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E-Book, Deutsch, 96 Seiten

Reiche / Flack / Wildgruber Hausaufgaben

Lern- und Übungszeiten pädagogisch gestalten. Qualität in Hort, Schulkindbetreuung und Ganztagsschule
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-82122-6
Verlag: Verlag Herder GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Lern- und Übungszeiten pädagogisch gestalten. Qualität in Hort, Schulkindbetreuung und Ganztagsschule

E-Book, Deutsch, 96 Seiten

ISBN: 978-3-451-82122-6
Verlag: Verlag Herder GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Welche Funktion und Wirkung haben Hausaufgaben? Wie kann die Hausaufgabensituation bestmöglich organisiert und strukturiert werden? Und wie gelingt eine gute Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrkräften? Antworten auf diese und viele weitere Fragen bekommen pädagogische Fachkräfte in Hort, Schulkindbetreuung und Ganztagsschule in diesem Buch und gewinnen so an Sicherheit und Souveränität im Betreuungsalltag. Checklisten und Reflexionsfragen ergänzen die theoretischen Grundlagen.

Melanie Reiche ist Dipl.-Sozialpädagogin (FH). Sie ist Mitarbeiterin an der impulse-Akademie und Multiplikatorin für Handlungskonzepte der Beobachtung und Dokumentation. Außerdem arbeitet sie als Prozessbegleiterin in der Gesundheitsförderung sowie in der Fort- und Weiterbildung zu weiteren Themen der Frühpädagogik und der Schulkindbetreuung. Lisa Flack ist Sozialpädagogin und Erziehungswissenschaftlerin. Derzeit arbeitet sie als Trainerin, Beraterin und Prozessbegleiter zu den Themen Stressmanagement, Teamentwicklung und Kommunikation sie ist außerdem  Fortbildnerin für ErzieherInnen und soziale Einrichtungen. Viele Jahre arbeitete Sie als freiberufliche Erlebnispädagogin in der Leitung von Ferienfreizeiten für Kinder, einer Outdoormädchengruppe, Kinderkletterkursen und erlebnispädagogischen Klassenfahrten. Wissenschaftlicher Referent am Staatsinstitut für Frühpädagogik, München. Er führt gemeinsam mit Horten und Kinderhäusern ein Projekt zur Weiterentwicklung der Hausaufgabenpraxis durch. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Hortpädagogik, Übergänge im kindlichen Bildungsverlauf sowie die Qualität von Interaktionen in Kindertageseinrichtungen.
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2.Perspektiven aller Beteiligten


von Andreas Wildgruber

Hohe Erwartungen sind an die Hausaufgaben geknüpft: Sie sollen dazu beitragen, dass sich die Kompetenzen und Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den einzelnen Fächern verbessern, sowie dass die Kinder selbstständiger werden.

Da stellt sich die Frage, ob und wie Hausaufgaben tatsächlich wirken und welche Bedingungen dazu beitragen, dass Hausaufgaben solche Wirkungen entfalten. Welche Forschungsergebnisse liegen dazu vor? Und wie nehmen Kinder, Eltern, pädagogische Kräfte und Lehrkräfte Hausaufgaben und Hausaufgabenbegleitung wahr? Denn die Einstellungen und Gefühle wirken auf das Handeln und Wohlbefinden der Beteiligten in der Situation, und gerade die Kinder sind als Subjekte der Bildung mit ihren Bedürfnissen zu berücksichtigen.

2.1Die Sicht der Kinder


Kinder in diesem Alter wollen „große Kinder“ sein. Und das Bearbeiten der Hausaufgaben gehört aus Sicht von Kindern zur Rolle des Schulkindes dazu (vgl. Deckert-Peaceman 2005). Dabei äußern sich Kinder sehr unterschiedlich zu Hausaufgaben.

Ein Teil der Kinder sieht sie als große Belastung an, deren Sinn ihnen manchmal nicht deutlich wird: „Wieso braucht man Hausaufgaben, wenn man alles schon in der Schule lernt?“, fragt ein Junge der 4. Klasse. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass viele Hausaufgaben von Kindern als uninteressant und langweilig wahrgenommen werden. In der Befragung von Gabriele Nordt (2013) fanden sich nur wenige Hinweise auf Aufgaben, die von Kindern als interessant eingeschätzt wurden oder die sie mit ihren Interessen verbinden konnten. Schülerinnen und Schüler beklagen außerdem immer wieder die hohe zeitliche Belastung, die mit der Anfertigung von Hausaufgaben verbunden ist (vgl. Standop 2013: 162). Ein anderer Teil der Kinder stellt sie nicht in Frage, sie gehören eben dazu.

