E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Reimann / Drescher / Weiske Grüß Amsterdam
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8412-1665-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Briefwechsel 1956-1973
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1665-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'So eine Freundin wie Du fehlt mir jetzt ganz besonders', schreibt Brigitte Reimann 1969 an Irmgard Weinhofen ins ferne Amsterdam, und dann vertraut sie ihr all das Traurige an, was ihr gerade widerfahren ist. Die Briefe, die sie einander in bösen wie in guten Zeiten schicken, zeugen von einer besonders innigen Freundschaft, der auch die räumliche Entfernung nichts anzuhaben vermag. Als Brigitte Reimann kaum mehr selbst schreiben kann, übernehmen es Freunde, Irmgard Weinhofen von ihrem Krankenlager zu berichten. So fügt diese Korrespondenz bisher unbekannte Bausteine zur 'Eine Freundin, für die es keine Nachfolge gegeben hat', sagt Irmgard Weinhofen über Brigitte Reimann, die sie seit 1948 kannte. Als Irmgard Weinhofen einen Niederländer heiratete und nach Amsterdam zog, bedeuteten Brigitte Reimann ihre lebendigen Berichte einen Blick in jene Welt, die ihr nicht zugänglich war. Wie die Freundin sich in den fernen Niederlanden durchschlug, verfolgte sie mit Bewunderung und der Neugierde der Autorin, die einen Romanstoff witterte. Sie selbst schrieb ihr oft ausführlicher über Privates, Klatsch, Kulturpolitik und Manuskripte, als sie das bei anderen Briefpartnern oder in ihren Tagebüchern tat. Mal übermütig, mal verzweifelt, mal verschwörerisch - diese Briefe dokumentieren die Freundschaft zweier temperamentvoller, begeisterungsfähiger, leidenschaftlicher Frauen über Ländergrenzen hinweg.
Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg bei Magdeburg, war seit ihrer ersten Buchveröffentlichung, 'Die Frau am Pranger' (1956), freie Autorin. Mit 'Ankunft im Alltag' (1961) gab sie der 'Ankunftsliteratur' ihren Namen. Ihr Roman 'Die Geschwister' (1963) über die gerade vollzogene deutsche Teilung war eines der meistdiskutierten Bücher jener Zeit. Mit nur 39 Jahren starb die Autorin in Berlin-Buch an den Folgen einer Krebserkrankung.
Veröffentlichungen: 'Ankunft im Alltag' (1961), 'Die Geschwister' (1963), 'Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise' (1965), 'Franziska Linkerhand' (1974). Außerdem die Briefwechsel mit Christa Wolf, 'Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen 1964-1973' (1993), mit Hermann Henselmann, 'Mit Respekt und Vergnügen' (1994), 'Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf. Briefe an eine Freundin im Westen' (1995) und mit Irmgard Weinhofen, 'Grüß Amsterdam. Briefwechsel 1956-1973' (2003), sowie die Tagebücher 'Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963' (1997) und 'Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-1970 (1998); 'Ich bedaure nichts. Mein Weg zur Schriftstellerin 1955 bis 1970' (Neuausgabe 2023). Aus dem Nachlass: 'Das Mädchen auf der Lotosblume. Zwei unvollendete Romane' (2003). Zuletzt erschienen 'Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern' (2008), 'Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe' (2018) und 'Katja. Erzählungen über Frauen' (2024).
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38 Brigitte Reimann an Irmgard Weinhofen
Hoy, 24. 10. 66
Liebes Irmchen,
endlich, endlich hast Du also geschrieben – und endlich komme ich dazu, Dir zu antworten. Wir sind seit Wochen ausgelastet mit Buchwoche und Vorbereitung der Jahreskonferenz unseres Schriftsteller-Verbandes (eine ganz große Schaffe, vier Tage Reden etc.), und zwischen den Konferenzen und Lesungen habe ich jede Stunde genutzt, um an meinem Buch zu schreiben, denn ich hatte einen Termin, gewissermaßen Zwischenablieferung, von der allerhand für mich abhing, vor allem ein Stipendium. Für das nächste halbe Jahr werde ich also monatlich 400.– bekommen, um halbwegs gesichert an dem Roman zu arbeiten. Zu meinem Erstaunen ist mein Geld doch so allmählich alle geworden – immerhin kritzele ich an dem Buch schon seit drei Jahren (allerdings habe ich die Arbeit von einem Jahr wieder weggeschmissen), und es sieht ganz so aus, als brauchte ich noch mindestens ein weiteres Jahr. Es wird ein abendfüllender Wälzer von wenigstens 600 Seiten. Ist das nicht eine schreckliche Vorstellung (vor allem, wenn man erst auf Seite 270 ist)? Na, hundert Seiten wird der liebe Lektor streichen.
