E-Book, Deutsch, Band 2, 316 Seiten
Reihe: Tick, Tock ... tot.
Reinhardt Neun, Zehn ... ich will dich sterben seh'n
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96714-294-5
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 2, 316 Seiten
Reihe: Tick, Tock ... tot.
ISBN: 978-3-96714-294-5
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In nächtlicher Stille, ein einsamer Schrei.
Es brach in der Mitte ein Satz entzwei.
Fallende Splitter mit nur einem Hieb.
Es tobte die Nacht – die ihr nur noch blieb.
Die Spiegelglassplitter zerschnitten sie kalt.
Eiskalt die Hände – ein Schatten macht Halt …
In einer Selbsthilfegruppe wollen traumatisierte Frauen ihre durch Gewalt geprägte Vergangenheit verarbeiten – stattdessen werden sie zum Ziel eines bestialischen Mörders. Als die erste Leiche gefunden wird, schrillen bei Mathias Kron sofort sämtliche Alarmglocken: Zwei Jahre zuvor hat der Kriminalkommissar einen Täter mit demselben Modus Operandi hinter Gitter gebracht. Zu seinem Entsetzen erfährt Kron, dass dieser wieder auf freiem Fuß ist. Will der Mörder nun zu Ende bringen, was er damals begonnen hat?
Doch was ein einfach zu lösender Fall sein sollte, entpuppt sich schnell als perfides Katz-und-Maus-Spiel eines gerissenen Wahnsinnigen, der Kron immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Der Kriminalkommissar muss all sein Können und seine Erfahrung einsetzen, denn mit den Ungereimtheiten in dem Fall häuft sich auch die Zahl der Opfer. Neun … Zehn …
Ein weiterer perfider Psychothriller von Bestseller-Autorin Andrea Reinhardt, in dem Kriminalkommissar Mathias Kron erneut in die Abgründe der menschlichen Seele blicken muss.
Autoren/Hrsg.
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1 SEPTEMBER 2020
Marion lief mit einem mulmigen Gefühl durch die Bubenheimer Fleche in Lützel. Es war mittlerweile so spät, dass nur noch der Halbmond dem Himmel etwas Licht spendete. Die Straßenlaternen warfen spärlich Beleuchtung auf den Weg ab, doch was sich hinter den Sträuchern und Bäumen versteckte, konnte sie nicht sehen. Die Schnelligkeit ihrer Schritte nahm mit der aufsteigenden Angst zu. Eben noch war sie voller Adrenalin und Glückshormone, sodass sie gar nicht richtig überlegt und den Weg durch den dunklen Park gewählt hatte. Seit Jahren war sie nicht mehr so unvernünftig, nachdem sie von dieser Männergruppe überfallen worden war. Sie mied immer Wege, die ihr nicht geheuer vorkamen oder auf denen Gefahren lauern könnten. Doch nun hastete sie durch die schwarze Nacht, hörte ihren schnellen Atem, ihr rasendes Herz und das Knirschen der Kieselsteine. Bildete sie es sich nur ein, dass das zermalmende Geräusch der Steinchen nicht nur von ihr kam? Ruckartig hielt sie an und drehte sich um, sah in die tiefe Dunkelheit und erwartete, dass jemand aus ihr heraussprang, sie an der Kehle packte und zudrückte. Natürlich bleibst du dann stehen und präsentierst dich dem Triebtäter gänzlich. Wie die Opfer in Filmen, die ein Geräusch hören und nach dem Eindringling Ausschau halten, um ihm direkt in die Arme zu laufen. Nichts geschah. Auch das Knirschen war weg. Einzig ihr stoßender Atem war zu hören. Über Marions Rücken krabbelte ein eiskalter Schauer. Obwohl sie im Park auf der Rasenfläche kaum etwas erkennen konnte, drehte sie sich einmal im Kreis und lief dann weiter. Ganz ruhig, es ist nur deine Angst, die dir diesen Horror einredet. Hier ist niemand. Marion versuchte sich alles Mögliche einzureden, um sich zu beruhigen, doch es funktionierte nicht. Ihr Herz schlug gegen ihre Brust, als wollte es sich