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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 7, 400 Seiten

Reihe: Die Tempe-Brennan-Romane

Reichs Totenmontag

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12747-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 7, 400 Seiten

Reihe: Die Tempe-Brennan-Romane

ISBN: 978-3-641-12747-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was könnte frostiger sein als ein kanadischer Wintersturm? Tempe Brennan, Forensikerin in Montreal, wird an einem tristen Montagmorgen zu einem Fundort gerufen, der ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt. Verscharrt in einem Kellergewölbe liegen die Leichen dreier junger Frauen. Nicht eine Gewebefaser gibt Aufschluss darüber, warum diese Mädchen sterben mussten. Dank akribischer Ermittlungen und weiblicher Intuition kommt Tempe einem Verdächtigen auf die Spur. Doch sie muss auf alles gefasst sein, denn ihr Gegner ist an Kaltblütigkeit nicht zu übertreffen.

Kathy Reichs, geboren in Chicago, lebt in Charlotte und Montreal. Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie, eine von nur knapp hundert vom American Board of Forensic Anthropology zertifizierten forensischen Anthropolog*innen und war unter anderem für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina tätig. Ihre Romane erreichen regelmäßig Spitzenplätze auf internationalen und deutschen Bestsellerlisten und wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Für den ersten Band ihrer Tempe-Brennan-Reihe wurde sie 1998 mit dem Arthur Ellis Award ausgezeichnet. Die darauf basierende Serie »BONES - Die Knochenjägerin« wurde von Reichs mitkreiert und -produziert.
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2


Als ich am Dienstagmorgen zum Wetterbericht aufwachte, wusste ich, dass mich eine mörderische Kälte erwartete. Nicht die feucht-kühlen zehn Grad plus, über die wir in North Carolina im Januar gelegentlich jammern. Ich meine arktische Kälte im zweistelligen Minusbereich. Kälte nach dem Motto: Hör auf, dich zu bewegen, und du stirbst und wirst von Wölfen gefressen.

Ich liebe Montreal. Ich liebe den gut zweihundertfünfzig Meter hohen Berg, den alten Hafen, Little Italy, Chinatown, das Schwulenviertel, die Stahl- und Glaswolkenkratzer des Centre-ville, die verwinkelten Viertel mit ihren Gassen und Steinhäusern und unmöglichen Treppen.

Montreal ist ein schizoider Raufbold, der beständig mit sich selbst über Kreuz ist. Anglophon gegen frankophon. Separatistisch gegen föderalistisch. Katholisch gegen protestantisch. Alt gegen neu. Ich genieße den kulinarischen Multikulturalismus der Stadt: Empanada, Falafel, Poutin, Kong Pao. Hurley’s Irish Pub, Katsura, L’Express, Fairmont Bagel, Trattoria Trastevere.

Ich nehme teil an der endlosen Reihe von Festivals in dieser Stadt, Le Festival International de Jazz, Les Fêtes Gourmandes Internationales, Le Festival des Films du Monde, das Käferkosten-Festival im Insektarium. Ich kaufe ein in den Läden an der Ste. Catherine, auf den Freiluftmärkten an der Jean-Talon und der Atwater, in den Antiquitätenläden an der Notre-Dame. Ich besuche Museen, mache Picknicks in den Parks, fahre auf den Wegen am Canal Lachine Fahrrad. Ich genieße das alles.

Was ich nicht genieße, ist das Klima von November bis Mai.

Eins muss ich zugeben. Ich habe zu lange im Süden gelebt. Ich friere nicht gern. Ich habe keine Geduld mit Eis und Schnee. Behaltet eure Stiefel und euer Labello und die Eishotels. Was ich brauche, sind Shorts und Sandalen und Lichtschutzfaktor dreißig.

Mein Kater, Birdie, teilt diese Meinung. Als ich mich aufsetzte, stand auch er auf, machte einen Buckel und vergrub sich dann wieder unter der Decke. Mit einem Lächeln sah ich, wie sein Körper sich zu einer dichten, runden Masse zusammenrollte. Birdie, mein einziger und treuer Zimmergenosse.

»Ich kann dich gut verstehen, Bird«, sagte ich und schaltete den Radiowecker aus.

Der Kater rollte sich noch enger zusammen.

Ich schaute mir die Ziffern an. Halb sechs.

Ich schaute zum Fenster. Pechschwarz.

Ich rannte ins Bad.

Zwanzig Minuten später saß ich am Küchentisch, die Kaffeetasse am Ellbogen, die Pétit-Akte vor mir.

