E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Kommissar Kastner-Reihe
Reiche Fränkisches Sushi
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86913-865-7
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Kommissar Kastner-Reihe
ISBN: 978-3-86913-865-7
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Susanne Reiche, in Nürnberg geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Zierpflanzengärtnerin und schloss später ihr Biologiestudium ab. Lange arbeitete sie als koordinierende Fachkraft im Bereich Umweltplanung beim Umweltamt der Stadt Nürnberg. Seit 2010 ist Susanne Reiche Autorin, 2014 gewann sie mit ihrem Kurzkrimi 'Der Tod des Baulöwen' den Publikumspreis des 3. Fränkischen Krimipreises.
Autoren/Hrsg.
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Donnerstag, 15. Dezember – Fakten
»Gibt es schon was?«
Kastner hörte Martina Götz durchs Telefon trocken lachen.
»Kriminaltechnik ist Handwerk, kein Kaffeesatzlesen. Das dauert seine Zeit, Kastner. Und nein, es gibt noch keinen Zwischenbericht.«
Ein Anruf bei der Rechtsmedizin erbrachte ein ähnliches Ergebnis – Frau Dr. Rendlicks Team war noch mit der Leichenöffnung beschäftigt. Derart zur Geduld gezwungen suchte Kastner zwischen alten Akten nach seiner Blümchentasse und ging in die Teeküche, um sich einen Kaffee zu holen.
Am Küchentresen lehnte Wernreuther und bewachte den Wasserkocher – die unbefugte Aneignung kochenden Wassers durch räuberische Kollegen war eines der häufigsten Verbrechen, die im Dezernat 1 des Polizeipräsidiums Nürnberg aufgeklärt werden mussten. »Ach, der Herr Kriminalhauptkommissar!« Wernreuther lüpfte neckisch grüßend die Schirmmütze. »Einen wunderschönen guten Morgen!«
»Hm. Morgen, Felix.« Kastner schenkte sich Kaffee ein, holte die Milch aus dem Kühlschrank und kippte einen guten Schluck davon in seine Tasse, wo sie sofort klumpig koagulierte. Traurig schüttelte er den Kopf und schnüffelte an der Milchtüte.
»Sauer, was?«, riet Wernreuther gut gelaunt. »Das kommt daher, dass Kollege Staufer seinen Käse immer ohne Tupperdose in den Kühlschrank legt.«
Kastner kippte den verdorbenen Kaffee in die Spüle und suchte eine Weile vergeblich nach frischer Milch, dann musterte er den jungen Streifenbeamten mit gerunzelter Stirn. Wernreuther hatte sich inzwischen einen grünen Tee aufgebrüht und kontrollierte die Ziehzeit mithilfe der Stoppuhrfunktion seiner Armbanduhr. Dabei pfiff er fröhlich vor sich hin. »Gibt es einen besonderen Grund für deine gute Laune am frühen Morgen?«, erkundigte sich Kastner misstrauisch.
»In der Tat!«, flötete Wernreuther. »Es gibt ausgezeichnete Neuigkeiten! Wir können schon bald noch enger zusammenarbeiten.«
»Äh … wie das?«, fragte Kastner erschrocken. Wernreuther unterstützte ihn gelegentlich bei einer Mordermittlung, wenn Not am Mann war – eine Hilfe, die er mitunter als recht anstrengend empfand. In zwischenmenschlicher Hinsicht.
»Na, ich hab mich doch für die modulare Schulung zum Aufstieg in den höheren Dienst angemeldet … und stell dir vor, der Herr Polizeidirektor hat mich zu diesem Entschluss ausdrücklich beglückwünscht!«
»Ach so«, sagte Kastner, und »was du nicht sagst«, während sein Kollege wortreich die Vorzüge schilderte, aufgrund derer er für den höheren Dienst und vermutlich auch für Führungsaufgaben wie geschaffen sei. Sobald Wernreuther seine Arie des Eigenlobs unterbrach, um einzuatmen, entschuldigte Kastner sich und flüchtete in sein Büro. Nach einem Augenblick der Sammlung rief er Wernreuthers Streifenkollegin Claudia auf ihrem Diensthandy an.
