E-Book, Deutsch, 266 Seiten
Reichl Rattenmörder: Österreich Thriller
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-902784-93-3
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 266 Seiten
ISBN: 978-3-902784-93-3
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der junge Erik wächst auf einem einsamen Bauernhof heran. Ungewollt und ungeliebt fristet er viele Stunden seines jungen Lebens im Keller - eingesperrt von der eigenen Mutter. Doch hier unten lernt er seine Freunde fürs Leben kennen: Ratten. Als Jahre später in dem Ort ein Mord passiert, hinterläßt der Täter einen Hinweis: eine tote Ratte. Und auch ein Verdächtiger ist schnell gefunden: Erik. Doch als die Polizei ihn festnehmen will, taucht dieser unter. Als ein weiteres Verbrechen passiert erkennen die ermittelnden Beamten: Der Rattenmörder hat sein Werk erst begonnen und niemand ist vor ihm sicher...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ich bedanke mich bei all jenen,
die dieses Buch lesen,
da sie an mich glauben!
„Seine eigenen dunklen Seiten zu kennen
ist die beste Voraussetzung dafür,
mit den dunklen Seiten anderer Menschen
zurechtzukommen.“
C.G. Jung
Kapitel 1
Einst wurde ein Kind geboren, ungewollt – ungeliebt blieb es sein ganzes Leben lang. Genau in dem Moment, in dem es das Licht der Welt erblickte, schoben sich Wolken über die Sonne.
Ein Akt des Zufalls?
Niemand konnte das später so genau sagen.
Die Mutter – sie hieß Leona Simbacher, und sie würde auch heute noch so heißen, hätte sie ihr gerechtes Schicksal oder das, was manche als gerecht ansahen, nicht bereits eingeholt – gebar einen Sohn in ihrem alten, verfallenen Bauernhof. Zwischen Kuhmist und Stroh empfing die raue Welt das zartrosa Bündel, welches nun abgenabelt durch den kalten Stahl einer Klinge neben dem wärmenden Körper eines ebenso neugeborenen Kälbchens lag. Nur dass diesem Wesen die Mutterkuh, die von der Bäuerin zurück in ihre Box gesperrt wurde, sehnsuchtsvolle Blicke zuwarf, während es ihm selbst an mütterlicher Zärtlichkeit mangelte.
Zeit seines Lebens würde sich das nicht ändern, jedoch das ahnte der kleine Erik zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Denn der weiche, warme Körper des Kälbchens gaukelte ihm Geborgenheit vor, die zwar rein zufälliger Natur, aber dennoch vorhanden war. Doch auch das war zu diesem Zeitpunkt keinem der beiden, weder Erik noch dem Jungvieh, bewusst. Also spielte es auch keine Rolle.
Als die Mutter ihre Stallarbeit erledigt hatte, kam sie zurück und wickelte Erik in eine alte, fleckige Decke ein. Sie nahm ihn an sich, trug ihn ins Haus, und Erik verspürte bereits nach nur wenigen Stunden auf dieser Erde zum ersten Mal das Gefühl des Verlustes, nämlich, als das Kalb, das ihm auf so ungewöhnliche Weise Geborgenheit gespendet hatte, in seinem Heubettchen im Stall zurück blieb.
Beim Hineingehen überlegte die Mutter für einen kurzen, aber für das Leben ihres Sohnes bedeutsamen Moment, ob sie nicht lieber doch einen Arzt rufen sollte, der die Gesundheit ihres Kindes und ihrer selbst in Augenschein nahm. Aber nein, dachte sie sich, sie hatte doch schon so oft Kälber zur Welt gebracht. Und wo lag denn da der Unterschied zu einem Menschenkind?
Es gab keinen, dachte sie weiter und schob den Gedanken, einen Arzt zu konsultieren, von sich und aus dem Leben ihres Kindes.
