E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Reid Fable for the End of the World
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7320-2629-6
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tränen aus Blut und Hoffnung - Fesselnde Dystopie trifft auf queere Enemies-to-Lovers-Romance
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-7320-2629-6
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ava Reid wurde in Manhattan geboren und wuchs auf der anderen Seite des Hudson Rivers in Hoboken auf. Auch heute lebt die SPIEGEL-Bestsellerautorin im Großraum New Yorks. Sie hat am Barnard College Politikwissenschaften studiert, mit Fokus auf Religion und Ethnonationalismus. Mit A Study in Drowning und Fable for the End of the World ist sie direkt auf der New York Times-Bestsellerliste eingestiegen.
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INESA
Floris Dekker legt seine tote Tochter auf den Tresen. »Bitte«, fleht er.
Sannes helles Kleid hängt noch immer schlaff an ihr herunter. Farbloses Leinen, vergraut und rau vom vielen Waschen, das eindeutig aus einem Online-Katalog von Caerus stammt. Ein billiges Massenprodukt von den hinteren Seiten – an Schultern und Ellbogen spannen die Nähte. Die Flecken am Saum könnte man für Rost halten, doch ich weiß es besser.
»Nein«, sage ich entschieden. »Auf keinen Fall.«
»Bitte«, wiederholt er. »Das ist alles, was mir geblieben ist.«
Streng genommen stimmt das nicht. Klar, seine Frau Norah ist im Frühling gestorben – weil sie verseuchtes Wasser getrunken hatte. Bei uns in Lower Esopus, wo niemand fließendes Wasser im Haus hat, wäre ihr das nicht passiert, denn hier wissen alle, dass man Wasser vor dem Trinken abkochen muss. Doch Floris ist jede Menge von ihr geblieben: ihre gesamten Caerus-Schulden, die wie Gespenster durch das leere Haus geistern und ihre eiskalten Hände um seine Hand- und Fußgelenke schlingen, ihn in unsichtbare Ketten legen.
So hat er selbst nach Sannes Tod noch Gesellschaft. Sie war zwölf, alt genug, eigene Geister anzuhäufen.
»Es tut mir leid«, sage ich.
Sannes Haare sind feucht und zerzaust. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, sie sei ertrunken. Doch hier ertrinkt niemand; kaum dass die Kinder laufen und sprechen können, lernen sie in den Außenbezirken, dass Wasser steigt und wann man dem Boden unter den Füßen nicht mehr trauen kann. Ich habe Sanne nicht beim Sterben zugesehen, anders als alle anderen Menschen hier in Esopus Creek. Habe nicht wie sie aufs Tablet gestarrt, bis meine Augen rot und blutunterlaufen waren – denn wie könnte man einschlafen, wenn man dadurch womöglich den Höhepunkt verpasst? Das Gemetzel?
Sannes Haare sind der einzige Anblick, den ich ertragen kann. Würde ich länger ihr Gesicht oder ihren vollkommen reglosen Brustkorb ansehen, der sich gegen den Stoff des zu engen Kleids abzeichnet – oder, was am schlimmsten wäre, den Ring aus blauen Flecken an ihrem Hals –, müsste ich mich unter dem Tresen übergeben.
Dass ich einen so empfindlichen Magen habe, sollte man bei meinem Beruf eigentlich nicht vermuten.
Floris’ Blick wirkt verbittert. »Ist dein Bruder da?«
Zur Antwort kneife ich die Augen zusammen. Ich war nicht abweisend genug. »Luka würde dir dasselbe sagen: keine menschlichen Toten.«
Fast hätte ich ein weiteres Tut mir leid nachgeschoben, aber dann würde er nur nachdrücklicher nach Luka fragen.
»Ich kann mehr bezahlen.« Floris’ Stimme wird schriller. »Fünfundsechzig Credits.«
Unser Preis für Weißwedelhirsche beträgt sechzig und so schnell, wie sie aussterben, werden wir sicher bald das Doppelte verlangen können. Für zwei extra Packungen Dekontaminierungstabletten mit Pfirsichgeschmack werde ich keine tote Zwölfjährige ausweiden – auch wenn Mom sich über die Tabletten freuen würde.