Den Brief werde ich wohl mit Unterbrechungen schreiben müssen (in einer Stunde werde ich schon wieder zu einer Lesung abgeholt), aber da vor Mitte November sowieso keine Ruhe ist … Du schreibst, daß ihr in Polen wart, und setzt voraus, daß ich weiß, wie es heute in Polen aussieht. Aber ich weiß nicht mehr als das, was man so durch die Literatur erfährt, und allzu viele polnische Bücher erscheinen bei uns nicht, jedenfalls gemessen am Angebot, und was man ab und zu in der Zeitung liest, ist doch recht mager. Wenn wir wieder Geld haben, wollen wir auch mal rüberfahren, denn für Jon ist es auch ein Stück Heimat; er ist zwar in Berlin geboren, aber seine Familie stammt aus Masuren, und er hat dort seine Kinderjahre verbracht, genug, um sich für sein ganzes Leben eine hübsche masurische Malaria zu holen, die ihn zuweilen heimsucht (dort gibt es viele Sümpfe und die dazugehörigen Mücken, nicht wahr?) Es muß für Dich sehr merkwürdig gewesen sein, nach so vielen Jahren noch einmal dorthin zurückzukehren, wo Du Deine Kindheit verbracht hast. Ich weiß nicht, ob es besser oder schlimmer ist, wenn man alles so ganz unverändert vorfindet …
Ich hoffe sehr, daß Du Deine seltsame Krankheit überwunden hast – so weit das überhaupt möglich ist, denn manchmal habe ich das Gefühl, Du hast die Übersiedelung nach Holland niemals innerlich ganz bewältigt. Vielleicht kommt in diesen Angstgefühlen und Herzbeschwerden ein verdrängtes Heimweh zum Ausbruch, oder Dir fehlt – so glücklich ihr beide seid – doch etwas, vielleicht, wer weiß, ein Kind. Ich denke oft darüber nach, und dann scheint es mir, als ob man als Frau eben doch bloß halb ist, wenn man kein Kind hat, als ob einem gewisse Gefühlsqualitäten fehlen. Ich weiß nicht, ob die Arbeit Ersatz dafür ist – selbst dann, wenn man einen so schönen, schweren und, ziemlich großartig gesagt, schöpferischen Beruf hat wie ich. Kann sein, daß es einem später bitter leid tut, aus welchen Gründen auch immer auf diese Sorte von Glück verzichtet zu haben. Wenn ich sehe, wie glücklich meine Geschwister sind …
6. 11.
Liebes Irmchen, Du siehst, es hat eine große Pause gegeben. Vorgestern nacht bin ich erst wieder nach Hause gekommen, ganz zerschlagen, und habe mich einen Tag lang durch Reinemachen erholt. Erst die Woche des Buches, jeden Tag in einer anderen Stadt; im allgemeinen sind die Lesungen sehr erfreulich, und ich bin immer wieder überrascht, wieviele Leute meine Bücher lesen. Nur einmal gab es einen unangenehmen Zwischenfall mit einer Dame von der SED-Bezirksleitung, so einem dogmatischen Überbleibsel, die meine Geschichte völlig verdrehte und allerlei Verdächtigungen ausspie – aber da verteidigten mich die anderen Zuhörer, die jungen Leute. In einer Medizinischen Schule bin ich so vielen klugen und hübschen Mädchen begegnet, daß ich ganz glücklich war. Ach ja, es lohnt sich schon, zu schreiben, wenn man spürt, wie die Arbeit bei anderen ein Echo findet, und obgleich ich vor jeder Lesung eine Heidenangst ausstehe, bin ich hinterher immer ermutigt und zuversichtlich.