befreien. Sie umschlang ihren Oberkörper und lief noch schneller. Dann hörte sie wieder das Knirschen der Steine hinter sich und war sich sicher, dass es nicht von ihr kam. »Verschwinde, du Dreckschwein«, plärrte sie in die Nacht. Wie konnte sie nur so dumm sein, durch den Park zu laufen? Hektisch kramte sie in ihrer Handtasche, griff nach dem Schlüsselbund und nahm den längsten Schlüssel davon zwischen ihren Zeige- und Mittelfinger. Gewillt, ihn in die Augen desjenigen zu rammen, der es wagte, sie anzugreifen. Erneut lauschte sie in die Stille. Das Rauschen ihres Blutes übertönte jegliches Geräusch. Doch sie spürte es in ihrem Rücken. Etwas Machtvolles und Böses. Marion dachte an Edwin, der die Frauen immer ermutigte, in schwierigen Situationen, die ihnen Angst oder Wut bereiteten, ihr inneres Kind zu fragen, was es tun würde. Fast musste sie lachen. Ihres würde vor lauter Panik schreien, weinen und in die Hose pinkeln. Seine Idee war nicht schlecht und hatte ihr das eine oder andere Mal auch geholfen, nicht zu verzweifeln. Aber was war in solch einer Notsituation? Was sollte sie machen? Sich auf den Boden setzen und nach ihrer Mutter schreien? Den Angreifer anspucken, treten? Gott, hör auf damit. Bis jetzt hat dich gar keiner angegriffen. Sie entschied, sich zusammenzureißen und schnurstracks nach Hause zu laufen. Marion fuhr zusammen und fasste sich an die Brust, als das Piepen ihres Handys durch die Nacht schrillte. Meine Güte, bist du bescheuert. Sie holte das Smartphone aus ihrer Jackentasche und ärgerte sich, dass sie nicht gleich darauf gekommen war. Sie hätte jemanden anrufen sollen. Es gab doch diese Heimwegtelefonanbieter, mit denen man telefonieren konnte, wenn man sich unwohl fühlte. Sie sah auf das Display. Die Nachricht war von ihrem Sohn. ›Mama, wo bist du?‹ Schnell tippte sie auf den grünen Hörer. David nahm nach dem ersten Klingeln ab. »Wo bist du denn? Ich mache mir schon Sorgen.« »Ich bin auf dem Heimweg, es ist etwas später geworden.« »Warst du etwa wieder bei ihm?«, fragte ihr Sohn, und seine Stimme hatte dabei angewidert geklungen. »David, er tut mir gut. Ohne ihn würde ich mich heute noch im Zimmer verkriechen.« Ihr Sohn wusste, dass er aus einer Vergewaltigung stammte. Marion war offen mit ihm umgegangen, sobald er in einem Alter gewesen war, in dem er es verstehen konnte. Seitdem war er ihr Beschützer und ließ sie ungern alleine losgehen. »Ich finde es nicht gut, er nutzt dich doch nur aus.« »Das ist Unsinn, Schatz. Die Selbsthilfegruppe hilft mir. Ich kann mich mit den anderen Frauen austauschen. Die haben alle grausame Dinge überlebt und verstehen mich am besten.« »Hast du dich mal gefragt, ob die auch manchmal länger bleiben?« Marion runzelte die Stirn, und zeitgleich glühten ihre Wangen. »Was meinst du damit?« »Du bleibst oft länger als die anderen, warum?«, fragte David vorwurfsvoll. »Weil er manchmal auch Einzelgespräche führt«, log sie. »Aha«, erwiderte ihr Sohn. »Wo bist du jetzt?« »Ich gehe gerade an der Bubenheimer Fleche vorbei und bin gleich am Friedhof. Ich beeile mich.« »Ich komme dir entgegen, du solltest dort nicht allein laufen.« Marion war froh, dass er das vorhatte. Denn sie hatte noch ein ganzes Stück vor sich. »Aber das musst du nicht«, sagte sie trotzdem. »Ich geh jetzt los.