In der Stube war es weder warm noch war es kalt. Leona konnte es sich nicht leisten, eine automatisierte Heizung installieren zu lassen, denn ihr Hof warf einfach nicht genügend Profit ab. Manchmal fragte sie sich, ob sie überhaupt von ihrer Arbeit leben konnte: eine Landwirtschaft, die sie von ihren Eltern geerbt hatte. Viel war es nicht gewesen, was ihr die Eltern mit auf den Weg gegeben hatten, außer diesem alten, heruntergekommenen Gebäude mit dem dazugehörigen Grund, der viel zu wenig war, um für ein Leben in Wohlstand zu sorgen.
Innerhalb von zwei Wochen waren die Eltern gestorben. Zuerst der Vater. Dann die Mutter, wahrscheinlich aus Kummer, weil sie es einfach nicht hatte ertragen können, in Armut und ohne ihren geliebten Mann auf dieser Erde weiter zu leben. Das Geld für das Begräbnis hatte sie gerade noch zusammengekratzt, bevor sie dann selber abgekratzt war, oder besser gesagt, verschieden.
Die Tochter war für sie immer nur eine Belastung gewesen. Finanzieller Natur und auch so. Sie war weder besonders klug, noch war sie, wie man landläufig zu sagen pflegte, strohdumm. Sie lag irgendwo dazwischen, war unauffällig und trotzig, aufmüpfig und streitsüchtig. Ja, das war sie, die Leona Simbacher, aber davon hatte Erik natürlich auch noch keine Ahnung.
Leona wollte ihren Sohn in eine Wiege legen, die sie Tage zuvor vom Dachboden herunter geholt hatte, weil es ihr bereits in den Sinn gekommen war, dass ihrer Schwangerschaft zu Ende gehen könnte. Doch sie hatte einfach noch keine Zeit gefunden, die Wiege ordentlich herzurichten, sie von Spinnweben und ähnlichem Unrat zu säubern, und deshalb legte sie ihr Kind einfach daneben auf den Boden – es war ja ohnehin in eine Decke eingewickelt.
Dann schnitt sie sich ein Stück Brot ab und beschmierte es dick mit Butter. Das war der einzige Luxus, den sie sich hin und wieder gönnte: nach der Arbeit ein dick mit Butter bestrichenes Brot, welches sie selbst gebacken hatte. Dabei betrachtete sie ihr am Boden liegendes Kind, das jetzt ruhig und friedlich in der schmutzigen Decke schlief.
Ja, in den ersten paar Tagen waren diese Babys angeblich noch alle recht leise und sanftmütig, aber dann würden sie schon noch so richtig zur Sache kommen, das zumindest hatte Leonas Mutter immer behauptet. Leona selbst war ja ein Kind gewesen, das in den ersten Lebensmonaten ohne Unterbrechung geschrieen hatte, wenn man ihrer Mutter Glauben schenken durfte. Aber wahrscheinlich hatte sie nur schamlos übertrieben, um ihr eins auszuwischen, wenn sie nach Einzelheiten aus ihrer Kindheit gefragt hatte. Warum, das wusste Leona selber nicht. Aber irgendwie vermutete sie deshalb, dass sie ein ganz braves Kind gewesen sein musste, eines, das man gar nicht gespürt hatte, so wie das die Eltern von braven Kindern immer zu behaupten pflegten. Die sagten nämlich, sie hätten Babys, die andauernd schliefen, zufrieden an ihrem Daumen nuckelten oder mit wachem Geist die Umgebung erkundeten.
Leona holte sich zu ihrem Brot noch einen Schluck Milch und betrachtete ihr Baby nun nicht mehr. Jetzt schlief es ohnedies friedlich in seiner Decke und brauchte deshalb auch keine Beachtung mehr, das zumindest redete sie sich ein.
