Reif / Vries / Petermann | Wege aus der Erschöpfung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 138 Seiten

Reif / Vries / Petermann Wege aus der Erschöpfung

Ratgeber zur tumorbedingten Fatigue
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-456-74975-4
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ratgeber zur tumorbedingten Fatigue

E-Book, Deutsch, 138 Seiten

ISBN: 978-3-456-74975-4
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Praxisorientierter Ratgeber, der zeigt, wie Menschen mit einer Tumorerkrankung mit ihren Energien besser haushalten und diese effektiver für gewünschte alltägliche Aktivitäten einsetzen können. Konkret, verständlich und anschaulich beantwortet der Ratgeber die Fragen: Was ist eine krebsbedingte Erschöpfung (Fatigue) Welches sind die Ursachen der Fatigue? Was kann man gegen Fatigue und extreme Müdigkeit tun? Wie kann man seine Kräfte einteilen und mit Zeit und Energie angemessen haushalten? Wie kann man neue Kräfte durch angepasstes Bewegungstraining gewinnen? Wie kann man neue Energie durch Entspannung und Schlaf sammeln? Wie kann man Niedergeschlagenheit überwinden und das Leben (wieder) genießen? Der Anhang enthält zahlreiche Adressen, Literaturhinweise und Materialien zu den Themen: Bewegungstraining, Energiemanagement, Entspannung und Kultivierung des 'inneren Gartens'.

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Zielgruppe


Pflegende in der Onkologie

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1 Was ist krebsbedingte Erschöpfung?


Jeder Mensch kennt das Gefühl, müde und erschöpft zu sein. Müdigkeit ist eine alltägliche Erfahrung und wird als eine normale Reaktion auf anstrengende Tätigkeiten oder auf Mangel an Schlaf wahrgenommen. Viele Menschen erleben eine verstärkte Müdigkeit auch im Zusammenhang mit längeren Infektionen. Zum Beispiel kann es nach einer Grippe mehrere Wochen dauern, bis man seine normale Leistungsfähigkeit wieder erreicht hat.

Müdigkeit wird als verminderte Fähigkeit des Organismus definiert, seine Funktionen wahrzunehmen: davon sind sowohl körperliche Funktionen (wie z. B. die Muskelarbeit) als auch geistige Funktionen (wie z. B. verminderte Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit) betroffen.

Müdigkeit hat keinen festen Tagesrhythmus und kann, zum Beispiel nach einer durchwachten Nacht, verstärkt während des ganzen Tages vorkommen. Im Unterschied dazu kann man die ganz normale Tagesschläfrigkeit abgrenzen, Zeiten, in denen man weniger wach und konzentriert ist. Damit sind die normalen «Durchhänger» während des Tages gemeint. Sie richten sich nach der Leistungskurve des Menschen und kommen meist am Nachmittag und am Abend vor, zum Beispiel nach dem Essen.

Die Müdigkeit gesunder Menschen wird meist als angenehmer, wohliger Zustand empfunden. Man fühlt eine Schwere in den Gliedern, auch die Augenlider sind schwer und wollen zufallen. Man hat ein Ruhebedürfnis, will abschalten, sich entspannen, nichts mehr tun, will sich hinlegen. Müdigkeit ist für viele Menschen zunächst einmal ein körperliches Empfinden. Man fühlt sich schlapp und kraftlos und möchte sich ausruhen. Aber auch geistige und gefühlsmäßige Empfindungen werden bei Müdigkeit erlebt, so zum Beispiel, dass die Konzentration und Aufmerksamkeit nachlassen, oder dass man leichter gereizt reagiert.

Beispiele für körperliche Müdigkeit:

«Ich bin schlapp, habe keine Energie mehr, keine Kraft in den

Händen. Es reicht für heute.»

«Ich bin völlig erschöpft. Ich kann nicht mehr. Bin komplett fertig,

fühle mich wie zerschlagen.»

Beispiele für geistige Müdigkeit:

«Ich finde die Worte nicht mehr, kann nicht mehr zuhören, kann

keinem Gespräch mehr folgen. Ich vergesse, was ich eigentlich

sagen wollte.»

«Alles verschwimmt vor meinen Augen, ich kann mich nicht mehr

konzentrieren.»

Beispiele für die Gefühlslage bei Müdigkeit:

«Wenn ich müde bin, werde ich ungeduldig und leicht reizbar,

obwohl ich normalerweise ein sehr ausgeglichener Mensch bin.»

«Ich will mich zurückziehen, von der Welt nichts mehr wissen, mir

keine Probleme mehr anhören.»

Im Unterschied zu allgemeiner Müdigkeit steht der Begriff der krebsbedingten Erschöpfung oder «Fatigue» für eine Reihe von Zuständen, die durch extreme Müdigkeit, Erschöpfung, Schwäche, Mattigkeit, Motivations- und Antriebslosigkeit, Kraft- und Energielosigkeit gekennzeichnet sind. Diese Zustände können sich in einer Funktionsminderung auf geistiger und körperlicher Ebene äußern. Da es in der deutschen Sprache für diese umfassende Bedeutung keinen entsprechenden Begriff gibt, setzt sich die Verwendung des Fremdwortes zunehmend durch. Fatigue kann im Zusammenhang mit unterschiedlichsten körperlichen oder seelischen Erkrankungen vorkommen. Bei einigen dieser Krankheiten zählt Fatigue zu den Symptomen, die die Patienten am meisten beeinträchtigen.

