E-Book, Deutsch, 386 Seiten
Reihe: LYX.digital
Reid / Cosway Irish Players - Mitten ins Herz
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7363-0202-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 386 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-0202-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Natürlich weiß ich, dass ich von Sean Cassidy die Finger lassen sollte. Nicht auszudenken, was passiert, wenn herauskommt, dass die kleine Schwester von Rugby-Superstar Ronan Fitzpatrick ihr Herz an den Mann verloren hat, den die Rugby-Welt am meisten hasst! Doch Sean ist nicht nur unverschämt charmant und kann küssen, dass einem Hören und Sehen vergeht. Er kennt auch mein dunkles Geheimnis, das das Ansehen meiner Familie für immer zerstören könnte. Und um das zu verhindern, muss ich unbedingt mehr über die Dinge herausfinden, die Sean Cassidy vor der Welt verheimlicht ...
L.H. Cosway lebt in Dublin und hat so gut wie jedes geisteswissenschaftliche Fach studiert, das es gibt. Die beste Inspiration zum Schreiben zieht sie aber aus Musik und den vielen verschrobenen Persönlichkeiten, die ihren Weg kreuzen - denn die erzählen einfach die besten Geschichten! Penny Reid schreibt nebenberuflich humorvolle Frauenromane. Im wahren Leben unterrichtet sie an einer Universität im Süden der USA, managt ihre zwei kleinen Kinder und forscht im Bereich der Biomedizin.
Weitere Infos & Material
1
Frieden kommt von innen.
Suche ihn nicht im Äußeren.
Lucy Fitzpatrick (vielleicht auch Buddha)
Lucy
»Haut« ist ein seltsamer Farbton für einen Nagellack.
Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich Schwarz (für die Goths) und selbst Grau, aber Hautfarbe? Das ist ja so, als würde eine Rothaarige ihre Haare rot färben.
Sinnlos.
Ich schaute mir die Farbauswahl in der Kosmetikabteilung des örtlichen Kaufhauses an und versuchte, dem Drang zu widerstehen, den so herrlich verführerischen Nagellack in Kanariengelb in meiner Handtasche verschwinden zu lassen. Den brauchst du nicht. Den brauchst du nicht. Materielle Objekte sind vergänglich. Die Freude, die sie erzeugen, ist nur kurzweilig und leer … Komischerweise funktionierte mein Mantra ausgerechnet in dem Augenblick nicht.
Ihr habt wahrscheinlich schon kapiert, was mein Geheimnis ist. Ich litt an einer Sucht … oder besser gesagt an einem Zwang.
Ich stahl. Ich klaute in Läden. Und beim bloßen Anblick von Artikeln, die klein genug waren, um sie in einer Hand- oder Jackentasche zu verstecken, fingen meine Fingerspitzen heftig an zu kribbeln.
Das war abscheulich, ich wusste das und kämpfte tagtäglich mit meinen Schuldgefühlen. Dabei hatte ich mich so gut geschlagen bei dem Versuch, damit aufzuhören. Ein besserer Mensch zu werden. Vor sechs Monaten war ich nach New York gezogen, um dort einen neuen Job als Promi-Fotografin-Schrägstrich-Bloggerin-Schrägstrich-YouTuberin anzutreten, und hatte mir fest vorgenommen, mit dem Klauen aufzuhören. Das war meine Chance auf einen Neubeginn. Und in der ganzen Zeit hatte ich kein einziges Mal gestohlen. Der Big Apple bekam von meinem Tick, in Läden etwas mitgehen zu lassen, nichts mit. Und jetzt stand ich hier und brannte darauf, dieses blöde Fläschchen Nagellack einzustecken.
Ich kannte den Grund für mein Verhalten, er begann mit einem J. J für Jackie Fitzpatrick: meine Mutter, der Ursprung all meiner Minderwertigkeitskomplexe. Es war Sommer, und ich war nach Hause gekommen, nach Dublin, um meinen Bruder und seine Verlobte zu besuchen und ein paar Freunde zu treffen. Das Problem war nur, ich hatte eingewilligt, bei meiner Mutter zu wohnen. Ich war gerade mal einen Tag zurück, und schon gingen die üblichen Kommentare los.