»Wolfschmidt.«
Kastner hörte die Polizeisirene durchs Telefon. »Kastner«, sagte er. »Hast du gerade einen Einsatz? Dann mach ich’s kurz – können wir uns zum Mittagessen treffen?«
»Warum nicht. Halb zwölf in der Rathauskantine?«
Kastner hörte quietschende Autoreifen und schlagende Türen. »Kantine ist schlecht«, erwiderte er, »wir müssen ein Vieraugengespräch führen. Aber wir treffen uns dort, okay?«
»Okay«, stimmte Claudia zu, »bis dann.«
Kastner legte auf und hob den Telefonhörer nach kurzem Nachdenken erneut ans Ohr. Er rief die junge Anwärterin mit dem blonden Kurzhaarschnitt und der Nerdbrille an, die zurzeit neben Polizeimeisterin Ulrike Hirschel im Großraumbüro saß.
»Filipowitz.«
»Kastner. Guten Morgen, Nele. Hör mal, es gibt eine Art Notfall: Wir haben keine Milch mehr. Könntest du vielleicht mal eben ein paar Tüten holen? Und, äh, wenn du schon unterwegs bist – bist du so lieb und bringst mir einen großen Cappuccino mit?«
Die folgenden fünfzehn Minuten starrte Kastner blicklos aus dem Fenster seines Büros in den wolkenschweren Himmel über dem Jakobsplatz. Hölle auch, dachte er. Modulare Schulung. Höherer Dienst. Engere Zusammenarbeit. Wernreuther war jung und ehrgeizig, ließ sich von forsch auftretenden Kriminellen nicht die Butter vom Brot nehmen und brillierte regelmäßig im Schießstand; aber damit waren, nach Kastners Meinung, seine Talente auch schon umfassend beschrieben.
»Herr Kastner?«
Neles Stimme riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Er bedankte sich bei der Anwärterin für den Cappuccino und erstattete ihr das Geld, das sie ausgelegt hatte. Das Koffein brachte ihn halbwegs zurück in die Spur – nachdem er den letzten Tropfen Milchschaum aus dem Pappbecher geschüttelt hatte, rief er beim Jugendamt an.
»Nein, auf gar keinen Fall«, wies ihn eine energische Dame in seine Schranken. »Der Junge ist vermutlich traumatisiert, da kommt eine polizeiliche Befragung nicht infrage.«
»Hören Sie«, sagte Kastner, »von einer polizeilichen Befragung war auch nicht die Rede. Ich will mich nur kurz und freundlich mit dem Kind unterhalten – es könnte ein wichtiger Zeuge sein.«
»Das Kindswohl hat immer Vorrang«, bekam er erklärt. »Der Junge wird von einem Psychologen betreut, und solange der kein grünes Licht gibt …«
»Ja, schon gut. Würden Sie mir dann bitte die Telefonnummer dieses Psychologen geben?«
»Dazu bin ich nicht befugt.«
Kastner schloss für einen Moment die Augen – irgendwie schien das heute nicht sein Tag zu sein.
»Aber wir könnten es so machen: Ich gebe dem Psychologen Ihre Nummer, dann kann er sich bei Ihnen melden«, lenkte die Frau ein.
»Ja«, seufzte Kastner, »so machen wir es. Vielen Dank.«
Er legte auf und sah seine Mailbox blinken. Martina Götz hatte eine Nachricht hinterlassen: Ihr Team sei jetzt mit der vorläufigen Auswertung der Spurenlage fertig, und auch die Rechtsmedizin habe einen ersten Bericht erstellt. Sie schlug für zehn Uhr eine Besprechung vor, damit alle auf den gleichen Stand kämen.
Sofort besserte sich Kastners Laune: Ein paar Fakten würden ihn jetzt richtig aufheitern.
