Reinhardt / Sommer | Sizilien | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reinhardt / Sommer Sizilien

Eine Geschichte von den Anfängen bis heute
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86312-661-2
Verlag: Primus-Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Eine Geschichte von den Anfängen bis heute

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-86312-661-2
Verlag: Primus-Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Sizilien, im Zentrum des Mittelmeeres und im Brennpunkt der Kulturen gelegen, hat eine einzigartige Geschichte. Kulturell entstand hier eine unvergleichliche Mischkultur. Historisch aber ist es als eine ununterbrochene Kette der Fremdherrschaft zu beschreiben. Phöniker, Griechen, Römer, dann Byzantiner, Araber und Normannen beherrschten die Insel. Die Staufer hinterließen ihre Spuren wie dann die Spanier. Sie alle prägten die Insel, ihre Kunst und Kultur. Es gibt mächtige Tempel Groß-Griechenlands, Kirchen im byzantinisch-normannischen Mischstil, deren Kuppeln auf arabischen Einfluss hinweisen, einzigartige Barockarchitektur. Die Insel lockt bis heute mit ihrem kulturellen Reichtum und ihrer Exotik. Geschliffen formuliert führen die beiden renommierten Autoren durch die Geschichte der Insel, von der Prähistorie bis zur heutigen Situation Siziliens als vom Tourismus geliebter, von der Mafia geplagter Insel. Für den historisch Interessierten ein Erkenntnisgewinn, für den Reisenden ein Mus

Volker Reinhard ist seit 1992 Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg. Seine Expertise der italienischen Renaissance durchdringt seine Publikationen: von »Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt« (2019) bis zu »Blutiger Karneval. Der Sacco di Roma 1527« (2. Aufl. 2009). Für seine Machiavelli-Biografie erhielt er den »Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung«.

