E-Book, Deutsch, Band 3, 256 Seiten
Reihe: Tick, Tock ... tot.
Reinhardt Sieben, Acht ... blutig ist die Winternacht
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96714-391-1
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 3, 256 Seiten
Reihe: Tick, Tock ... tot.
ISBN: 978-3-96714-391-1
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stille Nacht, dunkle Nacht,
lange Schatten, das Böse erwacht ...
Anja weiß, in ihrem Zuhause stimmt etwas nicht. Ihr Ehemann verbringt schlaflose Nächte und scheint etwas zu verbergen. Ihr Pflegesohn Henry wird von seiner Vergangenheit verfolgt, und ihre Tochter Lili kommuniziert nur über Puppen. Doch als Lili mit ihren Puppen einen brutalen Mord nachstellt, der kurz darauf Schlagzeilen macht, gefriert Anja das Blut in den Adern.
Kriminalkommissar Mathias Kron sieht sich mit schaurigen Tatorten zu festlicher Kulisse konfrontiert. Männer, Frauen, Kinder, Familien – der Mörder hat keine Skrupel und ganz offensichtlich eine persönliche Rechnung mit dem Weihnachtsfest offen.
Anja und Kron arbeiten auf ihre eigene Weise beide gegen die Zeit, um die blutige Wahrheit hinter den Morden aufzudecken. Und beiden stellt sich die Frage: Wer kann wirklich als unschuldig betrachtet werden, wenn aus der schönsten Zeit des Jahres ein perfider Albtraum wird?
Wenn die Glocken läuten und Schneeflocken fallen, verwandelt Bestsellerautorin Andrea Reinhardt die Weihnachtsfreude mit ihrem neuesten Psychothriller in puren Schrecken.
Autoren/Hrsg.
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1 24. DEZEMBER 2006
Ich saß in meinem Zimmer und sog den Geruch der frischgebackenen Plätzchen ein. Es erinnerte mich an den letzten Schultag, weil meine Lieblingslehrerin Frau Rommert den Schülern Kekse mitgebracht hatte. Und bei dem Gedanken an diesen Tag musste ich fast weinen. Alle Kinder freuten sich auf die Ferien, ich aber wäre gern bei meiner Lehrerin in der Schule, anstatt bei Papa. Sie behandelte mich seit Mamas Tod immer gut. Manchmal nahm sie mich in den Arm und sagte, dass es in Ordnung sei, wenn ich weinen musste. Bei Papa war das nicht so. Der schimpfte mich aus und nannte mich ›Heulsuse‹ oder ›Waschlappen‹. Weihnachten mit Frau Rommert wäre so viel schöner. Ich würde lieber mit ihr lachen, statt bei Papa zu sein, der immer voller Wut war. Das Fest letztes Jahr war grausam gewesen. Papa hatte nach Mamas Tod eine neue Frau gefunden und sie wenige Tage vor Heiligabend mitgebracht. Aber diese Frau war am vierundzwanzigsten Zwölften gestorben, nachdem Papa sehr böse auf sie geworden war. Mich schüttelte es, denn ich konnte ihre Schreie noch immer hören. Sie waren so schrill und schmerzerfüllt gewesen, dass sie meine Seele zerbrochen hatten und ich sie nie wieder vergessen konnte. Sie verfolgten mich jede Nacht. Mama und diese Frau waren an einem Heiligen Abend in unserem Haus gestorben, deshalb hatte ich Angst vor Weihnachten. Am liebsten hätte ich das Frau Rommert erzählt, aber das durfte ich nicht, weil Papa mich sonst in der Luft zerfetzen würde. Ein neuer Duft nach Zimt und Teig strömte in mein Zimmer, und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Vorsichtig schlich ich in die Küche und hoffte, dass ich ein wenig von dem rohen Teig probieren durfte. Mama hatte es mir immer erlaubt. Ich mochte den am liebsten, wenn er noch nicht gebacken war. Ich brauchte auch nicht die ganzen bunten Streusel darauf. Aufgeregt beobachtete ich Mara, die Papa in