Gleich hinterher war der große Jahreskongreß vom Schriftsteller-Verband. Drei Tage Reden … Na schön, sehr ergiebig war das Ganze nicht; die interessanten Schriftsteller meldeten sich nicht zu Wort. Mir scheint, daß die Parteiführung versuchte, wieder in Übereinstimmung mit den Künstlern zu kommen, ohne die Linie des 11. Plenums zu verlassen. Das sind diffizile Dinge, über die man schwer schreiben kann, weißt Du – als kleinbürgerliches Element schwanke ich ständig zwischen Ablehnung und Bejahung der Parteistandpunkte, vielleicht deshalb, weil ich hier an der Basis die Auswirkungen mancher Beschlüsse und Reden auf widerliche Weise zu spüren bekomme. Anderseits muß ich der Partei in einigen ›Grundfragen‹ Recht geben, das ist nicht anders möglich für jemanden, der den Sozialismus bejaht. Nur über die Machart, bitte sehr, möchte ich nachdenken und streiten und streitend schreiben dürfen. Was hindert uns, frage ich mich, wahnsinnig aufregende Bücher über unser Land zu schreiben, die auch im Westen gelesen werden? Oft vergißt man über tausend Ärgernissen, was für ein kühnes Unternehmen es ist, eine Gesellschaftsordnung nach Plan und wissenschaftlichen Überlegungen aufzubauen – aber diese Ärgernisse sind nun mal da und drohen einen aufzureiben. Man kann revolutionären Elan noch so oft von Tribünen verkünden – im Alltag, heute, wirkt er anachronistisch, beinahe komisch. Warum? Ich weiß nicht. Du mußt bloß mal zuhören, wenn Leute meiner Generation zusammensitzen und auf die ersten Jahre zu sprechen kommen: dann verklären sich sogar die Härten und Entbehrungen jener Zeit und wir blicken darauf zurück wie auf große Abenteuer – während wir in einem Interhotel sitzen, satt und gut angezogen, Westzigaretten rauchen und einen französischen Kognac trinken. Für jemanden, der nach zehn Jahren wieder in die DDR kommt, ist es sicher beeindruckend, zu sehen, was für einen Lebensstandard wir erreicht haben – zumal wenn er Geld hat, im Exquisit oder HO ›delikat‹ zu kaufen, wo es Westkaffee, Dujardin und Oliven und Gott weiß was gibt. Aber die sozialen Unterschiede sind krasser geworden, und sozialistische Tugenden verkümmern. Vielleicht haben wir uns damals ein illusionäres Bild zurechtgemacht … Wer trennt sich schon gern von seinen Idealen? Für mich ist Schreiben auch eine Sache des Gewissens, und mein Gewissen sendet jetzt Alarmzeichen. Ich gehöre zu beiden Welten, sitze im Interhotel (wenn auch, zur Zeit, ohne französischen Kognac, weil ich von einem mageren Stipendium lebe) und wohne in einem Mietshaus neben Arbeitern, den sogenannten einfachen Menschen. Da beobachte ich vieles, was mich bedrückt, womit ich nicht fertigwerde. Aber das ist ein weites Feld, und ich fürchte immer, mich mißverständlich auszudrücken, wenn ich das alles auf ein paar Sätze reduziere. In einem Buch, anhand einer Geschichte, kann man das erst richtig untersuchen und abwägen. Vor allem muß man versuchen, selbst auf anständige Weise zu leben: man kann eben nicht zur Honorarkasse gehen und hinterher herumsitzen und auf den Staat und seine Intoleranz in künstlerischen Fragen schimpfen.
Ich habe schon immer mehr in der Stille gelebt, d. h. weit weg von Berlin und in dem Alltag meiner Stadt, ich habe mich auch nicht an Diskussionen beteiligt oder Stellungnahmen geschrieben. Wozu auch? Was ich zu sagen habe, sage ich in meinem Buch. Diese Zurückgezogenheit dient zwar nicht der publicity, aber der Besinnung, und das ist entschieden besser. Vielleicht werde ich in der nächsten Zeit ein paar Szenen aus dem Buch zum Vorabdruck geben; im Dezember lese ich auch mal im Rundfunk, aber das ist schon alles. Das Buch macht mir jetzt furchtbare Schwierigkeiten, weil der Verlag wunder was erwartet, und ich weiß, daß ich diese Erwartungen einfach noch nicht erfüllen kann. Vielleicht im nächsten Roman …
Du fragst mich nach Büchern, liebes Irmchen. Sicher meinst Du doch Bücher von uns, über uns – französische, schweizerische, englische Literatur bekommst Du ja gewiß in Holland. (Wir werden seit einiger Zeit mit Belletristik aus dem Ausland sehr gut versorgt – das Angebot ist vielseitig, ich kann nicht mal alles kaufen, obgleich ich wenigstens ein Drittel meines Stipendiums für Bücher ausgebe). Bei uns ist im letzten Jahr nichts Bemerkenswertes erschienen außer Hermann Kants ›AULA‹, die Furore gemacht hat, leider kaum eine durchdachte Kritik bekommen hat, sondern bloß Lobeshymnen. Ich finde, daß es dem Buch –
so bestechend es ›gemacht‹, so gescheit und witzig es ist – an Tiefe und an Schärfe in der Auseinandersetzung mit allen möglichen Problemen unserer Vergangenheit und Gegenwart fehlt, aber das wirst Du selbst sehen, weil Dir die Zeit, in der der Roman spielt, noch genau erinnerlich ist, nehme ich an. Ich werde Dir das Buch in den nächsten Tagen schicken. Hast Du schon Strittmatters ›Ole Bienkopp‹ und ›Die Spur der Steine‹ von Erik Neutsch? Schreib mir das bitte, ich werde dann versuchen, noch Exemplare für Dich zu bekommen (die Auflagen sind immer wieder sehr schnell vergriffen).
So, und nun will ich endlich schließen und mich wieder an mein Buch ranpirschen, das ich in den letzten aufregenden Wochen ein bißchen aus dem Auge verloren habe. Schreib mir bald wieder! Inzwischen wünsche ich Dir von Herzen, daß Du ganz gesund wirst. Mein lieber Herr Jon läßt Dich und Freddy grüßen.
Mit vielen herzlichen Grüßen
Deine...