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II | Die Zeit des Werdens: Das prähistorische Sizilien Vor ungefähr 30 000 Jahren strebte die letzte große Eiszeit nach Ende des Interstadials 5 ihrem frostigen Höhepunkt entgegen. Halb Europa lag unter einem dicken Eispanzer begraben. In diese Periode fällt das erste Auftreten des modernen Menschen in Sizilien. Die Siedlungsgeschichte der Insel reicht aber noch viel weiter zurück: bis weit ins Paläolithikum, als die Vorfahren von Homo sapiens und Neandertaler erste primitive Steinwerkzeuge schufen und damit begannen, sich die Natur nach ihren Bedürfnissen zu formen. Von Anfang an vollzog Sizilien darin Entwicklungen im benachbarten Europa und Afrika nach; die Insellage brachte es jedoch mit sich, dass sich vieles jenseits der Straße von Messina erst mit gehöriger Verzögerung durchsetzte. Steinzeit Während Überreste dieser ersten Sizilianer bislang ihrer Entdeckung harren, haben sich ihre Spuren doch in Form der sogenannten Chopping Tools erhalten, Steinen unterschiedlicher Größe, von denen an zwei Seiten Späne abgehauen wurden, so dass eine zweischneidige Klinge entstand. Chopping Tools dienten ihren Benutzern – den Vorfahren des modernen Menschen und ihren Verwandten – vor gut zwei Millionen Jahren zum Schneiden, Schaben und Sägen. Mit ihnen konnten Tiere geschlachtet, Nahrungsmittel gesäubert und Werkzeuge hergestellt werden. In verschiedenen Teilen Siziliens tauchen Chopping Tools aus Quarzit, Kalk- oder Feuerstein auf. Spätere Generationen von Inselbewohnern benutzten mandelförmige Faustkeile, wie sie zuerst in den 1960er Jahren bei Grabungsarbeiten in Heraklea Minoa ans Licht kamen und seither überall auf der Insel gefunden werden. Sie sind Zeugen dafür, dass Sizilien nahezu von Anfang an am Prozess der Menschwerdung teilhatte. Vermutlich kamen die paläolithischen Sizilianer über eine Landbrücke zwischen der Insel und dem italienischen Festland, die sich während der verschiedenen eiszeitlichen Kälteperioden formiert haben könnte. Während die frühe Altsteinzeit damit vergleichsweise gut dokumentiert ist, fehlen bislang stichhaltige Belege dafür, dass Sizilien an das mittelpaläolithische, mit den Neandertalern in Verbindung gebrachte Moustérien-Netzwerk angeschlossen war. Hingegen ist das Auftreten des modernen Menschen vor ca. 30 000 Jahren durch Flintwerkzeugfunde in Fontana Nuova (Marina di Ragusa) im Süden der Insel sicher belegt. Wesentlich dichter werden die Spuren dann für die ausgehende Eiszeit, um 10 000 v. Chr. Die Menschen dieser Zeit schufen, besonders an der Nordküste Siziliens, filigrane Steinwerkzeuge von erstaunlicher Vielfalt und Präzision. Viele dieser Mikrolithen dienten – wie gleichzeitig in anderen Teilen Europas entstandene Steinartefakte – als Jagdwerkzeuge. Bevorzugte Jagdbeute der Sizilianer aus dem Jungpaläolithikum dürften Wildschweine, Rotwild, Füchse, wilde Rinder und Ziegen gewesen sein. Die eiszeitliche Fauna – Zwergelefanten, Flusspferde und Hyänen – war im postpleistozänen Sizilien bereits ausgestorben. Aus der Zeit der jungpaläolithischen Jäger erreichen uns auch die ersten Zeugnisse für die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt und sich selbst. Die aus dem 9. Jahrtausend v. Chr. stammenden Felszeichnungen in der Grotta del Genovese auf der Insel Levanzo – einer der Ägadischen Inseln vor der Westküste Siziliens – weisen unübersehbar Parallelen zur etwas älteren Höhlenmalerei des Festlands auf, vor allem in Frankreich und Spanien. Dargestellt sind, mit schwungvollem Strich und in frappierender Dynamik, Exemplare der einheimischen Tierwelt: Rinder, Rotwild und Europäische Wildesel, Vorfahren des heutigen Esels. Anders aber als etwa die Urheber der berühmten Felszeichnungen von Lascaux interessierten sich die sizilianischen Künstler auch für menschliche Sujets: Wir werden offenbar Zeugen eines Rituals, das von drei männlichen Figuren ausgeführt wird. Eine religiöse Zeremonie scheint auch das Thema einer anderen Felszeichnung zu sein, die 1952 in der Grotta dell’Addaura auf dem Monte Pellegrino bei Palermo gefunden wurde. Auch hier sind neben Rindern, Pferden und Rotwild Menschen dargestellt. Acht anscheinend männliche Figuren tanzen um zwei liegende, ebenfalls männliche Gestalten in Fesseln. Einem der Tänzer ist eine kleinere, offenbar weibliche Figur beigegeben. Vermutlich stellt diese Szene, ebenso wie die Zeichnung von Levanzo, ein Jagdritual dar, bei dem gefesselte Darsteller die Rolle von Beutetieren einnahmen. Die Felszeichnungen aus dem 9. Jahrtausend v. Chr. markieren den Übergang zum Mesolithikum, als Menschen sich einer veränderten Umwelt anzupassen hatten und vor allem stärker zur Nutzung von Gewässern – durch Bootsbau und Fischfang – übergingen. In der Höhle von Uzzo an der sizilianischen Westküste fanden sich Relikte einer mesolithischen Gemeinschaft, die von der Jagd auf Rotwild, Wildschweine und Vögel lebte, aber ihren Speisezettel auch durch das Sammeln wilder Früchte und von Muscheln aufbesserte sowie, in wachsendem Maße, durch Fischfang. Die Funde von Uzzo, zu denen auch sechs Bestattungen gehören, datieren in die Zeit zwischen ca. 10 000 und 6200 v. Chr. | Höhlenmalerei in der Grotta del Genovese auf der Insel Levanzo bei Sizilien. Die Höhlenmalereien stammen aus der Steinzeit und sind 10 000 bis 12 000 Jahre alt. Sie gingen damit dem Neolithikum voraus, das auch in Sizilien den Übergang zu sesshaften Lebensformen und zur agrarischen Produktion brachte. Ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. verschwand allmählich die Vielfalt kleiner Steinwerkzeuge und machte bald der Nutzung anderer Werkstoffe Platz, vor allem Keramik. Die Menschen verließen ihre Höhlen und siedelten auf dem offenen Land, das sie zu bebauen begannen: Das Dorf wurde zur vorherrschenden Siedlungsform und zum Brennpunkt der Vergesellschaftung. Die „neolithische Revolution“ – eigentlich keine Revolution, sondern ein Prozess extrem langer Dauer mit zahllosen Übergangsstadien – nahm im Vorderen Orient nach 10 000 v. Chr. ihren Anfang und griff bald auf Europa und Afrika über; Sizilien aber, auf dessen wenig zahlreicher Bevölkerung ein geringerer demographischer Druck lastete, erfasste die Welle erst mit gehöriger Verspätung, kurz nach 6000 v. Chr. Erste Spuren des Wandels finden sich wiederum zuerst in der Höhle von Uzzo, deren Bewohner im frühen 5. Jahrtausend v. Chr. Weizen und Gerste anzubauen begannen. Allmählich nahm der Anteil von Wild auf dem Speisezettel ab, Haustiere, Fisch, Meeresfrüchte und Feldfrüchte gewannen an Bedeutung. Bereits zu Beginn des 6. Jahrtausends waren die Bewohner der Höhle zur Herstellung von Keramik übergegangen. Die Keramik fügt sich nahtlos in das aus dem gesamten Mittelmeerraum bekannte Spektrum: Die Uzzo-Sizilianer lebten also keineswegs in vollständiger Isolation vom Rest der Welt, sondern waren – wiewohl als marginale Gruppe – in einen weiteren Horizont integriert. In ihnen dürften wir die Nachfahren der mesolithischen Höhlenbewohner vor uns haben, die deren Tradition weitgehend bruchlos fortsetzten. Kurz nachdem die Uzzo-Menschen erste primitive Tongefäße zu brennen begannen, im ausgehenden 6. Jahrtausend, breiteten sich im Süden der Insel dörfliche Siedlungen aus, in denen ein neuer Typus Keramik, die nach ihrem ersten Fundort bei Syrakus so genannte Stentinello-Ware, hergestellt wurde. Sie wies bereits eine große Formen- und Dekorationsvielfalt auf, mit in geometrische Muster eingelassenen „Augen“ – möglicher Hinweis darauf, dass sich der Glaube an den „Bösen Blick“ auf der Insel etabliert hatte. Die Bewohner der Stentinello-Dörfer bauten Getreide an und hielten Ziegen, Rinder, Schweine und Hunde. Dieselbe Keramik war gleichzeitig auch in Kalabrien verbreitet. Über die soziale Organisation der Dörfer und das Beziehungsgeflecht zwischen ihnen ist aber kaum etwas bekannt; ebenso unklar ist, ob das Auftreten der Stentinello-Kultur mit der Einwanderung neuer Gruppen vom italienischen Festland zusammenfiel. Immerhin weisen viele der neuen Siedlungen Umfassungsgräben und Palisaden auf – Anzeichen dafür, dass ihre Bewohner sich gegen Feinde von außen zur Wehr zu setzen hatten. Ob Störenfriede nun von der Insel selbst oder vom Festland kamen: Unübersehbar ist, dass Sizilien im 6. Jahrtausend allmählich Anschluss an entwickeltere Teile des Mittelmeerraums fand. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielte womöglich Obsidian, ein vulkanisches Gesteinsglas, das sich in der Steinzeit für die Herstellung scharfer Klingen großer Beliebtheit erfreute und über große Distanzen gehandelt wurde. Reiche Vorkommen befinden sich auf verschiedenen Mittelmeerinseln, darunter auf den Vulkaneilanden Pantelleria und Lipari. Auf Lipari fanden sich beträchtliche Mengen von Obsidianwerkzeugen, die hier offenbar für den Export hergestellt wurden. Auf der Insel setzten sich auch zuerst Keramikstile durch, die von Waren des italienischen Festlands inspiriert waren und den Stentinello-Stil teils ergänzten, teils ablösten. Das Obsidian-Zentrum Lipari wurde alsbald zu einer frühen Handelsdrehscheibe: Zahlreiche Funde belegen den Import unterschiedlicher Rohstoffe, darunter Flint für Steinwerkzeuge und Tonerde für Keramik. Wie die anderen Teilregionen des Mittelmeerraums auch, wuchsen die Dorfgemeinschaften auf Sizilien allmählich in überregionale Netzwerke hinein, die durch reziproken, ritualisierten Gabentausch zusammengehalten wurden. Wie in praktisch allen vormodernen Gesellschaften dürfte das Übermitteln von Geschenken vor allem als Unterpfand...



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