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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 300 Seiten

Reihe: Kommissar Kastner-Reihe

Reiche Fränkische Tapas


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-86913-987-6
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, Band 3, 300 Seiten

Reihe: Kommissar Kastner-Reihe

ISBN: 978-3-86913-987-6
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Karola Kampe, eine junge Nürnberger Stadträtin, verschwindet nach einer Ausschusssitzung spurlos. Wochen später gewinnt der Kriminalfall durch eine kuriose Lösegeldforderung an Brisanz - Kommissar Kastner und sein Team übernehmen. Stammt die Geldforderung wirklich von einem Entführer? Hat Karola sie womöglich selbst geschrieben? Ihr Lebensgefährte scheint sich jedenfalls mehr um die eigene Karriere als um seine Partnerin zu sorgen, und in Karolas beruflichem Umfeld wird intrigiert und gemauschelt. Gewohnt beharrlich setzt Kastner das Lebenspuzzle der Vermissten zusammen und stößt auf einen ungelösten alten Fall: Zwanzig Jahre zuvor ist schon einmal ein Stadtratsmitglied verschwunden und nie wieder aufgetaucht.

Susanne Reiche studierte in Erlangen Biologie und war vierzehn Jahre lang beim Nürnberger Umweltamt tätig. 2014 gewann sie mit ihrer Geschichte 'Der Tod des Baulöwen' den Publikumspreis des Fränkischen Krimipreises, 2016 erschien ihr erster Frankenkrimi Fränkisches Chili, 2017 folgte Fränkisches Sushi.
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Donnerstag, 8. Februar

Karola Kampe schlug die langen Beine übereinander und wippte nachdenklich mit dem Fuß – ihr fehlte noch eine zündende Idee fürs Abendessen. Sie war am Nachmittag schon auf dem Weg in die Feinkostabteilung bei Karstadt gewesen, als irgendetwas sie abgelenkt hatte – das cremefarbene Hirschleder-Handtäschchen von Max Mara vielleicht oder die atemberaubend günstigen Swarovski-Ohrringe –, jedenfalls hatte sie am Ende alles Mögliche gekauft, nur eben kein Essen; und der Kühlschrank zu Hause war definitiv leer. Gut, groß aufzukochen brauchte sie heute nicht, Thomas war mal wieder auf Geschäftsreise und Moritz ertränkte sowieso alles in Ketchup, was man ihm auf den Teller legte … Sie würde einfach eine Tiefkühlpizza machen, beschloss Karola und war mit diesem Entschluss fünf Sekunden lang zufrieden – bis ihr einfiel, dass sie sich eigentlich eine gesunde Ernährung aus biologisch und regional erzeugten sowie fair gehandelten Produkten auf die Fahne geschrieben hatte und eine Tiefkühlpizza wohl keinem dieser Kriterien entsprach. Sie hörte auf, mit dem Fuß zu wippen, und runzelte die Stirn. War es wirklich schon so weit, dass sie wegen einer Pizza ein schlechtes Gewissen bekam? Freilich stand sie gewissermaßen unter Beobachtung, seit sie für die Grünen im Nürnberger Stadtrat saß – du kannst doch nicht, du solltest besser, legten ihr die netteren Fraktionskollegen nahe; einige weniger nette diffamierten sie, je nach Temperament mit oder ohne vorgehaltene Hand, als Schande für die Partei. Aber sicher nicht, weil sie hin und wieder Junkfood aß, sondern – tja. Warum eigentlich? Womöglich war es blanker Neid: Sie war mit einem erfolgreichen Geschäftsmann liiert, wohnte in einem schicken Loft im Pegnitzgrund und gab ihre Aufwandsentschädigung größtenteils für Mode und Schmuck aus – das schickte sich offensichtlich nicht für eine Grüne. Karola schnaubte und schüttelte den Kopf: Als schlössen sich ein gewisser Lebensstandard und die richtige politische Einstellung von vornherein aus!

