die Losungen, die geheimen Orte, die Adressen, wo du das Geld abholen musst, und die Adresse, wo du das Geld hinbringen musst, kennst alles … Nein, sagte er, mitgehen kannst du nicht, in den Bergen sind nur Männer, und außerdem, das Kind, wir können doch das Kind nicht in die Berge mitnehmen, du musst hierbleiben, hier im Tal, was wären wir in den Bergen ohne euch im Tal …

Ich blieb, ich und die anderen Frauen, wir blieben da, wo es die Männer nicht mehr ausgehalten hatten …

Ohne die anderen Frauen hätte ich den Faschismus nicht überlebt, auch wenn wir uns nur selten trafen, jedes Treffen schwierig war und keine Zeit blieb für uns; dass es die anderen Frauen gab, dass du an sie denken konntest, wenn du allein warst, und du warst immer allein in dieser Zeit, das genügte, musste genügen …

In den ersten Wochen, sagt sie, war seine Abwesenheit ein Schock, auf einmal stehst du der Wirklichkeit allein gegenüber, keiner steht mehr neben dir, keiner, den du fragen kannst, keiner, von dem du gefragt wirst, keiner, der einmal statt deiner nachts die Tür öffnet in der Zeit, da sie jede Nacht kamen, da du ihnen jede Nacht die Tür öffnen musstest, keiner, der einmal statt deiner nachsah, ob die Tür auch wirklich wieder zugesperrt ist hinter ihnen, keiner …

Draußen ist es dunkel geworden, sternlose Nacht über den Tälern der Frauen, die das Korn mahlten, das Wild räucherten, die Medikamente besorgten, die Waffen und den Sprengstoff organisierten, die Flüchtenden bargen, den Durst stillten und den Hunger, Geld sammelten und die Verbindungen webten, und hinter mancher Tür ein alter Mann, der zu ihnen gehört hatte in der erinnerten Zeit …

Wir Frauen, sagt sie, sorgten dafür, dass die Männer in den Bergen leben konnten, dass sie kommen konnten, sie kamen nicht oft, außer im Winter, da vertrieb sie der Schnee zeitweise, vertrieb er sie von den Bergen, trieb er sie zurück in die Täler, in den Tälern warteten wir, wenn sie da waren, gingen wir auf die Straße und kehrten den Schnee um, ihre Spuren zu verwischen …

Die Stadt war noch kleiner, als Ruth sie sich vorgestellt hatte. Kaum war sie in eine Straße hineingegangen, war diese bereits wieder zu Ende, nach wenigen Straßen befand sie sich am Stadtrand oder in Villengegenden. Bald kannte sie nicht nur die Straßen der Stadt. Jeder kannte hier jeden, ein Geflüster zog sich vom Westen nach Osten, und nur der See verlockte sie, wenn seine Ufer im Nebel lagen und es aussah, als würden die Möwen in das Nichts hineinfliegen, zu Träumen, die unbestimmt blieben und die die Berge ringsherum um keinen Millimeter versetzten.

Was tun mit all den Menschen, die sie mit ihrem Namen ansprachen, bevor Ruth ihn genannt hatte, denen ihr Name vertrauter war als ihr, die sich manchmal zuzwinkerten, wenn sie Ruth begrüßten, die Tag für Tag die gleiche Frage an sie stellten und die sich um keine Antwort kümmerten oder um jede. Ruth war nicht sicher, ob sich nicht in den Ohren der Verkäuferinnen feine Messgeräte befanden, die jede Schwankung, jede Abweichung ihrer Stimme vom Tonfall des vergangenen Tages aufzeichneten, auswerteten.

All die Menschen, die in den See gingen, vor den Augen der anderen einfach in den See gingen, bis ihre Füße den Boden verloren, den Boden, den sie am Ufer lange vorher verloren hatten, all diese Menschen gingen mit diesen höflichen Phrasen im Ohr in den See, vielleicht hatte sie noch am Ufer jemand gefragt: „Wie geht es Ihnen heute?“, hatte keine andere Antwort erwartet als die übliche, „Gut, danke der Nachfrage“, hatte mit jeder Miene, mit jeder Geste zu verstehen gegeben, dass es nur diese Antwort geben konnte, hatte höflich den Hut gelüftet, war weitergegangen, war wenige Meter entfernt, wieder den Hut lüftend, wieder die gleiche Frage stellend, wieder die gleiche Antwort erhaltend, stehen geblieben, der Wind kam an diesem Tag vom See her, ein frischer Wind, der die Worte aufheben und weitertragen konnte, die Frage und Antwort zu dem Verlassenen trug, sie in seinen Ohren ablegte, weiterblies, er allein ohne Schuld, und vielleicht war es genau diese Wiederholung, der es noch bedurfte, um die Stadt zu verlassen, die Schuhe auszuziehen, die Socken daneben hinzulegen oder in die Schuhe zu stecken, und hinauszugehen, wegzugehen aus dieser alltäglichen Alltäglichkeit, zu der auch der Anblick des Sees gehörte, von dem immer weniger gesprochen wurde, der die Sagen und Märchen zu sich zurückgeholt hatte, angesichts der Konkurrenz des Fernsehens. Seine Wellen, erzählten manche Alten, die des Erzählens noch mächtig, erzählten mit zahnlosem Mund und einer Stimme, deren Tiefe bereits aufhorchen ließ, seine Wellen, erzählten sie, hätten vor wenigen Jahren einen Monat lang geschäumt, rot sei der Schaum gewesen, nein, behaupteten andere, schwarz sei er gewesen. Warum, wüssten nur die Schwäne, die vor diesen Wellen davongeschwommen und nicht mehr zurückgekehrt seien, wie die, die ihre Schuhe am Ufer ausziehen, hinausgehen, um nirgends mehr hingehen zu müssen. Der alte Brauch, hier und nur hier, erzählte einer, sei er noch erhalten, du sollst gehen wie du gekommen bist und das Wasser nicht beschmutzen mit dem Dreck deiner Schuhe.