Marie-Reine Pétit war eine zweiundvierzig Jahre alte Mutter von drei Kindern, die in einer boulangerie als Brotverkäuferin arbeitete. Vor zwei Jahren war sie verschwunden. Vier Monate später fand man Marie-Reines verwesten Torso in einer Eishockey-Tasche in einem Lagerschuppen hinter dem Haus der Pétits. Marie-Reines Gliedmaßen und der Kopf waren in dazu passenden Gepäckstücken verstaut.

Bei einer Durchsuchung wurden in Pétits Keller eine Laub-, eine Bügelsäge und ein Fuchsschwanz gefunden. Ich hatte die Sägespuren auf Marie-Reines Knochen untersucht, um festzustellen, ob eine Säge ähnlich einer der des Gatten diese Spuren verursacht hatte. Volltreffer bei der Bügelsäge. Rejean Pétit stand jetzt vor Gericht wegen des Mordes an seiner Gattin.

Zwei Stunden und drei Kaffees später schob ich meine Fotos zusammen und las mir noch einmal die Vorladung durch.

De comparaître personnellement devant la Cour du Québec,
chambre criminelle et pénale, au Palais de Justice de Montréal,
à 09:00 heures, le 3 décembre …

O Mann. Ich werde persönlich zur Aussage vorgeladen. Das ist ungefähr so persönlich wie eine Vorladung zur Steuerprüfung. U.A.w.g. erübrigt sich.

Ich notierte mir den Gerichtssaal.

Dann zog ich Stiefel und Parka an, nahm Handschuhe, Mütze und Schal, schaltete die Alarmanlage ein und fuhr in die Garage hinunter. Birdie musste sich erst noch entrollen. Offensichtlich hatte meine Katze schon vor Morgengrauen ein Frühstück genossen.

Mein alter Mazda sprang gleich beim ersten Mal an. Ein gutes Omen.

Oben auf der Rampe der Tiefgarage bremste ich zu heftig und schlitterte quer auf die Straße wie ein Kind auf einer Wasserrutsche. Schlechtes Omen.

Stoßzeit. Die Straßen waren verstopft, jedes Fahrzeug schleuderte Schneematsch hoch. Die frühmorgendliche Sonne machte Milchglas aus meiner mit Salz verkrusteten Windschutzscheibe. Obwohl ich immerzu spritzte und die Wischer betätigte, fuhr ich streckenweise blind. Schon nach wenigen Blocks bereute ich, dass ich kein Taxi genommen hatte.

Im späten sechzehnten Jahrhundert lebte eine Gruppe Lawrence-Irokesen in einem Dorf, das sie Hochelaga nannten und das zwischen einem kleinen Berg und einem großen Strom, knapp unterhalb einer Reihe mächtiger Wasserfälle, lag. 1642 kamen dort französische Missionare und Abenteurer an und blieben auch. Die Franzosen nannten ihren Außenposten Ville-Marie.

Im Lauf der Jahre kamen die Bewohner von Ville-Marie zu Wohlstand, sie bauten und pflasterten. Das Dorf nahm den Namen des Berges hinter ihm an, Mont Réal. Der Fluss wurde St. Laurent getauft.

Hallo, Europäer. Tschüs, einheimische Völker.

Heute ist die Gegend des ehemaligen Hochelaga-Ville-Marie als Vieux-Montréal bekannt. Touristen lieben das Viertel.

Das alte Montreal, das sich vom Fluss aus den Hügel hoch erstreckt, verströmt Heimeligkeit. Gaslaternen. Pferdekutschen. Straßenverkäufer und -cafés. Die soliden Steinhäuser, in denen einst die Kolonisten wohnten, die Pferdeställe, Werkstätten und Lagerhäuser sind heute Museen, Boutiquen, Galerien und Restaurants. Die Straßen sind schmal und gepflastert.

Und bieten einem keine Möglichkeit zum Parken.

Ich verfluchte mich noch einmal, weil ich kein Taxi genommen hatte, stellte mein Auto auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz ab und ging den Boulevard St. Laurent zum Palais de Justice hoch. Der Justizpalast, mit der Adresse 1 Rue Notre-Dame est, liegt am nördlichen Rand des historischen Viertels. Salz knirschte unter meinen Sohlen. Der Atem gefror auf meinem Schal. Tauben blieben eng zusammengedrängt sitzen, wenn ich vorbeiging, die kollektive Körperwärme war ihnen wichtiger als die Sicherheit einer Flucht.

Unterwegs dachte ich an die Skelette im Pizzakeller. Würden sich die Knochen wirklich als die von toten Mädchen erweisen? Ich hoffte nicht, aber tief drinnen wusste ich bereits Bescheid.