***
Kriminaldirektor Carsten Wismeth, Leiter des Dezernats 1, begrüßte die Anwesenden und stellte die einzige Person, die Kastner nicht kannte, als neues und vielversprechendes Gesicht aus der Rechtsmedizin vor. Martina Götz hüstelte bei diesen gönnerhaften Worten verstohlen in ihre Faust, aber das vielversprechende Gesicht selbst lächelte strahlend und nickte in die Runde. Es gehörte einer jungen Frau mit kupferblondem Pferdeschwanz und den runden, blauen Augen einer Mangafigur, die in einem lindgrünen Hosenanzug steckte.
»Ich heiße Tessa Seitz«, ergänzte sie, »und arbeite seit Oktober im Forensikteam von Frau Dr. Rendlick. Freut mich, Sie kennenzulernen!«
»Die Freude ist ganz auf unserer Seite, Frau Seitz!«, erklärte Wismeth. »Wir sind schon sehr gespannt auf Ihre Ausführungen. Äh, Frau Götz, wenn Sie uns vielleicht zunächst einen kurzen Überblick über Fundsituation und Spurenlage geben würden, damit wir uns ein Bild machen können?«
»Gern, Herr Polizeidirektor.« Die Chefin des Erkennungsdienstes heftete ein Foto an die Pinnwand. »Das ist ein Luftbild vom Fundort und dessen Umgebung«, erklärte sie. »Genau hier« – sie markierte die Stelle mit einem roten Fähnchen – »hat sich die Leiche in überstehenden Ästen verfangen. Am rechten Pegnitzufer, knapp zwei Meter vom Ufer entfernt. Der Tote trug einen blauen Anorak, Jeans und ein graues Sweatshirt, alles günstige No-Name-Kleidung, weder neuwertig noch übermäßig zerschlissen. Schwarze Socken, keine Schuhe. Die Kleidung des Toten wird im Labor aktuell auf Fremdspuren untersucht …«
»Keine Schuhe? Bei der Kälte?«, wunderte sich Wismeth.
Martina Götz lächelte. »In sehr kaltem Wasser schrumpft der Körper einer Leiche«, erklärte sie, »und wenn es dann noch Strömungen und/oder Hindernisse gibt, rutschen die Schuhe von den Füßen und gehen unter oder werden abgetrieben. Vielleicht könnte ein Taucher …«
»Ja, um Gottes willen«, rief Wismeth. »Wir wissen ja noch nicht einmal, ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt! Ein Taucher!«
»Ganz wie Sie meinen.« Martina zuckte die Achseln und fuhr fort: »Der Tote hatte nichts bei sich. Keinen Geldbeutel, keinen Ausweis, kein Handy, keinen Schlüsselbund – die Aufzählung ließe sich fortsetzen, nehmen Sie nichts also bitte wörtlich. Und nun zur Spurenlage … Im fraglichen Uferbereich haben wir Fußabdrücke von fünf verschiedenen Personen gefunden, die noch abgeglichen werden müssen.« Sie legte Computerausdrucke auf den Tisch und bat Wernreuther, sie zu verteilen. »Blatt eins: die Liste der Dinge, die wir am Fundort und bis etwa hundert Meter flussaufwärts eingesammelt haben«, erklärte sie. »Das meiste ist Müll im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ein Gegenstand könnte allerdings interessant sein: ein Prepaidhandy älterer Bauart. Es lag im Gestrüpp einer Baumscheibe, am linken Flussufer zwischen Maxbrücke und Kettensteg. Es sind Fingerabdrücke drauf, allerdings zu verwischt, um brauchbar zu sein. Die SIM-Karte ist unbeschädigt – eventuell kann man herausbekommen, wer es gekauft hat. Die Speicherkarte ist leider defekt, aber mein IT-Spezialist hat sich ihrer angenommen – wenn es da was zu retten gibt, dann rettet er es.« Sie drehte sich wieder zur Pinnwand um und steckte ein blaues Fähnchen ins Luftbild. »Und hier, vom Fundort der Leiche aus gute fünfzehn...