diesem Jahr geholt hatte. Sie stand an der Arbeitsplatte und rührte in einer großen Schüssel. Auf dem Tisch lag ein Backblech, auf dem die ausgestochenen Plätzchen in Herz- und Sternform nebeneinander aufgereiht waren. »Hallo Mara«, flüsterte ich, weil ich etwas Angst hatte, wie die Frau war. Ich hatte noch nicht so viel mit ihr gesprochen, weil sie erst zwei Tage bei uns war und ich die meiste Zeit im Zimmer bleiben musste. Sie schaute mich an, ihre Augen waren rot. Hatte sie etwa geweint? »Du sollst mich nicht Mara nennen. Du weißt, dass dein Vater dann sauer wird.« Ich senkte beschämt den Kopf. »Entschuldigung.« Ich wollte sie nicht ›Mama‹ rufen, denn sie war nicht meine Mutter. Aber Papa zwang mich dazu. Er wollte unbedingt, dass wir endlich wieder eine glückliche Familie wurden. Mara streichelte mir über den Kopf. »Ich verstehe, dass es für dich nicht so einfach ist. Das ist es für mich auch nicht. Aber wir wollen deinen Vater nicht wütend machen, oder?« Schnell schüttelte ich den Kopf, dabei tropfte eine Träne auf den Boden. Mara hatte ein blaues Auge vom Vortag, als sie versucht hatte, Papa zu verlassen, und er sie in seiner Rage verprügelt hatte. Nein, ich wollte auf gar keinen Fall meinen Vater verärgern. In diesem Moment verspürte ich den Drang, mich in ihre Arme zu schmiegen und darin zu verstecken, so wie bei Frau Rommert. Mara wirkte auch so nett, und ein bisschen sah sie sogar wie meine Lehrerin aus. »Möchtest du von dem Teig probieren?«, fragte sie mich und wischte mir die Tränen vom Gesicht. Ich grinste. »Oh ja, bei Mama durfte ich das auch immer.« »Sie ist jetzt nicht mehr deine Mutter«, dröhnte die tiefe Stimme meines Vaters hinter mir. Sie lag wie eine Drohung über mir. Ich zuckte zusammen. Starrte Mara entsetzt an, die ihre Augen aufgerissen hatte. »Er weiß das«, sagte sie hastig. Ich griff nach ihrer Hand und stellte mich ein Stück hinter sie. Mara zitterte und drückte ihre Hand so fest zu, dass ich das Gefühl hatte, sie würde meine Knochen brechen. »Anstatt hier herumzulungern, solltest du fertig werden. Ich verlange Punkt achtzehn Uhr mein verdientes Festmahl. Heute Kassler mit Sauerkraut, einmal gebraten und einmal gekocht. Dazu Kartoffelbrei. Morgen eine Pute, gefüllt mit einer Hackfleisch-Maronen-Mischung, Klöße und Rotkohl. Und am zweiten Feiertag möchte ich Roastbeef mit Remoulade und Bratkartoffeln.« »Aber ich habe kein Roastbeef, du hast mir keins mitgebracht.« Mein Vater schaute Mara mit diesem Blick an, der mich sehr nervös machte. Ich wusste, dass nicht mehr viel fehlte, bis er ausrasten würde. »Muss ich mich um alles kümmern? Ich schufte den ganzen Tag da draußen, halte unseren Garten sauber, ernte Gemüse, und du sollst mir bloß mein Essen kochen und auf das Balg aufpassen.« Mara schluchzte. »Ich bin nicht freiwillig hier«, plärrte sie plötzlich los. Ich hielt die Luft an, starrte meinen Vater an. Bitte, bitte nicht. Dieser machte einen Satz auf Mara zu, stellte sich ganz nah an sie heran. Seine Halsschlagader war hervorgetreten. »Du bist jetzt meine Frau und seine Mutter.« Er zeigte auf mich. »Und du machst, was ich dir sage. Ich will am zweiten Feiertag Roastbeef. Hast du das verstanden?« »Wo soll ich das denn holen? Dann musst du mich zum Einkaufen fahren lassen.« Papa lachte laut auf. »Na klar, damit du postwendend zur Polizei rennst und mich verrätst.« »Dann kann ich es dir nicht zubereiten.« Papa schnaufte, sein Brustkorb hob sich ganz doll. Dann packte seine große Hand Maras Hals. »Aufhören, Papa!