»Frau Kampe?«, fragte der Baureferent. »Sie schütteln den Kopf? Gibt es von Ihrer Seite Einwände?«

Karola sah auf, ihr wurde heiß und kalt. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, worum es im Stadtplanungsausschuss in der letzten halben Stunde gegangen war. »Einwände? Äh – nein«, behauptete sie. Einerseits hätte sie vermutlich Einwände haben sollen, als Grüne; andererseits wollte sie sich keinesfalls die Blöße völliger Unkenntnis geben. Ihr Plan war gewesen, den Festmeter Sitzungsunterlagen, zumindest aber die Tagesordnung, beim Mittagessen in der Rathauskantine zu überfliegen, aber das hatte nicht hingehauen. Eine der eisernen Jungfern aus Moritz’ Kindergarten hatte sie auf dem Handy angerufen und ihr das Ohr vollgejammert: Der Junge leide an defizitärer Aufmerksamkeit, niedriger Frustrationstoleranz und zielloser Aggression. Das war natürlich Schwachsinn. Ja, Moritz war ein lebhaftes, körperbetontes Kind – er war ein JUNGE! –, und ja, er hatte seinen eigenen Kopf. Sollte sie etwa einen Duckmäuser großziehen, nur damit Schwester Herta – die nicht nur so hieß wie eine Fleischwurst, sondern auch ähnlich viel Humor besaß – entspannte Arbeitstage hatte? Schwester Fleischwurst war auf diesem Ohr jedoch taub gewesen, und ihre Verstocktheit hatte Karola ebenso genervt wie die Tatsache, dass man sie so unverfroren bei der Arbeit störte. Gendermäßig war das nicht korrekt, fand sie. Warum sollten immer die Mütter zuständig sein, wenn es Probleme gab? Schließlich war es Thomas gewesen, der auf diesem erzkatholischen Kindergarten beharrt hatte.

Der Baureferent bat um Abstimmung.

Karola biss sich auf die Lippen und zögerte, hob dann aber zustimmend die Hand. Erst keine Einwände zu haben und dann dagegen zu sein, das hätte ja wohl einen peinlich unprofessionellen Eindruck gemacht.

»Dann sind wir ausnahmsweise einstimmig«, stellte der Baureferent erfreut fest. »Vielen Dank und Ihnen allen einen schönen Abend!«

Während die Kollegen zusammenpackten, knabberte Karola an ihrer Unterlippe und blätterte in der Ausschussvorlage. Was zur Hölle hatte sie da eben mitbeschlossen? Von der Sache her machte es sicher keinen Unterschied – die Große Koalition im Nürnberger Stadtrat beschloss, was immer sie wollte; ob eine Grüne dafür oder dagegen war, interessierte letztlich nur den Protokollführer –, aber sie fürchtete eine ermüdende Debatte in ihrer eigenen Fraktion. Die Plätze in den Ausschüssen waren hart umkämpft, und ihre Neider schliefen nicht. Sicher war in der letzten Fraktionssitzung über diesen Bebauungsplan gesprochen worden, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern.

Tja, dumm gelaufen.

Karola sah von ihren Unterlagen auf und bemerkte, dass alle anderen schon gegangen waren. Normalerweise bildeten sich nach einer Sitzung Grüppchen, in denen man sich noch eine Weile austauschte – netzwerken hieß das, und es war wichtig. Wer Karriere machen wollte, musste Kontakte knüpfen und im Gespräch bleiben, und sie wollte Karriere machen, nicht zuletzt, um Thomas zu beweisen, dass sie das Zeug dazu hatte. Ein paar Wochen nach ihrer Wahl in den Stadtrat hatte er einige seiner Kollegen zum Essen ins Loft eingeladen, und einer der grauen, steinern langweiligen Herren hatte ihr höflich zu ihrem neuen Amt gratuliert. Ja, meine Lebensgefährtin rettet jetzt die Welt, hatte Thomas süffisant erklärt. Ich unterstütze das natürlich, obwohl mich die zusätzliche Kinderbetreuung ein paar Cent mehr kostet, als sie mit ihrem neuen Hobby verdient. Karola bekam noch immer einen dicken Hals, wenn sie daran dachte. Hielt er ihr politisches Engagement für ein Hausfrauenhobby, dem sie allein dank seiner Großzügigkeit nachgehen konnte? Aber sie wollte es ihm schon zeigen: Sie würde netzwerken und Karriere machen!

Dann jetzt aber flott, dachte sie angesichts des leeren Sitzungssaals und stopfte die Unterlagen mit sanfter Gewalt in ihr Aktenmäppchen – das schicke Accessoire passte perfekt zu ihren Stiefeletten aus italienischem Kalbsleder, bot aber leider wenig Platz. Sie klemmte sich die Mappe unter den Arm und stöckelte zur Garderobe, schlüpfte in ihren orchideenroten Kaschmirmantel und spähte in den Rathausflur. Nichts. Niemand. Ein Blick auf ihr Handy: Es war halb fünf. Wenn sie Moritz nicht pünktlich abholte, würde Schwester Fleischwurst ihr persönlich einen Platz in der Hölle reservieren – sie musste sich beeilen.

