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E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Sommer / Reinhardt Politische Morde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-534-71047-8
Verlag: wbg Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Vom Altertum bis zur Gegenwart
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-534-71047-8
Verlag: wbg Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Historiker, Journalisten und Politologen analysieren in diesem Buch politische Morde an 28 historischen Persönlichkeiten, z.B. Gaius Iulius Cäsar, Thomas Becket, Wallenstein, Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich, Mahatma Gandhi, John F. Kennedy, Aldo Moro, Yitzhak Rabin oder Zoran Djindjic, und betten sie in übergeordnete gesellschaftliche, politische und kulturelle Zusammenhänge ein. Der Leser bekommt einen Überblick besonderer Art über fast 3000 Jahre Weltgeschichte. Faszinierend ist, dass die Hintergrundanalyse der Attentate trotz sehr unterschiedlicher politischer, kultureller und mentaler Systeme eine ›Typologie‹ möglich macht.
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Einleitung
Von Michael Sommer Rom, 18. September 96 n. Chr., gegen Mittag. Der Freigelassene Stephanus sticht in den Schlafgemächern des Palatin mit einem Dolch auf den Kaiser ein. Domitian, seit fünfzehn Jahren auf dem römischen Thron, wehrt sich nach Kräften, fasst den Dolch bei der Klinge und versucht, ihn mit blutenden Händen dem Angreifer zu entreißen. Opfer und Täter ringen auf dem Fußboden miteinander, ein Page läuft zum Bett des Kaisers, sucht die unter dem Kopfkissen verborgene Waffe und findet – nichts. Aus ihren Verstecken dringen weitere Männer und töten den Kaiser mit wenigstens acht Messerstichen. Domitian, den uns die Quellen unisono als paranoiden Autokraten schildern, verblutet auf dem Marmorfußboden des von ihm errichteten Palasts. Ein politischer Mord? Die scheinbar banale Frage birgt ungeahnte Brisanz. Der Angreifer Stephanus war erkennbar kein Einzeltäter. Nichts hatte man dem Zufall überlassen. Vorsorglich hatte ein Mittäter den für alle Fälle unter dem kaiserlichen Kopfkissen bereitgelegten Dolch entfernt. Und als Stephanus im Ringkampf mit dem physisch überlegenen Kaiser den Kürzeren zu ziehen drohte, eilten ihm sogleich in Nischen und hinter Vorhängen postierte Komplizen zu Hilfe – und „entsorgten“ den Attentäter, so jedenfalls eine Quelle, als Hauptbelastungszeugen gleich mit. Über Hintermänner des Anschlags und ihre Motive indes schweigen sich die literarischen Berichte, die wir Sueton und Cassius Dio verdanken, aus. Zwischen den Zeilen aber treten, nimmt man Sekundärquellen zu Hilfe, die Konturen einer Verschwörergruppe hervor, in der höchste Kreise das Sagen hatten und in die Domitians Nachfolger Nerva (96 – 98 n. Chr.) maßgeblich verstrickt war. Sie alle verdankten ihre Karrieren eben jenem Domitian, den sie ins Jenseits beförderten. Getrieben von Furcht vor dem stets misstrauischen, zu eruptiver Grausamkeit neigenden Kaiser und von der Sorge, von dem Autokraten Domitian um jeglichen politischen Einfluss gebracht zu werden, suchten sie den Schulterschluss mit Palastdienern, von denen gleichfalls viele um ihr Leben bangen mussten. Persönliche Beweggründe gingen mit ideologischen und politisch-pragmatischen Erwägungen eine krude Mischung ein. Seinen Motiven nach ist der Mord an Domitian mindestens ebenso sehr ein Akt präventiver Selbstverteidigung wie ein politischer Mord. I. Das Individuum im historischen Prozess Die Frage nach den Folgen rührt an eines der großen, seit eh und