Reichart Nachtmär
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7013-5913-4
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 247 Seiten
ISBN: 978-3-7013-5913-4
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth Reichart, geboren 1953 in Steyregg/ Oberösterreich, studierte Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien. Dissertation im Fach Geschichte zum Thema 'Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Salzkammergut'. Nach längeren Aufenthalten in Japan und den USA, lebt Elisabeth Reichart heute als freie Schriftstellerin in Wien. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, den Anton-Wildgans-Preis und den Oberösterreichischen Landeskulturpreis.
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Endlich hatte es Ingram geschafft, wieder auf seinen Füßen zu stehen. Von oben betrachtet, hatten die beiden sich nicht verändert. Seinem Bedürfnis, sich bei ihnen anzuhalten, während er aufstand, hatte er nicht nachgegeben. Jetzt bereute er es, stolperte theatralisch gegen sie, zu theatralisch, dachte er im selben Moment, in dem sie vor ihm zurückzuckten, ihm jedoch freundlich zunickten, bevor sie Hand in Hand in ihrer Wohnung verschwunden waren, die sie sich ihren Bedürfnissen entsprechend umgebaut hatten, bis sie endlich jede Klinke, jeden Wasserhahn und Lichtschalter ohne Stockerl erreichen konnten, hatte ihm der Zwerg, verborgen hinter seinem Zigarillorauch, einmal zugeflüstert, dieser fehlende Zigarillorauch im Stiegenhaus war ihm zuerst aufgefallen, seitdem lauschte er öfter an ihrer Tür, ertappte er sich dabei, wie er am Schlüsselloch herumschnüffelte. Zu klopfen wagte er nicht, ging nur, von Tag zu Tag ratloser werdend, weiter.
Ingram suchte nach einem Zettel. Eine Zeitungsnotiz über das erste außerhalb einer Gebärmutter gezüchtete Schaf, die er vor Jahren ausgeschnitten und eingerahmt hatte und seither von Motten anfressen und vergilben ließ, erwies sich als einziges Schnipsel. Der Rahmen färbte ab, schickte Schiefern als Boten aus, vereinzelte Blutstropfen, viel würde er mit diesen kärglichen Essenzen nicht schreiben können, wußte auch nicht, welche Botschaft er seiner Großmutter hinterlassen sollte, unsicher, ob sie log oder wirklich glaubte, in den nächsten Stunden zu sterben.
Für ihn war es Zeit aufzubrechen. Marlens elektrochemischen Gehirnhaushalt würde er, sollte er ihr keine Blumen mitbringen, zumindest rudimentär aus dem Gleichgewicht bringen, und da er ziemlich sicher war, in seinen leicht zerstörbaren Randbereichen gespeichert zu sein, sorgte er besser für strikte Erwartungserfüllung. Welche Blumen er auf Großmutters Grab legen sollte? All die Kränze, die seine Mutter unter sich begraben hatten, unerträglich, dieser Friedhofsgeruch, er verstand keinen, der freiwillig seinen Fuß in diese Verwesungslandschaft setzte. Zum Glück hatte er letzte Woche seinen schwarzen Anzug in die Reinigung getragen, schwarz war wohl angebracht bei ihrem Begräbnis. Dieses krampfhafte Lachen, stoßweise kam es aus dem Hals, spuckte die Zunge aus, die im Glas herumschwamm und ihm ihre Rückseite zuwandte, unverschämt, wie häßlich sie aussah.