Davon abgesehen lügt Floris. Er kann nicht mehr bezahlen. Hätte er so viele Credits, wäre Sanne nicht tot. Und darum fällt es mir schwer, Mitleid mit ihm zu haben. Wenn er noch mehr Schulden anhäuft, wird er letzten Endes mit seinem eigenen Leben bezahlen. Mit Sanne hat er lediglich einen dürftigen Puffer zwischen sich und die Kollektoren von Caerus geworfen. Zwischen sich und ihre grausame Vergeltung, die sich als Gerechtigkeit tarnt.
Als Floris’ Oberlippe zu zittern beginnt, wirkt sein Gesicht auf einmal noch ausgemergelter, noch verhärmter. Er stammt aus Upper Esopus, was bedeutet, dass er mehr zu essen hat als wir, auch wenn der Unterschied nicht groß ist. Und sicher haben nicht Lebensmittel seinen Schuldenberg wachsen lassen. Daran liegt es nie.
Noch einmal lasse ich den Blick über Sanne schweifen. Ihre Augen stehen halb offen und ihre blassen Wimpern wirken wie Pusteblumen, die man fortblasen könnte. Das ist eins der Dinge, die ich bei diesem Job gelernt habe: Tatsächlich ist es ziemlich schwierig, Toten die Augen zu schließen. Alle denken, wenn man stirbt, wird man schlaff und biegsam, dabei ist es genau umgekehrt. Im Tod verkrampft sich der Körper. Rigor mortis. Letzten Endes verrottet er natürlich zu Nichts, aber zuerst wird er steif und reglos, als würde er versuchen, sich so zu erhalten, wie er im allerletzten Augenblick des Lebens war. In gewisser Weise erleichtert mir das meine Arbeit.
Ich stelle mir immer vor, dass der Leichnam mir hilft, ebenso wie ich ihm helfe. Schließlich wollen wir beide nur am Leben bleiben – oder zumindest so nahe dran wie möglich.
Jetzt aber verkeilt sich mir bei diesem Gedanken ein ganzer Stein in der Kehle. Nicht wegen Floris, sondern wegen Sanne. Denn vielleicht wäre das hier wirklich besser für sie, als in einem anonymen Grab verscharrt und vergessen zu werden. Und vielleicht hätte Floris es verdient, dauerhaft daran erinnert zu werden, was er ihr angetan hat.
Leise und scharf atme ich ein, bevor ich unter den Tresen greife und eine Schublade öffne. Floris sieht mich hoffnungsvoll an.
Ich wähle eine der kleinen Glasflaschen und halte sie ihm einigermaßen widerwillig hin.
»Das hier ist eine Mischung aus Alaun und Borax«, erkläre ich. »Beides sind Trocknungsmittel – sie entziehen den Muskeln die Feuchtigkeit und machen das Gewebe länger haltbar. Ich kann dir nicht genau sagen, wie –«
Doch Floris packt bereits zu und entwindet mir grob das Fläschchen. »Danke, danke.«
»Warte!«, sage ich überrumpelt, während er es bereits in die Tasche steckt. »Du musst es unter die Haut bringen und …«
Ich bekomme es nicht fertig, ihm Schritt für Schritt zu erklären, wie er seine tote Tochter auszuweiden und auszustopfen hat.
Nun greift Floris nach Sanne. Als dabei ein kleiner Wassertropfen über ihre Schläfe rinnt, muss ich mich zurückhalten, ihn nicht wegzuwischen.
»Inesa«, sagt er, »du bist eine von den Guten.«
Ich bin nicht sicher, was er meint: eine von den Guten aus Lower Esopus? Also eine, die sich nicht beklagt, wenn die aus Upper Esopus sechsmal im Jahr unsere Häuser überschwemmen, weil sie den Wasserspeicher zu hoch anstauen? Oder eine der guten Präparatorinnen, eine, die nicht jeden einzelnen Stich oder Tropfen Glyzerin berechnet? Oder eine der Guten der Familie Soulis? Bedenkt man, wie sehr ganz Esopus Creek Mom hasst, wäre der Titel wohl nicht allzu schwer verdient.