je kontrovers behandelten Themen der Geschichtswissenschaft: die Rolle des Individuums im historischen Prozess. Ihrer Beantwortung lässt sich, wenn überhaupt, nur spekulativ näher kommen. Das Nachdenken über die Folgen eines historischen Ereignisses schließt notwendig das Nachdenken über das ein, was geschehen (oder nicht geschehen) wäre, wenn das Ereignis ausgeblieben wäre. Um das Geschehen kontrafaktisch weiterdenken zu können, müssen wir für einen Augenblick bei dem verweilen, was wirklich geschah: Hinter der engeren senatorischen Verschwörergruppe standen weitgespannte aristokratische Netzwerke, mit Schwerpunkten in Spanien und Gallien. Nicht zufällig fiel nach Domitians Tod der Purpur Nerva zu: Der schon betagte Konsular galt als Mann des Übergangs, rivalisierenden Interessengruppen war er als Kompromisskandidat vermittelbar. Bei weitem schwieriger als die Inthronisierung eines neuen Kaisers war der Machterhalt nach einmal errungener Herrschaft. Herrscherwechsel sind für jede Monarchie kritische Momente, und das Römische Reich macht hier keine Ausnahme. Gefährdet war ein Machthaber besonders dann, wenn er keinen Sohn vorweisen konnte, wie Nerva. Gegen Nerva sprachen weiter seine altersbedingte Gebrechlichkeit, die anhaltende Loyalität vieler Soldaten Domitian gegenüber und die Zerrissenheit der senatorischen Aristokratie. Nerva entledigte sich aller Probleme zugleich auf eine Weise, die Respekt abnötigt und ihn, der kurzen Dauer seiner Herrschaft zum Trotz, als einen der Großen in der langen Reihe römischer Kaiser dastehen lässt. Er adoptierte als Nachfolger M. Ulpius Traianus, einen erfahrenen, bei den Soldaten beliebten Truppenführer, der mit seiner weitläufigen Verwandtschaft das gallische und das spanische Aristokratennetzwerk wie ein Scharnier verband. Nerva hatte sein Haus bestellt und konnte in Frieden sterben (98 n. Chr.). Wie Nerva, so machten auch seine Nachfolger aus der Not fehlender männlicher Nachkommenschaft eine Tugend: Sie bestimmten, jedenfalls in der Propagierung ihrer Herrschaft, den jeweils Besten im Adoptionsgang zum Nachfolger. Über ein ganzes Jahrhundert behaupteten so Familien, die ihren Hintergrund in Spanien hatten, die Macht. Der Letzte einer langen Reihe war der aus der Art geschlagene Commodus, bezeichnenderweise der erste Kaisersohn seit fünf Generationen, der den Thron besteigen konnte. Trajan verhalf aber nicht nur dem iberischen Netzwerk zur Macht, er verstellte auch tatkräftig die Parameter römischer Außenpolitik. Zum Zeitpunkt seiner Ermordung hatte Domitian einen groß angelegten Feldzug vorbereitet, der die römischen Legionen von Süddeutschland und Österreich (Noricum) bis weit nach Böhmen und Mähren führen sollte. Er hätte damit nicht nur der römischen Germanienpolitik eine völlig neue Expansionsrichtung gegeben, sondern auch Gebiete annektiert, die 70 Jahre später germanischen Stämmen, den Markomannnen und Quaden, als Ausgangsbasen für Plünderungszüge dienen sollten, die Rom einen langen und verlustreichen Krieg kosteten. Der Markomannenkrieg wiederum war nur ein Vorgeschmack auf jene Völkerbewegungen, die Roms Rhein- und Donaugrenze im 3. und wieder seit dem späten 4. Jahrhundert n. Chr. zur offenen Flanke machten. Statt der markomannisch-quadischen Siedlungsgebiete überfiel Trajan das silberreiche Dakien und führte seine Legionen wenig dauerhaften Siegen in Mesopotamien, gegen die Parther, entgegen. Hat also die Tat des Stephanus der Weltgeschichte eine entscheidende Wendung gegeben? Hätte Domitians Zangenangriff gegen die germanischen Stämme den notorischen Unruheherd dauerhaft befriedet