Gerade zu Beginn der Schulzeit bearbeiten einige Kinder Hausaufgaben mit großem Eifer. Manche sind froh, sie in einer Einrichtung bearbeiten zu dürfen, insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund oder mit Eltern mit geringerer Bildung, die zu Hause weniger adäquate Unterstützung bekommen (vgl. Moroni 2014). Andere würden sich gerne lieber zu Hause darum kümmern, z. B. weil sie sich dort besser konzentrieren können, da es ruhiger ist.

In der Befragung zu Hausaufgaben ist es ein wichtiges Thema der Kinder, wie viel Freiräume sie für Entscheidung und Mitbestimmung haben. Kinder erleben es als negativ, wenn ihre Wünsche nach Selbstbestimmung bei den Hausaufgaben nicht berücksichtigt werden, z. B. wenn ihnen Sitzplätze zugewiesen werden, obwohl sie das Sitzen dort als ungut empfinden. Positiv erleben sie, wenn sie mitbestimmen können, z. B. wenn sie selbstbestimmt Pausen einlegen dürfen oder auch darauf verzichten können. Bei der Hausaufgabenbearbeitung in der Schulkindbetreuung nehmen es Kinder als sehr negativ wahr, wenn sie ihre Grundbedürfnisse danach, auf die Toilette zu gehen und zu trinken, nicht leben dürfen. So sagt ein Mädchen: „Manchmal finde ich die Regeln gut, aber das mit der Toilette nicht. Wenn man bei den Hausaufgaben dringend aufs Klo muss, kann man sich nicht mehr richtig konzentrieren und die Kinder dürfen auch nicht auf das Klo“ (Wildgruber & Schuster 2018).

Ein wichtiges Thema der Kinder sind Erfahrungen von Nichtkönnen und Können. Eine häufige Alltagserfahrung dazu ist, dass Kinder mit Hausaufgaben nicht fertig werden, weil die Menge zu groß für die Bearbeitungszeit ist oder die Aufgaben zu schwierig sind. Kinder machen Erfahrungen des Nichtkönnens, wenn sie Aufgaben nicht selbstständig lösen können, ihnen nicht geholfen wird oder sie negatives Feedback erhalten (vgl. Nordt 2013).

In der Beziehung zu den pädagogischen Kräften, die die Hausaufgaben begleiten, erleben sie strenges, kontrollierendes Verhalten und negative Emotionen und Verhaltensweisen wie Schimpfen der pädagogischen Kräfte als negativ. Positiv empfinden es die Kinder, wenn sie emotionale Nähe erfahren, die pädagogischen Fachkräfte sich zu ihnen hinsetzen sowie nett und ruhig, entspannt im Umgang sind und ihnen helfen. Zum Beispiel erzählt ein Junge, dass es ihm hilft, dass die pädagogischen Kräfte „es uns so ruhig erklären und dass sie nicht ausrasten“, besonders wenn die Kinder selbst „genervt sind“ (Wildgruber & Schuster 2018).

2.2Die Sicht der Eltern


Auch Eltern unterscheiden sich in ihrem Verhältnis zu Hausaufgaben und stellen unterschiedliche, teils widersprüchliche Forderungen an die Schule und die Schulkindbetreuung. Eltern stehen „unter Druck“ (Henry-Huthmacher 2008: 1) und wollen für ihre Kinder einen guten Schulabschluss. Ein großer Teil der Eltern misst Hausaufgaben eine hohe Bedeutung bei, da sie darin ein wirkungsvolles Mittel sehen, den Lernerfolg der Kinder zu erhöhen (vgl. Standop 2013: 141 f.). Auch für Eltern ist es sehr wichtig, dass Hausaufgaben zum selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeiten der Kinder beitragen.

Generell ist die Hausaufgabenbegleitung für Eltern ein zentraler Aspekt, nach dem sie die Qualität von Tageseinrichtungen für Schulkinder bemessen (vgl. Alt et al. 2017) bzw. ein wichtiger Anmeldegrund für Ganztagsschulen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2016, Beher et al. 2008). Denn Eltern erleben mit der Hausaufgabensituation in den Familien oft Streit und Auseinandersetzungen, eine negative Gruppendynamik schaukelt sich zu Hause auf. Die Hausaufgabenbetreuung bedeutet für sie daher Entlastung und weniger Stress. Darüber hinaus erleichtert sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