Wann findest du endlich einen Mann und wirst sesshaft?
Diese Schlabberhosen schmeicheln deiner Figur in keiner Weise.
Mit dir auszugehen, wenn du dich so anziehst, ist unglaublich peinlich.
Hast du mal drüber nachgedacht, mit mir zum Brazilian Waxing zu gehen? Männer mögen es gern glatt. (Bei dem Kommentar bin ich rot wie eine Tomate geworden.)
Kannst du bitte was mit deinem Haar machen? Wenn ich all diese Farben nur sehe, bekomme ich schon Kopfschmerzen.
Selbst wenn es in vielerlei Hinsicht falsch war, verschaffte mir das Stehlen die nötige Erleichterung, die ich brauchte, um mit der konstanten Kritik meiner Mutter umzugehen. Eigentlich bin ich da per Zufall draufgekommen. Eines Tages habe ich mit ihr telefoniert, während ich grad in einem Bistro saß, und sie hat mir so lange zugesetzt, bis ich zu gestresst war, um ans Bezahlen zu denken. Als ich schon längst wieder aus dem Lokal raus war und merkte, dass ich, wenn auch unabsichtlich, die Zeche geprellt hatte, fühlte ich mich seltsam erleichtert. Von da an war der Zwang immer größer geworden, bis ich ihn nicht mehr im Griff hatte … und nun geriet das Ganze wieder außer Kontrolle.
Das Verlangen nach Erleichterung gewann gegen meine Skrupel. Ich schnappte mir den Nagellack, ließ ihn unauffällig in meine Tasche fallen und wandte mich zum Gehen. Gerade marschierte ich Richtung Ausgang, da rief mich eine Stimme zurück: »Hey, warten Sie!«
Mein Herz raste, und Hitze brannte auf meinen Wangen. Ich war erwischt worden. Das war nicht das erste Mal, aber trotzdem wurde es dadurch nicht weniger peinlich oder angsteinflößend. Weil mir nichts anderes übrig blieb, drehte ich mich um und schaute in zwei erwartungsvolle braune Augen. Sie gehörten einem jungen Typen, etwa in meinem Alter und offenbar Angestellter des Kaufhauses. Ich wartete auf das übliche Prozedere. Er würde mich bitten, wieder hineinzukommen, damit er meine Tasche durchsuchen könnte, und dann kämen all die Erniedrigungen und Schamgefühle. Das hatte ich verdient.
»Lucy? Lucy Fitzpatrick?«, fragte der Mann zögernd.
Ich sah mich um. Woher kannte er meinen Namen? »Äh, ja.«
Er lächelte. »Ich bin Ben. Ben O’Connor. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, erinnerst du dich? Ich hab in Geschichte neben dir gesessen.«
Jetzt, wo ich ihn mir näher ansah, erkannte auch ich ihn. Hatte ich ihn nicht mal um seinen Anspitzer gebeten? Dass ich mich an ihn erinnerte, überraschte mich, denn normalerweise hatte ich ein Gedächtnis wie ein Sieb. Manchmal musste ich sogar Tricks anwenden, um mich an die Namen von anderen zu erinnern. Als ich zum Beispiel Broderick kennengelernt hatte, meinen neuen Freund in New York, stellte ich ihn mir immer mit einem braunen Hut mit Helikopterflügeln auf dem Kopf und in einem langen Trenchcoat vor. So gelang meinen grauen Zellen die Assoziation mit Inspector Gadget, der im Kinofilm von Matthew Broderick gespielt wird, und ich vergaß nie wieder seinen Namen.
»Oh ja«, sagte ich und lächelte, während ich innerlich bangte. Hatte er gesehen, dass ich den Nagellack eingesteckt hatte? »Jetzt erinnere ich mich. Ist ’ne Weile her. Wie geht’s dir denn so?«
»Sehr gut«, antwortete er begeistert, und ich bemühte mich, ebenso begeistert zu klingen.
»Toll. Das freut mich.«
Er nickte und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Ja.«
Darauf folgte ein paar unangenehme Sekunden lang Schweigen, und ich wäre am liebsten abgehauen. Ben war zwar freundlich und schien wirklich ein netter Kerl zu sein, aber ich schob immer noch Panik wegen des Nagellacks. Dieses bescheuerte, verlockende Kanariengelb aber auch. Wie hätte ich denn so einer Knallfarbe widerstehen können? Wie denn bitte?