und das sich für Rom außerhalb seiner Reichsgrenzen zusammenbrauende Unheil verhindert, wenigstens aber abgemildert? Wir wissen es nicht, doch spricht manches dafür. Die römische Außenpolitik, deren Richtlinien der Kaiser und niemand sonst bestimmte, stand an der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert n. Chr. am Kreuzweg. Trajan stieß mit seinen ehrgeizigen Feldzügen in Territorien vor, die auf Dauer für Rom nicht zu halten waren. Domitians wesentlich bescheidener dimensionierte Pläne indes trugen einer sich ändernden Sicherheitslage jenseits des Limes Rechnung. Daran, dass die multiple Krise, in die Rom im 3. Jahrhundert schlitterte, wesentlich von außen induziert war, bestehen heute kaum noch Zweifel. Der Mord an Domitian ist deshalb ein eminent politischer Mord, weil er, unabhängig von den Beweggründen der Mörder, politische Folgen von erheblicher Reich- und Tragweite zeitigte. Der Mord an Domitian zeigt aber auch, dass die Strukturen und Prozesse, die letztlich in einen politischen Mord münden können (namentlich die spezifische, Eigendynamik entwickelnde Situation am flavischen Hof), nicht unbedingt etwas zu tun haben müssen mit der historischen Nah- oder gar Fernwirkung eines Anschlags. Beim zeitlichen Zusammenfall des Hofkomplotts mit einer für Rom vitalen außenpolitischen Weichenstellung hatte, wenn man so will, der Zufall seine Hand im Spiel. II. Das Dilemma der Kontingenz Mustergültig verquickt sich im Mordfall Domitian und seinen langfristigen Auswirkungen individuelles Handeln und Wollen mit kontingenten Faktoren, die menschlichem Zugriff entzogen sind. Auf der einen Seite stehen der Kaiser, seine politische Handlungsfreiheit, Intentionen und Strategien sowie die Pläne und Absichten seiner Mörder und ihrer Hintermänner, auf der anderen die für sie alle nicht zu ändernden – und in ihrer Komplexität auch kaum zu überblickenden – politischen, sozialen und mentalen Strukturen, die den Handelnden ihre Rollen zuweisen und den Raum abstecken, in dem sie sich bewegen. Erst die eigentümliche Verfasstheit der Prinzipatsordnung und des Hofes sowie die spezifischen Probleme römischer Außenpolitik gaben dem Mord Sinn und Wirkungsmacht. Jeder Mord ist eingebettet in Strukturen, die sich der Kontrolle der Handelnden entziehen, jeder Mörder mit dem Dilemma der Kontingenz konfrontiert. Deshalb ist ein Mord „politisch“ nicht nur dann, wenn der oder die Täter von politischen Beweggründen getrieben werden, sondern immer auch, wenn er eine Bedeutung erlangt, die über das bloß Ereignishafte hinausreicht. Ein Mord kann tief in politischen Strömungen und Strukturen der Epoche wurzeln und dadurch „politisch“ sein, oder er kann, mit seinen unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen, elementare politische Parameter so grundlegend verstellen, dass eine Gesellschaft oder gar die Welt nach dem Mord eine andere geworden ist. Der Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand (1914) erfüllt beide Bedingungen und geht obendrein auf das Konto von Überzeugungstätern, deren politische Motive über jeden Zweifel erhaben sind. Schon das symbolträchtige Datum des Mordes, der Sankt-Veits-Tag, verweist auf die schier endlose Kette nationaler Traumata, die den serbischen Weg ins Europa der Nationalstaaten pflasterten. Aus ihr bezogen die Mörder die Rechtfertigung für ihre Tat. Die kurz- und mittelfristigen Folgen des Attentats entsprachen genau ihrem Kalkül. Gavrilo Princip und seine Gesinnungsgenossen aus dem Kreis militanter bosnischer Serben hatten es vergleichsweise leicht. Man musste nicht mit übermäßigem...