Und immer wieder Wien, jetzt als Erinnerung, der Ortswechsel nur in Gedanken, in die Zeit, als sie nach der Scheidung von Walter in ihre Wohnung gezogen war, sie lag in der Nähe eines alten Marktes, der Markt, seine Farben, sein Duft, sein lebhaftes Treiben, die verschiedenen Sprachen, war ein Grund gewesen, warum sie die Wohnung gemietet hatte.

Dieser Markt, der sich eines Tages von seinem Platz wegbewegte, ausdehnte, in ihre Wohnung hinein. Eine Gemüseverkäuferin kam zu ihr nach Hause, musterte sie freundlich vom Kopf bis zu den Füßen, stellte dann fest: „Sie sind ja gar nicht krank! Da bin ich ja ganz umsonst gekommen.“ Sie erzählte, während sie sich an Ruth vorbei in die Wohnung drängte: „Jemand hat behauptet, Sie beim Arzt getroffen zu haben.“ Sie sah sich in der Küche um, nahm den Deckel von einer Pfanne. „Das riecht ja gut, was ist denn das?“ Ruth sah der Frau verblüfft zu, die war inzwischen in das Arbeitszimmer weitergegangen, schüttelte missbilligend den Kopf, aber was ihr nicht gefiel, behielt sie für sich. Ruth erfuhr es am nächsten Tag auf dem Markt. „Wie halten Sie das nur aus, ohne Fernseher, das ist doch kein Leben!“ Doch, dachte Ruth, für mich ist es das einzig mögliche inzwischen.

Ich wäre genauso süchtig wie ihr, jeden Abend würde ich davor verbringen. Die fremden Städte mit den immer gleichen Hotelzimmern. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, führte mich mein erster Weg zum Fernseher. Den ganzen Tag hatte ich wie ein Automat funktioniert. Nun funktionierte der Automat für mich. Welch ein abwechslungsreiches Leben!

Ruth mied den Markt von diesem Tag an, aber er dehnte sich weiter aus, verteilte sich über die Stadt.

Sie hatte mit einer Klasse den Dom besucht, den die Wiener nach dem ersten für seine christliche Überzeugung Gesteinigten getauft hatten, dessen Name in aller Munde, dessen Name sie nicht hinderte zuzusehen, wie andere gesteinigt wurden, oder selbst den Stein in die Hand zu nehmen und ihn zu werfen, einmal und noch einmal, bis zum letzten Mal.

Sie verabschiedete sich von den Schülern, ging über den Stephansplatz, wollte zu Fuß nach Hause gehen, da hörte sie ihren Namen, sie blieb stehen, sah sich um, sah eine Frau winken, die Frau eilte auf sie zu, ihre Stimme klang beleidigt: „Sie sieht man ja gar nicht mehr in letzter Zeit“, und als sie umsonst auf eine Antwort wartete, fügte sie hinzu: „Unser Käse ist noch immer der beste, das sagen alle.“ Nun wusste Ruth wieder, wo sie die Frau gesehen hatte, der Käsestand in der Mitte des Marktes, sie war eine der Verkäuferinnen, Ruth nickte, verabschiedete sich, wollte weitergehen, aber der Markt ließ sie nicht los. „Haben Sie inzwischen einen Fernseher?“, hörte sie die Verkäuferin fragen und hörte sie weiterreden: „Die neue Frisur gefällt mir gar nicht, so schulterlange Haare haben doch viele Frauen, die langen Haare waren viel schöner! Tut es Ihnen nicht schon leid um die langen Haare?“ Ruth war nach einem Schritt stehen geblieben, hatte zugehört, erstaunt, dass sie so ruhig blieb, als sie ihren Schrei den Stephansplatz entlanghetzen hörte, ihn ankommen hörte an den Domtüren, ihn die Domtüren öffnen hörte, seinen Hall durch das Domschiff bis zu den Glocken emporsteigen hörte, hörte, wie er die Glocken zum Läuten brachte, die „zurückgekehrten“ Glocken, deren Verschwinden jährlich behauptet wird. Könnte ich doch noch an Wunder glauben – aber der Glaube an sie hatte sich aufgelöst in den Antworten der Erwachsenen, die alle Zweifel verbannten, die dem Kind die wirklichen Fragen aus dem Leib trieben, jenseits dieser Fragen war der Tod, der in das Leben herübergeholte, aus dem es kein Entkommen gab und doch ein Entkommen gab, ein mühsames, anstrengendes Entkommen, mit dem geretteten Blick auf den schmalen Streifen Hoffnung,...


Reichart, Elisabeth
Elisabeth Reichart, aufgewachsen in Oberösterreich, studierte Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien, längere Auslandsaufenthalte in Japan und den USA, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Veza-Canetti-Preis, Österreichischer Würdigungspreis für Literatur und Anton-Wildgans-Preis.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.