Reiss | Ich lass dich nicht los | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reiss Ich lass dich nicht los

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-16156-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-16156-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



„Ich hab dich lieb, jeden und jeden Tag.“ Unzählige Male hat Carrie diesen Satz zu ihrem fünfjährigen Sohn Charlie gesagt, so auch an jenem Sommertag an der Küste von Norfolk, als ein langer Schatten auf ihr Leben fiel: Sie hatte nur für einen Moment die Augen geschlossen, und als sie sie wieder aufschlug, war Charlie fort. Auch drei Jahre später bestimmt dieses traumatische Ereignis noch Carries Leben, als sie zufällig die alleinerziehende Mutter Molly kennenlernt. Doch noch können die beiden Frauen nicht ahnen, dass an jenem Tag am Strand eine Verbindung entstanden ist, die ihrer beider Schicksal bestimmen wird ...

Das Schreiben wurde Madeleine Reiss gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn sie ist die älteste Tochter des 2012 verstorbenen Schriftstellers und Booker-Preis-Gewinners Barry Unsworth. Madeleine Reiss arbeitete viele Jahre als Journalistin, bevor sie mit »Ich lass dich nicht los« ihren ersten Roman vorlegte, der aus über 1000 Einsendungen einen Buchwettbewerb des bekannten englischen TV-Talks »The Alan Titchmarsh Show« gewann. Derzeit arbeitet Madeleine Reiss an ihrem nächsten Roman, sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Cambridge.
Reiss Ich lass dich nicht los jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Erstes Kapitel

Carrie stand auf dem Gehweg draußen vor dem Laden. Er sah noch besser aus, als sie gedacht hatte. Das Schaufenster, beklebt mit Spitzenblumen und Silbersternen, umrahmte eine Auslage der unwiderstehlichsten Weihnachtsgeschenke aller Zeiten, das hoffte sie zumindest. Es gab cremefarbene Kaschmir-Morgenmäntel, Ketten aus Glasperlen, Bernsteinohrringe mit urzeitlichen Insekten in ihrer leuchtenden Tiefe, antike Gebäck-Etageren beladen mit glitzernden Broschen, elegante Pumps mit Schnallen und Rokoko-Absätzen und Vintage-Seidenschals bedruckt mit verblichenen Eiffeltürmen und tuchschwingenden Stierkämpfern. Morgen würde die Schatzkiste ihre Türen für die Kundschaft öffnen, und die monatelange Arbeit würde sich gelohnt haben.

Zurück im Laden überprüfte sie noch einmal, ob alles tadellos war. Der Topf mit Glühwein stand bereit, um auf der Herdplatte im Hinterzimmer heiß gemacht zu werden, die Kerzen mit Zimtduft waren auf der Theke aufgereiht, ebenso die Stapel von braunen Tüten, von denen jede mit dem Stempel des Ladens und einem roten Band zum Verschließen versehen war. Sie drehte eine letzte Runde, schaltete dann die Alarmanlage ein und knipste das Licht aus. Ihr Fahrrad war hinter dem Geschäft angeschlossen, der dunkle Sattel schimmerte bereits vom Frost. Sie zog ihren Mantel um die Beine, setzte sich vorsichtig auf den hastig abgewischten Sattel und fuhr los, wobei sie hoffte, dass das flackernde Vorderlicht bis nach Hause hielt. Sie hatte das Rad in einem Laden bei sich um die Ecke erstanden und schon beim Kauf gemerkt, dass es nicht die praktischste Erwerbung war. Es wäre besser gewesen, sich den Zustand der Reifen und die rostüberzogene Kette genauer anzusehen, statt sich von dem grün und silbern gestreiften Rahmen und dem großen, mit Plastikgänseblümchen durchflochtenen Weidenkorb verführen zu lassen.

Als sie durch die weitgehend leeren Straßen fuhr, blickte sie in Fenster, die von Lichterketten und Weihnachtsschmuck erwärmt oder von Kochdunst und dem Atem auf engem Raum redender und lachender Menschen beschlagen waren. Carrie spürte, wie sich die wohlbekannte Traurigkeit um ihr Herz legte. Sie konnte sich eine Zeitlang ablenken, aber am Ende lief es immer wieder darauf hinaus: auf diesen hartnäckigen Schmerz, der sich weigerte, sie freizugeben, und sie erbarmungslos hinaus in diese Weite von Meer und Himmel trug.