»Du hast dich ganz schön verändert«, sagte Ben schließlich.
Ich lachte nervös. »Zum Guten oder zum Schlechten?«
Er zuckte mit den Achseln. »Einfach verändert.«
»Muss an der Geschlechtsumwandlung liegen, für die ich mich entschieden habe«, sagte ich und zuckte zusammen. Wenn ich nervös war, machte ich immer blöde Witze.
Ben lachte zwar aus Höflichkeit, aber es war klar, dass er das nicht lustig fand. Das konnte ich ihm nicht verübeln. Manchmal war ich einfach echt schräg. Er räusperte sich. »Also, du weißt ja, dass ich ein riesiger Rugbyfan bin, oder?«
Die Frage ließ mich ein wenig zusammensacken. Für einen Moment hatte ich angenommen, er würde sich an mich ranmachen, aber nein, hier ging es natürlich um Ronan. Ich liebe meinen Bruder wirklich über alles, aber sein Erfolg als Profirugbyspieler bedeutet auch, dass manche Leute nur mit mir befreundet sein wollen, weil ich zum Teil dieselbe DNA habe wie er. Das ist irgendwie frustrierend. Trotzdem versuchte ich, positiv zu bleiben. Negative Vibes mit positiven Vibes zu bekämpfen ist der Schlüssel zu einem glücklichen Leben, und mit einer solchen Berühmtheit verwandt zu sein bringt schließlich auch viele Vorteile mit sich. Wann immer es geht, versuche ich mich darauf zu konzentrieren. Außerdem bin ich von Grund auf eine glückliche, quirlige Person, wenn ich nicht gerade unter der Fuchtel meiner Mutter stehe.
»Ach, bist du das? Ist ja cool.«
Ben nickte. »Meinst du, du könntest mich auf die Gästeliste der Party heute Abend setzen? Ich würde da so gern hin und die Mannschaft treffen. Im Ernst, damit würdest du mir meinen größten Wunsch erfüllen.«
Die irische Mannschaft hatte gerade das letzte Spiel dieser Saison absolviert, und heute Abend wurde dieser Anlass gebührend gefeiert.
»Ähm, also ich weiß wirklich nicht, ob ich das kann, Ben. Die Party fängt schon in wenigen Stunden an«, sagte ich ihm aufrichtig.
Auf einmal änderte sich seine Miene. Er wirkte nicht mehr schüchtern und freundlich, sondern zynisch, ja sogar aufgeblasen. Mit finsterem Blick kam er einen Schritt auf mich zu. »Du setzt mich auf die Liste, oder ich sag meinem Manager, dass du grad Nagellack geklaut hast.«
Mein Herz pochte, und ich schluckte hastig, so sehr erschütterte mich seine abrupte Verwandlung.
Mein Blick wanderte zu dem älteren Herrn, der am Service-Desk stand. Es war lächerlich, aber mir war nach Heulen zumute. Manchmal war ich so furchtbar naiv und leichtgläubig. Ben war kein netter Kerl, sondern jemand, der mich zu erpressen versuchte. Ich heulte zwar nicht los, hätte es aber am liebsten getan.
»Okay, schön. Ich sorge dafür, dass dein Name auf der Liste steht.«
Dann wandte ich mich zum Gehen.
»Mit Begleitung?«, rief Ben mir nach. Negative Gedanken drohten mich zu überwältigen, aber ich schob sie beiseite, wiederholte im Stillen ein paar Zeilen aus dem Daodejing, das ich häufig zum Meditieren benutzte. Ah, schon besser. Jetzt war ich ruhiger.
»Ja, Ben, mit Begleitung.«
Auf dem Nachhauseweg warf ich den Nagellack in eine Sammelbox für wohltätige Zwecke. Ich wusste, dass man so etwas eigentlich nicht spendete, aber ich dachte, die fröhliche Farbe würde einer armen Frau vielleicht ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Auf jeden Fall verdiente ich es nicht, ihn zu behalten. Im Grunde behielt ich die Sachen, die ich...