« Ihr Sohn legte auf. Marion lief weiter Richtung Ausgang. Der Anruf hatte sie von ihrer Angst etwas abgelenkt, sie fühlte sich wohler und war zuversichtlich, unbeschadet nach Hause zu kommen. Die ganzen Geräusche waren nur der Fantasie entsprungen, die ihr ihre Angst eingeredet hatte. Zudem würde ihr Sohn gleich bei ihr sein, dann wäre alles gut. Mit dem Gedanken an Edwin steuerte sie die letzten Meter an. Gleich würde sie auf die Andernacher Straße gelangen. Und wenn sie erst über den Bahnsteig drüber war, würde sie sich besser fühlen, denn dort war es gut beleuchtet, und es standen Häuser. Ihre sich selbst mutmachenden Worte beruhigten sie nicht lange, denn sie vernahm schon kurz danach ein neues Geräusch. Dieses Mal glaubte sie, jemanden atmen zu hören. Fast stöhnend, so als würde derjenige Schmerzen beim Laufen haben. Ruckartig drehte sie sich um, sah aber niemanden. Als sie weiterging, stand plötzlich eine dunkle Gestalt mit etwas Abstand vor ihr. Sie kniff die Augen zusammen, um die Person erkennen zu können, doch sie sah nichts außer dem Umriss. »David, bist du das?«, rief sie ins Schwarze. Ihr Herz raste, das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie bekam keine Antwort. Stattdessen näherten sich ihr die Schritte unaufhaltsam. Schwer und donnernd. Marion kehrte um und rannte los. Zurück in die Bubenheimer Fleche. Überlegte, sich hinter einem Baum im Lützeler Volkspark zu verstecken. Dort standen so viele davon, dass der Mann, von dem sie glaubte, dass es einer war, sie lange suchen müsste. Da sie überhaupt nicht klar denken konnte, wählte sie kurzerhand den Weg über die Rasenfläche. Hastete über den unebenen Boden, hinein in den Wald. Hinter einer breiten Tanne, die von weiteren buschigen Sträuchern umgeben war, hockte sich Marion hin und schloss die Augen. Bitte lieber Gott, hilf mir. Ein leises Schluchzen entwich ihrer Kehle. Schnell presste sie ihre Hände auf den Mund, damit sie ihr Atmen unterdrücken konnte. Es war ein grausames Gefühl. Ihr Herz überschlug sich, sie glaubte fast, es würde ihr Versteck verraten, so laut schlug es. Und dann schnitten die Rufe ihres Sohnes durch die Nacht: »Mama?« Sie klangen noch weit entfernt. Zitternd hockte sie in dem Busch, verzweifelt, weil sie nicht wusste, was sie tun sollte. Auf sich aufmerksam machen? Doch dann würde es auch der andere hören, der viel näher an ihr dran war. Sie lauschte und vernahm schleichende Bewegungen durch die Blätter. Weinend schüttelte sie den Kopf und betete. Ich bin hier, David. »Mama, wo bist du?«, schrie er erneut. Sie könnte schier durchdrehen, sich das Herz aus der Brust reißen, weil es so dagegendrückte. »Verdammt, Mama, nun antworte mir!« Die Stimme hatte voller Sorgen geklungen, doch was Marion mehr beunruhigte, war, dass sie sich von ihr entfernte. Nein, nein, nein, bitte nicht. Marion musste sich schnell entscheiden und wählte, ihm zu antworten und dann wegzurennen, um sich woanders zu verstecken. Doch in dem Moment, als sie diesen Entschluss gefasst hatte, strahlte ein Licht an ihren Schuhen vorbei. Sie zog die Beine weiter an ihren Körper heran, umklammerte sie mit ihren Armen und hielt die Luft an. Äste knackten unter seinen Schuhen, Laub raschelte, und sein Atem kam immer näher. Marion presste die Augen zu und betete. Er wird dich nicht sehen. Doch er würde, denn plötzlich verstummten die Schritte. Es war still. Trotz der raschelnden Baumkronen, die durch den Wind angestoßen wurden. Trotz des tiefen Atems dieser Gestalt genau vor ihr war es so still, dass es unerträglich war. Sie öffnete ihre Augen einen Spalt und sah auf ein Paar schwarze Stiefel. Schuhe, die sie kannte, angestrahlt von dem schwachen Licht der Taschenlampe. Wie erstarrt sah sie nach oben. Sie konnte das Gesicht nicht erkennen, weil die Taschenlampe sie blendete. Nun hatte sie nichts mehr zu verlieren...