Waren die Affen wirklich so eine gute Idee? Laufend diese Ideen, die er nach ein paar Bieren nur so hinausschleuderte, die er sich, war er zu faul, sie sofort zu notieren, nicht einmal bis zum nächsten Morgen merkte, so schwach waren sie oder in einem ihm im nüchternen Zustand nicht zugänglichen Gehirnteil beheimatet. Er könnte ja einen Fachmann fragen, sollte sich die Frage als beharrlich und konsequent erweisen, was er noch nicht beurteilen konnte, wie er die Idee, für den Werbespot einer Zahnpasta das kariöse Gebiß der Schönbrunner Affen zu filmen, nicht beurteilen konnte, denn eigentlich waren die Zähne des deutschen Schäferhundes seines Nachbarn auch nicht mehr das, was er sich unter einem furchterregenden Gebiß vorstellte. Wozu erst nach Schönbrunn fahren? Die Affen kannten so wenig Dankbarkeit für seine Public Relations wie der Nachbarshund, dieser ausgefressene Köter, und damit war die Entscheidung gefallen.
Die Nachtschwester müßte eigentlich längst hier sein, typisch, wenn ich es eilig habe, verspätet sich diese unverschämte Person oder kommt gleich gar nicht. Er könnte die Großmutter auch mit Gewalt von der Tür entfernen, viel Kraft dürfte ihr nicht geblieben sein, jede Gegenwehr nur ein Beweis ihres Lügengespinstes. Seit einem Monat verkündete sie nun ihren Tod, zweimal hatte er den Priester holen müssen, gleich würde sie sagen, die Drei ist gültig, sagte es:
»Beim dritten Mal hat sich noch keine getäuscht. Ich glaube, du kannst bald den Priester rufen. Schau bitte nicht so böse. Eine alte, kranke Frau wird sich wohl noch irren dürfen. Zwei Irrtümer im Leben. Mein Gott, welch ein Guthaben steht mir zu, wenn ich sie mit deinen vergleiche. Ich weiß, was du denkst. Du glaubst, du wirst endlich frei sein, tun und lassen können, was du willst und all der Wahnvorstellungen mehr. Nichts davon wird sich bewahrheiten. Niemals wirst du frei sein, nur weil du frei sein wirst von mir. Die Leere hat immer am lautesten geschrieen, mein Kind.
Bedanken will ich mich nicht bei dir, das käme mir zu lächerlich vor. Aber eins will ich dir sagen, daß ich dich geachtet habe, wie du dich nie geachtet hast. Vielleicht hatte ich sogar das Glück, das einzige Enkelkind von Wien zu haben, das seine Großmutter zu Hause läßt und sie dafür mit Schweigen bestraft. Die anderen sind doch alle längst ausgesiedelt. In die Altensilos. Obwohl, ob es wirklich so ein Glück war, ich bin mir nicht mehr sicher. Jede Ausnahmesituation birgt ja die verschiedensten Alpträume in sich. Du kommst mit deiner eigenen Gutheit nicht zurecht. Ganz formlos hat sie dich gemacht. Komische Welt, die sich alles einverleiben muß. Du glaubst mir also. Nein, es ist mehr als das. Du spürst es wie ich, daß ich sterbe. Ein paar Stunden bleiben uns noch. Jedem bleiben diese letzten Stunden. Sie sind uns gegeben. Sogar deinem Vater blieben sie nach dem Unfall. Deine Mutter hat sie vorher aufgebraucht. Das ist so bei Selbstmord. Es kommt ja nicht darauf an, wann sie sich ereignen. Aber ereignen tun sie sich, da bin ich sicher. Deine Mutter hat mich nicht ertragen. Sie hat mein Geheimnis gekannt. Ich war noch dumm, glaubte, mit einer Frau könnte ich darüber reden.«