«, schrie ich entsetzt. »Halt deinen vorlauten Mund«, erwiderte er mir. Dann drückte er Mara gegen die Wand. Sie ruderte mit den Armen, ihr Gesicht war knallrot. »Bitte, Papa, lass das. Ich habe Angst«, flüsterte ich, weil ich mich nicht traute, lauter zu sprechen. Mein Vater holte aus und schlug Mara gegen das Gesicht. Einmal, zweimal, dreimal. Mara schrie, flehte um Hilfe, und Blut lief aus ihrer Nase. Papa ignorierte ihr Flehen und riss sie mit den Haaren hinter sich her. »Ich will eine ordentliche Familie, nicht so eine ungehorsame Tussi, wie du es bist. Als ich dich hergeholt habe, habe ich dir das genau gesagt. Wie kann man nur so dumm sein?« »Es tut mir leid, ich muss das erst noch üben. Ich gewöhne mich daran.« Mara weinte. Ich hatte Mitleid mit ihr, aber ich wusste nicht, wie ich ihr helfen konnte. Ich war doch erst acht und nicht stark genug, gegen meinen Papa zu kämpfen. Wieder ertönten ihre Schreie, sie hörten sich genauso grausam an wie vor einem Jahr bei Ilona. Voller Schmerz und Panik. Papa schubste sie in den Flur und trat mit seinen dicken, schwarzen Stiefeln auf sie ein. Mara krümmte sich zusammen und legte ihre Arme über ihren Kopf. »Bitte hör auf. Ich werde ab sofort gehorchen und alles zu deiner Zufriedenheit erledigen.« »Das ist zu spät. Ich habe nicht ewig Zeit, bis du kapiert hast, was eine gute Mutter, Hausfrau und Köchin ausmacht.« Mein Vater griff nach den langen schwarzen Haaren und schleifte Mara über die Holzdielen zur Tür, die in den kalten und gruseligen Keller führte. Auf dem Weg dorthin starrte er mir in die Augen. Seine funkelten vor blankem Hass. »Geh in dein Zimmer!«, forderte er mich auf, und ich gehorchte. Ich warf noch einen Blick auf Mara, deren Körper zitterte. Sie weinte und flehte, versuchte sich aus dem Griff meines Vaters zu retten, doch ich wusste, wenn sie erst in diesem Keller landete, würde ich sie nie wiedersehen. »Bitte hol Hilfe«, wisperte Mara und schaute mich dabei intensiv an. Vater riss sie in den Keller und knallte die Tür hinter sich zu. Ich stand da wie erstarrt, konnte mich nicht bewegen. Ich hörte die schrillen, verzweifelten Schreie der Frau, die nur wenige Tage meine Mama gewesen war. Dann war Stille. Mit Tränen in den Augen eilte ich in mein Zimmer, kauerte mich auf das Bett. Mich fröstelte es, und es erklangen diese schonungslosen Stimmen, als würden die kalten Wände mit mir sprechen. Du hast wieder nur zugeschaut. Du hast sie töten lassen. Du bist ein Mörder. Das laute Knallen der metallenen Kellertür ließ mich aufschrecken. Ich hörte die dumpfen Schritte meines Vaters, das leise Klopfen an meiner Tür. Dann trat er herein. Sein weißer Pullover war blutbespritzt. Er setzte sich neben mich und streichelte mir mit der blutbeschmierten Hand über die Wange, dann über das Haar. Ich spürte die klebrige Flüssigkeit auf meiner Haut, es fühlte sich an, als brannte sie darauf. »Es tut mir leid, mein Sohn, aber du hast deine dritte Mutter verloren. Bete für sie, damit sie ihren Frieden findet.« Dann erhob er sich und ging zur Tür. »Weihnachten fällt aus«, sagte er trocken und verließ das Zimmer. Damit konnte er mich nicht traurig machen, denn ich hasste Weihnachten. So sehr, dass es von mir aus nie wieder stattfinden musste. Ich schaute in den Spiegel, der vor mir am Kleiderschrank angebracht war, und sah das dunkelrote Blut an meiner Wange. Maras Blut. Es juckte heftig, ich...