Unser Ratgeber beschäftigt sich nur mit Fatigue, die im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auftritt. Bei vielen Patienten tritt diese scheinbar unbeeinflussbare Erschöpfung auch noch lange Zeit nach der Krebsbehandlung auf und stellt für sie ein großes Problem dar. Die Krebsbehandlung geht für viele Patienten mit erheblichen Begleiterscheinungen einher, wie zum Beispiel Übelkeit oder schweren Infektionen. Auch Fatigue tritt in dieser Phase bei fast allen Patienten auf. Jedoch werden die Beschwerden dann meist als Begleiterscheinungen der Behandlung hingenommen und nicht weiter beachtet. Nach Abschluss der Therapie bleibt die Fatigue bei etwa einem Drittel aller Krebspatienten bestehen. Nun möchten die Patienten aber wieder ins normale Alltags- und Arbeitsleben zurück; oft erwarten die Partner, Freunde und Arbeitskollegen dies auch von ihnen.

Tabelle 1-1: Müdigkeit bei Gesunden und Fatigue bei Krebspatienten

Müdigkeit bei Gesunden

Fatigue bei Krebspatienten

Müdigkeit wird als Folge von körperlicher oder geistiger Anstrengung erfahren.

Fatigue kann auch ohne vorherige Anstrengung auftreten, manchmal plötzlich und unvermittelt, ohne vorherige Anzeichen.

War die Anstrengung nach dem eigenen Empfinden groß, dann folgt daraus auch eine stärkere Müdigkeit als bei einer geringeren Anstrengung.

Fatigue kann völlig unabhängig von der Stärke der Anstrengung auftreten.

Müdigkeit ist abhängig von der Tageszeit: Nach dem Mittagessen und am Abend wird Müdigkeit als natürlich empfunden.

Fatigue kann zu jeder Tageszeit auft reten.

Müdigkeit kann durch Ausruhen und Schlaf behoben werden.

Fatigue wird durch Ausruhen und Schlaf langfristig eher verschlimmert. Fatigue wird als unbeeinflussbar erlebt.

Müdigkeit wird als vorübergehend erlebt.

Fatigue wird als dauerhaft oder regelmäßig auftretend erlebt.

Müdigkeit wird als wohlige angenehme Empfindung erlebt.

Fatigue wird als unangenehme Begleiterscheinung zu Erkrankungen erlebt.

Menschen im sozialen Umfeld von Patienten mit Fatigue reagieren manchmal mit Unverständnis auf die Beschwerden der Betroffenen. Oft wird gesagt, dass man auch müde ist und sich dann einfach zusammenreißen muss. Dabei bestehen zwischen dem Empfinden von Müdigkeit bei gesunden Menschen und dem Empfinden von Fatigue bei Krebspatienten große Unterschiede (s. Tab. 1-1).

In den Berichten von Krebspatienten mit Fatigue treten diese Unterschiede immer wieder deutlich hervor. Als ein Beispiel, das für viele Betroffene steht, soll an dieser Stelle eine Patientin zu Wort kommen, die mit ihren eigenen Worten Fatigue beschreibt.

Frau D. berichtet:

«Als ich aus der Reha kam, dachte ich, jetzt hätte ich es geschafft, ich könnte den Krebs hinter mir lassen und wieder mein Leben leben. Ich hatte so viel vor und wollte so viele Dinge machen, für die ich während meiner Erkrankung keine Zeit und auch keine Kraft hatte, der Krebs ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Aber ich wollte auch Neues beginnen, wofür ich mir vor meiner Erkrankung keine Zeit genommen hatte – endlich mal etwas für mich selbst tun, den Garten wieder in Schuss bringen und Aquarellmalen, mit dem ich in der Klinik begonnen hatte.

Aber es kam alles anders. Statt fit und voller Lebenslust zu sein, war ich ständig müde, konnte mich auf nichts konzentrieren und selbst ein Telefonat mit einer lieben Freundin war mir manchmal zu viel. Anfangs dachte ich noch, das gibt sich wieder, das liegt an der Umstellung auf den Alltag. Auch mein Arzt sagte mir, dass das besser wird, ich solle mich halt ein wenig ausruhen, und schrieb mich vorerst einmal krank. Aber als es auch nach drei, vier Wochen nicht besser wurde, dachte ich, dass es vielleicht auch ein Zeichen dafür sein könne, dass der Krebs wieder da ist. Doch die Untersuchungsergebnisse waren – zum Glück – in Ordnung. Danach habe ich versucht, die Müdigkeit zu ignorieren und mich gezwungen, die Sachen, die ich mir für einen Tag vorgenommen hatte, auch zu erledigen. Mit dem Ergebnis, dass ich meist schon mittags völlig erledigt auf der Couch lag und mich am liebsten gar nicht mehr bewegt hätte. Selbst zehn Stunden Schlaf brachten mir keine Erholung.

Meine Familie mahnte mich immer wieder, ich solle mehr Geduld haben, schließlich habe ich eine schwere Zeit hinter mir, und dies könne man eben nicht einfach so wegstecken. Aber ich wollte keine Geduld mehr haben, ich hatte jetzt lange genug geduldig immer wieder gewartet – auf Untersuchungsergebnisse, auf die Therapie, auf die Nebenwirkungen, auf einen neuen Chemotherapie-Zyklus, die OP, wieder Ergebnisse und so weiter. Ich wollte nicht mehr warten, ich wollte endlich wieder am Leben teilhaben und das alles hinter mir lassen. Meine Tochter hat dann im Internet recherchiert und herausgefunden, dass viele Krebspatienten nach Abschluss der Therapie unter ähnlichen Symptomen leiden wie ich, die unter dem Begriff Fatigue zusammengefasst sind. Ich hatte zwar in der Klinik auch schon einmal davon gehört und war während der Erkrankung auch oft sehr erschöpft, ich dachte aber, das sei nach der Reha vorbei. Schließlich ist doch der Krebs jetzt weg. Das hat mir niemand gesagt, dass die Erschöpfung...



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