2.3Die Sicht der pädagogischen Kräfte und Lehrkräfte


Zur Sicht der pädagogischen Kräfte auf die Hausaufgabenbegleitung liegen nur wenige Ergebnisse vor. In der Begleitstudie zur Entwicklung des offenen Ganztags in Nordrhein-Westfalen zeigte sich, dass die pädagogischen Kräfte stark mit den Zielen bzw. Funktionen von Hausaufgaben übereinstimmen (vgl. Beher et al. 2007, 2008). Sie halten für ihre Tätigkeit in der Hausaufgabenbetreuung die Ziele „verlässlicher Ansprechpartner sein und für Erklärungen zur Verfügung stehen“ sowie „Positive Arbeitshaltung und Einstellungen zu Hausaufgaben fördern“ für besonders wichtig. „Demgegenüber rangieren Zielsetzungen, die sich auf den Ausgleich fachlicher Defizite, auf soziale Kompetenzen oder auf das Ansprechen persönlicher Wünsche und Probleme (auch partizipativer Aspekte) beziehen, eher in der unteren Hälfte der Rangfolge“ (Beher et al. 2007: 53). Auch das Ziel, „die Kinder für den Unterricht wieder anschlussfähig machen“ wird für weniger wichtig gehalten (ebd.). Das eigene praktische Handeln bewerten die pädagogischen Kräfte so, dass sie vor allem die Aufgabe „verlässlicher Ansprechpartner sein und für Erklärungen zur Verfügung stehen“ umsetzen. Besonders stark unterscheiden sich bewertete Wichtigkeit und Umsetzung in Bezug auf die Förderung von positiven Arbeitshaltungen und Einstellungen zu Hausaufgaben. Die pädagogischen Kräfte sehen dies als sehr wichtig in ihrer Tätigkeit an, die Verwirklichung hinkt dem deutlich hinterher.

Werden Lehrkräfte befragt, dann zeigt sich bei der Bewertung eine hohe Übereinstimmung im Hinblick auf die leistungssteigernden und erzieherischen Funktionen von Hausaufgaben. Lehrkräfte sind zum Beispiel stark dafür, dass Kinder bei den Hausaufgaben lernen sollen, selbstständiger zu arbeiten und eine positive Arbeitshaltung zu entwickeln (vgl. Standop 2013: 131 ff.). Die Ergebnisse der Befragung von Standop weisen jedoch auch darauf hin, dass anregungsreiche, differenzierte Hausaufgaben in einem eher geringen Umfang gestellt werden, ebenso wie Aufgaben, in denen die Schülerinnen und Schüler eigene Lösungsstrategien entwickeln können. „Damit sind die Lerngelegenheiten für eine produktive Selbständigkeitserziehung schon von vornherein stark eingeschränkt“ (Standop 2011: 250).

Auch bei der Kontrolle von Hausaufgaben zeigen sich solche Differenzen zwischen den Einstellungen und dem Handeln. Aussagen von Lehrkräften, dass sie in keiner der Ausbildungsphasen Kontakt mit der Hausaufgabenthematik gehabt haben, machen darüber hinaus deutlich, dass eher ungünstige Voraussetzungen für einen professionellen Umgang mit Hausaufgaben auf der Lehrkraftseite vorliegen können (vgl. ebd.). Die Hausaufgabenbetreuung sehen Lehrkräfte als einen der wichtigsten Schwerpunkte der Schulkindbetreuung, gleich nach der Förderung sozialer Kompetenzen, wie Befragungen in Bezug auf die Offene Ganztagsschule zeigen (vgl. Beher et al. 2008).

2.4Die Sicht der Forschung


Bewirken Hausaufgaben auch das, was sie sollen? Werden damit ihre Ziele erreicht?

Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Eine internationale Studie, die sehr viele Forschungsergebnisse aus dem englischsprachigen Raum in ihren Ergebnissen zusammenfasst, die „Hattie-Studie“ (Hattie 2013), kommt zum ernüchternden Schluss, dass Hausaufgaben in der Grundschule kaum eine leistungssteigernde Wirkung haben. Kinder erreichen dadurch keine besseren Kompetenzen und Noten z. B. in Fächern wie Mathematik. Für Hausaufgaben, die in den weiterführenden Schulen, z. B. dem Gymnasium, gegeben wurden, zeigt sich hingegen durchaus eine positive Wirkung auf die Schulleistungen. Die Autoren der deutschen Bearbeitung der Hattie-Studie, Beywl und Zierer, interpretieren dieses Ergebnis dahingehend, dass aus der geringen Wirkung von Hausaufgaben in der Grundschulzeit nicht der Schluss gezogen werden dürfe, auf Hausaufgaben während der Grundschule könne verzichtet werden. „Hausaufgaben im Gymnasium können nur...



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