Sie schritt hinaus aus der Stube und hinüber in den Waschraum, der ihr als Bad diente und der Wäsche als Wasch- und Trockenraum. Sie säuberte sich von den Spuren der Geburt und verfluchte in Gedanken das lästige Bündel im Wohnzimmer, dass ihr das alles angetan hatte. Stimmt schon, eigentlich war es keine schmerzhafte Geburt gewesen, aber ihre Kleider waschen musste sie nun trotzdem, und eine Waschmaschine besaß sie nicht.
Überhaupt hatte sie nicht viel, klagte sie sich innerlich selbst ihr Leid. Ihr Mann musste ja unbedingt als Söldner in diesen Gott verdammten Krieg ziehen, der sie im Grunde gar nichts anging, weil er in einem ganz anderen Land, in Jugoslawien, stattfand, und deshalb hasste sie ihn. Sie hasste ihn auch dafür, dass er sie vorher noch geschwängert hatte, bevor er dann losgezogen war und sich eine Kugel in die Brust hatte jagen lassen.
Die Nachricht von seinem Tod war schon vor Wochen gekommen, aber sie weinte ihm keine einzige Träne nach. Er hatte sie geschlagen, seit dem ersten Tag ihrer Ehe, und so hatte sie sich auf seltsame Weise von irgendetwas befreit gefühlt, als ihr die Nachricht, überbracht von zwei Polizisten des Ortes, übermittelt worden war. Daraufhin hatte sie den Beamten die Tür vor der Nase zugeschlagen und aus dem Fenster gleich daneben noch gesehen, wie einer der beiden Männer darüber verwundert den Kopf geschüttelt hatte. Dann war sie zurück zur Toilette geeilt und hatte sich erneut übergeben.
Während Leona ihre Kleider im Waschraum schrubbte und versuchte das Blut herauszubekommen, hatte der kleine Erik das erste Mal in seinem neugeborenen Leben eine schicksalhafte Begegnung. Während er am Boden schlief, noch immer eingerollt in die schmuddelige Decke, aber nicht mehr ganz so eng anliegend wie zuvor, wegen seiner zwar kaum wahrnehmbaren, aber dennoch vorhandenen Bewegungen, näherte sich ihm neugierig eine Ratte. Sie beschnupperte das kleine, rosa Wesen und schien sich zu fragen, woher dieser fremde, süßliche Duft in diesem ansonst so abgestandenen Mief, den sie selbst doch so sehr liebte, bloß kommen konnte?
Was war das für ein seltsames Etwas, das einen weichen Flaum wie das samtige Fell ihrer eigenen Brut am Haupte trug? Und warum befand es sich hier am Boden, wo sonst nur kärgliches Fressbares herum lag, weil es in diesem Haus nicht viel zum Fressen gab?
War es denn etwas für sie?
Ein Geschenk?
Doch wer sollte sie schon beschenken?
Sie, die Ratte, die Gejagte.
Vorsichtig kroch sie auf das Bündel hinauf und besah es sich von oben, aber auch dort roch es merkwürdig, so fremd, so andersartig und doch irgendwie vertraut. Lag es etwa daran, dass sie selbst gerade ihre Jungen zu Welt gebracht hatte und nun sensibel auf sämtliche Veränderungen in ihrer Umgebung reagierte?
Die Ratte schnupperte weiter, beschloss aber, dass der wohlige Duft des säuselnden Babys nicht gut für ihren eigenen Nachwuchs wäre, und so kletterte sie von ihm wieder herunter und suchte das Weite, ohne noch einmal einen Blick zurück zu werfen. Zwischen den Ritzen der morschen Holzdielen im Boden hinter dem Herd verschwand sie dann, ohne das Erik etwas von der Begegnung mitbekommen hatte. Zurück blieb lediglich der Akt der Vergangenheit, eine flüchtige Begegnung, die niemandem aufgefallen war und die für keinen eine besondere Bedeutung hatte, außer dass sie einem die Gänsehaut in den Nacken getrieben hätte bei dem Anblick einer Ratte auf einem neugeborenen Kind, selbst wenn es nicht das eigene war.
*
Erik war ein ausgesprochen...