Es war ihre Entscheidung gewesen, an dem Tag an die Küste zu fahren. Damian wäre lieber zu Hause geblieben, um Zeitungen zu lesen und den Zaun zu reparieren, der irgendwann während des Winters halb umgeweht worden war. Doch sie liebte Ausflüge, besonders solche, bei denen Kühltaschen und Thermosflaschen im Spiel waren, und war früh aufgestanden, um ein kleines Festmahl aus Käse-Tomaten-Baguettes, Kartoffelchips und einem sündhaften Cremedessert mit Fruchtsoße in kleinen Plastikbechern zusammenzustellen. Charlie, der gerade fünf geworden war, kam mit Sandwiches noch nicht zurecht. Käse war in Ordnung und Brot für sich genommen auch, aber wenn beides zusammenkam, benahm er sich, als würde sie ihm etwas vollkommen Unmögliches vorsetzen, eine kulinarische Monstrosität, die ihn mit schmalen Schultern schaudern ließ. Also packte sie für Charlie einen dicken Kanten Brot ein, dazu ein paar Mini-Babybels und einen kleinen Kuchen mit rosa Zuckerglasur.

Es war einer von diesen Sommertagen, die man perfekt nennt, weil sie so ausgesprochen selten sind. Sie ließen die Fenster beim Fahren herab, und das Auto war erfüllt von Sonne und dem Geruch warmen Plastiks von den Wasserflaschen auf dem Rücksitz. Die Küste Norfolks lag nur zwei Stunden von Cambridge entfernt, eine gemütliche Fahrt an kühlen Tagen, aber vermutlich etwas zäher an diesem, da alle ans Meer wollten. Charlie hatte neuerdings Geschmack an Ella Fitzgerald gefunden und sang leise zu der CD mit, die auf sein Beharren hin bei voller Lautstärke abgespielt werden musste.

»›I love to go out fishing, in a river or a creek, but I don’t enjoy it half as much as dancing cheek to cheek …‹ Was heißt ›creek‹?«

»Das heißt ›Bach‹, so wie in ›Scheiße, hier geht grad alles den Bach runter‹«, antwortete Damian, der besonders gut darin war, anschauliche Worterklärungen zu liefern.

»Ha, Dad hat ein schlimmes Wort gesagt!«, rief Charlie entzückt.

Carrie konnte ihren Sohn im Seitenspiegel beobachten. Sie bekam nie genug davon, ihn anzusehen. Seinen hübschen Kopf, die ernsten dunkelbraunen Augen, wie seine Brauen sich beim Sprechen hoben und wölbten. Manchmal ging sie abends in sein Zimmer und sah ihm beim Schlafen zu, stieg sogar auf die erste Sprosse der Leiter seines Hochbetts, damit sie nahe genug herankam, um diesen ganz eigenen salzig-süßen Duft an ihm zu riechen. Sie war keine besonders geduldige Mutter, hatte keinen Spaß an Aktivitäten, bei denen Mehl oder Töpfe voll Plakatfarben zum Einsatz kamen, und zuweilen langweilte sie sein Geplapper bis zur Verzweiflung, aber die meiste Zeit über bezauberte er sie. Ihre Liebe zu ihm war überwältigend, ein warmer Strom, wie das Blut in ihren Adern oder ein südliches Meer.

Sie kamen gegen Mittag am Strand an und schleppten den Picknickkorb, Matten und Eimerchen durch den Sand, bis sie eine Stelle fanden, die für Damian weit genug weg von anderen Leuten war, denn er hatte eine Regel, die besagte: »Keine Radios, keine Hunde, keine fremden Kinder«, was die Möglichkeiten etwas einschränkte. Seit Charlies Geburt hatte auch Carrie eine Regel, die sie allerdings für sich behielt. Ihre lautete, das Lager nicht in der Nähe junger, knackiger Mädchen aufzuschlagen, die jeden Moment ihre Klamotten abwerfen und sich in eine muntere Partie Volleyball stürzen konnten. Sie einigten sich schließlich auf eine Kuhle in den Dünen, weit genug entfernt von einer Frau und einem Jungen in Charlies Alter, die sich rücklings auf gestreiften Badetüchern sonnten. Carrie grub die Wasserflasche im Schatten des Grases ein, das den Dünenrand wie Wimpern bekränzte, und packte die Schwimmsachen aus. Dann warfen sie ihre sandigen Schuhe ab und gingen zum Meer. Ein Strandtag begann für sie immer mit dieser kleinen rituellen Huldigung.