Vielleicht meint er aber auch, ich sei eine von denen, die ihn nicht verurteilen für das, was er getan hat. Dafür, dass er seine Schulden mit dem Leben seiner Tochter beglichen hat. Aber damit läge er falsch. Kann sein, dass ich ihn dafür weniger hasse als alle anderen in der Stadt, aber vergeben kann ich es nicht. Ebenso wenig wie vergessen.
Ich setze eine unerbittliche Miene auf, tue so, als wäre ich ganze zwanzig Zentimeter größer – genauso groß wie Luka – und schenke ihm meinen eisigsten Blick. »Ich will fünfundsiebzig Credits.«
Wortlos holt Floris seine Caerus-Karte heraus und drückt sie auf das gesprungene Display meines Tablets, bevor er die tote Sanne vom Tresen hebt und zur Tür trägt. Mit dem Fuß zwängt er sie auf, sodass die rostigen Angeln quietschen. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, klappert das kleine Holzschild mit der Aufschrift TIERPRÄPARATE SOULIS wie ein billiges Windspiel.
Ich stütze mich auf die Ellbogen und vergrabe den Kopf in den Händen. Minutenlang atme ich angestrengt in die Stille und drücke die Augen zu, bis ich Sannes Gesicht nicht länger vor mir sehe. Als mein Herzschlag sich endlich erholt, sinke ich hinter dem Tresen zu Boden.
Das Trocknungsmittel, das ich Floris gegeben habe, war locker neunzig Credits wert. Luka wird mich umbringen.
Schnell finde ich heraus, warum Sanne so nass war – es regnet. Weil es das tatsächlich seit Tagen schon nicht mehr getan hat (in Esopus Creek ein kleines Wunder), muss ich mein Floß erst aus dem Gerümpel hinter dem Tresen hervorkramen. Der Himmel ist schummrig lila, durchzogen vom Rosa der Schadstoffe, die scharf genug sind, die schweren Wolken zu durchschneiden. Als ich den Laden verrammelt habe, steht das Wasser bereits knietief und meine Jacke ist sofort patschnass.
Es ist eins dieser fiesen, schnellen Unwetter, die ohne große Vorwarnung aufziehen und die das Wasser mit hoher Wahrscheinlichkeit so hoch steigen lassen, dass es bis an die Beine deiner Couch schwappt. Zu Hause legt Luka bestimmt schon die Sandsäcke aus. Ich steige aufs Floß und prüfe die Wassertiefe mit meiner Stocherstange – es reicht genau bis an die Dreiundzwanzig-Zentimeter-Kerbe –, dann stoße ich mich ab und steche in den Regen.
Trüb braun und schäumend überspült das Wasser die Hauptstraße, während es von Upper Esopus nach Lower Esopus strömt. Inzwischen ist es nach sechs und die ersten Leute pendeln nach Hause. Sie schließen ihre Läden, klettern auf ihre Flöße und staken hinauf zu ihren höhergelegenen Häusern. Auf der anderen Seite der überfluteten Straße kniet MrsPrinslew auf der Veranda ihres Geschäfts und stopft Lumpen unter die Tür. Seit ihre vier Söhne nach Süden in die Hauptstadt gezogen sind, führt sie den Schwarzmarktladen ganz allein.
Als sie sich kurz den Regen von der runzligen Stirn wischt, dreht sie den Kopf und unsere Blicke treffen sich.
Instinktiv legt sich eine Frage auf meine Zunge: Brauchen Sie Hilfe? Doch ein zweiter, stärkerer Impuls verdrängt sie. Hier in den Außenbezirken ist ein solches Angebot kein Gefallen. Denn es gibt keine Hilfe ohne Gegenleistung und Gegenleistung ist...