Ich dachte auch an Marie-Reine Pétit und trauerte um ein Leben, das durch unaussprechliche Bosheit beendet wurde. Ich fragte mich, wie es den Pétit-Kindern wohl ging. Der Vater im Gefängnis, weil er die Mutter ermordet hatte. Würden diese Kinder sich je wieder erholen, oder hatte das Grauen, das sie überfallen hatte, sie irreparabel geschädigt?

Im Vorübergehen schaute ich mir kurz die McDonald’s-Filiale auf der anderen Seite des St. Laurent an, die dem Palais de Justice direkt gegenüber lag. Die Besitzer hatten einen Versuch mit dem Kolonialstil gewagt. Die Torbögen hatten sie entfernt, dafür aber blaue Markisen aufgespannt. Eigentlich funktionierte es nicht, aber sie hatten sich wenigstens bemüht.

Die Erbauer des Montrealer Gerichtsgebäudes hatten sich mit architektonischer Harmonisierung nicht lange aufgehalten. Die mittleren Stockwerke waren ein rechteckiger Kasten mit vertikalen schwarzen Stangen über einem kleineren Kasten mit Glasfront. Die oberen Stockwerke ragten als gesichtloser Monolith in den Himmel. Das Gebäude passte in seine Umgebung wie ein Humvee, der in einer Amish-Kolonie parkt.

Das Palais war gesteckt voll, als ich es betrat. Alte Damen in knöchellangen Pelzmänteln. Gangsta-Teens in Klamotten, die groß genug für ganze Armeen waren. Männer in Anzügen. Anwälte und Richter in schwarzen Roben. Die einen warteten. Die anderen eilten hin und her. Ein Dazwischen schien es nicht zu geben.

Mich zwischen großen Topfpflanzen und Säulen mit vielfarbigen Strahlern hindurchschlängelnd, ging ich zu den Aufzügen am hinteren Ende der Eingangshalle. Kaffeeduft wehte aus dem Café Vienne herüber. Ich überlegte kurz, doch da ich bereits aufgedreht genug war, verzichtete ich auf eine vierte Tasse.

Oben präsentierte sich ein ähnliches Bild, allerdings überwogen hier die Wartenden. Die Leute saßen auf Bänken aus rotem Lochblech, lehnten an den Wänden oder standen in Gruppen zusammen und unterhielten sich leise. Einige berieten sich mit Anwälten in kleinen Befragungszimmern entlang des Korridors. Keiner sah besonders glücklich aus.

Ich suchte mir einen Platz vor 4.01 und zog die Pétit-Akte aus meiner Mappe. Zehn Minuten später kam Louise Cloutier aus dem Gerichtssaal. Mit den langen blonden Haaren und der übergroßen Brille wirkte die Staatsanwältin wie eine Siebzehnjährige.

»Sie sind meine erste Zeugin.« Cloutiers Gesicht war angespannt.

»Ich bin bereit«, sagte ich.

»Ihre Aussage wird entscheidend sein.«

Cloutiers Finger malträtierten eine Büroklammer. Sie hatte sich eigentlich tags zuvor mit mir treffen wollen, aber die Geschichte im Pizzakeller hatte das verhindert. Unser spätabendliches Telefongespräch hatte ihr dann nicht den Grad an Vorbereitung gebracht, den sie sich gewünscht hätte. Ich versuchte, sie zu beruhigen.

»Ich kann die Spuren an den Knochen nicht eindeutig mit Pétits spezieller Bügelsäge in Verbindung bringen, aber ich kann sehr entschieden sagen, dass sie mit einem identischen Werkzeug beigebracht wurden.«

Cloutier nickte. »Vereinbar mit.«

»Vereinbar mit«, pflichtete ich ihr bei.

»Ihre Aussage wird der Schlüssel sein, weil Pétit in seiner...


Berr, Klaus
Klaus Berr, geb. 1957 in Schongau, gest. 2024 in München, Studium der Germanistik und Anglistik in München, einjähriger Aufenthalt in Wales als "Assistant Teacher", war der Übersetzer von u.a. Lawrence Ferlinghetti, Tony Parsons, William Owen Roberts, Will Self.

Reichs, Kathy
Kathy Reichs, geboren in Chicago, lebt in Charlotte und Montreal. Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie, eine von nur knapp hundert vom American Board of Forensic Anthropology zertifizierten forensischen Anthropolog*innen und war unter anderem für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina tätig. Ihre Romane erreichen regelmäßig Spitzenplätze auf internationalen und deutschen Bestsellerlisten und wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Für den ersten Band ihrer Tempe-Brennan-Reihe wurde sie 1998 mit dem Arthur Ellis Award ausgezeichnet. Die darauf basierende Serie »BONES - Die Knochenjägerin« wurde von Reichs mitkreiert und -produziert.



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