Die Flut setzte gerade ein, und die Flecken, an denen sich schon Wasser gesammelt hatte, glitzerten in der Sonne. Unter ihren nackten, automobilverweichlichten Füßen fühlte sich das geriffelte Watt so hart an, dass das Gehen beinahe wehtat. Charlie hockte sich hin, um die verschlungenen Wattwurmhäufchen zu untersuchen und Muschelschalenfragmente mit gekrümmten Fingern herauszubaggern. Seine gelben Shorts waren ihm zu weit, obwohl Carrie sie an beiden Seiten um zwei Zentimeter eingenäht hatte, und wenn er rannte, musste er sie mit einer Hand festhalten, damit sie nicht herunterrutschten. Der strahlend blaue Himmel erstreckte sich über ihnen, bis er weit in der Ferne mit dem Meer verschwamm, so dass man nicht sagen konnte, wo das eine endete und das andere anfing. Es war, als würde man ins Endlose laufen. Trotz des warmen Tages hatte sich die See nach zwei Wochen eher trüben Wetters allerdings noch kaum erwärmt.

»Kann ich schwimmen gehen?«, fragte Charlie, dem die Temperatur egal zu sein schien. Er warf sich ins flache Wasser, strampelte wie verrückt, wühlte Sand auf und versuchte, seine Eltern an den Beinen hineinzuziehen. Er lernte gerade schwimmen, brauchte aber immer noch die Schwimmflügel. Carrie und Damian gingen weiter, während Charlie neben ihnen herplanschte. Das Wasser schien einfach nicht tiefer zu werden, so lange sie auch geradeaus wateten. Der Hunger zwang sie schließlich zur Umkehr und auch die Tatsache, dass Charlie blaue Lippen bekam. Damian hob seinen Sohn auf die Arme und wickelte ihn in sein Hemd.

Als sie auf ihren Platz in den Dünen zusteuerten, sahen sie plötzlich einen Flamingo vor sich im Watt stehen. Carrie hielt ihn zuerst für einen aufblasbaren Plastikvogel, zu pink, um echt zu sein. Seine exotische Form und Farbe wirkten fehl am Platz in dieser blassen, wie ausgebleichten Landschaft. Dann aber beugte er den Hals und tauchte den Schnabel mehrmals ins Wasser.

»Der muss aus einem Vogelpark abgehauen sein«, sagte Damian.

Der Flamingo schüttelte sich, als hätte auch er ein wärmeres Meer erwartet, nahm dann ungelenk Anlauf und hob mit einer merkwürdigen Seitwärtsbewegung ab, Kopf und Hals lang ausgestreckt, die Beine hinter sich herziehend wie ein Anhängsel. Sie sahen ihm nach, wie er davonflog, bis er nur noch ein kleiner Punkt war.

»Kommt er wieder zurück, Mum?«

Charlie fragte das, weil er clever genug war, den Anfang einer Geschichte zu wittern, wenn er sich bot, und tatsächlich dachte Carrie schon über eine mögliche Gutenachtgeschichte nach, in der ein Flamingo namens Fabian vorkam und vielleicht Florette, eine verirrte Flamingo-Dame.

»Warum ist er rosa?«

Damian wusste, dass die Farbe mit seiner Nahrung zusammenhing, konnte aber auch nicht sagen, was an einem Strand in Norfolk rosa genug wäre, um diese Gefiederfärbung zu erhalten.

»Wird er dann nach einer Weile grau?«, fragte Charlie besorgt.

»Ich weiß es nicht, Kumpel«, sagte Damian. »Vielleicht findet er wieder nach Hause, wo seine Brüder und Schwestern schon mit einem Eimer voll Krabben auf ihn warten.«

Nachdem Charlie sich eine Fleecejacke hatte überziehen lassen, nahmen sie ihr Picknick ein. Er aß sein Brot und einen Apfel und sagte, er wolle sich den Kuchen für später aufsparen. Eine Zeitlang saß er da und beobachtete den Jungen nebenan. Der hockte auf den Fersen und buddelte energisch vor sich hin. Daran, wie Charlie unruhig mit den Füßen im Sand...


Reiss, Madeleine
Das Schreiben wurde Madeleine Reiss gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn sie ist die älteste Tochter des 2012 verstorbenen Schriftstellers und Booker-Preis-Gewinners Barry Unsworth. Madeleine Reiss arbeitete viele Jahre als Journalistin, bevor sie mit »Ich lass dich nicht los« ihren ersten Roman vorlegte, der aus über 1000 Einsendungen einen Buchwettbewerb des bekannten englischen TV-Talks »The Alan Titchmarsh Show« gewann. Derzeit arbeitet Madeleine Reiss an ihrem nächsten Roman, sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Cambridge.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.