Das Stakkato ihrer Absätze hallte von den kahlen Wänden wider: klack klack, klack klack. Sie mochte dieses Geräusch: Es klang selbstsicher und kompetent, es klang sexy, es klang nach Karriere – mit den veganen Gesundheitsschuhen ihrer grünen Neider ließ sich ein solcher Effekt nicht erzielen. Dumm nur, dass niemand mehr da war, den sie damit beeindrucken konnte.

Draußen auf dem Fünferplatz dämmerte es schon. Dicke Schneeflocken wirbelten im Licht der Straßenlaternen, weit und breit war kein Stadtrat mehr zu sehen. Der Tag ist im Eimer, netzwerkmäßig, dachte Karola, schlug den Mantelkragen hoch und machte sich auf den Weg ins Parkhaus am Hauptmarkt.

Parkhäuser waren definitiv ein Männerding, fand Karola. Thomas hatte nie Probleme, sein Auto zu finden: Parkdeck 3A, dritte Reihe links, vierter Stellplatz; aber ihr Gehirn funktionierte irgendwie anders. Eigentlich konnte sie links und rechts schon unterscheiden, aber wenn man sich erst mal um hundertachtzig Grad gedreht hatte, um sich umzusehen, dann stand das Auto eben nicht mehr links, sondern rechts – so war es doch; und wenn man sich morgens zwecks Orientierung den roten Hyundai auf dem Nachbarstellplatz gemerkt hatte, war der am Abend schon weggefahren. Ein Parkhaus war ein Labyrinth, und daran änderte auch Thomas’ phantasieloser Hinweis nichts, dass er außer ihr niemanden kannte, der seinen Dauerstellplatz nach vier Jahren immer noch suchen musste.

Sie stieg die Treppe hinauf und betrat das Parkdeck. Eine der Neonlampen an der Decke flackerte und sirrte dabei nervtötend, und nach einer Weile ging das Licht ganz aus. Sie fluchte und tastete in der Aktenmappe nach ihrem Smartphone, als sie etwas hörte: ein schnarrendes, schleifendes Rascheln, das irgendwo vor ihr aufloderte, einen Wimpernschlag andauerte und dann jäh erlosch.

In der Stille danach konnte Karola ihr Herz schlagen hören. Endlich fand sie ihr Handy und schaltete die Taschenlampen-App ein, ließ den schmalen Lichtkegel einmal im Kreis wandern: Betonboden, Stützpfeiler und parkende Autos tauchten auf und verschwanden wieder in der Finsternis.

»Hallo?«, rief sie zaghaft.

Es gab keine Antwort.

Sie lauschte noch einen Moment, dann ging sie weiter. Die Schatten zwischen den eng geparkten Autos zuckten zurück, wenn das Licht sie streifte, warteten, bis sie vorbeigegangen war, und schlossen sich dann wieder zu einer schwarzen Wand. Das Klacken ihrer Absätze klang nicht mehr nach Karriere, sondern nach Pfeifen im dunklen Wald. War sie schon in der richtigen Reihe? War sie überhaupt auf dem richtigen Parkdeck? Sie atmete erleichtert auf, als sie den roten Hyundai entdeckte, dessen Besitzer heute wohl länger als üblich arbeiten musste. Und richtig, rechts daneben stand ihr Wagen: die Einkaufstüten auf der Rückbank, Moritz’ Kindersitz … Geschafft, dachte Karola. Gleich würde sie im Auto sitzen und vorsichtshalber die Türen verriegeln; und nach einem Abstecher zum Kindergarten würde sie nach Hause fahren und mit Moritz zusammen eine schöne, fettige Tiefkühlpizza essen.

Und dann...


Susanne Reiche studierte in Erlangen Biologie und war vierzehn Jahre lang beim Nürnberger Umweltamt tätig. 2014 gewann sie mit ihrer Geschichte 'Der Tod des Baulöwen' den Publikumspreis des Fränkischen Krimipreises, 2016 erschien ihr erster Frankenkrimi Fränkisches Chili, 2017 folgte Fränkisches Sushi.



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