E-Book, Deutsch, 222 Seiten
Reichel Die Jahre danach
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-8432-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 222 Seiten
ISBN: 978-3-7693-8432-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Raphael Reichel, geboren 1988, ist Kulturwissenschaftler und Schriftsteller. Er schreibt fiktionale, journalistische und wissenschaftliche Texte. Ihn interessieren besonders die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Asien und Europa in Gegenwart und Vergangenheit. Darüber hinaus publiziert er zu verschiedenen kulturhistorischen und populärkulturellen Themen. Belletristisch arbeitet er aktuell überwiegend an Geschichten in historischen Settings. Raphael Reichel lebt in Tübingen.
Autoren/Hrsg.
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RESOLUTE
I
Am Anfang ist da nur Hitze. Noch vor dem ersten gedämpften Geräusch, vor dem ersten verwaschenen, nebligen Gedanken, sogar noch vor dem ersten unwillkürlichen Anspannen eines Muskels ist da Hitze. Als hätte es nie etwas Anderes gegeben und werde nie etwas Anderes sein. Eine kaum zu ertragende, alles bestimmende Hitze. Die Luft selbst ist so heiß, schon der geringste Windstoß fühlt sich wie die flüchtige Berührung einer Flamme auf der Haut an. Und sie ist feucht und klebrig, sie dampft, als drehe sich der Erdball in den Nüstern eines gewaltigen, schnaubenden Tieres. Mehr spüre ich nicht.
Wo bin ich?
Ich kann die Augen nicht öffnen. Die Lider gehorchen mir nicht, ich gebe den Impuls, doch sie bleiben geschlossen, als wären sie verklebt oder zugenäht worden. Anscheinend liege ich. Meine Arme ruhen neben meinem Körper, aber auch sie kann ich nicht bewegen. Ich spüre sie, sie fühlen sich schwer an wie nach einem Tag harter Arbeit auf dem Feld. Meine Beine und Füße spüre ich nicht, ebenso wenig meinen Bauch und Brustkorb. Mein Herz scheint nicht zu schlagen. Aber ich atme doch, oder? Ich versuche, tief einzuatmen. Die Luft ist so heiß, sie brennt in der Nase.
Wo bin ich?
An meinen Schläfen und meinem Hals kitzelt etwas, als würden dort Ameisen hinablaufen. Es fühlt sich feucht und ein wenig kühl an. Offenbar schwitze ich so stark, dass der Schweiß in kleinen Bächen an meiner Haut entlangrinnt. Ich spüre, wie er sich an meinen Ohren sammelt und von dort hinabtropft.
Dann kommen Geräusche. Zunächst ganz leise, wie durch ein Kissen hindurch. Ich höre Schreie, aber nicht von Menschen. Eher wie von Vögeln oder Affen. Ich höre Trommeln. Oder sind es Glocken? Irgendwo ist Gesang, ein tiefer, mehrstimmiger Männergesang. Kein Chor, mehr ein Gebet. Dann eine Frauenstimme. Sehr nah, aber unverständlich. Ein Mann antwortet, schnelle, kurze Wörter. Wieder unverständlich. Schließlich Schritte auf einem Fliesenboden. Denke ich zumindest.
Wo bin ich?
Ich merke, wie ich müde werde, dämmrig. Die Klebrigkeit der Luft dringt in meinen Kopf, die Gedanken werden wieder zäher, die Geräusche leiser. Schließlich verschwindet die Hitze.
Was ist passiert?
Die Stimmen sind wieder da. Ich glaube, zwei Männer sprechen zu hören in einer Sprache, die ich nicht verstehe oder nicht erkenne. Es könnte Englisch sein oder Holländisch. Vielleicht ist es auch Deutsch, aber warum sollte ich meine Muttersprache nicht erkennen? Sie scheinen zu diskutieren, fallen sich ins Wort. Dann wieder eine Frauenstimme. Dann wieder Schritte. Im Hintergrund Vogelschreie und diese Glöckchen, sie bimmeln ununterbrochen.
Es ist nicht mehr ganz so heiß.
Ich versuche die Augen zu öffnen. Es gelingt, schwerfällig, aber die Lider bewegen sich. Plötzlich wird es hell. Licht prallt auf meine Netzhaut und schickt einen betäubenden Schmerz in meinen Kopf. Alles verstummt schlagartig. Es wird wieder dunkel.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist.
Die Geräusche sind jetzt klarer, die Hitze hat bedeutend nachgelassen, aber es ist immer noch unsagbar warm, ich spüre immer noch den Schweiß auf jedem Zentimeter meiner Haut, er sammelt sich im Laken unter meinem Rücken.
Laken?
Ich liege auf einem Laken. Meine Hände tasten nach dem Stoff, meine Finger krümmen sich um ihn, die Fingerkuppen betasten vorsichtig die Struktur. Dickes Leinen. Darunter eine Matratze, die nicht viel breiter ist als meine Schultern. Ich liege in einem Bett.
Wo bin ich?
Was ist passiert?
Die Geräusche sind jetzt klar und deutlich. Tatsächlich schreien irgendwo Vögel und vielleicht auch Affen. Die Glöckchen könnten ein Windspiel sein. Ich öffne wieder die Augen. Es ist nicht mehr ganz so hell, trotzdem schmerzt das Licht sofort, meine Augäpfel scheinen aufzuquellen und in ihren Höhlen platzen zu wollen. Alles ist milchig und verschwommen. Ich sehe keine Strukturen.
Dann Stimmen. Eindeutig zwei Männer und eine Frau. Schritte. Schritte auf Steinfliesen. Feste Schuhe mit Absätzen vielleicht. Zügige Schritte, aber mit Maß. Niemand rennt. Geschäftiges Tempo.