Er biß sich in die Unterlippe, schwankend, ob er sich dem Schmerz hingeben oder in einen paranoiden Zustand abheben sollte. Selbst die von der Kälte in die Wohnung flüchtenden Insekten waren jetzt leichter zu ertragen als die Alte, auf deren letzte Worte er so wenig neugierig war wie auf ihr Schicksal, auf kein individuelles Schicksal, jegliche Neugier war ihm unvorstellbar geworden, seitdem er begriffen hatte, daß er Marlen nicht einmal anrufen wollte. Marlen, die in ihrer Küche vor sich hinwerkte, sich die Finger an den Heizstäben des Grillers verbrannte, ein kurzes Zischen, die Haut, die eben noch am glühenden Metall geklebt war, versengt, verbrannt, Löcher im Handrücken, noch kein Schmerz. Draußen wurde es dunkel. Wenigstens mußte sie Viktors Lachen nicht hören, dieses aufreizende Getriller, wenn sie sich verletzte. Ihr war das nicht geheuer, normal jedenfalls ist das nicht, konnte sie sich sagen hören, sagte es ein paar Mal laut und deutlich, nickte zustimmend. Einen besseren Weg, Gedanken auszutricksen, die die widerliche Eigenschaft hatten, sich in ihren Gehirnkreislauf einzuklicken und rhythmisch wiederzukehren, hatte sie noch nicht gefunden. Die Kerzen brannten, die Gläser spiegelten, das Büffet war fertig, bald würden Paula/Rudolf/Ingram in dem Raum sein, in dem sie sich allein fast nie aufhielt, auch die Mansarde, die ihr jahrelang am liebsten war, mied sie inzwischen, wie sie das Schlafzimmer mied und Viktors Zimmer, und nur im Sommer war alles gut, da setzte sie sich zum Frühstück auf die Terrasse, blieb den ganzen Tag im Garten, bis Viktor sie rief, er sie brauchte, wie noch nie jemand sie gebraucht hatte. Was würde er ohne sie tun, wie könnte er ohne sie seine Rollen lernen, ihr Platz in den vordersten Reihen, die Hände und das Kleid am Ende des ersten Aktes durchgeschwitzt, all seine Nervosität konnte er ihr schicken, sie hielt ihre nassen Hände offen, bereit, sie anzunehmen, so war es ausgemacht zwischen ihnen, wie es ausgemacht war, daß sie Stücke für ihn schreiben würde, nichts leichter für ihn, als ein Werk von ihr durchzusetzen, indes, was immer sie schrieb, ihre Sprache heftete sich an ihr Geschlecht, ihre Herkunft, ließ spärliche Brosamen für ihn übrig, diese Nebenrollen, gegen die er sich mit stundenlangen Reden wehrte, in denen keiner ihrer Sätze ungeschoren blieb, nicht die geschriebenen und nicht die gesprochenen. Und die Welt hatte sich wie ein Mann hinter ihn gestellt, jeder Brief eine Ablehnung, sie durchschnitten die Verbindungslinie zwischen Traum und Realität, spalteten sie ab von ihrem Glauben an sich, nicht einmal Rudolf konnte sie noch ihre Arbeiten zeigen, diese nie beendeten Versuche, Rudolf, der sie länger als alle anderen nach ihren Texten gefragt hatte, obwohl, ihr letztes Stück, das sie fertig schreiben konnte, hatte er nicht wie versprochen Zeile für Zeile mit ihr durchgesehen, hatte es nur mitgenommen und nie wieder ein Wort darüber verloren. Dieses Schweigen war ihr nach der ersten sehnenhart gespannten Erwartung, die sich vertröpfelte zwischen schweigendem Telefon und leerem Briefkasten, sogar lieber gewesen, seitdem er über die Arbeiten anderer von Mal zu Mal zynischer redete, all diese Autoren, die glaubten, schreiben zu können, Agenten der Leere, die nichts als ihre eigenen schmachtenden Saxophongefühle zu bieten hatten, Mist, nur Mist landete auf seinem Schreibtisch. Früher hatte er drei Stapel vor sich liegen gehabt, einen, den die Sekretärin ablehnen durfte, einen, den er jemandem zeigen oder selbst ein zweites Mal durchsehen würde, bis er genug Erfahrungen gesammelt hatte und diesen zweiten Stoß nach einigen Wochen unbesehen zum Sekretärinnenstoß umschichtete, und...