Wo bin ich?
Jemand beugt sich über mich. Dann noch jemand. Zwei verschwommene Köpfe. Die Gesichter unklar, breiig. Eines der Gesichter spricht, ich sehe die Bewegung des Mundes. Leicht verzögert kommt die Sprache in meinem Kopf an. Kauderwelsch, Gebrabbel, als hätten sich zwei Säuglinge über mich gebeugt. Einer der beiden Männer fasst mich an der Schulter, schüttelt sie leicht. Dann sagt er wieder etwas, das ich nicht verstehe. Kommt näher. Sagt abermals etwas. Es klingt wie der Satz vorher. Vielleicht ist es eine Frage. Aber es hilft nichts. Ich verstehe kein Wort. Schließlich entfernen sich die Köpfe. Ich höre noch ein paar Minuten dem Gespräch zu, dann kommt die Klebrigkeit zurück und schließlich die Dunkelheit.
Ruckartiges Erwachen. Wenige Geräusche. Es ist kühler. Immer noch warm, aber definitiv kühler. Ich öffne die Augen, das geht jetzt fast problemlos. Kein grelles Licht, nur im Augenwinkel irgendwo ein Schimmern. Ich kann den Kopf drehen, er folgt der Lichtquelle. Alles immer noch unklar, aber mehr Konturen. Das Schimmern kommt von oben. Ein einzelner, runder Lichtpunkt. Eine Glühlampe? Links und rechts von mir sind Stoffbahnen an Metallstangen aufgehängt, wie Vorhänge.
Ich bin in einem Krankenhaus.
Aber was ist passiert?
Es scheint Zeit vergangen zu sein. Abermals ist es sehr hell und sehr warm. Die Schreie sind zurück und der Gesang auch. Mein Sehvermögen wird besser. Ich liege tatsächlich in einem Krankenbett, das in einem großen, langgezogenen Raum steht. Die Decke ist weiß getüncht, am Kopfende meines Bettes scheint ein offenes Fenster zu sein, doch ich kann den Kopf nicht weit genug in den Nacken legen, um es zu sehen. Die Betten neben meinem, sofern da denn welche sind, sehe ich der Vorhänge wegen nicht. Aber der Länge des Raumes nach zu urteilen, müssten dort mindestens noch acht oder zehn weitere stehen. Allerdings höre ich keine Geräusche von anderen Patienten.
Ich kenne diese Situation. Aber etwas stimmt nicht. Warum wirkt all das so vertraut? Wo sind die anderen Patienten? Warum ist es so heiß? Was soll der Gesang? Was sollen die Glöckchen?
Dann kommen die beiden Männer wieder. Es sind Ärzte, natürlich. Sie tragen lange, übertrieben weiße Kittel. Der eine von ihnen ist deutlich älter, ich schätze ihn auf Anfang sechzig, vielleicht ist er sogar noch älter. Der andere könnte Ende dreißig sein. Sie sind beide schlank und hochgewachsen, dunkles Haar mit einem strengen Kurzhaarschnitt.
Wie alt bin ich eigentlich?
Sie stellen sich links und rechts neben mein Bett und reden wieder mit mir. Ich kann sie jetzt mit den Augen fixieren. Aber ich verstehe sie nicht. Welche Sprache ist das? Ich versuche, mich zu konzentrieren, doch die Erkenntnis entgleitet mir immer im letzten Moment wie ein glitschiger Fisch. Sie scheinen mir meine Ratlosigkeit anzusehen, denn irgendwann wenden sie ihre Gesichter ab und reden wieder miteinander, während meine Augen vom einen zum anderen springen.
Woran erinnert mich all das?
Dann plötzlich ist es da: Der Krieg. Verletzung an der Front. Feldlazarett. Ein Granatsplitter im Rücken. Krankentransport im Zug. Zurück nach Deutschland. Ein Krankenhaus südlich von Bremen. Betten neben Betten. Betten in Gängen, Betten auf Balkonen. Hunderte, nein tausende Kriegsverwundete. Ich hatte Glück. Kurzer Eingriff, keine bleibenden Schäden. Lange Narbe im Rücken, aber keine Entzündung. Fünf Wochen im Krankenhaus. Dann nach Hause. Mit den Eltern an die Nordsee. Ausruhen. Zwei Monate später ein Brief: Zurück an die Front.
Aber ist der Krieg nicht vorbei? Und warum ist es so heiß? An der Nordsee war es nie so heiß.
Der jüngere Arzt geht für einen Moment, während der andere meinen Puls fühlt, den Handrücken auf meine Stirn legt und mich mit einem Stethoskop abhört. Dann kommt der Jüngere wieder, er hat jetzt ein Klemmbrett dabei. Er schreibt ein Wort und hält mir das Papier vors Gesicht. Meine Augen brauchen eine Zeit, bis die Schrift scharf wird. Die Buchstaben hüpfen ein wenig. Ich kann das Wort nicht lesen, erkenne es schlicht nicht. Welche Schrift ist das? Verdammt. Ist das ein L da am Anfang? Moment, am Ende ist ein Fragezeichen, ganz eindeutig. Aber dazwischen? Ich schüttle leicht den Kopf. Die beiden Ärzte diskutieren.
Kann ich eigentlich sprechen?
Der erste Versuch endet, bevor er richtig begonnen hat, in einem kehligen Husten.
Der zweite Versuch klingt, als müsse ich mich übergeben.
Währenddessen blicke ich in erwartungsvolle Gesichter. Schließlich geht der Jüngere wieder und kommt kurz darauf mit einer Tasse zurück. Er setzt sie mir vorsichtig an den Mund. Es ist ein lauwarmer Tee. Ich trinke, die Flüssigkeit fühlt sich gut an.
Der dritte...




